Das neu
e Wien.
Datirt eigentlich von Kaiser Karl VI,, aus der ersten Hälftedes 18. Jahrhunderts, denn dieser Monarch, prachtliebend undbesonders für die Baukunst eingenommen, begann eine ganzeReihe von Prachtbauten, wobei ihm das Talent Joh. Fischersvon Erlach trefflich zu Statten kam. Die großartigsten neuerenGebäude welche Wien aufzuweisen hat, stammen aus jener Zeit,indem auch der Adel dem Beispiele des Monarchen folgendNeubauten unternahm. Die Peterskirche, die Karlskirche, diePalläste der Hofbibliothek, der Reichskanzlei in der Burg,der Hofkanzlei, der Hofkammcr (damals Prinz Eugen) der ikais. Stallungen, ungarischen Garde (damals Tourtsohn) desFürsten Lobkowitz, das Sommerpalais des Fürsten Schwarzen-berg, Schönbrunn :c. rühren alle dem Plane nach von Fischer her,obwohl die meisten sein Sohn Jos. Emanucl erst vollendete,Martinelli den Ban leitete. Trotz der Ueberladung im Stylejener Zeit, läßt sich diesen Gebäuden großartige Anlage nichtabsprechen. Auch das Belvedcrc von Hillebrand, der FürstLiechtensteinische Sommerpalast von Christian :c. datiren ausjener Zeit, und noch unter Maria Theresia wurde in demselbenStyle fortgefahren mit dem Universitätsbau, aber Kaiser Josef'sSparsamkeitssystem verwendete nicht viel auf Pracht bei seinenBauten, die dadurch aber wenigstens auch frei von Ueberladun-gen der früheren Zeit blieben, wie das Josefinum, Invaliden-Haus u. s. w.
Erst nach den langen Kriegsjahren beginnt dann unter Kai-ser Franz wieder eine neue Bau-Epoche, aber keine glänzende.Mehr als je that Sparsamkeit noth und das System doppelterund dreifacher Controlle in allen Angelegenheiten erlaubte demKünstler nicht mehr Einer Idee, aus einem Guße ein Werkhinzustellen; es wurde an den Bauplänen von so vielen frem-den Händen geändert und gebessert, daß solche Werke auch nurden Eindruck von Stückwerken hervorbringen können. Die be-deutendsten Gebäude dieser Periode sind: das polytechnische In-stitut, das Thierarzenei-Jnstitut, die Münze, das Kriminale, dieBank, das Landhaus. Eine der bedeutendsten Bauten der neuestenZeit ist das große Zollamt (von Sprenger) ein Gebäude dem beson-ders nachzurühmen ist, daß es auch auf die Bedürfnisse der ZukunftRücksicht nimmt, und daß es keine weiße Tünche erhielt, die in Wiendie Augen so sehr beleidigt. Die oben gerügten Mängel treten ammeisten an der neuesten Kirche Wiens hervor, St. Johann inder Jägerzeile, an der man augenfällig die dem Architekten auf-gedrungenen Abänderungen wahrnimmt. Bemerkcnswerth ist es,daß Wien kein einziges Theater hat, das einer Residenz wür-dig wäre und den Anforderungen entspräche, die man heut zuTage an ein derartiges Gebäude macht, am zweckmäßigsten istnoch das Theater an der Wien zugleich das größte.
Uebrigens muß bemerkt werden, daß Wien eine vortreff-liche Bau-Ordnung hat, und vielleicht in keiner großen Stadtder Welt so solid gebaut werden muß. In der neuesten Zeit
beginnt denn auch eine Art von Styl wieder bei den neuenPrivathäuscrn in Anwendung zu kommen, die früher nur ka-sernartig hingestellt wurden. Einer der interessantesten Bautenist jedenfalls der Saal im Sofienbade. (Von Van der Stüll undSikaartsburg). Das erste Beispiel einer organisch aus derKonstruktion hervorgehenden Ausschmückung.
Ocffentlichc Denkmäler hat Wien nicht viele, aberdas letzte Jahr brachte allein deren drei. Monumente im eigent-lichen Sinne hat Wien nur zwei — Kaiser Josefs schöne Rei-terstatue, aus Bronze, 180? von Zauner, und Kaiser Franz I.Standbild aus Bronze, von Marchcsi 1846, das leider denErwartungen nicht entsprach. Alle übrigen sind Brunnengruppen.Den ersten Rang behauptet die neueste, 18)6 von Schwan-thaler auf der Freiung (Bronze), über welche wir aber desgenialen Donner Gruppe (Blei) auf dem neuen Markte nichtvergessen wollen. Sämmtlich aus reichem Metalle sind die Brun-nen-Figuren von Fischer (1812) auf dem Graben, Franziska-nerplatz, in der Alftrvorstadt, im Hofe des Josefinum. Bcach-tcnswerth ist Prelcuthners neuer Brunnen (1846) auf den Mie-den. Die Dreifaltigkeitssäule am Graben und die VermählungMariä auf dem hohen Markte sind ohne höheren Werth, nurdie Basreliefs an ersterer sind bcachtenswerth. In Kirchen undandern Gebäuden zählt man fast gar keine neueren Monumente.Cannova's berühmtes Grabmal der Erzherzogin Christina in derAugustinerkirche und eben da Kaiser Leopolds II. Grabmal vonZauner sind die einzigen. Hierher ist übrigens, als öffentlichesKunstwerk wenn auch nicht als Denkmal, zu zählen Cannova'sherrliche Theseusgruppe für welche im Volkögarten ein eigenerTempel erbaut wurde, in den Verhältnissen des Theseustem-pelö zu Athen.
Wissenschaft und Kunst*).
Alle Fremden waren noch überrascht von dem Reichthum?an Hülfsmitteln, welche in den zahlreichen Sammlungen allerArt, jedem Studium geboten werden, insbesondere den Natur-wissenschaften. Die Benützung derselben (durchaus unentgelt-lich) ist in so erfreulichem Zunehmen, gemäß des lebhaften Auf-schwungs den wissenschaftliche Bestrebungen in neuester Zeit er-sichtlich nehmen, daß es nur der Einführung des sehnlich er-warteten neuen Studienplanes bedarf, um eine vollkommenneue Aera geistiger Thätigkeit für Wien und Oesterreich zu be-ginnen, als deren Gründer den Hofkanzler Freih. v. Pillens-dorf zu ernennen eine Pflicht ehrfurchtsvoller Anerkennung ist.
*) Es kann nicht Zweck dieser Skizze sein, hier mehr als die allge-meinsten Umrisse zn geben; ich verweise namentlich für diesen Ab-schnitt auf meine Beschreibung von Wien mit besonderer Beriick-stchtigung der wissenschaftlichen Anstalten und Sammlungen zc.5. Aufl. Wien 1847 bei Gerold.