Tabor ihre Bedingungen mit der siegenden Partei und unter-warfen sich. Zum Lohne erhob König Sigmund Tabor zumRange einer königlichen Stadt und verlieh ihr ein Wappenund wichtige Privilegien.
Kurze Zeit zuvor war von Tabor eine Sekte ausgegan-gen , welche die Verirrungcn jener schwärmerischen Zeit in'sgrellste Licht stellt. Martin Loquis, ein mährischer Priester,der sich durch seine bis zum Lächerlichen ertremen Meinungenselbst unter den Taboriten bemcrklich machte, und nach manchenabenteuerlichen Schicksalen zu Raudnitz in einem ausgepichtenFasse verbrannt wurde, hatte gegen zweihundert Einwohnerbeiderlei Geschlechts in Tabor bewogen, zum Picardismus über-zutreten. Die Proselpten wurden von den Taboriten aus derStadt verjagt und trieben sich obdachlos in den Bergen undWäldern umher. Wie jeder Druck den Fanatismus nur höheranfachen kann, so bildeten sich diese Leute in der Verbannungdas wunderlichste Glaubensspstem. Von einem Bauer geleitet,der sich für eine neue Jncarnation Moisis ausgab, ließen siesich auf einer Insel in der Luschnitz nieder. Sie behaupteten,die ersten Eltern des Menschengeschlechtes Härten nur wegender Übertretung des Gebotes Kleider tragen müssen; sie könn-ten diese nun entbehren, da sie im Stande der Unschuld wären.Deßhalb nannte man sie Adamiten. Sie verwarfen dieSchrift und allen kirchlichen Ritus; Gott — sagten sie — seieben so wenig im Himmel, als der böse Feind in der Hölle,sondern jeuer lebe in den guten, dieser in den bösen Menschen.Sie behaupteten, sie seien unsterblich, und wollten die EngelGottes sein, welche ausgesendet worden, alles Aergerniß ausseinem Reiche zu vertilgen. Sie vermischten sich ohne Rücksichtauf Blutsverwandtschaft und ohne Ehe, verbrannten Städteund Dörfer der Kelchner, wie der Katholiken und mordetenMänner, Weiber und Kinder. Bei Tage war Mord ihr Ge-schäft, bei der Nacht die gröbste Ausschweifung.
Diese neue Sekte trieb nicht lange ihr Unwesen; siewurde durch Cziczka's eherne Faust vertilgt. Der taboritischeHeerführer bemächtigte sich der Insel der Adamiten undließ sie alle bis auf einen einzigen lebendig verbrennen, undauch dieses einzigen schonte er nur, um seine Geständnisseaufzuzeichnen und gleichsam zur Rechtfertigung seiner Strengenach Prag zu senden. Allerdings ist eine solche Quelle etwastrübe und man hat Ursache, gegen obige Angaben mißtrauischzu sein.
Schon nach König Sigmunds Tode fiel Böhmen durchden Thronfolgestrcit zwischen Albrecht von Oesterreich und Ka-simir von Polen, bei welchem auch Tabor beteiliget wurde.Tabor, mit den übrigen königlichen Städten und den utraqui-stischcn Herren, war für letzteren. Seiner sicheren Lage undseiner starken Befestigungen wegen war es der hauptsächlichsteWaffenplatz der Kclchner. Es erhielt (1438) eine starke pol-nische Besatzung (KOtIO Mann). Inzwischen war König Albrechtmit H eeresmacht von Prag ausgerückt und drückte die utraquisti-schcn Streitkräste bis Tabor zurück, wo Ptaczek von Lipa einbefestigtes Lager mit 8(>W Mann bezogen hatte. Umsonst be-mühte sich Albrecht, der eine entscheidende Schlacht wünschte,ihn aus seiner starken Stellung hervorzulockcn. Täglich fielenkleine Gefechte vor. Die Königlichen konnten ihre Pferde nichtzum Wasser führen, die Utraquisten weder in's Lager, noch indie Stadt Tabor Lebenömittcl bringen, ohne von den Gegnerngeneckt zu werden. Endlich ordnete Albrecht einen allgemeinenSturm auf daS Lager an und Ptaczcck ward gezwungen, sich indie Stadt zu werfen, die nun enge umlagert und mit grobemGeschütze hart geängstigt wurde. Aus Hunger hätte sich Taborergeben müssen, wäre nicht Georg von Podiebrad mit frischenutraquistischcn Truppen zum Entsatzc herbeigeeilt. Beide Par-teien sandten Abgeordnete zu einer Unterredung, in Folge derenTabor in den Händen der Utraquisten blieb, die polnische Be-
satzung jedoch abziehen mußte. Diesen freien Abzug machtendie Polen zu Fuße, da sie alle ihre Pferde verloren hatten.
Unter solchen Stürmen herangewachsen, konnte Taborkein sehr freundliches Aussehen haben. Der berühmte AeneasSplvius (damals noch Bischof von Siena) reiste 1451 alsLegat des römischen Stuhles nach Prag und kam auch durchTabor. Die Gegend war durch Räuber unsicher und dasStadtvolk sah nicht viel besser aus. Viele gingen im bloßenHemde, andere wenigstens barfuß einher. Die meisten trugen,da eS strenger Winter war, lange, zottige Pelze, einer undder andere Sporen, mancher auch nur an einem Fuße. Aufden ersten Blick sah man, daß die Bevölkerung im Kriege auf-gewachsen: jenem fehlte ein Auge, diesem ein Fuß.
Es erfolgte nun für Tabor ein ganzes Jahrhundert derRuhe, in welchem als einzige Denkwürdigkeit zwei große Feuers-brünste verzeichnet sind. Als im schmalkaldischen Kriege dieböhmischen Stände mit den deutschen Protestanten gemeinsameSache machten, hielt sich Tabor zu den anderen Städten undverlor in Folge des Sieges bei Mühlberg (1547) alle seinePrivilegien und Besitzthümer. Erstere erhielt es schon im sel-ben Jahre, letztere zwei Jahre später zurück.
Durch den Einfall der Passauer Hilfstruppen, die imJahre lkll arg in Böhmen hausten, erlitt Tabor schwereVerluste; aber ein noch traurigeres Schicksal bedrohte die Stadtim Beginne des dreißigjährigen Krieges. Die ständischen Trup-pen hielten so schlechte Mannszucht, daß das Land mehr litt,als von einem feindlichen Einfalle. Daher rotteten sich beiTabor viertausend Bauern zusammen (XiZtt) und bewaffnetensich gegen die Soldaten des Winterkönigs. Die Stände schick-ten Abgeordnete an sie mit dem Befehle, die Waffen nieder-zulegen ; aber die Bauern verlangten mit Ungestüm, in Zukunftvon dem ständischen Kriegsvolke nicht geplündert zu werden,ferner, daß sie der Unterthänigkeit entlassen und ihnen der zu-gefügte Schade vergütet werde. Erst nachdem ihnen feierlichversprochen worden, alle diese Begehren sollten nach dem Frie-den erfüllt werden, gingen sie auseinander.
Nach der Schlacht auf dem weißen Berge (8. Nov. IKSV)hatte fast ganz Böhmen sich dem Könige Ferdinand II. unter-worfen; die Mansfeldischcn verloren eine Stadt nach der an-dern, nur Tabor widerstand noch ein ganzes Jahr lang. Vom21. Mai 1K21 bis in den November desselben Jahres belagerteDon Baltasar de Maradas die Stadt mit größtem Nachdrucke,nachdem ein früherer Angriff des Grafen Tillp mißlungen war.Endlich kapitulirte die Stadt, als die Munition gänzlich aus-gegangen war und nirgends eine Hoffnung auf Entsatz blieb.Tabor gelobte nicht nur dem Könige Ferdinand Gehorsam,sondern kehrte auch in den Schoß der katholischen Kirche zurück,wogegen der König ihre Privilegien bestätigte und namhafteEinkünfte zum Unterhalte der Klerisei, des Spitales und derstudircnden Jugend anwies.
Der dreißigjährige Krieg, der Böhmen so arg verwüstete,daß der gleichzeitige Chronist Balbin sagt: „Der dritte Theilvon Böhmen stand in Flammen: sechzehn Meilen um Praglag alles wüste; niemand baute das Land an", — dieser fürch-terliche Krieg traf Tabor kurz vor seinem Ende mit einemharten Schlage. Während der Belagerung Prags durch dieSchweden zog der schwedische Feldherr, Fcldzcugmcistcr Wit-tcnberg, vor Tabor und nahm es, nachdem es acht Tagelang heftig beschossen worden war, durch Sturm. Er gab dieStadt den Soldaten Preis, welche hier große Beute machten;denn alle wohlhabenden Leute der ganzen Gegend hatten sichbei dem Einfalle der Schweden mit ihrem Vermögen in diefeste Stadt geflüchtet. Bald darauf gab der westphälischc Friededem gänzlich erschöpften Lande die Ruhe wieder.
Noch einmal, fast ein Jahrhundert später, sah TaborFeinde in seinen Mauern. Im zweiten schlesischcn Erbfolge-