12S
wissen nämlich, daß das heilige Evangelium ein Gesetzder Liebe sey, welche den Nächsten nicht verdammt, nicktvorschnell richtet, sondern mit aller nur dabei möglichenMässigung ihn beschnarcht.
Nicht wir allein sind es, welchen über die Prädi-kanten Zweifel aufgestoßen. Welche Beschaffenheit es mitihren Predigen habe, weiß ich nicht; doch so viel höre ich,daß es in dieser Stadt viele Menschen gicbt, welche bei-nahe in Verzweiflung gejagt worden sind, und ein tiefesGrauen fühlen, diese Kanzelreden ferner anzuhören. Dennsie behaupten, durch dieselbigen so betäubt und verwirrtworden zu seyn, daß sie nicht mehr wußten, was sie glau-ben sollten, und daß sie gern um vieles Gold es zurück-erkaufcn möchten, niemals eine solche Predigt angehörtzu haben. Auch wir haben bereits bei hundert und eilfvon dieser Art gehört, und bisweilen, in Gegenwart Eu-rer Weisheit, über vier Stunden lang den Vortrag desDoktors Andreas Oslander. Daneben lasen wir auch dieSchrift von Doktor Wenzeslaus und schrieben sie ab.Aus allen diesen Sachen haben wir uns hinreichend Be-lehrung über das Fundament, die Gesinnung und denZweck derselben verschafft. Doch wir sind viel zu schwach,um gegen so grosse Doktoren im Disputiren bestehen zukönnen. Was wir auch sagen möchten, stets würde esheißen, wir seyen vom Zrrthum befangen. Dies ist da-her denn auch die einzige Ursache, warum wir bis jetztmit jenen Prädikanten nicht viel Worte verlieren wollten,damit wir uns nicht in unfern eigenen Worten verstrick-ten und jene die Gelegenheit ergriffen, viel darüber inihre» Predigten zu deklamiren.
33) Link.