sie sogleich das Rathhaus stürmten und 13 Räthe zu den Fen-stern hinauswarfen, welche von dem Pöbel, der auf der Gassestand, mit Spießen aufgefangen wurden. Bald darauf starbWenzel I V., vor dessen summarischer Justiz man sich bisher nochgefürchtet hatte, auf seinem Schlosse Nowphrad (1'/, Stundevon Prag), und der Fanatismus sah nun die letzte Schrankegesunken, die ihn bisher noch gehemmt hatte. Schaarenweiserotteten sich die Schwärmer zusammen, und überfielen, plün-derten, zerstörten Kirchen und Klöster, wobei ihnen einigetausend Mann, welche sich auf der Ebene na Icriökäel, ver-sammelt hatten, den thätigsten Beistand leisteten. Domherrn,Mönche, reiche Kaufleute und Bürger flohen aus der Stadtund ließen ihre Häuser und Güter dem Pöbel Preis. AuchKaiser Sigmunds Truppen, die den Wyschehrad und Hradschinbesetzt hielten, trugen bei ihren häufigen Ausfällen in die be-nachbarten von den Hussiten besetzten Stadttheile dazu bei, diesein Ruinen zu legen.
Mit einem Heere von 15000« Mann, Ungern, Deutschenund Böhmen, rückte Kaiser Sigmund (im Juni 1420) vorPrag, um den Aufstand zu erdrücken. Aber selbst die Weiberder Hussiten griffen zu den Waffen (Schwertern, Kolben undeisenbeschlagenen Dreschflegeln) und Sigmunds Truppen wur-den geschlagen. Damals kam der Berg Witkow, auf welchemder kriegserfahrene Zizka sich verschanzt und den Angriff desmit 8000 Mann anstürmenden Markgrafen Friedrich von Meißentapfer zurückgeschlagen hatte, zu seinem gegenwärtigen Namen:Zizkaberg. Eine zweite furchtbare Niederlage erlitt Sigmundam Allerheiligentage desselben Jahres in der Gegend vonKundratitz, und seine Truppen mußten den Wyschehrad an diePrager übergeben. Binnen wenigen Stunden wurde diesekirchen- und palastreiche Beste von dem rasenden Pöbel in eineRuine verwandelt. Von nun an zogen die Prager im Landeumher und eroberten Stadt auf Stadt, Burg auf Burg, sodaß im I. I42l der Prager Bürgermeister eigentlich Herr desganzen Königreiches war. In dem langen Kriege, dessen grau-senvolle Details anzuführen nicht unsere Absicht ist, wurde derName der Böhmen ein Schrecken der Welt. Die Geschichtehat es aufbewahrt, daß hussitische Bauern in einer Minuteacht und zwanzig bis dreißig Hiebe mit dem Dreschflegel führ-ten und auf jeden Hieb einen Feind erschlugen oder betäubten.Sie erfanden Haken, mit welchen die Reiter aus dem Sattelgehoben wurden. Da war es freilich schwer, Stand zu halten.Die hussitische Wagenburg war unangreifbar.
Zu den Gräueln des Krieges kam, daß es auch an innernKämpfen nicht fehlte. Die Bürger der Alt- und der Neustadtwaren von jeher eifersüchtig auf ihre wechselseitigen Rechte,und diese Eifersucht wurde nun noch durch Sektenspaltung ge-nährt. Im Allgemeinen zählte man 7 verschiedene Sekten un-ter den Hussiten; die 4 Hauptsekten der Prager schildert unsThomas Ebenderfer von Haselbach, der sich damals in Pragaushielt, folgendcrweise: „Die Einwohner der Altstadt Praghaben die 4 prager Artikel und das heil. Abendmahl unterbeiden Gestalten zum Grunde ihrer Religion. Sie halten denGottesdienst nach der Art der römischen Kirche im Meßgewandc,doch verwerfen sie die Bilder der Heiligen, und reichen dasheil. Abendmahl den neugebornen Kindern. Sie halten nichtsauf die Einweihung der Kleider, Gefäße, Kerzen und Palm-zweige; sie opfern nicht beim Altare der Messen. Die Neu-städter nennen sich szrolk) (Waisen). Bei der Messe legensie nur die Albe und die Stole an, und lesen sonst nichts alsdie Epistel, das Evangelium und den Kanon. Sie habenviele Irrthümer der Waldenser angenommen. Sie consecrirenüberall nach Belieben, und daher zerstören sie die Kirchen undKlöster. Die Taboriten bedienen sich keiner geistlichen Klei-dung beim Gottesdienste. Sie verwerfen die Ohrenbeicht undempfangen täglich das heil. Abendmahl unter beiden Gestalten,
dabei sie nur das Vater unser beten. Dies thun sie oft mitdem blutigen Säbel, womit sie viele Unschuldige ermordet, inder Hand. Ihre Priester verrichten die Consecration aller Or-ten; sie tragen keine Tonsur, wohl aber lange Bärte. Dasie die Fasten verwerfen, so essen sie auch an Fasttagen Fleisch.Kurz, sie verachten und zernichten alle Kirchensatzungen; soverbieten sie die Wallfahrten, verwerfen die Brüderschaften,verlachen das Opfer und Gebet für Verstorbene, wie auch dieBegräbnisse an geweihten Orten. Sie verdammen das Mönchs-wesen, und zwingen die Nonnen zum Ehestande, oder werfensie zum Kloster hinaus. Die Adamiten gehen nackend herum,verwerfen den Ehestand, und bedienen sich der Weiber gemein-schaftlich. Sie meinen, da sie in der Unschuld lebten, wärensie der Sünde unfähig. Sie haben keine Sakramente; sie leh-ren, das Brod bleibe nach der Consecration immer Brod, undläugnen die Gegenwart Christi in demselben. Diese hat Zizkamit Feuer und Schwert verfolgt, und gleich im Anfange aus-gerottet."
Selbst als auf einer neuen Kirchenversammlung durch dieberühmten Basler Compactaten die vier prager Artikel bestätigtwurden, kehrte der Friede noch nicht so gleich ins Land; esward erst ruhiger, als 1436 Sigmund von den Böhmen wie-der als König anerkannt worden war. Aber wie sehr hattesich die unter Karl IV. so prächtige und Mühende Stadt ver-ändert. Die herrlichen Stifter, Klöster und Kirchen auf derNeustadt lagen in Trümmern, auf der Altstadt waren nur dieKirchen zu St. Franz, St. Jakob, zum Heilgen Geist unddas Frauenkloster zu St. Anna mit der Laurcnzkirche unver-sehrt geblieben, die Königsburg auf dem Schlosse, die Dom-kirche, die St. Georgskirche, Kirche und Kloster der Prämon-stratenser, der burgähnlichc Bischofshof, welchen Bischof Johannvon Drazic so kunstvoll wieder aufgebaut hatte, das Sachsen-haus, die schöne Kirche der Maltheser und alle übrigen gottcs-dienstlichen Häuser auf der Kleinseite waren entweder nieder-gerissen, oder standen bloß in Ruinen, im glücklichsten Falleals nackte Wände da. Das stolze Prag, „der Lustgarten, inwelchem sich Könige gern ergehn," (wie Karl seine Licblings-stadt nannte,) hatte seine schönsten Zierden verloren, nachAußen und Innen zeigten sich die gräßlichen Merkmale derAnarchie und des Bürgerkrieges, Handel und Industrie lagenganz darnieder.
Noch lange währten in Prag die letzten Zuckungen desHussitenkrieges und der alte Partcigeist fand neue Nahrung,als nach Albrechts II. Tode (1438) ein Interregnum eintrat.Die Statthalter vermochten die Ruhe in Prag, wo der Pöbelaus langjähriger Gewohnheit das Plündern und Zusammenrot-tungen nicht lassen wollte, um so weniger herzustellen, als sieuntereinander selbst uneinig waren. Ja als an Heinrichs vonPtaczek Stelle Georg von Podiebrad Statthalter ward, kames sogar so weit, daß Georg in der Nacht vom 2. auf den3. September 1448 die Hauptstadt (unter deren Bürgern ereinen sehr großen Anhang hatte) mit Sturm einnahm, undseinen Mitstatthaltcr, den alten Meinhard von Ncuhaus, ge-fangen nach Podiebrad abführen ließ.
Vierzehn Jahre führte Georg von Podieprad das Ruderdes Staates als Statthalter und Gubernator, und als (1457)der junge König Ladislaw PostHumus plötzlich starb, wurdeGeorg — vorzüglich durch den mächtigen Einfluß des utra-quistischen Erzbischofs Johann Nokycana — zum Könige er-wählt. Einem Kaiser, zwei Königen, dreien deutschen Herzogen,welche alle als Kronbewerber auftraten, wurde ein böhmischerEdelmann vorgezogen, der aber, schon als 20jähriger Jüng-ling als Stimmführer der Stände erscheinend, und seit seinem24stcn Jahre in einer aufgeregten unruhvollen Zeit die Geschickedes Staates lenkend) eine so seltene That- und Willenskraftau Tag legte, daß deutsche Fürsten sogar damit umgingen, ihn