Druckschrift 
3 (1842)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

1704 wo bei Tuttlingen die Vereinigung des baierischen undfranzösischen Heeres statt fand. Neue Kosten brachte der fran-zösische Revolutionskrieg, das schwerste Unglück aber traffdie Stadt am 1. November 1803, eine Feuersbrunst brachaus, und da ein heftiger Wind wehte, verbreiteten sich dieFlammen reifseud schnell durch die ganze Stadt, in vier Stun-den lagen alle Gebäude innerhalb der Ringmauern in derAsche und 2107 Menschen sahen sich nicht nur ihres Obdachssondern auch ihrer meisten Habseligkeiteu beraubt; der Verlustder Einwohner betrug über eine halbe Million Gulden undobwohl sie so viel thätiges Mitleiden und allgemeine Theil-nahme fanden, so vermochten sie sich nur langsam von diesemUnglück wieder zu erhohlen.

Jetzt aber ist die Stadt wieder ganz und zwar regelmäßig,mit breiten, geraden Straßen, und einem schönen Marktplatzeaufgebant, die Spuren des frühern Mißgeschicks sind ver-schwunden, die Zahl der Gebäude hat sich fast aufs Doppelte,die der Einwohner um mehr als 2000 vermehrt, und letzterebeträgt jetzt 5302. Dies ist hauptsächlich die Folge der Ge-werbs- und Handels-Thätigkeit in Tuttlingen, wo neben demFeldbau und der Viehzucht auch noch mancherlei Gewerbeschwunghast betrieben werden. Berühmt sind die Arbeiten derTuttlinger Messerschmiede, welche sogar nach England gehenund als englische Waaren mit englischem Stempel versehen,wieder nach Deutschland zurückkehren; nächst ihrem Gewerbe,das 66 Meister und über 100 Gesellen und Jungen beschäftigt,ist das der Schuster das stärkste, und hat besonders starkenAbsatz in die Schweiz. Ferner findet man viele Nagelschmiede,Noth- und Weißgerber, Strumpfweber und Strumpfstricker,Leine- und Baumwollenweber, Tuch- und Zeugmacher, einegroße mechanische Wollenspinnerei, mit einer Tuchscheere undWalkmühle, eine Lcimsiederei, eine Bleiche, eine Papiermühleund eine Buchdruckerei, wo seit 1831 ein Amts- und Jntelli-genzblatt für das Oberamt, unterm Namen des Gränzboten,erscheint. Man verfertigt Seife, Schloßerarbeiten, Goldsticke-

reien, Gold- und Silberwaaren, Arbeiten in Perlenmutter,Elfenbein u. f. w. und braut vieles Bier. Mühlen sind 5,Ziegelhütten 2 vorhanden. Als Gränzstadt und durch seinenVerkehr mit der Schweiz hat Tuttlingen auch einen bedeuten-den Handel in Landeserzeugnissen sowohl als durch Speditionund Durchfuhr. Schon 1415 erhielt es von Kaiser Sigismunddas Recht zwei Jahrmärkte zu halten, welche 1815 und 1831auf sechs vermehrt wurden. Seine Getreidemärkte warenschon im fünfzehnten Jahrhundert berühmt und wurden schondamals, wie noch jetzt, von den Schweizern stark besucht.

Tuttlingen ist der Sitz eines Oberamts und OberamtS-Gerichts, eines evangelischen Dekanats, eines Nebenzollamtsund eines Postamts. Man findet hier gute Schulanstalten,ein wohleingerichtetes Rettungs- und Erziehungs-Jnstitut fürarme und verwahrloste Kinder, einen landwirtschaftlichen Be-zirksverein, die Katharinenstiftung zur nützlichen Beschäftigungder Stadtarmcn, einen Almosenkasten, ein Spital und einenDiözesanbibelverein. Die jehenSwerthesten Gebäude sind das1805 neucrbaute Rathhaus und die Stadtkirche, welche 1815begonnen, 1818 vollendet wurde.

Auf einer Anhöhe vor der Stadt liegen die schönen Rui-nen der Honburg oder Hohenburg, welche wahrscheinlich,wie so manche anderen württembergischen Burgen, auf den Trüm-mern eines römischen Kastells erbaut wurde. Ein Bertold vonHonburg wird schon 1009 genannt. Später wohnten hier diewürttembergischen Obervögte von Tuttlingen. Die Burg warsehr geräumig, hatte dicke hohe Mauern mit mehreren Thür-men und im Innern ein hohes Wohngebäude mit runden Thür-men an den Ecken, 1520 gehörte sie zu den bedeutendstenBurgen des Landes, wurde aber im dreißigjährigen Kriege,wahrscheinlich 1645, zerstört. Die Trümmer anderer einst umdie Stadt herumgelegenen Burgen, Lichtenwartemberg, Konzen-burg, Schalon, Wasserburg und Luginsfeld sind ganz oder dochgrößtentheils verschwunden.