i e n.
(Supplement.)
Historisch-topographisch beschrieben
vo»
A. Adolf Schmidt.
Physiognomie der Stadt. So ziemlich aus den 4Weltgegendcn führen die Hauptstraßen nach Wien, die ober-österreichische (Neichsstraße), böhmische, ungarische und italieni-sche, aber nur die erste und letzte bietet einen überraschendenAnblick der Stadt. An der italienischen Straße steht die be-rühmte 1451 — 1452 von Hans Buchsbaum erbaute gothischeDenksäule „Spinnerin am Kreuz" von welcher man die oftgezeichnete Ansicht der Stadt hat, jedenfalls die umfassendste aberkeineswegs die malerischeste. Auf der Neichsstraße nähert mansich durch die Dörfer Hüttcldorf, Baumgarten :c., wo Villa anVilla sich drängt, zuletzt an dem prachtvollen Schönbrunn vor-bei, wo man am ersten den Vorbegriff einer großen Stadt er-hält. Aber von Wien sieht man hier nicht viel bis man dieLinien erreicht und die schönste Vorstadt Mariahilf in ihrer brei-ten Hauptstraße durchfährt, an deren Ende, von der Anhöhe derkaiserl. Stallungen, die Stadt selbst um so mehr überrascht, alssie hier St. Stefan in der Mitte, das Kahlengebirge zur Seite,am schönsten sich gruppirt, wo man die großartigsten Ge-bäude fast mit einem Blicke übersieht. Das schönste allgemeineBild giebt Wien jedenfalls von den Vorhügcln des Kahlenge-birgeS, wo man schönen Vorgrund, rechts in der Ferne dieAlpen, links die Donau-Auen, im Hintergrunde die Karpathenhat. Wien hat Mangel an emporragenden Gebäuden und be-sonders an Thürmen, es gruppirt sich daher aus der Ferne beiweitem nicht so gut, wie manche andere, selbst kleinere Stadt,und wird darin namentlich von Prag weit übertroffen. Aeußerstlohnend ist aber eine Ersteigung des Stefansthurines, wenn auchnur der Gallerie, denn der grüne Kranz der Glacis-Alleen undNasenplätze und der großen Gärten geben eine Vogelperspektivedie ungcmein reizend ist. Noch malerischer stellt sich die Stadtvon der Kuppel der Karlskirche dar.
Die Hauptmasse von Wien liegt am rechten Ufer der Donau,aber nicht des Stromes selbst, sondern eines kleinen Armes, der1598 vertieft und regulirt wurde, Donau-Kanal genannt. Erbildet mit einem größeren Arme, dem Kaiserwasscr, eine 2 Stun-l.
den lange, »/« Stunden breite Insel, welche die Leopoldstadtund den berühmten Prater enthält.
Wien hat im Ganzen 5,-» geographische Meilen im Um-fange und besteht aus der inneren Stadt, welche durch dasGlacis von den ringsum gelagerten Vorstädten getrennt ist.Wie überall sind auch in Wien die Vorstädte der Sitz der ar-beitenden Klasse, aber nicht im Verhältnisse der Entfernung, in-dem gerade die Vorstädte an der kürzesten Linie, Liechtenthal,Himmelpfortgrund ?c. vorzugsweise von ihnen bewohnt sind.Wie überall, bildet auch hier die Stadt den Mittelpunkt allesLebens, und des Reichthums, aber die Trennung von Stadtund Vorstädte wird nicht leicht anderswo dem Begriffe nach sostrenge genommen als in Wien, wo noch mehr als die vor-nehme und reiche Welt, der wohlhabende Mittelstand mit Ach-selzucken auf die „Vorstädter" herabsieht, und eine kleine Woh-nung im fünften Stockwerke in einer dumpfigen engen Seiten-gasse der Stadt jedenfalls einer luftigen schönen Wohnung inden ersten Stockwerken eines Glacishauses vorzieht. Es istnicht die Entfernung, denn niemand besinnt sich von der Möl-kcrbastei zum Besuch auf die Seilerstätte zu gehen — es ist derBegriff der „Vorstadt" den der Wiener scheut. In dem Maßeals der Raum der inneren Stadt überfüllt wird, muß dießlächerliche Vorurtheil abnehmen, um so mehr als zugleich derSitz mehrerer bedeutenden Behörden aus der Stadt in die Vor-stadt verlegt wurde, wie des Kriminal-Magistrats, der Kameral-behörden :c. Zu jener Vorstadt-Scheu trägt aber wesentlich derMangel an eigenen Omnibus zwischen Stadt und Vorstädtenund an billigen Fahrgelegenheiten überhaupt bei, wie es z. B.die Berliner Droschken sind. Nur die Leopoldstadt-Jägcrzcile,um der berühmten Praterfahrt willen, und zum Theil die schönebreite Mariahilfer Hauptstraße, wegen der Fahrt nach Schön-brunn und Hietzing, machen eine Ausnahme in der Meinungder eleganten Welt.
Die Stadt ist in Viertel eingetheilt, zugleich Polizeibezirke,mit welcher Eintheilung aber die pfarrliche nicht im Einklänge