zum römischen Kaiser zu wählen. Daß selbst ein König vonseiner genialen Thatkraft die Ruhe in Böhmen nicht herstellen,und nichts für die Künste des Friedens wirken konnte, ist theilsein trauriger Beweis, wie tief die Zerrüttung Böhmens wur-zelte, theils war es eine Folge überwiegender Einflüsse vonAußen. Georg hatte einen mächtigen Gegner an dem Papst,der ihn in den Kirchenbann legte und sogar einen Kreuzzuggegen ihn aussandte. Dennoch sind aus Georgs Zeit zweiehrwürdige Baudenkmale auf uns gekommen: die Thürme derTheinkirche und die kleinseitner Brückenthürme.
Noch weniger konnte es seinem Nachfolger Wladislaw II.gelingen, dem Lande den Frieden zu schenken, so sehr er diesenauch wünschte. Die Präger jagten die von ihm eingesetztenRathspcrsoncn fort und warfen sie bei einer andern Gelegen-heit (1483) aus den Fenstern, ja es kam so weit, daß mansogar des Königs eigenen Palast stürmen wollte, und einerder Empörer, als der König gerade am Fenster saß, auf ihnden Bogen spannte. Hierüber erschrocken, verließ Wladislawin der Nacht heimlich den Königshof, wo er bisher residirthatte, und zog in die Burg auf den Hradschin, die noch ausder Hussitenzcit dergestalt in Ruinen lag, daß er, um sie wohn-lich zu machen, einen ganz neuen Bau aufführen müßte. Vondiesem hat sich noch der Wladislawische Saal mit dem anstoßen-den Flügel bis auf uns erhalten.
Der friedliebende Wladislaw, von den Böhmen nur derKönig Dobre (Gut) genannt, konnte sich in dem unruhvollcnPrag nicht gefallen. Als daher nach dem Tode des KönigsMathias Corvinus durch Wahl und Erbvertrag die ungarischeKrone ihm zufiel (1490), verlegte er seine Residenz nach Ofen,und kehrte^ nur selten und dann blos auf kurze Zeit nach Pragzurück. Seitdem residirte auch bis zu dem RegierungsantrittRudolfs II. kein König bleibend in Prag.
Das damalige Volksleben in Prag schildert der gelehrteBohuslaus Lobkowitz von Hassenstcin in einem lateinischenSchreiben vom I. 1502 mit sehr scharfen Zügen. Wir wollennur Einiges dieser Schilderung entlehnen. „Greise und Bursche,Männer und Weiber streiten um Glaubenssachen und legendie Schrift aus, obwohl sie nie Hermeneutik studiert haben.Jede Sekte, die entsteht, findet ihre Anhänger. So groß istihre Sucht nach Neuerungen! Herzhaft sind sie, und denkenstolz von sich, als ob kein Nachbarvolk an Tapferkeit ihnengleich käme. Sie gerathen leicht in Aufruhr, und sind sie ein-mal aufgeregt, so lassen sie sich nicht so leicht wieder besänf-tigen. Sie rennen, wohin ihre Wuth sie treibt, und schenkenweder der gesunden Vernunft noch einer Warnung Gehör.Unter Wenzel und ein zweiteSmal unter Sigmund stürmten siedas Rathhaus, und Alle, welche darin waren, fielen theilsunter ihren Schwertern, theils wurden sie zu den Fensternhinausgeworfen. Dasselbe thaten sie in unseren Zeiten unterKönig Wladislaw, so daß Jemanden die Rathsherrnwürde inPrag wünschen jetzt eben so viel ist, als ihn verwünschen.Hiermit noch nicht zufrieden, schlugen sie die Häuser der Judenein, plünderten die Klöster und verjagten die Ordensgeistlichenund alle Bckenner der römischen Kirche aus der Stadt. —Die Natur begabte sie mit scharfem Verstände, aber Trägheitund Müssiggang stumpft diesen ab, so daß Du unter tausendmechanischen Künstlern keinen findest, der sich besonders aus-zeichnet. Nur die Beredsamkeit ihrer Juristen ist körnig undwortreich. — Der Kleiderschnitt der alten Prager ist ganz ansdem Gebrauche gekommen, und ist jetzt zur Hälfte deutsch, zurHälfte ungarisch; denn von beiden Völkern entlehnen sie etwas.Uebrigens ist ihre Tracht, so wie ihr ganzer Charakter, nichtbeständig und wechselt fast jedes Jahr. Nur der Pelz, einaus Persien stammendes Kleidungsstück, hat seine alte Formbeibehalten, da er zu den Linnengewändern, die jetzt zumeistgetragen werden, am besten paßt. Ihre Vorfahren ertrugen
zwar Frost und Hitze, Hunger und Durst: die Jetzigen abersind durch tägliche Trinkgelage, Feste und Müssiggang so er-schlafft, daß ihnen nicht allein die Waffen, sondern auch dieKleider beschwerlich sind. Selten geschieht es in dieser Stadt,daß Jemand am Leben gestraft wird.*) Denn sie sind derMeinung, daß es sich nicht zieme, einen Menschen, selbst denabscheulichsten zu tödten. — Vieles, was wir für leicht erach-ten, halten sie für unerträglich, und was uns für ein schweresVerbrechen gilt, sehen sie als etwas alltägliches an. Kirchenzerstören, Bilder der Heiligen vernichten, Tag und Nacht inWirthshäusern schlemmen, sind Kleinigkeiten: aber Schnabel-schuhe tragen und das Haupt mit einem Kranze umwinden,ja das sind nach ihrer Ansicht maßlose Verbrechen."
Mag auch das Urtheil, das Herr Bohuslaw von Lobko-witz über die Präger fällt, zu hart sein, und seine Schilderungnur von den niederen Volksklassen gelten, so stimmen doch alleZeugnisse darin überein, daß der Zustand Prags radikaler Re-formen bedürfte. Man traf hierzu auch mancherlei Maßregeln.So wurde z. B. 1511 von den Aeltesten der Prager Städteverordnet, daß Niemand, auch wenn er von Adel wäre, inder Stadt bewaffnet herumgehen, und daß Spieler und un-züchtige Weibspersonen (denn letztere hatten u. a. im I. 1509zu Unruhen Anlaß gegeben,) streng gestraft werden sollten;aber selbst die weisesten Verordnungen, wären sie auch befolgtworden, **) konnten wenig helfen, so lange der Hauptgrundalles Haders und Streites, die Eifersucht zwischen der Altstadtund der Neustadt, nicht gehoben war. Diese Eifersucht, derenerste Keime schon in die Zeit der Gründung der Neustadt ge-hören, kannte oft keine Gränzen und fand stets Nahrung. JedeStadt hatte ihre besonderen Rechte und es wurde ängstlich dar-über gewacht, daß sich ja keine etwa eine Art Oberhcrrlichkcitanmaße, wozu die Altstadt wohl manchen Versuch machte. Nurein Beispiel dieser Aengstlichkeit sei hier erwähnt. Im I.1408 wurde, weil bisher beide Städte verschiedene Maßeund Gewichte hatten, und aus dieser Verschiedenheit begreif-licher Weise viel Verwirrung entstehen mußte, von den alt-städter Nathsverwandten der Vorschlag gemacht, einerlei Maßund Gewicht in beiden Städten einzuführen; aber die Neu-städter weigerten sich dessen, „weil dann die Altstädter ver-langen könnten, daß ihre Maße vor ihnen gemessen werdensollten, und sie, die Neustädter, so durch Hinterlist um ihreRechte und Freiheiten kämen." Einer der Hauptzankäpfel warauch die privilegienwidrige, aber von den Altstädtern verlangteund von dem ncustädter Rathe einst aus Uebcreilung bewilligteAppellation vom neustädter an den altstädter Magistrat.
Waren die beiden Städte des Haders müde und zumFrieden geneigt, so wurden die Rechtsgränzen beider Parteienauf das haarscharfste geschieden, um ja jedem Anlaß zu neuemStreite vorzubeugen (z. B. wurde genau bestimmt, wie weit
Im Widerspruche hiermit finden wir im 3. Theile der 8>-r!>>tores reium I»o!,eiilie.iruin. welcher das ia. und das t. Vierteldes >6. Jahrhundertes (bis 1526) umfaßt, überreiche Beweise,daß Hinrichtungen in Prag nichts Seltenes waren. Freilichmögen sie aber zu den Verbrechen in z» geringem Verhaltnissegestanden sein.
**) Was hier nicht geschehen zu sein scheint. Denn im I. 1518 warin der Rathsversammlung wieder die Rede „von unchrbarenFrauenspersonen, die fast in icdem Hause zu finde» seien; vondem unnölhigen Tragen von Degen, Hackmessern, Beilen, Kol-ben :c., besonders von Seite der Stadtsöhnchen und der wan-dernden Gesellen." Auch wurde Beschwerde geführt über dieEntHeiligung der Sonntage, indem an diesen dem Fraß und derVöllerei gefröhnt und Rau-ereien, Mordthaten zc. begange» wür-den, in einer Stadt, welche andern als Muster dienen sollte;ferner über die ungeheuren und häßlichen Barte und Schnurr-bärte, „welche die Prager trugen als ob sie Türken wären, unddie man mit Sicheln wegschneiden sollte"; über die häßliche un-züchtige Tracht, „worin sie wie Eber und Stiere gingen," u. s. w.(i5cr. re>. I>»I. III. 423. 424.)