das, ein lebendiger Kalender, von vielen älteren Schriftstellernfür das achte Weltwunder erklärt wurde. Es zeigt nebst denStunden (nach dem alten italien. Stundenschlage von t bis 24)auch den Auf- und Niedergang der Sonne, des Mondes undder Gestirne, den Thierkreis, die Mondesphasen, die goldeneZahl, die Tag- und Nachtglciche, die Sonnen- und Mondes-zirkel, die vornehmsten Festtage im Jahre u. s. f. In der Längeder Zeit aber gerieth das Werk in so schadhaften Zustand, daßman es im Jahre 1787 gänzlich aufgab, die ganze Uhr zer-legen und die Stangen, Räder und Walzen als altes Eisenverkaufen wollte. Indeß entging die Uhr doch glücklich demRuin, und gegenwärtig wird an ihrer gänzlichen Wiederher-stellung gearbeitet. Mit dem Uhrwerke sind mehrere beweglicheFiguren in Verbindung, unter welchen die eines Geizhalsesund des Knochenmannes echte Schöpfungen eines ernsten Volks-witzes sind. Der Knochenmann nickt bei jedem Schlag undöffnet und schließt die Kinnlade, der Geizhals, eine Geldbörsein der Hand, gibt durch Kopfschütteln zu erkennen, daß es fürihn zum Sterben noch immer zu früh sei. — Auf dem alter-thümlichen Fronton der Südseite sieht man das Wappen derAltstadt und darüber die Worte: caput reAni, rechts
zwei lateinische Distichen von Kuthen, links drei von JuliusCäsar Scaliger, deren Inhalt gleich der erste Herameter:Omnis turriAensö oonoeckunl oppicks UrsAss (d. i. alle Städteweichen dem thurmtragenden Prag) ausspricht. Eine vierteInschrift:
llsoo ckomus oäit, amst, punit, oonsorvst, lumorat
I^eguitism, pscem, erimins, fürs, pi'odoshat das Prager Rathhaus mit den Rathhäusern mancher an-dern Stadt gemein. Viele andere Inschriften sind bereitsgänzlich unlesbar, und auch von den Wappen die nicht ge-meißelten bedeutend verwischt. Unter den Sälen und Gemä-chern des alten Rathhauses ist der Rathsaal, wegen seineralterthümlichen Form, besonders aber wegen seines pracht-vollen Traggcbälkes, das Sehenswertheste; von den altenGefängnissen, in welchen in den früheren unruhigen Zeitenviele Hinrichtungen stattfanden, und in deren einem, Schpinkagenannt, selbst König Wenzel IV. einige Zeit gefangen saß, wirdnach dem gänzlichen Ueberbau wohl keines mehr übrig bleiben.
So hätten wir die Hauptgebäude und Hauptmcrkwürdig-kciten des großen altstädter Ringes genannt, und tragen zurVervollständigung nur noch das k. k. Münzgebäude nach,welches an der Nordseite dieses Platzes steht, und bis zumJahre 1784 ein Kloster des Paulanerordens war.
Von der Südseite des Ringes führt die Eisengasse, eineder elegantesten und belebtesten, zum Carolinum, einemstattlichen, altcrthümlichen Gebäude, welches seinen Namennach dem Stifter der Prager Hochschule, Karl IV., erhaltenhat. Von einem reichen Prager Bürger, Rothlew, 1363 er-baut, wurde es 26 Jahre später von Wenzel IV. für die Uni-versität gekauft und erweitert. In diesem Hause war es, woHuß so feurig für Wiklefs Bücher sprach und die Ansprücheder Böhmen auf drei Stimmen bei akademischen Wahlen gel-tend machte, und so den ersten Funken warf, aus dem nichtlange darauf der greuclvolle Hussitenkrieg entbrannte. — Das
Carolin bewahrt im Innern und Aeußern noch manchen archi-tectonischen Schmuck aus alter Zeit. So im Hofe ein roth-marmornes, in die Wand gemauertes Denkmal, welches einNachkomme des byzantinischen Kaiserhauses der Paläologen demgelehrten Matthäus Collinus von Choterina (ch 1566) setzenließ und welches das Bildniß dieses Gelehrten zeigt, wie ereben in einem aufgeschlagenen Buch griechisch die Worte liest:„Der Odyssee Anfang, der Jliade Schluß." Mehrere griechischeund lateinische Inschriften rühmen die Gastfreundschaft des ge-lehrten Böhmen. In einem gothischen Erker befindet sich diealte und alterthümliche Universitätskapelle, an sie stößt dergroße Saal, in welchem die Promotionen gehalten werden.Nebst diesen enthält das Gebäude die Hörsäle der juridischenund mehrere der medicinischen Facultät, ein neues, trefflicheingerichtetes chemisches Laboratorium, ein anatomisches Thea-ter u. m. a.
Dem Carolinum gegenüber steht das ständische Thea-ter. Es wurde im Jahre 1781 — 1783 von dem Grafenvon Nostitz - Rienek erbaut, und gehört gegenwärtig den HerrenStänden Böhmens, welche es Privatunternehmern ohne allenPachtschilling dahin überlassen, daß mit Ausnahme der Norma-tage täglich gespielt werde. An Sonn- und Feiertagen werdenwährend des Winters auch böhmische Vorstellungen gegeben.Das Haus ist ziemlich geschmackvoll erbaut; doch stört, da unterdem gegenwärtigen Dircctor (I. N. Stöger) der Schauplatzerhöht wurde, die nicht harmonirende Gestalt der neuen Be-dachung. Es hat nebst drei Logcnreihen ein Parterre, zweier-lei Sperrsitze (im Parterre und auf der Gallerie) und zweiGallerien. Bisher besitzt Prag noch immer nur dieß einzigeTheater. Dekorationen, Garderobe sind anständig, bisweilenglänzend. Ihrem künstlerischen Standpunkt nach ist die PragerBühne unter den deutschen Bühnen zweiten Ranges eine derbedeutendsten; doch war sie vor zwei Decennien ungleich blü-hender.
Das Theater steht isolirt zwischen der Königsstraßc (Obst-markt) und der Rittergasse, welche gleichfalls noch viele alteGebäude enthält. Die merkwürdigsten darunter sind dasPlatteyß und das alte Gericht. Ersteres, ein sehr weit-läufiges, alterthümliches Gebäude, führt seinen Namen vondem kaiserlichen Rathe Ritter Platteyß von Plattcnstein, deres ums Jahr 1626 besaß und von Kaiser Ferdinand II. großePrivilegien auf dieses Haus erhielt. Der Erbauer desselbenaber ist (1336) Herzog Friedrich von Burgund, der sehr häu-fig an Karls IV. Hoflager in Prag lebte. Das alte Gericht,gleichfalls ein sehr altes und großes Gebäude, über der Ein-fahrt mit dem Stadtwappen geziert, diente in alter Zeit alsKriminalgerichtshaus und Gefängniß. Gegenwärtig — so langeder Umbau des Rathhauses währt —sind die meisten Bureaurdes Prager Magistrats provisorisch hierher verlegt. Das alteGericht ist zugleich ein Eckhaus des sogenannten Brückels,einer Gasse, welche von dem Brückchen ihren Namen hat, dasam Ausgange derselben über den ehemals die Altstadt von derNeustadt trennenden Wassergraben führte. Noch sieht man inder Nähe des Brückels, so wie aller Ausgänge aus der Alt-in die Neustadt Thürme und thurmartige Gebäude, welche in