Druckschrift 
4 (1843)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

In den alten Residenzen der ehemals geistlich-weltlichenKirchenfürsten findet man gewöhnlich viele Stifte, Klöster undAsyle der Dürftigen und Nothleidenden; so auch in uuserer alt-ehrwürdigen Hildesia. Vor der Glaubenstrennung (1542)hatte sie außer einem Domstift, das reichste mit in Deutschland,und vier Collegiat-Capitteln, nämlich dem zum heil. Kreuz-,St. Johann-, St. Andreas- und St. Magdalenen-Capittel,auchSchüsselkorb" genannt, zwei Benediktiner-Abteien, einFranciscaner, und Dominicaner-Kloster, ein Kloster für büßendeSchwestern, ein Fraterherrn- und Alerien-Haus, auch nochvier Kirchen und viele Curien-Capellen. Mehre von diesenStiftungen wurden durch die Einführung der Reformation zer-nichtet, sechs Kirchen für den neuen Cultus bestimmt; dieübrigen blieben den Katholiken zum Gebrauch. Drei von denGotteshäusern sind dermalen den evangelischen Gemeinden augs-burgischer Confefsion verblieben; die St. Michaelis-, St. Georgi-und St. Pauli-Kirche sind nach dem Jahre 1810 profanirt.Erstere in ihren unserhaltenen Theilen das schönste Denkmalaus der byzantinischen Bauperiode, vom Bischof St. Bcrnwardin dem Zeitraume von 1001 bis 1022 erbaut, etwa wie derDom zu Bamberg, dient jetzt zum Vcrgnügungsplatze für Ge-mülhskranke. Die St. Gcorgi-Kirche, ursprünglich eine nachSt. Andreas gehörige Capelle, ist der Erde gleich gemacht undan ihrer Stelle sieht mau den neuen Packhof; das Gebäudeder St. Pauli-Kirche ist in ein Kornmagazin umgewandelt.

Die St. Andreas-Kirche, die protestantische Hauptkircheder Stadt, ist ein großes im deutschen Styl ausgeführtes drci-schiffiges Gebäude (der älteste Theil desselben ist aus den Jahren1022 bis 1038, das Mittelschiff nach dem Jahre 12K0, derChor 1389 erbaut), hat aber einen unvollendeten Thurm,dessen Ausbau durch die im Jahre 1519 ausgebrocheue Stifts-fehde nicht zu Stande gebracht werden konnte. Im Jahre >200wurde bei ihr ein Collcgium von 12 Canonicis gestiftet, welches1810 aufgehoben wurde; und das neben selbiger gelegene Gym-nasium-Andreanum, erhielt im Jahre 1004 durch den KaufmannPeter Timpe seine Gründung. Die zweite Kirche, genanntSt. Jacobi-Kirchc liegt in geringer Entfernung nördlich von derSt. Andreas-Kirche und war bis zur Reformation eine nach ihrgehörige Capelle; sie ist gleichfalls im gothischen Styl (1504)aufgeführt und ihr spitzer, piramidenförmigcr Schieferthurm,der höchste der Stadt, ward erst im Jahre 1514 vollendet.Das dem heil. Martin geweihte und unweit vom Dome westlichbelegene dritte lutherische Gotteshaus ist eine FranciScancr-Kirche, deren Kloster um 1242 gegründet und im Jahre 154 '/?aufgehoben wurde; im Jahre 1547 bestimmte sie der Rath zurPfarrkirche und das neben ihr gelegene Kloster wurde im Jahre1091 zum Stadtwaisenhause eingerichtet.

Von ihrem in neuester Zeit in einem Rasenplatz umge-wandelten Kirchhofe führt ein kurzer Weg durch das sogenanntedüstere Thor nach dem schönen großen Domhofe, auf welchemdie an Kunstschätzen und Kostbarkeiten höchst reiche Domkircheliegt. Ihr kreuzförmiger Bau war um's Jahr 1001 durchBischof Hezilo vollendet; die Erweiterung der beiden Abseitendurch Capcllen-Aubauten fällt in's vierzehnte Jahrhundert. Siehat zwei Thürme; der eine, der größte, welcher über der west-lichen Faeade hervorragt, (dermalen wird er neu gebaut) trägt

ein 300 Centner schweres aus vier Glocken bestehendes Geläute,welches wohl das harmonisch-wohltönendste in ganz Europa ist:der andere steht inmitten auf der kupfernen Kreuzbedachnngund scheint, mit seinem stark vergoldeten Kuppcldache imSonnenglanze strahlend (eine Trophäe des Bischofs Gehrardwegen des über den braunschweigischen Herzog Magnus, ge-nannt Torquatus, am 3. Sept. 1307 erfochtenen Sieges), demWandrer schon aus weiter Ferne als ein Feuerball entgegen.Das Innere des Gebäudes, durch Säulen und Pfeiler in dreiSchiffe getheilt, mißt 209 Fuß Länge, 103 Fuß Breite, hateine Crypta mit einem silbernen Altar, über derselben einenhohen Chor, der in seiner daranstoßenden Schatzkammer silberneReliquiare, sogar aus dem achten Jahrhundert, goldene Kelcheeiner wohl der schönste in Deutschland wegen seiner antiken Ein-fassungen, und viele werthvolle Kostbarkeiten verwahrt. Fernerzeigt der Dom außer der sogenannten Jrmcnsäule, zweien großen17 Fuß hohen, 4 Fuß breiten und I'/- Zoll starken ehernenmit halberhabenen Bildwerken verzierten Thürflügeln, von St.Bernward's Meisterhand im Jahre 1015 gefertigt, und einem07 Fuß im Umfang haltenden und 72 Kerzen tragenden Kron-leuchter, an der östlichen Außenseite der Chor-Absis einen tau-sendjährigen Rosen stock, dessen Wurzeln unter dem Mitrel-Altare der Crypta ruhen.

Der westlichen Faeade des Domes gegenüber liegt das altesürstbischöfliche Schloß, in dessen obersten Stock die Justizcanzleyund das Consistorium 0. (!. seine Sitzungen halten; es ist unterden Churfürsten und hiesigen Bischöfen Joseph Clemens undClemens August, baierischcn Herzögen, restaurirt worden, trägtaber nichts architektonisch-merkwürdiges an sich. Die früherneben dem nördlichen Flügel gelegene Schloß-Capelle St. MariaMagdalena, auch Schüssclkorb genannt, zu der im Jahre >300ein Collegiat-Stift von vier Canonicis gegründet wurde, ist inneuester Zeit abgebrochen und ein Privathaus steht an ihrer Stelle.

Vom Domhofe östlich läuft durch einen thorartigen Ueber-bau (ein ähnlicher befindet sich, wie gesagt, gen Westen vonder St. Martini-Kirche her) in gerader Richtung die Kreuz-straße zur gleichnamigen Kirche, welche auf einer mäßigen An-höhe steht; gegenwärtig ist sie nur eine katholische Pfarrkirche,vom Jahre 1079, dem GründungSjahre, bis 1810 bestand aberbei ihr ein Collegiat-Capittel von 15 Chorherrn; unter den inselbiger aufbewahrten Hciligthümcrn befindet sich ein goldenesKreuz mit einer Parcelle vom Kreuzholze Christi, GeschenkHerzog Heinrich des Löwen. In einiger Entfernung vondiesem Gotteshause gen Süden, genannt im Brühle, liegt dasehemalige Capnzincr-Kloster, zuvor ein Fraterhcrrn-Haus undseit >834 das bischöfliche Priester-Seminar mit einer im Jahre1772 erbauten schönen Kirche. DaS fast neben ihm gelegenedreistöckige Hospitalgebäude, welches über hundert Hospitalitin-nen aufnimmt, ist seit 1840 errichtet worden.

Am äußersten Ende des südlichen Stadttheils, über demBrühl hinaus, ragt auf einer Anhöhe ein großes mit dreihohen piramidenförmigen Thürmen geziertes und im byzantinischenStyl aufgeführtes Gotteshaus empor, welches dem südwestlichenTheile der Stadt ein imposantes Ansehen gibt; es ist in denJahren 1133 bis 1180 erbaut worden und gehörte bis 1803dem neben ihm bestandenen Benedictincr-Convent zum heil.