werke finden sich beinahe gar nicht und am wenigsten auf den ei-gentlichen Stadtkirchhöfen. Wer daher ein Grab mit Kunstsinnzieren will, flüchtet auf einen Dorfkirchhof, und so ist jener zuWähring der schönste aus allen geworden. Dort ruhen Beetho-ven, Schubert, Scifried, die Aerzte Frank und Malfatti u. f. w.Hell und Werner in Enzersdorf bei Mödling; Collin in Gerst-hof; Denis in Hütteldorf u. f. w. Mozarts Ruhestätte ist —vergessen! Die schönsten Kunstwerke bewahrt der HietzingerFriedhof, wo das Grabmal der Freiin von Pillersdorf ein ausge-zeichnet schöner Todesengel schmückt, der für ein Werk Canova'sgilt. Auch sieht man dort das schöne Porträt-Medaillon derGattin des Architekten Aman. Dort ruht unter Andern auch „I.oliäöle Ulörz-, äernier servilem äe ImuisXVI." Die Begräbnisse wer-den in der Stadt meistens sehr einfach, gewöhnlich sogar mit großerUnordnung abgehalten. Die Vorstädte? halten sehr viel auf feier-liche Leichenbegängnisse, es gibt mehre „Leichenvereinc" und vieleWiener zahlen an mehre derselben zugleich, nur um eines pracht-vollen Begräbnisses versichert zu sein. Militärische Leichenzügesind immer sehr feierlich, doch geht das Geleite jetzt nur mehrvon der Kirche bis zum Glacis (die Kavallerie begleitet aber biszum Friedhofc) und dort werden die üblichen Salven gegeben.Jeder verstorbene Thercsicnritler erhält ein Requiem in der Au-gustinerkirche , diese Feierlichkeiten werden aber auf die Winter-monate verlegt, wo die Truppen weniger beschäftigt sind. Ebenin der Augustinerkirche ist am Allerseelentage auch ein großesRequiem für alle verstorbenen Krieger.
In den Wintcrmonaten ist der Wall zwischen Burg- undStuben-Thor die beliebteste Promenade in den Mittagsstunden,weil er gegen Süd und Ost liegt.
Mit dem Advente beginnt die Musikzeit in Wien, einewahre Uebcrschwemmung von Konzerten, Akademien u. dcrgl.
Leider hat Wien keinen passenden Konzertsaal, dennder kleine Saal des Musikvereins ist ein Muster von verfehltemBau, ohne bequeme Stiegen u. s. w.; größere Konzerte müssenin die Rcdoutensäle verlegt werden. Besondere Erwähnung ver-dienen die Konzerte des Männcrgesang-Vereins und die „Fil-harmonischcn" des Opernorchesters, durch Nicolai gegründet.
Vom Advent bis Ostern findet alle Sonntage feierlicher„Kirchengang" des Hofes in die Hofburgkapelle statt.
DaS h. Christfest wird jährlich lebhafter und es ist SitteWeihnacht-Lotterien zu geben, wozu jeder Freund des Hauseseine Gabe beisteuert. Am Hofe ist der Christmarkt aufgeschlagen,den Alles besucht, theils um zu sehen, zu kaufen, oder es denKindern sehen zu machen. — Die Neujahrs - Gratulationen sindzwar förmlich abgestellt, aber der Untergebene „schreibt sich auf"im Vorzimmer des Vorgesetzten, und ist es auch abgekommen,Wünsche zu empfangen, so heißt es doch nach wie vor Trink-gelder geben. Bei jeder Thüre sprechen die „Himmelträgcr" ^)
*) Die Träger des Baldachins »ntcr welchem der Priester geht, umden Kranken „zu versehen" mit den letzten Sakramenten.
Laternenanzünder, Schornsteinfeger, Briefträger, ja sogar Be-diente und Kutscher der Aerzte u. s. w. vor.
Der Wiener ist weichlich und gibt nicht viel auf Winter-Vergnügungen im Freien. Das Schlittschuhlaufen ist wenig inUebung, wozu auch die große Entfernung passender Orte bei-trägt. Im Donaukanal ist es untersagt, das EiS des Kanalswird verkauft und so bleiben nur die Teiche im oberen Bclvedcrcübrig und im Garten des Fürsten Schwarzenberg. Damen imEis-Schlitten zu führen ist etwas seltenes. Doch finden sichfast alle Jahre ein Paar junge Herren welche ihre Lungen ris-kiren und auf dem Kanäle bis Larcnburg laufen; ein sehr un-bequemes Vergnügen schon um der vielen Schleusten willen. Schneebleibt selten lange liegen, fällt auch nicht reichlich genug umSchlittenbahn zu machen, aus der Stadt wird er überdieß gleichfortgeschafft. Hauptschlittenbahn ist natürlich der Prater, mansieht aber sehr wenig Faetons oder Rennschlitten.
Der Fasching (Karneval) beginnt mit dem ersten Sonn-tag nach dem h. 3 Königfeste, und die Straßenecken, sowie dieHallen der Stadtthore,, sind bis zu 2 Klafter Höhe mit dengrößten Anschlagzetteln in allen Farben bedeckt, welche die öffent-lichen Bälle ankündigen. Abends sieht man sogar transparenteAnkündigungen. In keiner europäischen Residenz vielleicht hatder Fasching so viele streng geschiedene Abstufungen als inWien.
Der Hof gibt in der Regel keine großen Feste, sondern2 — 3 „Hofbälle", wozu Alle welche den „großen Kammerzu-tritt" haben, geladen werden; bei diesen erscheinen auch Offizieredes Bürgermilitärs. Häufiger aber, oft jede Woche, werdendie kleineren „Kammerbälle" abgehalten, wozu nur die Elitedes Adels, Gesandte und höhere Militärs geladen werden.Auch ein Ball, darum gleich hier erwähnt, ist das „Frühlings-fest" welches der Hof im April oder Mai in den prachtvollenSälen des Burggartens gibt, und das zu Mittag beginnt. Joh.Strauß, der Vater, ist Hofball-Musikdirektor.--Großartige Feste,Kostümbälle u. dgl. hat man lange nicht mehr gesehen; in derRegel veranstalten die fremden Gesandten dergleichen.
Im Allgemeinen gibt man nur tkö äanssnt, welche aberoft bis zum Morgen verlängert werden; sie sind weniger kost-spielig als Bälle mit Soupers. Der Tanz hat in Wien, wieüberhaupt im sogenannten gebildeten Europa allen Charakterverloren. Man tanzt die kranysise (französische Quadrille),Walzer, Cottillons und die slawischen Tänze: Polka, Galop,wohl auch noch Masur.
Fast jede Korporation oder Genossenschaft eines Standesgibt einen eigenen Ball; so gibt es einen Künstler-, Mediziner-,Juristen-, Techniker-, Musikverein-, Nordbahn-Beamten-,Bombardierkorps-, Unteroffizier-, Bürger-Grenadier-Ballu. s. w. Eine merkwürdige Erscheinung sind die „Slawenbälle"welche seit 3 Jahren abgehalten werden, eine Erscheinung dieman vor 10 Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Einla-dungskarten und Tanzordnung lauten in slawischer Sprache,