in den letzten Tagen des April und den ersten des Mai, undzwar im sogenannten kleinen Prater, jenseits des Lusthauscs.
In diese Zeit drängt sich überhaupt Alles zusammen, wasauf Schaulust des Publikums berechnet ist. Die Ausstellungender Künstler und der Industriellen, der Landwirthe, der Gar-tenbesitzer u. s. w. und dem Wiener wird im Monate Mai oftdie Zeit zu kurz.
Der Monat Mai ist in Wien aber sehr unbeständig undkeineswegs ein Wonnemond, größere Ausflüge kann man dahernicht unternehmen, auch zieht man erst gegen Ende desselbenauf das Land; zu Spaziergängcn werden daher die öffentlichenGärten benutzt. Die Fürsten Schwarzenberg und Liechtensteinöffnen ihre Gärten mit edler Liberalität dem Publikum, welchesdavon auch den reichlichsten Gebrauch macht; am besuchtesten istder Schwarzenbergische, weil er etwas näher liegt. Schon be-deutend entfernter ist der botanische Garten und das Belvedere.Unmittelbar an der Stadt vor dem Burgthore liegt der Volks-garten, ein schattiger Baumgarten, in Verbindung mit dem Pa-radiesgärtchen, auf der Bastei, einem reizenden Plätzchen durchdie Aussicht des Gebirges. An der entgegengesetzten Seite istdie Parkanlage der Trinkur-Anstalt, vom Volke deßhalb „Was-ser-Glacis" genannt, mit einem Kaffeehause. Dort ist den gan-zen Tag ein reges Treiben, früh Morgens die Brunncngäste,dann die Kinderwelt, abends buntes Gewühl von Spaziergän-gern bis spät in die Nacht. Diese Vertheilung der Gärten anden verschiedensten Seiten der Stadt, so wie die Alleen desGlacis sind eine große Wohlthat für Diejenigen, welche im Som-mer in der Stadt bleiben müssen und tragen nicht wenig bei zurGesundheit der Stadt.
Das letzte Fest, bei welchem sich Wien noch in ganzerPracht zeigt, ist das Frohnleichnamfcst, welches auf den Don-nerstag nach dem Dreifaltigkeits-Sonntag fällt. Die Majestä-ten selbst oder jedenfalls Erzherzoge, der gesammte Hofstaat ingrößter Galla, sämmtliche Geistlichkeit u. s. w. begleiten dieprachtvolle Prozession, („Umgang") welche aus dem Dome durchdie Kärnthnerstraße, über den neuen Markt, Lobkowitzplatz,Michaelsplatz, Graben, zurück nach dem Dome geht; auf dengenannten Plätzen werden die 4 Evangelien an zu diesem Zweckeerrichteten Altären gelesen. Die Garnison und das Bürgcr-militär machen auf den Plätzen und in den Straßen Spalierund defiliren dann am Hose vor der Generalität.
Mit jedem Tage wird nun Wien leerer, was man freilichnicht glauben sollte, wenn man am „Brigittcn-Kirchtag (Sonn-tage nach Margarethen) in der Brigittenau 49 — 69,999 Men-schen beisammen sieht. Dieses Fest, ist das eigentliche WienerVolksfest, das einzige noch übriggebliebene, was aber seinengrößten Neiz verloren hat, seit die Brigittenau eben keine wal-dige „Aue" mehr ist, sondern die Hälfte schon mit Häusernverbaut wurde, so daß das Fest bald nicht mehr möglich seinwird. Auf diese schönen Waldwiesen lagerten sich sonst zahl-lose Gruppen, der ganze Wurstlprater mit seinen Schaubühnen
schien hieher versetzt, und laute Freude herrschte überall, diemit der Dämmerung durch bachantischen Jubel verdrängt wurde,der bis zu dem frühen Morgen dauerte; und so zwei Tage hin-durch, wohl auch mit einer Nachfeier am dritten Abend undeinem „Nachkirchtage" am nächsten Sonntag.
Im Sommer muß man Wien nicht in Wien, sondern inden Umgebungen suchen, was man begreiflich finden wird, wennman hört, daß an den Pfingstfciertagen die Gloggnitzer Eisenbahnüber 69,999 Personen befördert! Namentlich durch diese Südbahn,mit ihrem Aste nach Larenburg und ihrer Schwcsterbahn nachBrück, sind Gegenden in den Bereich des Sommeraufenthaltsder Wiener gezogen worden, welche sonst nur auf seltenen Aus-flügen besucht wurden, wozu man mehrere Tage brauchte. NachRcichenau z. B. am Fuße des Schneeberges, 29 Stunden vonWien, daö man jetzt in vier Stunden erreicht, schicken jetzt so-gar Geschäftsleute ihre Familien, weil sie es vorziehen nurSamstag hinaus und Montag herein zu kommen, um in so rei-zender Gegend wahrhaft auf dem Lande zu wohnen, statt inDöbling z. B. nichts als eine entfernte Vorstadt zu beziehen.Uebrigens haben die Eisenbahnen noch bei weitem nicht jeneStufe erreicht, welche das Bedürfniß einer so großen Stadt er-fordert, obwohl allerdings vielleicht nicht vorauszusehen war, daßder Andrang des Publikums so groß sein würde, und die Ver-mehrung der Lokomotive und Waggons nicht mit der Vermehrungder Frequenz gleichen Schritt halten kann. Vor der Hand klagtdas Publikum, daß auf der Südbahn zu viele Zwischenstationenund die Züge zu groß gemacht werden, wodurch oft eine Fahr-dauer sich herausstellt, die kein Fiaker nach demselben Ortenöthig hätte.
Die Umgebungen Wiens bilden mehre Gruppen von sehrverschiedenem Charakter, und diese reiche Abwechslung ist eineder größten Reize der Lage Wiens.
Schönbrunn ist der regelmäßige Aufenthalt des Hofes unddadurch bilden Mcidling, Hietzing, Pcnzing, Lainz ?c. den Auf-enthalt jenes Theiles der vornehmen Welt, welcher an die Um-gebung des Hofes irgend gebunden ist. Hier ist daher am mei-sten „Stadt" auf dem Lande, hier findet man die elegantestenVillen. Jenseits des Wiencrbcrges liegen, obschon kaum 1Stunde weiter, in einer Abgeschiedenheit wie sie nur irgend insolcher Nähe der Residenz möglich ist, die reizenden Waldthälervon Rodaun, Kalksburg, Kaltenleutgeben, weniger besucht, da-her von den Freunden wahren Landlebens vorgezogen. DieWaldthäler in der Richtung von Hietzing, als Hütteldorf,Weidlingau, Hadersdorf, sind dieß gleichfalls, besonders seitdie Munifizenz des Erzherzogs Franz Karl die herrlichen Wäl-der mit den bequemsten Wegen durchschneiden ließ. Noch wei-ter in der ersteren Richtung nach Süden, 4 Stunden vom Stefans-thurme, liegt der stattliche Mark Mcdling an dem herrlichenFelsenthale Brühl.
In 39 Minuten kann man auf der Eisenbahn das 6Stunden entfernte berühmte Baden erreichen, nicht blos eine