Es war ehedem viel reicher an Kriegsseltenbeiten, als es jetztist; doch enthält es noch immer, nach den wiederholten Plün-derungen im siebenjährigen Kriege, einen zahlreichen Vor-rath von Artillerie, eine große Anzahl seltener Gewehre,allerlei Gattungen von Armatur und so viele Haudgewckre,daß ein sehr starkes Eorps damit bewaffnet werden konnte. Deruntere Raum des Gebäudes ist gewölbt und für die schwerenGeschütze bestimmt. Ueber dem Gewölbe sind zwei eben sogroße Säle, worin Gewehre aller Art auf Gerüsten und anden Wänden Waffen aus alten und neuen Zeiten aufgestelltsind. In den obersten Theilen des Zeughauses befindet sichdas allgemeine Montirungsmagazin für das kurfürstliche Ar-meecorps.
An das Zeughaus stößt die Artillerie- oder Kloster-Kaserne, ein im klösterlichen Style der früheren Jahrhun-derte errichtctetes massives Gebäude, welches in der Vorzeit zueinem Kloster diente und von dem vorbeifließenden Ahnaflüß-chen den Namen Kloster Ahnaberg führt. Die Baufällig-keit dieses Gebäudes sowohl, als auch die Unregelmäßigkeitder übrigen, zerstreut um das Zeughaus und den Klosterhofgelegenen, Werkstätten und Schoppen-Gebäude, welche kein ge-schlossenes Ganze bildeten und höchst unangenehm in die Au-gen fielen, veranlaßte vor etwa einem Jahrzehnt den Kurfür-sten Wilhelm II. ein Projcct zu einem neuen Artillerie-Eta-blissement anfertigen zu lassen, welches auch, wenn gleich miteinzelnen Abänderungen, zum Theil bereits ausgeführt wurde.Seitdem entstand auch westlich vom Zeughause eine neue 80Fuß breite und 600 Fuß lange Straße, genannt die neueArtillerie-Straße, welche später, mit der durch den Ab-bruch des Rathhauses zu bewirkenden breiteren Straße ver-einigt, eine Hauptstraße von und zu dem Marktplatz bildenwird. — Der Artillerie-Kaserne schräg gegenüber, nahe amWeserthorc, liegen die Ruinen des im Herbste 1836 bis aufseine Ringmauern abgebrannten Gießh au ses, welches in denJahren 1704 bis 1707 unter dem Landgrafen Earl erbautworden war. (An die Stelle dieses herrschaftlichen Gießhau-ses, dessen Wiederaufbau nicht zu erwarten steht, ist seitdembei der großen Maschinen-Anstalt von Henschel und Sohn einanderes vollendeteres Gebäude der Art, in Kreuzform und ge-wölbter Deckung ohne alles Holzwerk, getreten.)
Die Unterneustadt enthält von sehenswerthen öffent-lichen Gebäuden nur das Kastell, ein Staatsgefängniß mitWall, Graben und einer Zugbrücke versehen, die Unterneu-städter - Kirche, an einem großen ovalen Platze zunächstbeim Leipziger Thor, welche im Jahre 1801 bis 1808 erbautwurde, und das reformirte Waisenhaus, an welchesein durch die Stadtmauer begränzter großer Garten stößt.
An die Menge architektonischer Sehenswürdigkeiten, welcheKassel in einem Maaße, wie nicht leicht eine andere Residenzvon gleichem Umfange in sich schließt, reihen sich nun noch dieschönsten Natur- und Kunst-Anlagen in seiner Umgebung, umes zu einem der anziehendsten und unterhaltendsten Aufenthalts-orte zu machen. Wir können natürlich hier nur die wichtigstennennen: die Orangerie mit dem Marmorbade und den Au-garten, den Schelhasischen Kunstgarten — eins der lieblichsten
plastischen Landschaftsgemälde in Miniatur —, die Felsenkeller-Bier-Gärten, die reizende Villa Augustenruhe, auch Schönfeldgenannt, das Lustschloß Wabern, Schloß und Garten Wilhelms-thal, den Gesundbrunnen Hofgeismar mit dem Schloße Schön-burg und vor allem das kurfürstliche Lustschloß Wilhelms-höhe, welches unstreitig mit seinen herrlichen Anlagen denersten Rang einnimmt und daher auch hier nähere Erwäh-nung verdient. Natur und Kunst scheinen hier gleichsamgewetteifert zu haben, ein irdisches Paradies zu schaffen,und mit Recht werden diese Anlagen, die nur jetzt nichtganz mehr im vorigen Zustande sind, zu den merkwürdig-sten in ganz Europa gezählt. Eine Lindenallee führt zwi-schen Häusern und Gärten von Kassel bis an den Fuß desHügels, wo die Anlagen beginnen. Diese selbst erheben sichdann allmählig bis zum Gipfel des Habichtswalder Gebirgs, undgewähren entzückende Aussichten in das weite reizende Thal,in dessen Mitte die Residenz liegt, und welches sich über dasUfer der Fulda hin bis zum Sörewald erstreckt. Unsere Auf-merksamkeit nimmt zunächst das am Eingange der ganzen An-lage liegende prachtvolle Lustschloß in Anspruch. Den südwest-lichen Flügel desselben ließ Kurfürst Wilhelm I., bald nach sei-nem Regierungsantritt (im Jahre 1787) an die Stelle desälteren Weißensteiner-Schlosses durch du Ry erbauen. Der-selbe ist 172 Fuß lang, 66 Fuß breit und 65 Fuß hoch. DieFaeade desselben, welche 9 Fenster in der Breite hat, ist mitacht, 27 Fuß hohen, jomscheu Säulen geziert, welche aufeinem .24 Fuß hoben Soubassement stehen und durch Ba-lustraden mit einander verbunden sind. Letztere tragen wiederein plattes italienisches Dach, dessen Gesimse mit Vasen geziertist. Die schmale Seite ist abgerundet und mit 6 jonischenSäulen verseben, zwischen denen 2 Nischen mit den Statuender Luna und des Hespcrus angebracht sind. Später wurdewegen zu beschränkten Raumes, zunächst auf der nordöstlichenSeite ein zweites Gebäude errichtet, welches, äußerlich demersten vollkommen gleich, an seiner schmalen Seite die Statuender Aurora und des Apoll bat und dermalen den linken Flügeldes jetzigen ganzen Schlosses bildet. In den Jahren 1795 bis1798 ließ nämlich derselbe Fürst durch Jussow daö in derMitte stehende Hauptgebäude mit dem Namen Wilhelmshöheaufführen, welches an Pracht und Schönheit die beiden Neben-gebäude übertrifft. Es hat 220 Fuß Länge, 66 Fuß Tiefeund über 60 Fuß Höhe. Die Mitte der Faeade, nach Kasselzu, welche 15 Fenster in der Breite hat, ist durch 6 jonische462/z Fuß hohe und über 5 Fuß dicke, freistehende Säulen,welche ein Fronton tragen, geziert. Die innere Seite, nachdem Karlsberge zu, hat einen ähnlichen, auf eben so vielen jo-nischen Säulen von gleicher Größe ruhenden Portikus, mitder Inschrift: XVillielmus LI. vnnäiäit, zu welchem man auf12 Stufen aufsteigt, und unter demselben eine Rampe zumVorfahren. Früher war dieses Hauptgebäude mit den beidenandern blos durch zwei halbzirkelförmige Arkaden verbunden,welche nur die Höhe des ersten Geschosses hatten, vor einigenJahren aber hat Kurfürst Wilhelm II. dieselben bis zur Höheder Flügelgebäude ausbauen und mit dem Schloße in Verbin-dung setzen lassen, wodurch dasselbe etwa 750 Fuß Länge im