Wilde
Hildcshcim, vor Alters Hildeneshem, bis zumSturze des deutsche» Reichs die Residenz des Fürst-Bischofs derhildesheimischen Diöcese, jetzt Provinzial-Stadt des KönigreichsHannover und Sitz eines Bischofs, liegt am Inncrstenflnsse, ineinem anmuthigen fast ringsum von Bergen umgebenen Thalc,und hat dem durch Kaiser Ludwig den Frommen im Jahre 18l8von Elze (Mulles villa) hierher verlegten Bischofssitze seineGründung zu danken.
Die Stadt, welche früher in die Altstadt, Neustadt undFreiheit, Immunität, getheilt wurde, besteht jetzt nur aus derAlt- und Neustadt, und hat mit Einschlust der 70 bewohntenGartenhäuser, 1022 wohnbare Gebäude. Ihre Einwohnerzahlbeträgt 14,73 t Seelen, und von diesen bekennen sich 0003 zumlutherischen, 5200 zum katholischen, 25 zum rcformirten und307 zum jüdischen Cultus.
Die Altstadt mit Einschluß der Immunität, welche sich vomStandpunkte der Neustadt aus in noed-nordwestlicher Richtungausdehnt, macht über zwei Drittheilc der ganzen Stadt ansund zählt mehr denn 40 mit Kalksteinen bepflasterte Straßen,welche wegen unregelmäßiger Lage und Bauart ihrer Häusereng, winklicht und schief sind und selten in breite Gassenauslaufen. — Die meisten Straßen haben zweistöckige mit rothenDachziegeln gedeckte Holzhäuser, unter denen auch wohl drei-stöckige angetroffen werden; massive Gebäude trifft man mitAusnahme des großen Domhofs nur hier und da selten an.Die alten Holzhäuser gewähren gemeinlich einen ärmlichen An-blick, indeß sie fesseln oftmals wegen der vielen an den Balkenund ans den unter den Fensterbrüstungen angebrachten Füllungenbefindlichen Bildhauerarbeiten, Scenen aus Heiligen-Legendenoder Profangeschichten, das Auge des vorübergehenden Wandrers.
Bemcrkenswcrthe Plätze hat die Altstadt nur drei: denMarktplatz und den großen - und kleinen Domhof. Der schönstevon diesen Plätzen ist der große Domhof. Er wird gen Südenvon der Domkirche, nördlich, östlich und westlich von massivenDomcurien umgeben, von denen die neuesten nach dem Planedes berühmten italienischen Baumeisters Joseph Cortogino aus-geführt sind. Einige von diesen Curien sind dem Bischof undEapittcl verblieben, die übrigen sind entweder zur Zeit derwcstphälischcn Fremdherrschaft von Privaten angekauft oder siegehören noch der königlich-hannoverschen Domaincn-Kammer,wie die Landdrostei-Gebäude, die Post, das landschaftliche HauSam Steine. Eine Lindenallee, welche in heißen Sommertagcnden Spaziergängern angenehme Kühlung gewährt, friedigt denschönen Platz von allen vier Seiten ein und in der Mitte des-selben erhebt sich auf einem 8 Fuß hohen, steinernen Picdcstallein 14 Fuß 0 Zoll hoher und 6 Fuß 4 Zoll starker ehernerSäulenschaft, der von dem Hochmeister aller bildenden Künstedes zehnten und cilften Jahrhunderts, St. Bernward, drei-zehnten Bischöfe von Hildesheim (reg. v. 003 bis 1022) ge-gossen ist. Die bildlichen Darstellungen, acht und zwanzigGruppen in halberhabener Arbeit, welche an diesem Sän-
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lenschaftc gesehen werden, beziehen sich ans die LebensgeschichteJesu und sind nach den heiligen Urkunden des neuen Bundesgefertigt. Sie schlingen sich mit einer linksgewundenen Streife,in achtmaliger Windung von unten nach oben, um die Säule,beginnen mit der Taufe des Herrn im Jordan, als seiner feier-lichen Einweihung zum Lehramt und enden mit dem Einzug inJerusalem. — Das erhabene, ehrwürdige Denkmal aus granerBorzeit steht seit 1810 auf diesem Platze und befand sich früherin der Kirche der Bcnedictiner-Abtei zum heil. Michael Hieselbst;iu den vandalischen Auftritten, welche hierorts der Einführungdes evangelischen Glaubensbekenntnisses vorangingen, wurde esthcilweise zerstört und 1050 am 10. Junius seines kunstvoll-gcarbcitcten Capitäls, auf welchem ursprünglich ein Crucifixgestanden, gänzlich beraubt.
Durch einen aus drei Bögen ruhenden Schloßanbau, dervon der ehemaligen fürstbischöslichen Wohnung nach dem Domeführt und dein zeitigen obersten Kirchenprälaten oder seinemStatthalter zum Kirchengange diente, ist der große Domhofvom kleinen getrennt; letzterer gewährt wegen seiner parkartigenAnlagen ein freundliches Ansehen und hat nur noch daS Bemer-kcnswerthe, daß hier unmittelbar an diesem Platze östlich das ehe-malige Jesuiten- jetzt Bischöfliche-Collcgium und Gymnasium liegt.
In weiter Entfernung nordöstlich vom Domhofe befindetsich der Marktplatz von vielen Kram- und Tnchlädcn umgeben.An diesem Platze östlich liegt das im deutschen Styl erbaneteRathhanS, dessen ältester Gcbändethcil noch der ersten Hälftedes ISten Jahrhunderts angehört, und vor demselben erhebtsich ein Springbrunnen mit einem achtseitigen mit Bildwerkenverzierten Bassin, welches im Jahre 1540 seine Gründungerhalten hat. Unter den diesen Platz umgebenden Gebäudenverdient außer dem südlich gelegenen Rolands-Stisthause, einvon dem hiesigen Nathsherrn Johann Erasmus Roland imJahre 1700 gegründeten Frauen-Kloster, das sogenannte „Tem-pelherreuhaus," worin jetzt Weinhandlung betrieben wird, wegenseiner originellen Banart bemerkt zu werden. Man hat es bisin die neuesten Zeiten für ein Tcmpclherrenhaus gehalten; alleinda sein Bau erst in die zweite Hälfte des 15tcn Jahrhundertsfällt, so ist seine Benennung wohl daher zu leiten, weil an ebendieser Stelle vor dem Jahre 1457 noch der erste Judcntempelgestanden hat; außerdem kann auch gar nicht nachgewiesenwerden, daß Mitglieder von diesem Orden hierorts ihren Sitzgehabt hätten. — Das einzige Privatgebäude, dessen beiläufignoch gedacht zu werden verdient, ist das Haus des 14,-. ConradLüdcken im Langcnhagcn. Seine mit vier lebensgroßen Statüen,mit vielen Medaillons und Emblemen verzierte Fronte soll wohlein Werk eines italienische» Meisters sein und ist nach den daranersichtlichen JahrSzahlen in den Jahren 1580 und 87 gearbeitetworden. Als im Jahre 1032 der kaiserliche General Graf vonPappenheim in die hiesige Stadt rückte, nahm er am 30. Sep-tember in diesem Gebäude während seines eilftägigen Hierseinssein Standquartier.