die Festordner (Ausschüsse) sind mit dem böhmischen Bande (weißund roch) dckorirt, alle slawischen Dialekte hört man durcheinan-der, der Tanzordncr ruft böhmisch, und fast ausschließend wer-den Nationaltänze getanzt, darunter der interessante illyrischeKolo. Und diese Bälle werden sogar in den Wiener Journalen be-sprochen — die kühnste slawische Fantasie, was will sie mehr!? Aufdie Füße der tanzlustigen Wiener spekulieren denn auch alleWohlthätigkeitsanstalten, da gibt eS Kinderbewahr-, Witwen -und Waisen-, Feuer- und Wasser-Schaden-, Blindeninstituts-,Kirchenmusik-Bälle w. nämlich zum Vortheile dieser Anstalten.Sogar zum Vortheile einzelner, unverschuldet Verarmter, wer-den Bälle gegeben. Daß bei diesen Wohlthätigkeits-Bällen dieUnternehmer oder Veranstalter nicht selber Schaden leiden, ver-steht sich von selbst und jedenfalls gewinnt der Wirth dabei,denn die Preise der Erfrischungen sind meistens unvcrhältnißmäßighoch und werden nur durch die schlechte Qualität des Gebotenenübertroffen. Auf allen diesen Bällen liefert nur der eigentlichesehr achtbare Mittelstand das werkthätige Publikum. Die Bü-rokratie schließt sich schon davon aus, selbst ein „Praktikant"spielt den „resorve" und geht nicht hin um zu tanzen, sondernnur um zu soupiren.
Um viele Stufen tiefer stehen natürlich die zahlreichen öffent-lichen Bälle, die unter den abentheuertichsten Namen als Flora-,Frohsinn-, Rosen-, Fortuna-, Gesellschafts-, Harmonie-Ball :c.vorzüglich des Sonntags abgehalten werden. Die unterste Stufenehmen das Odeon und das Elysium ein. Das Odeon ist einer dergrößten öffentlichen Säle in Europa, der leer ist, wenn nicht2000 Menschen beisammen sind, übrigens ohne alle Architektur;eine lange Halle, mit Dekorationsmalereien ausgestattet. Einejedenfalls orginelle Erscheinung ist das Elysium — im Kellerdes großen St. Annahofes. Die fantastische Dekorirung derweitläufigen Kellerräume, welche oft 4000 Menschen beherber-gen, die manigfaltigstcn Spektakel, ckonZIours, Spiele, Mario-netten, Maskenzüge u. dgl. bilden ein Ganzes, das gewiß ein-zig in seiner Art ist. Uebrigens hat Wien viel zu wenig Säle,kaum ein Dutzend, und nur der neue im Sofienbade und dasOdeon sind mit Foyers, breiten und bequemen Stiegen und Ne-bengemächern versehen. Der schönste aller Säle ist ohnstreitigjener im Sofienbade, der vom März bis November in eineSchwimmschule umgewandelt wird. Es ist der einzige der ar-chitektonisch verziert, eine poetische Idee verwirklicht, wo auchdie elegantesten Bälle abgehalten werden.
Ganz herabgekommen sind die Redouten, davon jährlichvier oder fünf abgehalten werden. Die Ncdoutensäle sindeinfach, aber sehr geschmackvoll dckorirt, weiß mit Gold und dergroße ist jedenfalls ein schöner Saal, besonders durch seine Höheausgezeichnet; beide zusammen fassen an 5000 Menschen. Mas-ken sieht man immer weniger, fast ausschließend weibliche. DieRedoutensäle sind in der Kais. Burg, deren Benutzung ist aber inden Pacht des Opernhauses einbegriffen.
Privat-Maskenbälle sind sehr selten und bedürfen besondererpolizeilicher Erlaubniß.
Die Grundlage des öffentlichen Lebens, des Faschings ins-besondere, bildet natürlich das Gast Haus Wesen.
Die Fastenzeit ist die Hauptmusikzcit, sowohl für Kon-zerte und Akademien, als auch für die großen Tanz-Orchester,welche nun in den größeren Gasthaus-Lokalitäten und in denTanzsälen musikalische Abendunterhaltungcn unter den Namenvon „Reunionen, Konversationen" u. dgl. geben, wobei Märsche,Ouvertüren, Quodlibets aus den neusten Opern-Motiven u. s. w.nebst den beliebtesten Tanzmelodien gespielt werden. Essen undTrinken spielt bei diesen „Konversationen" die Hauptrolle, beidenen so stark Tabak geraucht wird, daß man die Standhaftig-keit der Damen bewundern muß.
Diese Zeit des Vorfrühlings ist die Glanzperiode der Reit-schulen, wo —so wie im Prater — die neuen Pferde zuge-ritten werden, die dann bei der großen Praterfahrt im Maiparadieren. Ost werden auch kleine Privat-Karoussels gegeben.Die großen Karoussels des Adels, welche bei besonderen Gele-genheiten in der Hof-Reitschule gegeben werden, gehören zu denprächtigsten Festen, die man in Wien sehen kann. — Das kais.Ballhaus wird immer noch von einzelnen Liebhabern besucht,wenn aber italienische Truppen in Wien garnisoniren, so siehtman im Stadtgraben auch das Ballspiel im Großen.
In der Charwoche sieht man im ganzen Jahre, außer demFrohnleichnamsfeste, die größte Menschenmenge in den Straßen,namentlich in der innern Stadt und aus weiter Ferne strömendie Gläubigen zu den großen Kirchenfesten herbei. Am Grün-donnerstag verrichten die Majestäten die feierliche Fußwaschungim Rittersaale an zwölf armen Paaren, wozu die ältesten Leutedes Weichbildes ausgesucht und reichlich beschenkt werden. ImStefanödome verrichtet dieselbe Handlung der Fürst-Erzbischofan 12 armen Männern. Den Kaiser von Oesterreich, den Be-herrscher von 38 Millionen, diese Handlung christlicher Demuthausüben zu sehen, ist ein ergreifender Anblick! —
In allen Kirchen wird nun das h. Grab dargestellt; allewetteifern in prachtvoller Anordnung, durch großartige Einfach-heit imponirt aber jenes im Dome: ein einfaches Kreuz vomweißen Schleier umwallt, mit den Leidenswerkzeugcn, in einemLichtmeer strahlend, von der hohen dunklen Wölbung der Halleumgeben, die es doch nicht zu erleuchten vermag. Der Dombleibt auch in der Nacht vom Freitag bis Samstag geöffnet.Alle musikalischen Kräfte Wiens sind in den 25 Kirchen aufge-boten um die Lamentationen, das stsbst nmtor, miserero u. s. w.auszuführen. Am Charsamstage wird die Auferstehung desHeilandes in allen Pfarren durch Prozession um die Kirche ge-feiert; in der Burg begleitet dieselbe der ganze Hof; hier hältdie Garnison, in den übrigen Kirchen das Bürgcrmilitär dieOrdnung.
Am Ostermontage werden alle Belustigungsorte wieder ge-öffnet und sonst begann an diesen Tagen schon die große Pra-