Druckschrift 
7 (1848)
Entstehung
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steht und welche überhaupt nur amtliche Anwendung hat, dadie Stadt selbst sehr klein ist (in °/« Stunden umgeht man sieauf dem Walle). Die Hauptparthien der Stadt haben eine sehrverschiedene Physiognomie. Von der Burg über den Kohlmarkt,Graben, zum Rothenthurm-Thore geht der Hauptdurchschnitt derStadt, ein « von Süd nach Nord, der lebhafteste Zug desStraßenverkehrs. Hier finden sich die elegantesten Kauflädenund nach Wohnungen drängt sich hier die reiche Welt, in Wiendurchaus nicht gleichbedeutend mit der vornehmen Welt, mit demhohen Adel, von dessen Hauptsitz dieHerrengasse" nächst derBurg noch ihren Namen aus alter Zeit trägt, wo man fastgar keine Kaufläden sieht. Der älteste Stadttheil gegen dieDonau zu, hat meist enge, krumme Gassen, ist daher wenigergesucht und dort erinnert noch derJudenplatz" an die Zeit derUnduldsamkeit; obwohl die Juden überall wohnen dürfen, findensich die meisten doch in der Nähe der Synagoge am Ruprechts-platz. Der schönste Stadttheil ist der neueste, die von derKärnthncrstraße östlich parallel abgehenden Straßen von derSinger- bis zur Krugerstraße, meist an der Stelle aufgehobenerKlöster entstanden. Die Vorstädte sind von ungleicher Größe,so daß z. B. die Mieden 958, Hungelbrunn gar nur 11 Häuserzählt. Sie stehen unter 5 verschiedenen Grundobrigkeiten, Ma-gistrat, Domkapitel, Bencdiktinerstift, Fürst Liechtenstein undGraf Starhemberg, und die meisten treiben eigenthümliche Ge-werbe, z. B. Gumpcndorf Weberei, Mieden Färberei, NoßauHolzhandel; in der Jägerzeile sind die meisten Wagcnfabrikenund Sattler u. s. w.

Nicht nur die Stadt auch die Vorstädte haben Mangel angroßen Plätzen, breiten schönen Straßen, und dieser Mangelist Ursache, daß Wien weit weniger den Eindruck einer großenStadt macht, als z. B. Mailand und Berlin. Der berühmteGraben" heißt in Wien ein Platz und ist doch um Vs schmälerals die herrliche Straßeunter den Linden" in Berlin. Bonden paar schnurgeraden Straßen der Stadt ist keine einzige5 Minuten lang, und selbst in den Vorstädten sind nur 5 Haupt-straßen von ansehnlicher Breite, aber auch diese haben vomGlacis aus eine beengte Zufahrt. Die Häuser sind in derRegel sehr tief, haben oft 2 und sogar 3 kleine Höfe, aber nurein Thor, welches bei Tag immer offen steht und dessen Flurdaher dem Zugwinde Preis gegeben ist. Die angenehme Ein-richtung Mailands und zum Theil Berlins, daß die Flur durcheine Glasthüre abgeschlossen ist, welche den Wägen jedesmalgeöffnet wird, kennt man nicht und noch weniger die BerlinerSitte, das Fahrthor in der Seitengasse anzubringen und vorneeine zierlichere Thüre, ein paar Stufen erhöht, wo danndie Flur nur Fußgehern zugänglich, oft reich verziert ist. Un-übertroffen ist aber Wien durch sein herrliches Pflaster und seit1845 durch die reiche Beleuchtung von Stadt und selbst einigenHauptstraßen der Vorstädte mit Gas; die Gasbeleuchtung er-streckt sich sogar im Sommer bis nach Schönbrunn während desAufenthaltes des Hofes daselbst. Das Wiener Pflaster ist seit

Alters berühmt, aber in neuester Zeit so verbessert worden, daßes durchaus seines Gleichen nicht hat. Es besteht jetzt überallaus sorgfältig behauenen Grauitwürfeln und nicht blos im Fuß-wege (troltoirs), sondern auch in der Mitte der Straßen imFahrwege, sowie auf den Plätzen, wo die Steine sogar inmaunichfaltigen Figuren gelegt sind und selbst in den abgelegen-sten Gäßchcn. Die Gasbeleuchtung, schon vor 2t) Jahren ver-sucht, seit 19 Jahren in ein paar Hauptstraßen in Ausführung,wurde 1845 einer Londner Gesellschaft (kontinental Imperiallass Association) übergeben und ist jetzt über die ganze Stadtverbreitet, mit Einschluß der äußeren Zufahrten zu den Stadt-thoren und einiger Hauptstraßen der Vorstädte.

Das vortreffliche Pflaster erleichtert die Reinigung der Straßenaußerordentlich, aber trotz dem kann man Wien nicht den Vor-wurf übergroßer Reinlichkeit macheu. In den Fugen des frühe-ren Pflasters fand der unvermeidliche Straßcnstaub, dessen nichtkleinster Bestandtheil Pferdcmist, einige Ablagerung, währendauf der Ebene des jetzigen Pflasters der leiseste Windhauch ihnaufwirbelt, ohne daß das Straßenkehren seitdem vermehrt wor-den wäre. Auch sind noch immer mehre Marktplätze in derStadt, von denen der Geflügel- und Eiermarkt auf der Sei-lerstätte am lästigsten, wo die Atmosphäre nie vollkommen reinwird. Am häßlichsten aber werden die Straßen Wiens durchdie Befriedigung jenes Bedürfnisses verunstaltet, für welchesnicht nur in Paris durch zahlreiche anständige Asyle in jederStraße gesorgt ist, sondern wie das elendeste türkische Landstädtchendergleichen bei jeder Moschee besitzt. Es ist das auch eine vonden vielen Beziehungen, in denen wir vom Orient lernen kön-nen, wo der gemeinste Türke das für eine Schamlosigkeit hältund durchaus nicht duldet, was die Philosophie des Deutschennach dem Grundsatzenaturslia non turpia" auf öffentlicher Straßeeinbürgerte^). Erst im Sommer 1846 hat man auch in Wienversuchsweise 2 derlei, zugleich Hnmanitäts- und Sanitäts-An-staltcn errichtet, aber an so wenig besuchten Orten, fast ver-borgen, daß sehr zu fürchten ist, an dem geringen Zuspruchdürfte der Versuch scheitern. ES ist merkwürdig, daß der Deutsche,der doch anderseits so sehr auf Reinlichkeit hält, au diesen ekel-haften Pfützen die in jeder deutschen Stadt, in Berlin nichtminder als in Wien, sich allabendlich an jedem Eckstein bilden,nicht das geringste Aergerniß nimmt.

Es wurde bereits erwähnt, daß Straßen und Plätze durchihre Ausdehnung nicht im Verhältniß zur Größe und Würde derStadt stehen, wie denn der größte Platzder Hof" nur 71 Kl.

*) Der Merkwürdigkeit halber erwähne ich, daß ich diese Zeilen einerSchilderung von Wien inAsien schreibe, an den Küsten des Pon-tus! lim mein Wort nicht zu brechen, die regelmäßige Erscheinungder Lieferungen dieses Werkes nicht zu verhindern, welches ich über-nahm ehe meine Reise in die Levante sich ergab, bin ich genöthigt,in der Residenz des ehemaligen Kaiserreichs Trapezunt, ein paarBogen über die deutsche Kaiserstadt zn schreiben.

Trapezunt l. Okt. I84K.