wollen wir uns soviel als möglich an die beigelegten Stahl-stiche halten und beginnen mit dem Bilde, welches die Unter-schrift führt: Die örückrnthürmc der Uleinstcite inPrag.
Der Thorweg, welcher die beiden Thürme trennt, ge-währt uns den Durchblick in die Brückengasse, eine der beleb-testen Gassen der Kleinseite. Die schmalen Häuser, welche wirauf der einzigen uns sichtbaren Seite derselben erblicken, bilde-ten vom zwölften bis in das fünfzehnte Jahrhundert hinab eingroßes Ganzes: den sogenannten Bischofs Hof, die Residenzder prager Bischöfe. Der Herzog und Bischof Heinrich Brze-tislaw hatte die weitläufige Residenz erbaut, und der auch alsFeldherr ausgezeichnete Bischof Johann von Drazic zu einemwahren Kunstbaue erhoben; in der zerstörungslustigen Zeit derHussitenstürme aber (142l)) wurde diese mit Wällen und Thür-men geschützte Burg gänzlich verwüstet und eingeäschert, sodaß von dem weitläufigen Baue sich nur ein kleiner Thurm,an dem man noch die drei Weinblätter (das Drazicer Wap-pen) sieht, bis auf unsere Zeiten erhielt. Er befindet sich indem rückwärtigen Theile des „bei 3 Glocken" genannten Hau-ses Nr. 47. — In der entgegengesetzten Häuserreihe steht,uns auf dem Bilde durch den kleinen Brückenthurm verborgen,das palastartige „Sachsenhaus," so genannt, weil es einBesitzthum des Herzogs Rudolf von Sachsen gewesen, der esvon Kaiser Karl IV. zum Geschenke erhalten und bei seinerhäufigen Anwesenheit am kaiserlichen Hoflager zu Prag bewohnthatte. Auch in neuerer Zeit — im Anfange dieses Jahrhun-derts — diente dieses Haus einem regierenden Fürsten zurResidenz, nämlich dem durch die Franzosen aus seinem Landevertriebenen Kurfürsten Wilhelm I. von Hessen, der hier biszur^Auflösuug des neukreirten Königreichs Westphalen verweilte.
Ueber dem Thorwege der kleinseitner Brückenthürme ragtauf dem Bilde Kuppel und Thurm der St. Niklaskircheempor. Diese Kirche bildet auch den Hauptgegenstand einesbesonderen Stahlstiches und zwar ist sie auf demselben voneiner Seite dargestellt, von welcher aus die majestätische Kup-pel und der Glockenthurm sich dem Auge weit vortheilhafterdarbieten, als von der Vorderfronte. Allzustrcnge Kritikermachten dieser Kirche den Vorwurf, daß ihr Glanz nur daraufberechnet sei, ihre Schwächen zu verhüllen. Wenn auch wirk-lich hie und da das Kennerauge Verstöße gegen die architekto-nische Kunstregel erjpäht, so wird trotzdem doch selbst der Ken-ner eingestehen müssen, daß ihr Anblick einen imposanten Ein-druck auf ihn gemacht hat. Die kolossalen Verhältnisse unddie luxuriöse Pracht dieses Gotteshauses, geben nicht minder,als die bereits auf der Alt- und Neustadt erwähnten Jesuiten-kirche und Collegien, einen glänzenden Beleg für die Pracht-liebe und den Reichthum dieses einst so mächtigen Ordens. —Schon im Jahr 1283 hatte der prager Bischof Tobias an die-ser Stelle eine Kirche zu St. Nikolaus eingeweiht, die in go-thischem Style erbaut war, und im Jahr IK28 den Jesuitenübergeben wurde. Diese ließen die alte Kirche niederreißenund eine ganz neue in italienischem Style erbauen. Der Bauwährte, von Dinzenhvfer, Vater und Sohn, geleitet, über hun-dert Jahre. Das Innere der Kirche bringt keinen minder
großartigen Eindruck hervor, als ihr Aeußeres. Kolossale Sta-tuen an den riesigen Pfeilern, die prachtvoll geschmückten Al-täre, die Marmorirung der Wände und des Bodens, die Frcs^cogemälde, die kühne Wölbung der Kuppel und des Schiffes,die weiten Räume der Kirche vereinen sich, das Staunen desBeschauers zu erwecken. Gleich beim Eintritte in das Gottes-haus erblickt man auf dem Hochaltare eine stark vergoldeteStatue des Kirchenheiligen, ein Werk des kaijcrl. Hofbildhau-ers Platzer (-j- >787) von dem auch mehre andere Statuenund einige Altäre dieser Kirche rühren. Die Malerei der Kup-pel und der darunter befindlichen drei Schalen ist von Balko,dessen schönstes Bild, der sterbende Franz Xaver, sich gleichfallsin dieser Kirche als Blatt eines Seitenaltars befindet. Dieübrigen Gemälde sind von Graker, Hager und dem JesuitenRaab, ein hübsches Bild deS Gekreuzigten in einer Seitcnka-pelle'von Skreta. — Als eine historische Denkwürdigkeit dieserKirche müssen wir nachholen, daß sich, wie aus einem altenInventar dieses Gotteshauses hervorgeht, vor Auöbruch derprotestantischen Unruhen ein dem Mag. Johann Huß geweihterAltar hier befand. Ebenso ist auch die Notiz nicht ohne In-teresse, daß diese Kirche unter ihren Glocken eine bereits imJahre I4i>8 gegossene besitzt. — Nach Aufhebung des Jesuiten-ordens wurde die St. Nikolauökirche zu einer Pfarrkirche er-klärt. Das an sie angebaute ausgedehnte Jesuitencollegiumwurde anfänglich als Militärkaserne verwendet, bald daraufaber umgebaut und mehren hohen Stellen als AmtSgebäudeeingeräumt. Es heißt seither das „Landhaus," und enthältdas k. k. Appellationsgericht, das Landrecht mit der Landtasel,die k. k. Staatsbuchhaltung, das k. k. Kameralzahlamt, das k.k. Gubernialarchiv, u. s. w.—DaS Landhaus und die Nikolaus-kirche bilden mit mehren angebauten Privatgebäuden eine Häu-serinsel, welche den kleinseitner Ring vom wäljchen Platze schei-det. Beide Plätze machten in früheren Jahrhunderten eineneinzigen großen Platz aus, in dessen Mitte blos die derSage nach von Boleslaus dem Grausamen erbaute (1782 ab-getragene) St. Wenzelskirche stand. Von dem erstgenanntenPlatze, dem kleinseitner Ring, sehen wir auf unsermBilde einen Theil von den, an die Niklaskirche anstoßendenBürgerhäusern. Er ist zwar unregelmäßig, doch schmücken ihnviele ansehnliche Gebäude, von welchen wir nebst dem schongenannten Landhaus das ehemalige kleinseitner Nathhaus (inwelchem sich jetzt die k. k. böhm. Kammerprokuratur und dasObersthoflehnrichteramt befindet), den gräfl. Stcrnbergischen Pa-last, und das Montag'sche Haus (ehemals ein Palais dermächtigen Roscnberge) erwähnen.—Fast ganz regelmäßig (dereinzige Platz der Kleinseite, von dem man dies sagen kann,)ist der wälsche Platz. Ihn schließt westlich das Landhausmit der Vorderfronte der Niklaskirche, östlich das (auf demBilde links hinter der Kirche hervorschauende) gräflich Lede-bour'sche Palais ab, an welches an der südlichen Fronte derfreiherrlich Parisch-Senftenbergische Palast gränzt. Das vor-züglichste Gebäude seiner nördlichen Fronte ist das Amtsgebäudedes k. k. Landesguberniums, der höchsten politischen Landes-stelle, an deren Spitze der jeweilige Obcrstburggraf (gegenwär-tig der um Böhmen hochverdiente Graf Carl Chotek) als