diese lebenden Probe- oder Muster-Karten sind eifrig bemüht,durch Ausposaunen und Anpreisen ihrer gewaltigen Leistungendas neugierige Matrosenvolk anzulocken; ihre Stimmen sinddurch tägliches Schreien völlig heiser geworden — dazu denkeman sich noch verschiedene obligate Trommeln und Trompeten,wildes Menschen- und Thiergebrüll, unmäßiges Jauchzen undLachen der Volksmenge, so kann man sich keinen tollern Lärmvorstellen. Immer wogt es hin und her vor den sämmtlichenSchaubuden; eine Menge Verkäufer drängen sich mit Körbenund beladenen Schubkarren stoßend, schreiend und dabei ihreWaare feilbietend durch die Gaffer hindurch. Bücher, Lieder,Bilder; Cigarren und Pfeifen; Würsten, Eier und Salzgur-ken — Alles wird zu gleicher Zeit von verschiedenen Indivi-duen ausgerufen. Hier ist ein Guckkasten aufgestellt, dort eineElectrisirmaschine und dicht dahinter ein kleines Marionetten-Theater. Dies Alles bildet ein großes Carrikaturgemälde undliefert gewiß den reichsten Stoff zu philosophischen Betrachtungen.
Ohne die in der Nebenstraße liegenden Wohnungen undTanzsäle der vielen privilegirten Freudenmädchen zu besuchengehen wir den Hamburger Berg entlang und wandern schnur-gerade durch ein kleines hölzernes Thor nach Altona hinein.Dieses Thor ist die einzige Grenzmarke zwischen dem ham-bnrgischen Gebiete und der auf holsteinischen Boden erbauten,dem König von Dänemark zugchörcnden Stadt Altona. DieHamburger erklärten auch bei Gründung dieses Ortes, er lägedoch „all to nah" (auf hochdeutsch: all zu nahq — daherder Name Altona. — Da es jedoch unser Zweck nicht ist, einehistorisch-topographische Beschreibung dieser Stadt zu gebe», sogehen wir nur eilig hindurch und halten uns erst einen Augen-blick am Ende von Altonas schönster Straße, der sogenanntenPalmaille ans. Hier liegt daS Dörfchen Ottensen, und dichtan der Heerstraße sein kleiner Kirchhof mit dem Grabmal desunsterblichen Dichters Klopstock. Eine große Linde beschattetden Hügel, unter dem der Sänger des Messias mit seinerGattin Meta ruht. Tausende von Menschen besuchen jährlichdieses Grab — daher die historische Bedeutung des sonst un-bedeutenden Dorfes. — Dem Kirchhofe gegenüber prangtUainvillo's elegantes blütel mit einem großen Garten, dersich terrassenförmig bis an den Elbstrand hinab erstreckt. Dieüberaus reizende Lage des so geschmackvoll angelegten Gartensentzückt und fesselt nicht nur jeden Fremden, sondern versam-melt auch hier zu den wöchentlichen Concerten und Unterhal-tungen eine Menge Altonaer und Hamburger aus der feinstenKlasse.
Hinter Ottensen liegen noch viele beliebte Vergnügungs-orle, B. die Teuselsbrücke, Flottbeck und Blan-kenese; (s. d. Abbild.)— da wir jedoch nicht länger diesen Wegverfolgen können, so kehren wir nun wieder nach unsrer Stadt !zurück. — An dem Millernthore angelangt biegen wir links ab undmachen eine angenehme Promenade über den Wall durch dieprächtige Acacien-Allce nach dem Dammthor. Außerhalb diesesThores liegt der große botanische Garten mit der Ge-
Hamburg li.
sundbrunnen-Quelle, die das einzige trinkbare Wasser liefert,leider aber nur dem geringsten Theile des WassertrinkcndenPublikums zur Erquickung gereicht, da sie sehr schwach fließt undaußerdem nicht Jedermann das Wasser so weit herholen magund kann. Vom Dammthore aus führen Wege nach Eims-büttel, Eppendorf, Harvestchude und andern Be-lustigungsörtcrn. An diesen Wegen haben die meisten reichenHamburger ihre Sommerwohnungen; und die Bewohner derMichaelis-, Katharinen- und Nikolai-Kirchspiele finden vor die-sem Thore dicht hinter dem botanischen Garten, ihre einstige»Ruhestätten.
Gehen wir wieder durch das Dammthor nach Hamburg hin-ein, so berühren wir linker Hand gleich die Esplanade, unserebreiteste, schönste Straße, (s.d. Abbild.) An beiden Seiten derselbenstehen prächtige, drei bis vier Stockwerk hohe und auf dasBequemste eingerichtete Wohnhäuser, hinter denen auf der so-genannten Wallseite niedliche Gärtchen mit Lauben und Blu-menbeeten angebracht sind. Diese Häuser-Reihe bietet auch,namentlich von den obersten Etagen aus, die berrlichste Fern-sicht über die Außen-Alster und alle vor dem Dammthor li>genden Ortschaften dar. In der Mitte der Esplanade befin-det sich ein breiter mit Bäumen bepflanzter Spazierweg. —Die Verlängerung dieser Promenade ist gen Westen derjenigeTheil des Walles, den wir vom Millernthor herunter gegangensind, gen Osten aber ein Damm zwischen der Außen- undBinnen-Alster mit der malerisch gelegenen Lombards brücke.Diefscit und jenseit der Brücke finden wir die herrlichsten eng-lischen Gartenanlagen, und dieser Theil des Walles ist auch un-ser beliebtester Spaziergang. Auf einer Anhöhe, mitten unterBlumenbeeten und Strauch-Bosquets befindet sich daselbst, wiein einem Volksgarten das Denkmal zu Ehren des ProfessorBüsch — ei» Obelisk, woran das Profil-Vildniß Büsch's, ein alle-gorisches Basrelief und mehrere Jnschrifttafeln zu sehen find. —
In diesen Anlagen weiter wandernd stoßen wir links, dichtan der Anßenalster, ans das Ferdinands-Thor und gehen durchselbiges »ach der Vorstadt St. Georg. Eine schnurgeradeHäuserreihe führt von hier aus am Alsterufer fort bis zu den:allgemeinen Krankenhause, einem großartig-schönen, fried-lich liegenden Gebäude. In den Häusern an der Alster, sowie überhaupt in den meisten Straßen St. Georgs wohnenviele Hamburger Kaufleute, die nur ihre Comtoirs in derStadt haben und außer den Geschäftsstunden lieber die gesundeLandluft dieser Vorstadt als die verderblichen Ausdünstungender Wassergegenden in Hamburg einathmen wollen. Fernerbesitzt St. Georg eine Menge Fabrikgebäude, mehrere Hospitaleund Stifte, drei Begräbnißplätzc und diesen gegenüber ver-schiedene Tanzlokale und andere Belustigungsörter — les ex-treme^ 50 inneüent! Unter allen dem Vergnügen geweihtenAnstalten mhmen hier unstreitig daS Tivoli und seinWintergarten den ersten Platz ei». Beide Lokale gehörendem Herrn »aurico 5en,, dem Vater des Direktor vom Stein-straßcn-Theater. Im Tivoli finden wir einen geräumigen