Dienstboten u. s. w. Das Findelbaus verpflegt 13,000, dasWaisenhaus 3503 Kinder, die Institute für Taubstumme undBlinde haben an 100 Stiftplätze, deren überhaupt jede Anstalteine bedeutende Anzahl besitzt. An der Universität werden jähr-lich über 40,000 fl. an dürftige Studierende als Stipendien u.dgl. vertheilt, und wenigstens 1000 derselben sind von allen Unter-richtsgeldcrn befreit. Auch an Privatanstalten fehlt es nicht. DerDamcnvercin vertheilt jährlich an 80,000 fl. u. f. w.
Von besonderer Wichtigkeit sind die Kinderbewahranstalten,zu deren Entstehung der menschenfreundliche Großhändler S.Wcrtheimer den Anstoß gab und deren jetzt schon 8 bestehen,welche über 1200 Kinder aufnehmen.
Vcrsorgungsanstaltcn (Siechcnhäuscr, Hospitäler) gibt es 16.2 Invalidenhäuser verpflegen und unterstützen 85 Offiziere undan 2400 Soldaten vom Feldwebel abwärts. Pensions-Jnstilutegibt es (außer dem großen Pensionsfonde für Staatsbeamte)13, dann 1 Sparkasse, (an 40 Millionen Gulden Einlage) 2Lcbens-Versichcrungcn, 3 Güter-Versicherungen, 1 Leihhaus u.f. w. Unter den Pensionsinstituten verdient die mit der Spar-kasse vereinigte Versorgungsanstalt besondere Erwähnung, welchean 120,000 Interessenten, mit 0 Millionen Gulden Vermö-gen zählt.
Das k. k. allgemeine Krankenhaus ist eine der größten An-stalten dieser Art, so daß dessen Größe eben sein Hauptfehlerist. 3400 Quadratklafter nehmen die Gebäude der vereinigtenKranken-, Irren-, Gebär-Anstalten und die Kliniken ein, welchezusammen jährlich an 30,000 Kranke aufnehmen. Dem Ucbel-standc, daß Wien nur ein einziges allgemeines Spital an derwestlichen Barriere hat, wohin also der Kranke vom entgegen-gesetzten Ende der Vorstädte 1'- Stunden Weges hat, wirdzum Theil durch die Spitäler der barmherzigen Brüder undSchwestern, dann der Elisabethiner-Nonnen und durch die 2 Kin-derspitäler ausgeglichen, welche in den andern Vorstädten ver-theilt sind. Die 3 erstgenannten nehmen an 5000 Kranke auf.Besondere Spitäler gibt es für Priester, Kaufleute, die Garni-son (mit dem Iosefinum vereinigt) und Jsraelitcn. Erst inneuester Zeit entstand ein Privatspital (msison cko santo), Pri-vat-Irrenanstalten gibt es aber 2. Jmpfungsinstitutc bestehenfünf. Auf dem Glacis vor dem Karolinenthorc besteht einesehr besuchte Mineralwasser-Trinkkur-Anstalt, wo die vorzüg-lichsten natürlichen Mineralwasser zu haben sind.
Jeder Polizeibezirk hat ein vollständiges ärztliches Amtsper-svnalc, welches die Armen uncntgeldlich zu behandeln verpflich-tet ist, und zur Rettung von Verunglückten und Schcintodtcnsind in jedem dieser Bezirke, und am Donauuser insbesonderean 10 Orten, eigene „Nothkästen" mit dem nöthigen Sani-tätsapparate in Bereitschaft.
Noch immer kommt der Norddeutsche nach Wien in derMeinung in dieser „Stadt des Südens" auch „italienisches Stra-ßenleben" zu finden; Wien hat aber durchaus nicht mehr öf-fentliches Leben als im Verhältnisse auch Berlin, nur daß in
einer fast 3 mal so großen Stadt und in so engen Straßendas Gewühl sich auch größer herausstellt. Namentlich in denFrühstundcn bis 11 Uhr ist dieß Gewoge außerordentlich, undFuhrwerke aller Art häufen sich so, daß in der Kärthncrsirafcz. B. oft ganze Reihen im Schritt fahren müssen. Dieses Ge-wühl ist so groß, daß nur um dessentwillcn die so dringend nö-thigen Omnibus zwischen Stadt und Vorstädten nech nicht ein-geführt wurden, weil derlei lange Wägen die Passage zu sehrhemmen, wie man es an den bestehenden Omnibus der Eisen-bahnen zur Genüge erfährt. Bcwnndcrnswcrth ist die Schnellig-keit mit der sich der Wiener durch dieß Gewühl hindurchwindet.Der Wiener geht in der Regel schnell, und will der Fremdeihm gleiche» Schritt halten, so wird er hundertmal mit Anderenzusammenstoßen, indeß der Eingeborne unbehindere forteilt. Be-sonders lästig ist dem Fremden das rasche Fahren, welches trotzaller Polizeivcrboke nicht abzustellen ist, aber seit 1840 dochbedeutend dadurch vermindert wurde, daß alle Hauptstraßen vonreitender Polizeiwache durchstreift werden. Nur seine Geschick-lichkeit macht es dem Wiener möglich sich so rasch zu bewegen,denn übrigens ist er von einer merkwürdigen Unbcholfenhcit,Bewußtlosigkeit möchte ich sagen im öffentlichen Leben. Entstehtin Paris z. B. irgend ein Gedränge, augenblicklich wird durchdas Volk guvue gebildet und Ordnung hergestellt, davon aberhat der Wiener keinen Begriff. Wie ein Bienenschwarm hängtsich ein Knäul Menschen z. B. an eine Theaterkasse, an dieGarderobe vor einem Ballsaale :c. und es wäre vergeblich denLeuten begreiflich zu machen, daß durch jenes einfache Mit-tel sie in der Hälfte Zeit und ohne Unbequemlichkeit zum Zielekämen. Mit den Wägen geht es eben so, die sich oft so indrei- und vierfachen Reihen in einander verfahren, daß dieWache sie nur mit der größten Mühe auseinander bringt.
Um 12 Uhr Mittags beginnt die elegante Welt sich zuzeigen, um 2 Uhr die vornehme Welt, versteht sich in der„Stadtzeit" was man saison nennt. Im Oktober beginnt zwardie Stadtzeit schon, weil die Studien anfangen und viele Fa-milien um der Söhne willen vom Lande herein ziehen, obwohlungern, denn die erste Hälfte Oktobers hat gewöhnlich sehr an-genehmes Wetter. Der Adel kömmt aber erst gegen Neujahrvon seinen Gütern und damit beginnt denn eigentlich die wahreGröße des Wiener Lebens.
Die Gedächtnißfeier der Schlacht bei Leipzig ist das ersteFest der Stadtzeit, 18. Oktober. Es besteht aus Gottesdienstim Jnvalidenhausc und Parade auf dem nahen Glacis. DieInvaliden werden an diesem Tage festlich bewirthet. — DerAllcr-Seclen-Tag, 1. November, ist einer der Tage, wo halbWien auf den Beinen ist, um die Kirchhöfe zu besuche»; auchdie Kaisergruft bei den Kapuzinern ist an diesen Tagen allge-mein zugänglich. Die Wiener Kirchhöfe sind übrigens wahreLcichenäckcr, ohne alle Poesie, oft selbst ohne Würde. DieMehrzahl der Monumente ist von merkwürdiger Geschmacklosig-keit und fast durchaus nur Handwerksprodukl. Plastische Kunst-