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Die Niersjunker : ein Beitrag zur Kulturgeschichte des 17. Jahrhunderts
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in dm Hände» des Kriegsvolks. So mußten sie sich entweder inSchlupfwinkeln verborgen halten, oder in den Kirchen und in denbei den Kirchen erbauten Schanzen Schuh suchen.

Zuweilen wehrten sie sich auch ihrer Haut. Eines Tages,es war im Jahre 15l>5 sielen vier Soldaten aus Geldern, dieschon seit lange auf ihren Sold warteten und mit ihren Weibern undKindern hungerten, in das Kirchspiel Kevelaer einum einigesKorn in ihre Säcke zu schöpfen." Die mnthigen Kevelacrer aberhatten nicht vor, so gutwillig ihr Korn den Raubgesellen abzulassen;sie thaten sich zusammen, fielen über die Soldaten her, schlugen dreivon ihnen todt und verwundeten den vierten schwer. Natürlich gabdas großes Geschrei. Die Kevelaerer mußten sich auch dazu verstehen,nicht (wie sie sagen) weil sie der That wegen pflichtig waren, son-dern um der Freiheit willen, frei passiren zu können, zum Tröste derarmen Seelen an wahre Armen zwei Malter Roggen und 2il(l brab.Gulden zu spenden"').

Mit dieser Darlegung des äußeren Elendes ist indessen der da-malige Znstand nur zur Hälfte geschildert. Das Volk war politischund religiös korrnmpirt. Der Eine war und blieb dem Könige vonSpanien treu, mährend der Andere dem staatischen Regimente hul-digte. Hand in Hand hiermit ging die religiöse Verkommenheit, dieder Karthäuser IlavcmsiuL, der ckl>W sein Buch Emiiiiientnmn« ckaoraotiovL novomun iv Ilal^io episvopntuunl schrieb, also schildert:Das Volk war durch die Ketzerei sehr verdorben. Das h. Meßopferwurde wegen der zerstörten Altäre überall vernachlässigt, sonne auchdas Sakrament der Beichte und der h. Oelung. Die Geistlichkeit warverachtet. Ueber die verschiedenen ControverSpnnkte wurde überallin Wirthshäusern, bei Gastmählern, auf Reisen, in Wagen undSchiffen und auf Wegen, fast zu jeder Zeit und an jedem Orte, un-ter Webern, Schmieden, Schustern und anderen Handwerkern, unterAdligen und Bürgerlichen auf's heftigste gestritten. Jeder verthei-digte seine Meinung mit Hartnäckigkeit; Väter stritten gegen Söhne,Nachbarn gegen Nachbarn über die Religion. Man fand in einemund demselben Hause oft Anhänger von drei bis vier verschiedenenSecten, denn ein Jeder hielt sich für den Gelehrtesten und vomh. Geiste am meisten erleuchtet; sie rühmten sich nämlich, die h. Schriftoder das neue Testament vom Anfange bis zu Ende mehrere Malegelesen zu haben" ^).

') Ger. Prot, im St.-A. zu Geldern.2) Nettesheim I, S. 279.