Druckschrift 
7 (1848)
Entstehung
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man so viele gute, ja vortreffliche Musik an öffentlichen Orten,und keine Stadt hat wohl eine solche Anzahl von Privat-Vir-tuosen aufzuweisen, namentlich im Klavierspiel. Gesang wirdaber in Wien viel weniger getrieben als in Norddeutschlandund erst der Männergcsangsverein (Liedertafel) hat den Sinndafür in weiteren Kreisen erweckt. Ganz eigenthümlich sind fürWien die vielen großen Orchester mit vortrefflichem Zusammen-spiel, deren häufige Reisen (zu 2040 Musiker) ihr bestes Lobsind; wie entzückte nicht Strauß die Berliner! Diese Orchesternun spielen im Winter jeden Tag in einem der Gasthaussäleund in diesenRcunions, Konversationen u. dergl." während desAdventes und der Fasten, dann in den Bällen besteht ein Haupt-vergnügen des Wieners im Winter. Die ehemals so beliebtenund durch einfach-herzlichen Ton berühmten HauSbälle sind fastganz verschwunden, da Theuerung und trotz dem der Lurus sieso erschweren. Aber nicht leicht kommen ein paar Familien zumBesuch zusammen, ohne daß die jungen Leute ein Tänzchen im-provisiren, wozu sich unter ihnen Klavierspieler genug finden.Weniger besucht werden im Sommer die Gasthausgärten, höch-stens an den Werktagen, denn Sonntags will alles aufs Land,um so mehr seit die Gloggnitzer Eisenbahn so schnell in dieschönsten Umgebungen führt; über 00,000 Personen benützenan 2 schönen auf einander folgenden Feiertagen diese Bahn.Landparthien sind, kann man sagen, eine wahre Leidenschaft desWieners, und sie verschlingen oft größere Summen als mit demHauSstande sich verträgt.

Aus dem Gesagten mag der Leser entnehmen, was es mitder verschrienen Sinnlichkeit des Wieners auf sich habe, wennman darunter Schwclgerci versteht; daß aber seine geistige Reg-samkeit nicht so groß ist, als sie sein sollte, das ist nicht zuläugnen. Ich glaube daß ein gewisses Maß allgemeiner Bil-dung in Wien weiter verbreitet ist, als in anderen großenStädten, aber darüber hinaus kommt der Wiener nicht leicht;jede tiefer liegende Frage, jede ernstere Richtung muß ihm dahererst mundgerecht gemacht werden, ehe er darauf eingeht, sichdafür intcressirt. Seien wir aber nicht ungerecht, ist es etwaanderwärts anders? Wenn wir von dem enormen Zudrangelesen, dessen z. B. die Sitzungen der Pariser Akademie sich er-freuen, so bin ich überzeugt, daß die Wiener Akademie (wennsie einmal ins Leben getreten sein wird) sich desselben Zudrangcszu erfreuen haben wird, wenn unsere Gelehrten sich eines sol-chen Vertrages bedienen wie die Pariser, welche Gründlichkeitmit Faßlichkeit und interessanter Darstellung vereinigen. Daßes aber unsern ausgezeichneten Männern nicht daran fehlt,beweiset das große Publikum, welches z. B. Ettingshausenmit' seinen Vorlesungen fand , wobei noch j bemerkt werdenmuß, daß den Damen der Zutritt zu Vorlesungen bei unsbisher nicht gestattet wird. Man erinnere sich unter an-dern auch an Holtei's Vorlesungen Shakspear'scher Dramen,die sich eines immer steigenden Besuchs zu erfreuen hatten,an die Vorlesungen der beiden Schlegel')», s. w. Man biete

den Wienern nur mehr solche Gelegenheiten, und er wirdes gewiß an Antheil nicht fehlen lassen.

Wien ist reich an schönen Männern, mehr noch als anschönen Frauen, welche nicht so wohl durch regelmäßige schöneGesichtszüge, als durch Anmuth und schlanke Gestalt sich aus-zeichnen; mit einem Worte, die Wienerin ist die Pariserin derdeutschen Frauen. Dasselbe Verhältniß gilt auch von derenAnzug, wo in neuerer Zeit einfache Eleganz den überladenenPutz immer mehr verdrängt. Dafür hat der Lurus in den Stof-fen so übcrhand genommen, daß ein einfaches Hauskleid kaummehr zu sehen ist; die WienerGoldhauben" aber sind längstgänzlich verschwunden. Uebrigens bietet die große Mannichfaltig-kcit der Trachten dem Fremden viel Anziehendes, da außer derschönen ungarischen Tracht auch die orientalischen Anzüge derArmenier, Serben (Raizen), Griechen und Türken zu sehen sind.

Für die öffentliche Sittlichkeit dient gewöhnlich das Ver-hältniß der legitimen zu den illegitimen Geburten zum Maßstabe,welches in Wien besser ist als in Berlin und Paris, denn dasVerhältniß der unehelichen Geburten zu den ehelichen in Parisist 1 : l,s, in Wien 1 : 2,z, aber in keiner anderen deutschenStadt, Hamburg etwa ausgenommen, sieht man in den Straßeneine so große Anzahl vonMännerfreundinnen", die sich aberwenigstens in den Gränzen des äußeren Anstandes halten.

Eine der schönsten Seiten im Charakter des Wieners istWohlthätigkeit und Menschenliebe. Die Straßcnbcttelei ist dahereben so wenig abzustellen als anderwärts der Schleichhandel,weil der Gewinn dabei zu sicher ist. Es ist bekannt, welchePflege während der französischen Einfälle auch die verwundetenFeinde in Wien gefunden haben, wie nirgend anderwärts indiesem Maßstabe, was denn auch die Franzosen dankbarst aner-kannten. Auf diesen Wohlthätigkeitssinn der Wiener spekulirtaber auch alle Welt und nimmt bereits zu allerhand Hilfsmittelnihre Zuflucht: Wohlthätigkcits-Nedouten, Akademien, Konzerte,Theater u. dergl. bieten Vergnügen und nehmen dafür Almosen.In der Regel sind es aber Spekulationen zum Vortheile derUnternehmer, wie andere auch, denn durch die Lockspeise derWohlthätigkeit und die uneigennützige Mitwirkung ausgezeichne-ter Künstler steigt natürlich auch die Isntivmo der Unternehmerselbst. Die Bevöikcrung der Stadt mit ihren Vorstädten be-trägt 427,000 Einwohner.

Das alte Wien. Wie bereits früher erwähnt, sind ausder Römcrzeit keine bedeutenden Monumente auf uns gekommen,einige Jnschriststcine abgerechnet, die theils dem kaiserl. Antikcn-kabinette einverleibt, theils in dem Stiegenhause der Hofbiblio-thck eingemauert, oder im sogenannten untern Belvedere in derAußenseite der Räume mit der Ambrasscr Sammlung sind; außer-dem bloß Antikaglicn niederen Werthes. Der älteste Nömer-stein rührt von Tibcrius her, die einzige Meilcnsäule aus derZeit Galliens. Baptisterien romanischen StpleS, deren Unter-