Druckschrift 
5 (1846)
Entstehung
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Ober-Wesel. Diese alte Stadt mit2300 Seelen, deren Zugc-hörungen außerdem noch 400 Einwohner haben, stand schon unter denRömern und wurde von ihnen Vosuvia oder Vosslia genannt. IhreLage in der Nähe des von Schönbcrg gekrönten Hügels, und am Fußedes Kalvarien-Berges, über dessen Abhang sich die alte Stadtmauerzieht, die auch längs des Rheins eine großartige, 1390 Schritt oder3475 Fuß lange, mit Zinnen, Pforten und Thürmen geschmückte, Liniezeichnet, hat etwas sehr überraschendes. Das Mittclalter zeigt sich hiernoch mit seinem eigenthümlichen Kolorit. Der Manerthurm hinten aufder Höhe mit zwei andern, nach innen offnen Thürmen, die schöne,rothe Kirche und der gezackte Zuckcrhutthnrm am obern Ende der Stadt,die untere St. Martins-Kirche, vereinzelt auf einem Hügel und derschöne runde Stadtmauer- oder Ochsenthurm mit dem darauf gestelltenThürmchen zu ihren Füßen, endlich die Thalöffnnngen von Enghölle undNiedcrthal hinter der Stadt und die schnelle Wendung des Rheins rechtsum eine Ecke, bilden ein ganz besonderes Ganzes, das sich mit keinerandern Oertlichkeit am Rhein vergleichen läßt. Dazu kommt noch dierecht eigentliche Felsen-Gegend, oben belebt, unten wie ausgcstorben,in der Höhe Wald, auf den Abhängen freundliche Reben, vorn starre,grünlich-graue und schwärzliche Felsen, rechts wahre Klippen-Thäler,wenigstens an ihrer Mündung, in der Tiefe bewaldet, und dann mehrund mehr mit den Abhängen sich verschmelzend.

Schon zu Zeiten Alexander Severs soll, unter dem Schutze derKaiserin-Mutter 5luu»»i!» (die, der Sage nach, in dem heutigen Stadt-graben beerdigt ist), das Christenthum in Ober-Wesel festen Fuß gefaßthaben. Unter der fränkischen Herrschast stand hier ein Königshof, vondem die Stadt weder eine Spur noch ein Andenken bewahrt. Die Rit-ter auf dem Schönberg beherrschten ehemals die Stadt, die sich im13, Jahrhundert sreikaufte und bis 1321 eine Reichsstadt blieb, woKaiser Heinrich VII, ihr gutes Recht gewaltthätig ihr entriß und sie sei-nem Bruder, dem Kurfürst Balduin von Trier, zum Geschenk machte,der sich, nicht ohne hartnäckigen Kampf, ihrer versicherte. Im 30jähri-gen Krieg litt Ober-Wesel viel durch die Franzosen, welche es 1689 zer-störten. Seitdem hat es seine frühere Wichtigkeit nicht mehr erlangt.

Es treibt Handel mit Wein, wovon der bei dem von 140 Jndiv.bewohnten Weiler Enghöll, in einem engen Thale, Stunde vonder Stadt, gewonnene, als das beste Gewächs in der preußischen Mo-narchie bezeichnet wird. In guten Jahren beläuft sich der Weinertragvon Ober-Wesel auf 800 bis >000 Fuder. Das alte Wappen dieserStadt ist ei» schwarzer Adler im weißen Felde, übereinstimmend mit demdes Staats. Von Wichtigkeit ist auch »och der hiesige Lachsfang, derbeste und einträglichste am Rhein. Erwähnt zu werden verdienen aucheine Tuchfabrik und 25 Mllhlenwerke, welche die Gegend beleben.

Das merkwürdigste Gebäude in Ober-Wesel ist die Stiftskirche U. l.F., am Fuße des Schönbergs. Sie wurde im reinsten gothischen Stylvon 1307 bis 1331 durch die Grafen von Schönberg erbaut und wirdsetzt, mit einer Ausgabe von 15,000 Thlrn. aus dem städtischen Aerar,in ihrer ursprünglichen Reinheit wieder hergestellt. Nebst vortrefflichenHolzschnitzereien, einem sehr beschädigten altdeutschen Gemälde auf Gold-grund am Hochaltar, den Heiligen Nikolaus und die 11,000 heiligenJungfrauen vorstellend, und einer Maria mit dem Kinde, umgeben vonBlumen, auf einem Seiten-Altar, zwei Mosaik-Bildsäulen, welche einhiesiger Bürger sehr kunstreich aus zahllosen Muscheln zusammengesetzt, rc.befinden sich in dieser Kirche, auch mehre interessante Steindenkmälcr derFamilie Schönberg und andre sehenswürdige Gegenstände. Die Kreuz-abnahme von Diepenbeck, einem der besten Schüler von Rubens, undzwei altdeutsche Holzbilder, eine Marter-Scene und die h. Ursula mitden 11,000 Jungfrauen darstellend, in der hochgelegnen und schiefge-stellten Martins-Kirche, von deren abgestumpftem schwarzen Thurm maneine schöne Aussicht hat, dürfen von keinem Kunstfreund unbeachtet ge-lassen werden.

Die gegen Ende des 14. Jahrhunderts erbaute Werners-Kapelle,früher zu dem damit verbundenen 1689 zerstörten Spital gehörig, zuder man auf 30 Stufen an der Stadtmauer hinanstcigt, enthält auf demAltarblatt die Darstellung des schrecklichen Märtirerthums des KnabensWerner. DaS Bild hat sehr gelitten und ist wenig ausgezeichnet. Es

ist dasselbe auch mit den übrigen Gemälden dieses Altars: der Aus-gicßung des heil. Geistes, der Verkündigung, dem heil. Sebastian unvdem heil. Rochus. Viel sehenswerther ist das hinter der Kapelle, gegenden Rhein angebrachte Steinbild, ebenfalls die Marter-Scene des jun-gen Werners Darstellend. Der Knabe ist mit den Füße» oben und demKopf unten an einen Pfahl befestigt. Zwei Juden, mit sehr ausdrucks-vollen, teufelisch grinsenden Gesichten, zapfen ihm langsam das Blutab und bohren mit den Fingern in seinen Wunden. Einer unten befind-lichen ziemlich unleserlichen Inschrift entnimmt man die Zeitangabe desEreignisses, den 10. April 1287. Ein Gang führt rings um die überdie Straße gebaute und auf die Stadtmauer gestützte Kapelle. Vondem früher dazu gehörigen Spital sind nur noch die Erdgeschoß-Mauernund sehr große Keller übrig.

Längs der Stadtmauer führt der ehemalige Verthcidigungsgang,der jedoch hier nicht, wie zu Bacharach und Kaub, überbaut ist. Vondem ehemaligen Minoriten-Kloster, inmitten der Stadt, stehen noch dieMauern; das weiter unten gelegne Nonnen-Kloster ist aus Spekulationgänzlich niedergebrannt worden. Von der frühern Wichtigkeit der Stadtzeugen noch die vielen aufrecht stehenden starken Mauern ehemaliger Ge-bäude, die großen jetzt offen liegenden und theilweis unbenutzten Keller,die vielen leeren Bauplätze von großem Umfang, jetzt nur mit einzelnenHäuschen oder Ställen besetzt.

Zu den ältern Gebäuden gehört ein in der Hauptstraße gelegenes,mit den gräflich schönbergschen Wappen und der Inschrift 0. V. 8. (Ottovon Schönberg) >654 versehenes. Es befindet sich darin ein großer Rit-tersaal. Der schöne Ochsenthurm, am untersten Ende der Stadt, istauch im Innern sehenswerth. Früher konnte man ihn ersteigen, undda die steinerne Treppe noch vorhanden ist, könnte der fehlende Vcr-bindungs-Boden ohne große Kosten wieder hergestellt werden. Unten istein tiefes Verlies. Am Ausgang gegen St. Goar steht der Königsthurm,das frühere Stadtthor, unter dessen Brücke der von Simmern kommendeWeg hinführte. Weiterhin, auf der sogenannten Hofstatt, scheine» ehe-mals beträchtliche Gebäude gestanden zu haben. Die schönste Ansichtvon Ober-Wesel, des Schönbergs und der Pfalz bei Kaub, hat manunterhalb der Stadt, auf der Höhe bei der Schnack, wo gewöhnlich alleAufnahmen bewerkstelligt werden.

Schönbcrg. Ob diese Wiege eines berühmten Geschlechtes, dassich im Auslande von Schomburg und Schomberg schrieb, ans den Trüm-mern einer Römer-Feste erbaut worden, läßt sich nicht mit Bestimmtheitsagen. Die Burg entstand jedenfalls schon im I I. Jahrhundert und zwarbei Gelegenheit der Widersetzlichkeit der Einwohner von Ober-Weselgegen die in ihrer Mitte hausenden Burggrafen, die sich fortan auf demdie Stadt beherrschenden Berge mehr gesichert hielten. Kaiser Friedrich II.belagerte 1220 das Schloß, bei welcher Gelegenheit die Bürger vonOber-Wesel ihn kräftig unterstützten und ihre Freiheit um 1300 MarkSilbers erkauften. Schweden und Franzosen hielten Schönbcrg besetztund letztere brachen es in dem durch ihre Verwüstungen berüchtigt ge-wordenen Jahre 1639. Mit Reinhard von Schomberg, der im folgen-den Jahre in der Schlacht am Boyne gegen die Stuarte fiel, starb dermännliche Familienzweig aus. Prinz Albrecht von Preußen, welcherdie Ruine und die dazu gehörige Domäne gekauft, läßt die neuere Burgwieder aufbauen. Ihre Mauern sind hoch und dick, von Schießschartendurchbrochen und mit Zinnen verschen. Betritt man durch eine Spitz-bogenthür den Hof, so gewahrt man am innern Thor noch den Raum,worin das Fallgitter spielte. Der alte Burgweg zog sich hinten um denHügel, an dessen Vorderseite ein neuer Weg die Ersteigung binnen20 Minuten sehr erleichtert. Der 65 Fuß hohe Hauptthurm und der20 Fuß niedrigere Nebenthurm des neuern Theils der Burg sind nochgut erhalten. Zwischen beiden stand ein Gebäude, dessen Spitzgiebcl-Mauer, die jeden Augenblick einzustürzen droht, sich an den Hauptthurmlehnt. Die schönste Lage hatte das Vorgebäude und der Thurm derältern Burg gegen Ober-Wesel. Schönberg hat 6 Thürme, wovon3 viereckige, 2 runde und 1 fünfeckiger. Die kleine Schloßkapclle, wiedie meisten der übrigen Gebäude werden jetzt wieder hergestellt. VonSchönberg soll ein unterirdischer Gang nach der Kirche U. l. F. in derStadt geführt haben; vielleicht, daß man bei dem fortschreitenden Wie-