während die Böhmen eine Stunde davon auf dem weißen Berge dieentsetzlichste folgenreichste Niederlage erlitten (8. Nov. 1929).
Friedrich floh, und an der Spitze des kaiserlichen Heeresrückte der strenge Maximilian von Baiern in Prag ein. Miteiner Plünderung wurde die Stadt zwar auf die Bitte derBürger verschont, aber die spanische und niederländische Sol-dateska beging an den Einwohnern, die man durchgängig fürKetzer hielt, mancherlei Ausschweifungen, durchsuchte die Biblio-theken der Bürger und verbrannte viele Tausend böhmischeBücher, die mau, weil man sie nicht verstand, alle für ketze-risch hielt.
Am 21. Juni 1921 hub das Strafgericht über die Em-pörer an, zu dessen Unterschreibung sich Ferdinand II, langenicht hatte entschließen können. Sieben und Zwanzig Männer,theils aus den edelsten Adclgeschlechtern, theils die vornehmstendes Bürgerstandes wurden auf dem altstädter Ringe, auf einereigens dazu erbauten Bühne vor dem Rathhause hingerichtet.Die Vorbereitungen hierzu, so wie das feierliche Geprängeund die Nebenumstände, mit welchen man dieses Strafgerichtbegleitete, waren ganz dazu geeignet, den Eindruck desselbennoch gewaltiger zu machen. Darauf begann man im ganzenLande sämmtliche Bewohner gewaltsam zur katholischen Religionzu bekehren. Viele, welche von ihrer Religion nicht lassenwollten, verliessen lieber das Land. Dadurch verlor Prag undBöhmen unzählige seiner gewerbflcissigstcn Familien, seiner vor-züglichsten Gelehrten, seiner edelsten Geschlechter. Sie wurdenim Ausland mit offenen Armen empfangen. Pelzel gibt dieZahl der Auswanderer auf 39999 Familien an. Böhmenwar auf lange von jener Höhe herabgestürzt, auf welche essich durch die tief ins Volk eingedrungene Bildung emporge-schwungen hatte.
Auch von den späteren Ereignissen des dreißigjährigenKrieges wurde Prag noch hart heimgesucht. 193! wurde esvon Sachsen, 1932 von Albrecht von Waldstcin eingenommen.Wie bedeutend blos die pekuniären Verluste bei diesen Besitz-nahmen waren, kann man daraus entnehmen, daß von 1931— 1934 die Neustadt allein fast 1'/» Million Gulden (welcheSumme für jene Zeit!) an die sächsischen und an WaldsteinsTruppen zahlen mußte. Doch der alte Heldengeist erstarb trotzder Unfälle nicht im Volke. Davon gaben die Bewohner derAlt- und Neustadt im Jahre 1948 einen glänzenden Beweis,als sie, Bürger, Studenten, Geistliche und Juden, sich dreiMonate lang (vom 26. Juli bis 2. November) tapfer gegendie Schweden vertheidigten, welche den Hradschin und die Klein-scite besetzt, und auch von den übrigen Seiten die zwei Städteeingeschlossen hielten. Die Drangsale, welche die Stadt indiesem Vierteljahr erlitt, übersteigen alle Beschreibung. Mitdieser erfolglosen Belagerung erreichte der dreißigjährige Kriegsein Ende, und zwar in derselben Stadt, in welcher er be-gonnen hatte. Seine Spuren aber waren in Prag lange un-verwischbar. Die meiste» Häuser waren rein ausgeplündert,was die Stadt an Schätzen und Kostbarkeiten besessen hatte,war fortgeschleppt, Hungersnoth und Seuchen hatten mehr alsein Zehntheil der Bewohner aufgerieben, viele Gebäude lagenin Trümmern, ganze Straßen verödet und unbewohnt. Fer-dinand III- ward von der Noth Prags, sowie von der heldcn-müthigen Aufopferung seiner Bewohner so gerührt, daß er sichauf jegliche Weise bemühte, dem Wohlstande der prager Städtewieder aufzuhelfen. Er schenkte der Alt- und Neustadt 399999Gulden, von welchen sich erstere Lieben, letztere Krresoüliejovviti!kaufte, und belohnte noch insbesondere Alle, welche an derheroischen Vertheidigung thätigen Antheil genommen, durch Er-thcilung von Würden und Ehrcnstellen. Auch kam er öftersmit seinem gesammten Hofstaate nach Prag und lud auch vieleReichsfürsten dahin ein.
So erholte sich allmälig Prag und Böhmen, wobei ihm
der glückliche Umstand von unabsehbarem Nutzen war, daßfast volle hundert Jahre kein auswärtiger Feind in Böhmensich zeigte. Zwar blieb Prag auch in dieser Periode von Un-fällen nicht verschont, Pest und Seuchen wütheten zu wieder-holten Malen unter dem Volke,*) französische Mordbrennerlegten einen großen Theil der am linken Moldauufcr gelegenenprager Städte in Asche,**) Ucberschwcmmungen (z. B. 1955)richteten vielen und großen Schaden an, aber diese Unglücks-fälle, so groß sie auch sein mochten, waren doch durch mehroder minder große Zcitintervalle geschieden, und griffen nichtdas innerste Mark des Volkswohlseins an, wie es Kriegsstürmegewöhnlich thun, und namentlich die letzten gethan hatten.
Darum sehen wir auch in Prag zu Ende des 17. und inden ersten vier Dccennien des 18. Jahrhundertes zahlreicheKirchen, neue Paläste (z. B. den Czernjnfchen, Clam-gal-las'schcn ?c.) entstehen, die Brücke sich mit Statuen, die Got-teshäuser mit zahlreichen Gemälden schmücken. Karl Skrcla(ff >974), Peter Brandet (ff 1739), Reiner, (ff 1753», diebeiden Dinzenhofcr, Schorr und der Bildhauer Prokof fandenbei dem frommen Sinne der Zeit und bei dem Ncichthnme derKlöster und des Adels viel Beschäftigung. Der Wissenschaftwar aber diese Zeit nicht günstig, es war eine Periode desUngeschmacks in der Literatur und die böhmische Sprache gingdurch die Vorliebe, mit welcher in den Jesuitcnschulen dasLatein gepflegt wurde, fast unter. — Die Prachtliebe des Adelszeigte sich bei der glänzenden Krönung Karl's VI. im blen-dendsten Lichte.
Wieder begann eine arge Zeit. Von den Successionskrie-gen, welche nach der Thronbesteigung Maria Theresias aus-brachen, blieb Prag um so weniger verschont, als Böhmengerade das Land war, für das sich die meisten Liebhaber fan-den. Am 29. November 1741 erstiegen die Franzosen undSachsen die Wälle Prags, und am selben Tage zog Karl vonBaiern hier ein, und ließ sich am 7. Dezember vom Adel undder Bürgerschaft huldige». Die fremden Truppen hielten zwargute Mannszucht, kein Haus wurde geplündert, Jedermannkonnte ruhig seinem Gewerbe nachgehen, und von den 7 Mil-lionen, welche die Stadt während dieser feindlichen Okkupationan Steuern zahlen mußte, kam durch den Verkehr und diehohen Preise, welche die Franzosen zahlten, Alles wieder indie Hände der Bürger zurück; aber als am 27. Juni 1742 diekaiserlichen Truppen sich vor Prag lagerten, entstand baldHungcrsnoth unter den mehr als >99999 Menschen, welchein der Stadt eingeschlossen waren. Ueber ein Jahr blieben dieFranzosen in Prag; in der Nacht vom 19. auf den 17. Dezem-ber 1742 zogen sie endlich heimlich aus Prag weg, nahmenaber zur Sicherung der Kranken, welche sie zurücklassen mußten,vierzig der vornehmsten und reichsten Einwohner als Geiselnmit. Der Rückzug Bcllisle's von Prag nach Eger glich inverjüngtem Maßstabe dem Rückzüge Napoleons aus Nußland.Prag hatte übrigens den Franzosen eine ansehnliche Verbesse-rung der BefestigungSwcrke zu verdanken.
Schon zwei Jahre später, am 39. August 1744 erschienein neues feindliches Heer vor Prag, 89999 Mann Preußen.Am 12. September begannen sie die Stadt zu beschießen, bin-nen drei Tagen waren in der Neustadt 159 Häuser niederge-schossen, die Preußen setzten sich in einer Bresche fest und rück-ten am 19. September in den drei Städten ein. Sie beobach-teten weder so gute Mannszucht, (denn gleich am ersten Tage
*) In den Jahren 1679 und 1680 starben in Prag 32000 Menschenan einer epidemischen Krankheit.
«*) Sie zündeten am 21. Juni 1689 das Haus beim schwarzen Adlerin der Karpfengasse (an der Gränze zwischen der Alt- und Juden-stadt) an, von wo sich das Feuer mit so entsetzlicher Wuth ver-breitete, daß die ganze Judenstadt, 261 Häuser in der Altstadt,und 164 Häuser in der Neustadt niederbrannten.