bestimmen zu wollen, wäre wohl citeles Bemühen; denn auf diesemFelde sind es nur Sagen, die uns führen. Jede historische Nachrichtgeht uns hier ab. Diesen Umstand hat auch der Alles verschönerndeund vergrößernde Mythus treulich benutzt und den Ursprung der Stadtbis in die frühesten Zeiten hinaufgeführt. Weltbekannt ist ja die aufdem Gasthause „zum rothen Hause" prangende Inschrift:
Kaum weniger prahlerisch ist jene Sage, die die Gründung derStadt dem Trcbeta, einem angeblichen Sohne des Ninus und derScmiramis, um 1000 vor Roms Erbauung, zuschreibt. Doch waswir auch immer von diesen Sagen halten mögen, soviel ist gewiß:Trier ist eine sehr alte, ja wohl die älteste Stadt Deutschlands. Cä-sar schildert sie uns als eine mächtige Stadt, als die Hauptstadt derkriegslustigen und tapfern Trcvirer mit wohlgeordneten Zuständenund Einrichtungen. An der Spitze der Stadt und des ganzen Volkesstand ein nach germanischer Sitte gewählter Fürst, ihm zur Seite derRath der Vornehmen. Dieser Senat, wie Cäsar ihn nennt,bestand auch in der römischen Zeit fort. Noch vom Jahre 275 n. Chr.haben wir ein Schreiben, das vom Senate zu Rom an den Senatder Trevirer gerichtet ist und so von dem Bestehen des letzteren eineunzweifelhafte Gewißheit gibt. Als eine Eigenthümlichkeit in der Zu-sammensetzung dieses Senates, wie wir sie sonst nicht finden, wirduns angegeben, daß nicht zwei Personen aus einer und derselben Fa-milie zu gleicher Zeit in demselben Sitz und Stimme haben konnten.Ebenso durfte der Fürst während der Dauer seines Amtes nie die Stadtverlassen, wenn nicht Regierungshandlungen ihn an einen andern Ortabriefen.
Im Jahre 58 v. Chr. war Cäsar in Gallien eingefallen undhatte sein Auftreten sogleich durch Unterjochung einiger gallischen Völ-kerschaften bezeichnet. Durch diese schnellen Siege gewissermaßen miß-trauisch auf ihr eigenes Kriegsglück gemacht, suchten die Trevirerdie Freundschaft Cäsars und erhielten sie auch. Wohl mochte es demschlauen Römer lieb sein, auf diese Art für jetzt noch die mächtigenTrcvirer aus dem Kampfe zu lassen, damit er um so leichter dieübrigen Völkerschaften dem römischen Joche unterwerfen könnte. Dochschon im 2. Jahre seines Aufenthaltes in Gallien fand er Schcin-gründe genug, auch die Trcvirer in den Kampf ziehen zu können.Innere Unruhen unter den Trevirer» selbst machte» ihm die Arbeitum so leichter.
Cingetorir und sein Schwiegervater JndutiomaruS strittennämlich um die Oberherrschaft. Kaum hatte Cingetorir das Anrü-cken Cäsars erfahren, so begab er sich in das Lager desselben underbot sich ihm, die Stadt in seine Hände zu liefern. Auch Jndutio-maruS ließ das Versprechen geben, sich unterwerfen zu wollen. Da-mit war aber Cäsar nicht zufrieden, sondern lockte den Jndutio-maruS mit den Vornehmsten des Landes als Geißeln in sein Lager.Hier merkte der betrogene Trcvir bald die Absichten des Römers,der keinen andern Zweck hatte, als die vornehmen Trierer mit Cin-getorir zu verbinden, und floh. An der Spitze germanischer undgallischer Völkerschaften griff er jetzt, nachdem er seine» Schwieger-sohn zum Landesvcrräther hatte erklären lassen, ein verschanztes Lagerder Römer, welches unter den Befehlen des Legaten Labienus stanv,an den Ufern der Maas an, verlor aber Sieg und Leben.
Die Trevirer ließen sich durch dieses Unglück doch nicht muthlosmachen und versuchten von Neuem das unbeständige Kriegsglück. Siebeabsichtigten, den Labienus, der nach dem Treffen an der Maas anden Grenzen des Landes die Winterquartiere bezogen hatte, zu über-fallen und ihn gänzlich zu vernichten. Doch Cäsar wurde von diesemVorhaben unterrichtet und vereitelte es. Er sandte dem Labienuszwei Legionen zu Hilfe, und dieser suchte nun durch List die Trevi-rer über einen kleinen Fluß, der zwischen beide» Lagern floß, zu lo-cken und zum Angriff zu verleiten. Dieß gelang ihm vollkommen.Durch einen verstellte» Rückzug des Labienus irre geführt, überschrit-ten sie, noch ehe die erwarteten Hilfstruppen aus Deutschland ange-kommen waren, den Fluß. Labienus zieht sich immer mehr zurück,bis der Zeitpunkt zum Angriff ihm günstig dünkt. Jetzt dringt er vonallen Seiten unerwartet auf die Trevirer ein und bringt ihnen eine
gänzliche Niederlage bei. Die Oberherrschaft der Römer über dasLand war die Folge dieses Sieges. Nach einigen Tagen zogen dieRömer in die Stadt ein, und Cingetorir verschmähte es nicht, ausden Händen fremder Eroberer die Schcinherrschaft über sein eigenesLand zu übernehmen. Von nun an waren beständig römische Be-satzungen in der Stadt und im Lande. Im Jahre 51 v. Chr. bliebLabienus selbst mit zwei Legionen als Besatzung hier zurück.
Jedoch waren die Trcvirer jetzt noch keineswegs ruhige Unter-thanen der Römer. Nach zweien weniger bedeutenden Versuchen, diesie unter Augustus und Tiberius gemacht hatten, das römische Jochabzuschütteln, gewann ein dritter Aufstand im Jahre 70 n. Chr. unterClassicus und Julius Tutor größere Ausdehnung und Bedeu-tung. Diese schloffen nämlich in dem angegebenen Jahre zu Cölnunter sich und mit dem Bataver Civilis, der schon ein Jahr mitGlück seine Waffen gegen die Römer versucht hatte, ein Bündniß, umso mit vereinten Kräften die Römer aus Gallien zu verdrängen.Sieg krönte wirklich alle ihre Unternehmungen, allein eben dieses Glückführte ihren Untergang herbei. Sie wurden uneinig wegen des Ober-befehls und zugleich sorglos.
Unter diesen Umständen erschien Petilius Cerealis als neuerOberfcldherr der Römer. Er benutzte diese Sorglosigkeit der feind-lichen Heerführer, sie einzeln anzugreife» und zu vernichten. Zuersterlag Tutor, der bei Bingen an der Nah eine Stellung eingenom-men hatte, seinen Streichen. Von da zog er gegen den andern An-führer der Trevirer, Valentian. Dieser hatte auf Befehl desCivilis und Classicus unweit Trier bei Riol ein verschanztesLager bezogen, um jede Entscheidung vermeiden zu können. AlleinCerealis greift ihn mit einem starken Heere an, seine Legionen drin-gen in die Verschanzungcn ein, schlagen die Trevirer gänzlich undnehmen ihren Anführer gefangen. Am folgenden Tage rückt der sieg-reiche Feldherr in Trier ein und nur mit Mühe konnte er die Sol-daten von der Zerstörung der Stadt abhalten. Nach vergeblichen Un-terhandlungen mit Cerealis rücken Civilis und Classicus zumEntsatze von Trier an. Ganz unerwartet greift ein Theil der Ver-bündeten vom Gebirge herab, ein anderer zwischen der Landstraße undder Mosel mit solcher Kraft an, daß die Römer Lager und Fahnenverließen, und die Angreifer sogar die Moselbrücke besetzen konn-ten. Cerealis, aus dem Schlafe geweckt, konnte die Nachrichtkaum glauben. Eilig begibt er sich auf den Kampfplatz, sammelte ei-nige Flüchtlinge und drang mit diesen, unter einem Pfeilregen derFeinde, auf die Brücke ein. Das Glück begünstigte sein kühnes Unter-nehmen; es gelang ihm, die Brücke zu nehmen und wieder einige Co-horden zu bilden. An der Spitze der tapfern ein und zwanzigsten Le-gion, die in Keilform aufgestellt gegen den Feind anrückte, brachte erendlich die Verbündeten zum Weichen und trieb sie in die Flucht. Selbstihr Lager fiel in die Hände der Römer.
Mit dem Ausgange dieses Kampfes schließt der Aufstand der Tre-virer, wenigstens insoweit er uns berührt; denn Classicus, Tu-tor und Civilis ziehen sich nun nach Batavien zurück und kämpftendort mit abwechselndem Glücke, bis es Cerealis durch die Künste derUnterhandlunge» dahin brachte, daß die Bataver einen besondernFrieden für sich mit den Römern schloffen, ohne weiter auf die Frei-heit der übrigen gallischen Völkerschaften zu achten. Auf welcheWeise die Trevirer nach diesem Frieden zur völligen Unterwerfunggebracht wurden, können wir nicht angeben, da uns hierüber durch denVerlust eines Theiles der Werke des Ta citus jegliche Nachricht mangelt.
Von nun an fügten sich die Trevirer geduldig dem römischenJoche; wenigstens machten sie keinen Versuch mehr, dasselbe abzuschüt-teln. Sie mochten sich wohl auch um so eher über den Verlust ihrerFreiheit trösten, da sie, namentlich in späterer Zeit, so viele materielleVortheile aus der römische» Herrschaft zogen, und wie zu unsernZeiten, so haben diese zu allen Zeiten einen mächtigen Einfluß auf dieGesinnungen der Menschen ausgeübt. Diese Vortheile entsprangenaber aus der politischen Organisation, die Gallien unter denRömern erhielt. Es wird daher hier der geeignetste Ort sein, diesel-be, soweit sie Trier betrifft, etwas näher ins Auge zu fassen.