Druckschrift 
3 (1842)
Entstehung
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N e u t l i n g e n.

Reutlingen, an derEchatz und am Fuße der altehrwürdigenReichsveste Achalm, welche 2446 Würtembergische Fuß überdas Meer, und fast 1125 Würtembergische Fuß über die Flächeder oberen Stadt erhaben ist, hat eine reizende Lage und dehntsich in einer mit Obst und Weinbau reich gesegneten Ebene vorden wonnetrunkenen Augen des Beschauers in seiner ganzenFülle und Pracht aus, während der jetzt leicht besteigbare,327 Fuß hohe, gothische Thurm der Marienkirche, der majestätischüber die Stadt und über die freundlich gelegenen K. Meiereigebäudeerhaben herabschaut, den Wanderer zum Eintritt in diese schöne ehe-malige freie Reichsstadt, jetzt Hauptstadt des Schwarzwaldkreises imKönigreich Würtemberg einladet. Im Südosten berührt es den Vor-sprung der Alp, von wo durch das Pfullinger Thal, vom Fußedes Lichtenstcins her, das klare Flüßchen Echaz sich an ihm hin-schlängelt, ungefährlich und von großem Nutzen, indem nicht nurseine Wasserkraft eine Menge Wasserwerke treibt, und ein Haupt-bedürfniß des für die Stadt wichtigsten Gewerbes der Gerberei(von ungefähr 160 Meistern selbstständig betrieben) befriedigt,sondern seine Wellen, in Kanälen durch die ganze Stadt rieselnd,die Reinlichkeit erleichtern, und bei Feuersnoth hülfreich sind.Eine Zierde der Gegend sind die Fruchtbäume, zwischen welchendie Stadt, wie in einem Walde liegt, und welche zur Zeit derObstblüthe und Obstreife einen herrlichen Anblick gewähren. Siehat wenige künstliche Spaziergänge, weil die Mannigfaltigkeitder natürlichen sie größtenthcils entbehrlich macht.

Das ursprüngliche Dorf Reutlingen ist wohl um dasJahr 800 entstanden, und stand später unter den Neichsgrafenvon Achalm. Da aber diese Familie nach kaum fünfzigjährigerBlüthe zu Ende des elften Jahrhunderts in ihren Hauptpersonenerlosch, hatte das Dorf, namentlich auch unter den Hohenstaufi-schen Kaisern, Gelegenheit sich zu erweitern und frei zu machen.

Schon der Welse Otto IV. verlieh dem Dorf Stadtrecht (1260);aber der Hohenstause Friedrich II. umgab die Stadt mit Mauern,und sein Sohn Konrad IV. brachte sie der Reichsunmittclbarkeitnäher. 1247 ist die Stadt wahrscheinlich ganz befestigt gewesen,denn in diesem Jahre belagerte sie Heinrich Raspe, mußte aberden hinter ihren Mauern muthig abwehrenden Bürgern weichen.Nach dem Maße des bei seinem Abzüge zurückgelassenen Sturm-blocks wurde einem bei der Belagerung gethanen Gelübde zufolgean der Stelle einer alten Marienkapelle die jetzige Hauptkirchegebaut, welche nach 96 Jahren vollendet war. Sie hat eine Höhevon 255'/--, eine Länge von 213, eine Breite von 72 W. F.und gehört unstreitig zu den ausgezeichneten Denkmälern deutscherBaukunst. Auch der viel später darin errichtete Taufstein nebstdem heiligen Grabe, welche aber in dem Brande von 1726, sowie die, jetzt entstellten Säulen im Innern der Kirche sehr ge-litten hajbcn, sind bemerkenswerth.

Indessen wurde an der bürgerlichen Verfassung gearbeitet,von Kaiser Ludwig erhielt die Stadt 1337 die ersten dokumen-tirten Rechte; nach dem Vorgang von Nottweil wurde die Ver-sassung weiter ausgearbeitet, und 1374 von Kaiser Karl IV.bestätigt. Sie erweiterte ihre Privilegien und erwarb in dieserZeit den größten Theil ihrer Besitzungen. Ihre Gewerbs-Thä-tigkeit wuchs je mehr und mehr, bis ins sechszehnte Jahrhunderthinein; namentlich in Ledern und Tüchern war große Betrieb-samkeit; in der Papierfabrikation zeichnete sie sich aus und zuEnde des fünfzehnten Jahrhunderts giengen von Reutlingen dieberühmten Buchdrucker Günther Zainer, Michael Grevff undJohannes Ottmar aus. Mit um so innigerem Bedauern ver-nimmt der Freund wissenschaftlicher Bildung, daß Reutlingengar bald der Sitz des Nachdrucks ward und bis zum Jahre 1837blieb, wo diesem bis daher in großem Umfange betriebenen, dem