(mündlich und wohl auch öffentlich geführten) Verhandlungen der geist-lichen und weltlichen Gerichtsbarkeit. Endlich fanden sich Säulengängeund prächtige GaUericn für Wächter, Soldaten und die zahlreichen Die-ner. Den Haupteingang zierte die stolze Inschrift- „Hier ist der Sitzdes Reichs diesseits der Alpen." (Uio seile« regni trsn« Iislietnr).
Von hier aus unternahm der große Karl seine zahlreichen Feldzüge, ge-gen Longobarden, Sachsen, Slaven, Hunnen, Böhmen und Normannen,von hier ans verfolgte er standhaft die Pläne, die ihn zum alleinigenHerren vom Ebro bis zur Theiß, zum gewaltigsten Herrscher machten,den die Christenheit je gekannt. Einen besonderen Reiz verliehen diewarmen Quellen diesem Aufenthalt für ihn. Er hatte, wie sein BiographEginhard erzählt, vielen Gefallen an dem Dampfe der mit natürlicherWärme hervorsprudelnden Wasser und bewegte sich durch häusiges Schwim-men darin. Nicht nur seine Söhne, sondern auch Vornehme und Freunde,zuweilen selbst Bediente und Wächter lud er zum Baden ein, so daß bis-weilen hundert und mehr Menschen zugleich im Wasser waren. *) Undwie bei ihm, — und das war vielleicht beim damaligen Standpunkte derCultur das belebende, befruchtende Moment all seiner großartigen Tha-ten, — stets das geistliche Element dem weltlichen die Hand reichte, soerbaute er auch in den Iahren 79k — 804 die aachener Münsterkirche imgroßartigsten Style damaliger Zeit, und mit deren äußerster Pracht.Von Rom und Ravenna wurden Marmorsäulen herbeigeholt, die Steinezum Theil den geschleiften Mauern Verduns entnommen. Ein bedeckterGang verband die Kirche mit der Pfalz. 804 fand die feierliche Ein-weihung durch Papst Leo III. zur Ehre Unserer lieben Frauen statt, vonder die Sage meloct, daß so viel Bischöse als Tage im Jahr erschienenseien, bis auf zwei, weshalb zwei längst verstorbene aus ihrem Grabezu Mastricht herbeigeeilt seien, die Zahl zu füllen. (Daher noch derName Klappergasse einer kleinen Straße in des Domes Nähe, durch dieihre klappernden Gebeine dahingezogen.) Daß so von allen Seiten,was weltliche und geistliche Macht, was Kunst und Wissenschaft in jenenTagen gekannt, nach Aachen hingeströmt, war bei Karl's Sinne undEinfluß auf die ganze damalige Welt natürlich. 790 wird die Anwesen-heit zahlreicher Gelehrten in Aachen, wobei Alcuin den Vorsitz führte,807 die Ankunft der Gesandten Harun al Naschid's mit reichen Geschenken,8l1 die der Abgeordneten des griechischen Kaisers Niccphor gemeldet.Nachdem Karl durch die Kaiserkrönung wie zum König der Könige er-hoben worden, brachte er die letzten Lebensjahre fast ausschließlich indem geliebten Aachen zu. Vor seinem Tode (8l3) berief er seinen einzigihm gebliebenen Sohn Ludwig von Aquitanien (Ludwig den Frommen)zu sich, und ließ ihn im aachener Münster feierlich zum Kaiser krönen.Im Januar des nächsten Jahres ergriff ihn ein heftiges Fieber, dessenKur durch die gewohnte Arznei, strenge Diät, ihm nicht gelang. Am7. Tage wurde die Krankheit entschieden tödtlich, und schon in der fol-genden Nacht, den 28. Januar 814 entschlief der große Kaiser ergebenenSinns unter den Worten: „Herr, in deine Hände befehle ich meinenGeist!" — im 72. Jahre seines Alters, im 47. seiner unerreichtglorreichen Regierung. Mancherlei Vorbedeutungen sollen, wie Eginhardberichtet, des Kaisers Hinscheiden vorher verkündet haben; so fiel der Gangzwischen dem Dom und Pallast zu Aachen am Himmclfahrtstage 813plötzlich zusammen, der Blitz traf das Münster selbst und schmetterteeinen goldenen Reichsapfel von des Daches Spitze herab; von der inner-halb befindlichen Inschrift „e»r»luz l>,i»<:„i>«" soll das letzte Wort gänz-lich erloschen sein. Des Kaisers Leiche ward einbalsamirt und in derDomgruft beigesetzt; dort saß Karl in kaiserlichem Ornat, das Schwertzur Seite, die Krone auf dem Haupt, das Evangelienbuch im Schooß,auf goldbedecktem Throne; Zepter und Schild lagen zu seinen Füßen,und ihn umfing der Kaisermantel und die große Pilgertasche, die er auf
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seinen Reisen »ach Rom stets trug. Die Gruft selbst, mit Goldteppichenausgeschmückt, wurde geschlossen und auf ihr ein Trauerdenkmal errichtetmit der Inschrift: „In dieser Gruft ruhet der Körper des großen undrechtgläubigen Kaisers Karl, der das fränkische Reich herrlich vergrößerteund 47 Jahre glücklich regierte."
So umschlossen Aachens Mauern noch im Tode den Mann, welcherder Stadt ihren Platz in der Weltgeschichte verliehen, der sie groß undherrlich gemacht, der ihr erlaubt hatte, später die stolze Umschrift ihresWappens (des Reichsadlers) zu führen: „Die Stadt Aachen, die könig-liche Stadt, der erste Sitz des Reichs, der erste Hof der Könige."
curi»). Mit Karl entschwand die größte Glorie für Aachen, der Glanz-punkt seiner Geschichte, dem auch darum hier mehr Raum verliehen wor-den, als sonst deren Momenten vergönnt werden kann.
Zwar weilte Karls Sohn nnd Thronfolger Ludwig öfters in AachensRingmauern, zwar versammelten er und seine Nachfolger dort noch ihremächtigen Vasallen zu den Reichstagen, zwar wurden, außer den zu desgroßen Kaisers Zeiten in den Jahren 789 und 809 in Aachen gehaltene»Coneilicn und Synoden, deren auch nach seinem Tode, nämlich in denJahren 816 , 817 , 836 , 862 und 1021 dort gehalten, — sein großerGeist war wie der Erde, so auch seiner Stadt entschwunden, die unterden karolingischen Königen fast nur mit Kriegen und Widerwärtigkeitenzu kämpfen hatte. Namentlich waren es die Normannen, von denenAachen viel litt; sie erschienen dort 882, 888 und in den folgenden Jah-ren, und bezeichneten ihre erste Erscheinung durch völlige Zerstörung derKaiserpfalz, Verheerung der Münsterkirchc und Verbrennung der Stadt.Erst mit dem Jahre 936 begann für Aachen wieder eine glücklichere Zeit.Damals wurde nämlich dort Otto I. zum deutschen König von den ver-sammelten Herzogen der deutschen Fürstenthümer gewählt und von Erz-bischof Hildebert von Mainz mit der größten Feierlichkeit im Münstergekrönt. Kaum hatte sich hiervon die Kunde verbreitet, als glückwünschendeGesandte aus Constantinopel, Rom und Spanien erschienen; so großwar damals noch das Ansehen der deutsche» Könige. Otto zeigte seinWohlwollen gegen Aachen durch fortwährende Frcigebigkeiten, besondersals er im I. 961 seinen siebenjährigen Sohn Otto dort krönen ließ.Mit welcher Gastfreiheit er damals Hof gehalten, melden die ^>»>, 8»x.(p?g. 968), nach deren Zeugniß täglich an seinem Hofe 1000 Stücketheils Schafe, theils Schweine, 8 Ochsen, >0 Fuder Wein und Bier,1000 Malter Getraide und so andere Nahrungsmittel im Verhältniß ver-braucht worden sein sollen! Unter seiner Regierung, 974, wurde auchdie Abtei Burtschcid, jetzt ein blühendes Städtchen dicht vor AachensThoren, durch Gregorius, den Bruder von des Kaisers griechischer Ge-mahlin Theophania, gestiftet. Sein Nachfolger Otto II. wurde gleichim ersten Jahre seiner Regierung, als er sich in seinem Pallaste zuAachen eben zu Tische setzen wollte, von dem französischen König Lotharunvermuthet überfallen, und zur schleunigen Flucht nach Köln gezwungen.Lothar ließ seinem Heere freies Spiel, das dann drei Tage hindurchAachen und die Umgegend auf's Schrecklichste ausplünderte und verheerte.Beim Abzüge ließ Lothar den auf der Spitze des kaiserlichen Pallastesstehenden Adler wegnehmen, und denselben durch einen fränkischen Hahnersetzen, dessen Kopf er nach Frankreich hinwenden ließ, zum Zeichen,daß die wichtige Stadt von nun an zu Frankreich gehören sollte. Dochbald rückte Otto's Kriegsheer an, Aachen wurde wieder besetzt, und Lo-thar selbst mußte hart bedrängt um Frieden bitten. 983 wurde Otto III.zu Aachen gekrönt. Im Jahre 1000 dort wieder angelangt, lies er un-ter den Trümern der von den Normannen zerstörten KrönungskircheNachforschungen nach Karls des Großen Grabe anstellen, und fand zu-letzt dasselbe unversehrt wieder. Es wurde geöffnet, und darin (186 Jahrenach seiner Beisetzung) der große Kaiser noch in eben der Pracht aufseinem königlichen Stuhle gefunden, in der er beigesetzt worden. Otto