nannten ihn nach der Hauptquclle den „gesalzenen Säuerling".„Außer einer alten hölzernen, dem Einsturz drohenden Hütte,in der zwei eiserne Kessel zur Bereitung des Glaubersalzes aufeinem Heerde eingemauert standen, und einer rohen, gleichfallshölzernen, uralten Einschränkung des Kreuzbrunnens sah mannichts, was Menschenhände gemacht hätten. Weder ein Fuß-,noch weniger ein Fahrweg führte zu diesem Brunnen. Manmußte der vielen Gcsümpfc wegen Steine legen und werfen, ummittelst deren zu diesen unseren Quellen hüpfend gelangen zukönnen. Was man sah, erregte Furcht, Widerwillen und Ab-scheu; Berge und Thäler, Wasserrisse und Gesümpft, Steineund Sandhügel, vermoderte Stöcke und Windbrüche wechseltenunausgesetzt mit einander ab."
So beschreibt vr. Nehr den Zustand Marienbads imJahre 1779. Dem genannten würdigen Manne verdankt derBadeort, man möchte sagen, seine Eristenz; durch die unermüd-lichen langjährigen Bemühungen desselben breitete sich Maricn-bads Ruf immer weiter aus, die Kranken strömten immerzahlreicher herbei, ein Haus nach dem andern erhob sich.Vr. Nehr hat wahrlich ein wohlbegründetes Anrecht auf denEhrentitel des „Vaters von Maricnbad", den man ihm ge-wöhnlich beilegt.
Die Heilung eines an den untern Gliedmaßen gelähmtenBauernkuaben bestärkte den menschenfreundlichen Arzt in seinemBeschlusse, sich gänzlich der Emporbringung der Heilquellen zuweihen. Aber welche Thatkraft forderte dieser Entschluß! Aufseinen Betrieb begann die Stiftsherrschast, ein geräumiges Bad-haus zu bauen; mitten im Baue stand man davon ab undbald war das halb vollendete Gebäude in Trümmer gefallen.Auf seine Kosten ließ Nehr die sumpfige Gegend des Krcuz-brunnens trocken legen, den Brunnen mit Serpentin fassen,ein Häuschen zum Schutze der Kurgäste gegen die Witterungund eine kleine Kapelle erbauen. Es wurde gleichsam nur ge-duldet, daß er auf daS Glaubcrsalzfiedchaus ein zweites höl-zernes Stockwerk setzte, und ein sehr niedriges, elendes Bade- >Häuschen am Marienbrunncn errichtete.
Im Jahre 1801 war noch keine anständige Wohnung füreinen gebildeten Kurgast, ja für den Arzt selbst nicht vorhan-den. Die zwei kleinen Häuschen beim Krcuzbrunnen warennebst dem Sudhaus nach dem Dorfe Hammerhäuseln conscri-birt und nach Pistau eingcpfarrt. Da faßte v>. Nehr denEntschluß — man möchte ihn hcldenmüthig nennen — sich indieser Wildniß ein Haus zu bauen. Dies Wohnhaus (jetztzur „goldnen Kugel" genannt) wurde im Jahre 1897 fertigund so wie es stand, so mehrte sich schon die Zahl der Kurgästeso, daß viele auf Dachböden ihre Unterkunft suchten. Die vierkleinen Badestübchen reichten gleichfalls nicht zu und so ent-schloß sich denn der Abt Pfrcgncr, ein Badchauö mit 8 Bade-kammern und 5 Zimmcrchen zur Unterkunst von Reisendenerrichten zu lassen. Der Bau wurde diesmal ernsthaft betrie-ben und das Badchaus 1898 eröffnet. Als Nehr sein Hauserbaut hatte, erhielt erst der Ort einen festen Namen und zwarMarie n bad nach der Maricnquclle, welche das Landvolkwegen des schwefligen Geruchs der Gasausströmungen in ihrerNähe den „Stänker" nannte.
In dieser Zeit sah v>. Danzer Maricnbad. Es führtedamals (1898) ein unbeschreiblich elender Weg nach Marien-bad, eigentlich gar kein Weg, denn man fuhr in einem trocke-nen Bachbettc. Der ganze Ort zählte sieben Häuser: NchrsHaus, das Bade- und das Sudhaus, und vier kleine hölzerneHütten. Die Lagerstätten waren meistens blanke Pritschen, wiein den Militärwachtstuben; noch im Jahre I8t7 mußte Nehrden Brunnengästcn rathen, ihre eigenen Betten mitzubringen.Zur Promenade der Gäste mußten einzelne Waldlichtungendienen und zum Ausruhen bot sich der erste beste Baumstumpfoder Steinblock dar.
Doch jetzt fing eine ununterbrochene Thätigkeit, eine fort-laufende Reihe von Verbesserungen an. Befugnisse zur Ansie-delung wurden ertheilt, ber beschwerliche Weg vom Kreuz-brunncn zum Marienbrunncn in einen förmlich chaussceartigcnumgewandelt; Spaziergänge wurden in mannichfaltigen Krüm-mungen durch das wiesenreiche Thal angelegt, Sümpfe ausge-trocknet, Hügel und Anhöhen abgegraben, Thäler ausgecbnctund über zwei sehr angenehme Trinksäuerlinge tempclartigeKuppeldächer gesetzt. Im Jahre >8t9 wurde ein zweckmäßige-res und geräumigeres Badehaus, das jetzt sogenannte alte,errichtet und das bisherige als Gasthof verwendet. Ein Jahrzuvor hatte Marienbad schon seinen eigenen Nichter erhalten,und 1812 wurde es von dem Dorfe Hammerhäuscln gänzlichgetrennt.
Das Jahr 1813 macht für Marienbad Epoche; in ihmerschien Dr. Nehr's bescheiden und gründlich abgefaßtes Werküber die Heilquellen, welches dieselben dem ärztlichen Publi-kum bekannt machte. Dies Werk, die Frucht vicrundzwan-zigjähriger Erfahrungen und sorgfältiger Beobachtungen, be-gründete, kann man wohl sagen, den Ruf Marienbads inganz Deutschland.
Im Jahre 1815 erschien das erste gedruckte Verzeichnißder Kurgäste; die Anzahl derselben betrug in diesem Jahre 187,zum größten Theile Arme ans der Umgegend. Im Jahre 1818wurde Marienbad mittelst Gubcrnial - Präsidial - Erlasses zumRange eines öffentlichen Kurortes erhoben und erhielt eineKurinspection in der Person eines k. k. Ober-Polizcikommissärsfür daS Civile und eines k. k. Offiziers für das Militär. Imselben für Maricnbad so wichtigen Jahre wurde zum erstenmaleder Kreuzbrunnen versendet; ve, Heidlcr wurde Brunncnarztund die meisten seitherigen Einrichtungen und Verbesserungenan den Brunnen- und Badeanstalten entstanden in Folge derVorschläge dieses würdigen Mannes.
Der damalige Oberstburggraf von Böhmen, Graf Ko-lowrat.Liebsteinskp, jetzt Staats- und Confcrcnzminister,sah mit gewohntem Scharfblicke, zu welcher Wichtigkeit Marien-bad heranblühcn könne. Sein kräftiger Schutz war von demwesentlichsten Einflüsse auf das Gedeihen des jungen Kurortes.Im November 1818 ließen S. Ercellenz von dem damaligenGubernialrathe (nunmehrigen BundestagS-Präsidente») Grafenv. Münch-Bellinghauftn, gemeinschaftlich mit dem Tepler Prä-laten Neitenbcrger und mit Zuziehung des Pilsner Krcishaupt-manns (gegenwärtig Gubcrnialrathcs) Breinl Edlen vonWallerstern, zu Marienbad eine Verhandlung pflegen, in derdie Verhältnisse und Bedürfnisse des neuentstandenen Kurortesallseitig gcwürdiget wurden. Nach dieser Verhandlung wurdeauch Alles, so wie es jetzt in Marienbad besteht, angeordnet,wobei das Stift den Wünschen der Regierung bereitwilligst ent-gegen kam. Durch eine seltsame Fügung des Schicksals wares ein Kolowrat-Liebsteinskp, der durch seine glückliche Heilungzwei Jahrhunderte früher (wie oben erwähnt) die AuschowitzerQuellen bekannt machte, um welche ein Mitglied desselbenedlen Geschlechts sich in unserer Zeit so große Verdienste erwarb.
Mitten in der rührigsten Thätigkeit zur Verschönerung desKurortes, im Jahre 1829, kam Göthe hier an. „Die An-lage des Ortes," sagt er") „ist erfreulich. Bei allen der-gleichen finden sich schon sirirte Zufälligkeiten; man hat aberzeitig eingegriffen. Architekt und Gärtner"") verstehen ihrHandwerk und sind gewohnt, mit freiem Sinne zu arbeiten.Der Letzte, sieht man wohl, hat Einbildungskraft und Praktik;er fragt nicht, wie das Terrain aussieht, sondern wie es aus-sehen sollte; abtragen und ausfüllen rührt ihn nicht. — Mir
*) Göthe's Briefwechsel mit Zelter; 3 Thl. S. 33.**) Landesbauingenieur Brctschneider und fürstl. Lobkowitzischer Kunst-gärtner Skalnik.