Druckschrift 
5 (1846)
Entstehung
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Nieder-Jngelheim. Seine Bevölkerung die im frühen Mittel-alter bedeutend gewesen, übersteigt jetzt nicht 2200 Seelen. Die einzigeMerkwürdigkeit dieses Ortes ist der geringe Ucberrest vom Saal oder derKaiserpfalz Karls des Großen. Der Platz, wo dieselbe stand, wird voneinem ländlichen Gehöft, einem Privatmann, Namens Wey, gehörig,eigenommcn. Neben einem runden Thorbogen steht man zur Rechten,über einer S Fuß 2 Zoll hohen weißgrauen Marmor-Säule, herrührendaus dem alten zwischen 768 und 774 erbauten Palast (welcher derenhundert von Marmor und Granit enthalten haben soll), eine 3 Fuß langeund 2 Fuß hohe Tafel von rothem Sandstein worauf nachstehende nichtleicht lesbare Inschrift in lateinischen Buchstaben eingegraben ist.

Vor 800 Jahren ist dieser Saal des großen Kepsers Carlen nachihm Ludtwig des milden Kepsers Carlen Sohn im Fahr 1044 aber Kep-sers Heinrichs und im Jahr 1360 Kepsers Carlen Königs in BöhmenPallast gewesen und hat Kepser Carlen der Grose neben anderen gegose-nen Seple diesen Saal aus Italien von liare»»» anhero in diesen Pal-last fuhren lasen, welche man bei Regierung Kepsers Ferdinands der 2tundt Königes in Hispanicn Philipp der 4t nach deren Verordneter hoch-lobl Regierung in der unteren Pfaltz den 6t Aprilis Anno 1628 als dercatholische Glauben wiederumb eingeführt worden ist aufgerichtet Mnni-sterus in Historia von Jngelheim des Hr: Kami. Reichslhcil fol. . .zivci.xxxix."

Karl der Große hielt zu Nieder - Jngelheim 774 einen Reichstagund lies hier 14 Jahre nachher den Baiern-Herzog Thassilo absetzen undals Mönch in ein Kloster stecken. Ludwig der Fromme empfing in die-sem Saal 817 die Gcsandschaft des Kaisers Leo und 9 Jahre später liesfich hier der Dänen-König Harold mit seiner Frau und seinen Kinderntaufen. In Jngelheim wurden auch mehre Kirchen-Versammlungen ge-halten. Friedrich I. lies den Palast wieder herstellen. Karl IV warder letzte in ihm residirende Kaiser. Der Ort kam bald nachher an Kur-psalz. Die Mainzer verbrannten und zerstörten den Saal während desKrieges zwischen Diclher von Jsenburg und Adolf von Nassau. Seitdemist er gänzlich verschwunden. In Nieder-Jngelheim soll sich auch das Aben-teuer zwischen Emma und Eginhard zugetragen haben.

Die gegenwärtige evangelische Kirche, dem Saal gegenüber, wardie alte Schloßkapelle. Ein Theil davon scheint wirklich aus dem 9. Jahr-hundert herzurühren, der größte Theil aber ist augenscheinlich aus dem12., manches aus dem 14. Jahrhundert. Bcachtungswerlh in dieserKirche ist ein sehr alter Grabstein, der von Einigen für den der KaiserinHildegard, von andern für den der Prinzessin Emma, Tochter Karls desGroßen, gehalten wird. Er befindet sich in der Wand unterm Orgel-chor und zeigt eine aufrecht stehende Figur mit Krone und Heiligenschein,den Zepter in der rechten und den Reichsapfel in der linken Hand. DieFigur ist 3'/z Fuß hoch und steht unter einem Rundbogen, einer ArtThron, über dem ein Kreuz und Lilien angebracht sind. Der Fallen-wurf ist gut; Zöpfe bedecken auf beiden Seiten die Schultern. Zweiniedrige Säulenstümpfe, ebenfalls aus dem alten Saal, tragen die bei-den hölzernen Pfeiler, worauf, dem Orgelchor gegenüber, der Ledner(Emporbühne der Ledigen) ruht. Hier und da ficht man eingemauertealte Kapitälcr und Köpfe aus dem 10. Jahrhundert.

Ein unterirdischer gemauerter Gang, der zum Theil noch vorhandenist, führte aus dem Saal in die Kirche. Hinter derselben, am zweitenkleinen Thurm, ist das Wahrzeichen von Nieder-Jngelheim, ein Wolfder ein Lamm zwischen den Vordertatzen hält, um es zu zerreißen. Karlsdes Großen Grab soll, während der ersten sechs Jahre nach seinem Tobe,in der Kirche zu Jngelheim gewesen sein. Neben dem Saal, vorzüglichauf der Abendseite, sieht man noch bedeutende Neberreste von alten Mauern,Graben und runden Thürmen; auch auf der Mittagsseite find noch Spu-ren von Mauern. Die katholische Pfarrkirche hat nichts Beachtenswcrthes.Die vorzüglichsten Gasthäuser in Nieder-Jngelheim sind- Post oder grünerBaum, goldner Löwe, Hirsch, Stadt Bingen und Stadt Kreuznach.

Ober-Jngelheim. Zwanzig Minuten weiter oben an der Setzligt das Städtchen Ober-Jngelheim, 325 Fuß über dem Meere, vonMauern umschlossen, die zum Theil noch mit Thürmen versehen sind,und mit 2600 Einwohnern, wovon etwa 1600 Evangelische, 700 Katho-liken, 200 Juden und einige Mennoniten. Sehenswerth ist die uralte

Kirche mit vielen Denkmälern, Grabschriften und bunten Fenstern, aufwelchen letzten Begebenheiten aus dem Leben Karls des Großen dar-gestellt sind. Auf dem Rathhause zeigt man den Turnier-Sattel diesesKaisers. Lage und Ansicht von Ober-Jngelheim habe» etwas sehr Ro-mantisches. Die Entfernung dieses Ortes von Mainz beträgt 3'/^ undvon Bingen 2'/ Stunden. Das beste Gasthaus ist der Brunnen.

IohanniSberg. In einer andern Richtung gelangt man von Win-kel in einer halben Stunde nach dem Schlosse Johannisberg, vorüber andem hübschen Landhause des Weinhändlers Mumm. Jenes Schloß, inneuerer Zeit um ein Stockwerk erhöht, befindet sich ans dem Scheitel ei-nes bis auf 340 Fnß über den Rhein ansteigenden Vorhügels*), dessenAbhang Oberberg genannt, auf eine Ausdehnung von 63 Morgen dieBlume aller Rheinweine, den berühmten Johannisbergcr, erzeugt. Seindurchschnittlicher Ertrag wird auf 25 Stückfaß, jedes zu 1300 Flaschen,berechnet und der Werth desselben auf 23,000 bis 24,000 st. In gutenJahren kann man das Doppelte annehmen. Die Flasche Johannisbergcrerster Qualität, mit blauem Lack gesiegelt, wird an Ort und Stelle mit>1 fl., lie mit Goldbronzelack mit 7'/^ st., mit Silbcrbronze- und mitGoldlack mit 7 fl. und die zweiter Qualität mit 4, 3 und 2H^ fl. bezahlt.

Früher war das Schloß eine 1106 gestiftete Benediktinermönchs-Abtei.Sie kam 1716 an Fulda, 1802 an den Fürsten von Nassau-Oranicn,1807 an den Marschall Kellermann und 1816, als östreichisches Lehen,an den Fürsten von Mettcrnich. Das Schloß ist jetzt im Innern vielschöner und wohnlicher eingerichtet, als früher. Die damit zusammen-hängende Kirche ist klein aber hübsch. Die Aussicht vom Altan desSchlosses und aus den Fenstern der Ecksäle ist wunderschön, vorzüglichgegen Bingen und das Nahelhal. Von dem in der Nähe des Schlossesgelegnen Nonnen-Kloster St. Georgcn-Klause, ist nur noch weni-ges Gemäuer vorhanden.

Das seitwärts gegen einen Thaleinschnitt bcsindliä e Dorf Johannis-berg hat über 900 Einwohner. Es ist der Geburtsort teö 1836 in Wies-baden gestorbenen Schriftstellers Weitzel.

Geisenheim, Flecken von 2500 Seelen. Er verkündet sich durchseine neue, im gothischen Stpl, mit zwei hübschen Thürmen erbauteKirche, als ein freundlicher, wohlhabender Ort, dessen schon im 7. Jahr-hundert gedacht wird. Hier befinden sich die Landsitze des Grafen vonJngelheim, des Frciherrn von Zwierlein (bei dem seine Nichte, die alsDichterin und Schriftstellerin rühmlich bekannte Stiftsdame Adelheid vonStolterfoth wohnt) und die Häuser der Weinhändler Dressel, Lade w.Den Namen soll der Ort von zwei im Rhcine gelegenen Inseln, dergroßen und kleinen Giese, erhalten haben. Auf einer derselben, derLützelau, wurden in frühesten Zeiten die Gaudingen oder Gerichtstagegehalten, welche später nach Klingelmünde und im 14. Jahrhundert nachEltville verlegt wurden. Das alte Gebäude, worin der Veranlasset deswestfälischen Friedens, der Kurfürst von Mainz, Johann Filipp von Schön-born, gewohnt, befindet sich am obern Ende des Ortes gegen Winkel.Das Grabmal dieses ausgezeichneten Mannes ist in der Kirche.

Marienthal. Geht man dem Klingelbach entgegen, so gelangtman in V» St. dnrch ein hübsches Thälchcn nach dem Kloster Marien-thal, in dessen Nähe, wie in jener des ehemaligen Klosters Nothgottes,sich alldeutsche Grabhügel befinden. Die Gebäude des ersten, dem Frei-herrn von Gilsa gehörig, stehen verödet. Von der gothischen Kirche istdas Dach eingestürzt, doch wird der Altar von Zeit zu Zeit noch zumGottesdienst benutzt. Ein alter Grabstein eines Ritters von Hohenwicsel,mit der Jahreszahl 1485, das romantische Thal und der schöne Wald-kranz ringsum, im Frühling von zahllosen Nachtigallen belebt, machendiesen Punkt sehr interessant. Zu Ende des 15. Jahrhunderts bestandhier die Buchdruckerei der Brüder des einsamen Lebens (Kogcl-Herren)aus der einige jetzt sehr seltne Werke von 1468 bis 1474 hervorgegangensind. Wegen seines wundcrthätigen Marienbildes bemächtigten sich 1612die Jesuiten dieses Klosters, das 1624 abbrannte und seitdem nie ganzhergestellt wurde.

Riidesheim. Stadt und Amtssitz, mit 2600 Einw., mehre mittel-alterliche und sogar ein römisches Bauwerk, in dem ungeheuern Stein-

Mil der Terrasse ist das Schloss noch öS Zuss yohcr.