Die Metropolitankirche zu St. Stephan. Es ist überflüs-sig und des beschränkten Raumes wegen unmöglich, bier vielzum Lobe eines Gebäudes zu sprechen, von dessen Schönheitund Majestät ganz Europa durch unzählige Beschreibungen undAbbildungen überzeugt ist, und wovon sich jeder in Wien an-wesende Fremde durch eignen Anblick am besten und schnell-sten überzeugen kann; darum glaube ich, mich gerade bei die-sem ebrwürdigen unschätzbaren Denkmale deutscher Vorzeit weit-läufiger Beschreibung entbaltcn zu müssen. Der Bau der Ste-phanskirche ward begonnen 1144 unter Oesterreichs erstemHerzoge Heinrich II., Jasomirgott genannt, I I47 war die alteKirche mit den sogenannten Heidenthürmen vollendet. ImJahre 1271» unter Ottokar von Böbmen, begann die Erwei-terung, die durch mebre nachfolgende Landesfürsten befördert,und 1480 vollendet wurde. Der große ausgebaute Thurmwurde 134V unter Herzog Rudolph IV. zu bauen angefangen,1433 unter Kaiser Albrecht II. vollendet. Der Bau des zwei-ten unausgebauten Tburmcs wurde zu gleicher Zeit mit jenemdes ausgebauten begonnen, 15111 aber, nach manchen Unterbre-chungen, der großen Kosten wegen, ganz ausgegeben, 1579 mitdem noch bestehenden kleinen Aufsatz überbaut und mit einemKupferdache versehen. Der erste Baumeister der alten Kirchesoll Octavian Falkner aus Krakau gewesen sein, die Zubautenwurden von verschiedenen Meistern vollendet. Den Bau dergroßen Thürme begann der kunstreiche Meister Wenzla ausKlosterneuburg, vollendet wurde derselbe durch den ausgezeich-neten Anton Pilgram aus Brünn, der auch au den Zubautender Kirche großen Antheil hatte, wie sein vortreffliches Brust-bild am Chöre und an der prachtvollen Kanzel beweiset *).Hans Buchsbaum, Georg Khlaig und Andere bauten an demunvollendetem Thurme. Die Kirche und die Thürme sinddurchaus von glatt gehauenen Quadersteinen erbaut. Die Längeder Ersten beträgt über 55, ihre-größte Breite zwischen denThürmen 37, die vordere Breite 24 Wicnerklafter. Die äu-ßere Mauer ist über 13 Klafter hoch. Die Höhe der beidenvorder« Thürme beträgt nahe an 33 Klafter, der große Thurmist etwas über 71 Klafter hoch, der unausgebaute 25 Klastcr.Die Außenseiten der Kirche sind mit mehren alten Grabmalengeziert, worunter jenes von Konrad CelteS besonders merkwür-dig. Die Eingänge sind mit schönen Steinmetzarbeiten ge-schmückt, an der Nordscite befindet sich die steinerne Kanzel,worauf Johann Capistran zum Kreuzzuge gegen die Türkenpredigte. Nabe an dem ausgebauten Thurme ist ein Hautrc-lief, die Beurlaubung Christi von seiner Mutter vorstellend,
») Nach anderen Angaben soll dieses Brustbild jenes von Hans Buchs-baum sein, die Mehrzahl aber, auch Hormayr, pflichtet erstererMeinung bei.
mit kleineren plastischen Arbeiten umgeben, von ausgezeichneterSchönbeit zu sehen. Es wurde 1549 errichtet, und in neuererZeit geschickt ausgebessert. Das Innere der Kirche, ein düsteresehrfurchtgcbictendes Riesengewölbe von achtzehn hoch empor-strebenden Pfeilern gestützt, erregt durch den kühnen majestäti-schen Bau Bewunderung und einen unverlöschlichen erhebendenEindruck von dem einfachen, und doch so großartigen Kunst-sinne unserer Vorvordcrn, der sich sowohl an dem herrlichenBaue, als auch durch den aller Orten sich dem Auge des füh-lenden Beschauers darstellenden Reichthum, an ehrwürdigenUeberrestcn alter Kunst ausspricht, welchem Gefühle nur diean den Pfeilern angebrachten, größrentbeilö modernen Altäreetwas störend entgegenwirken. Die Kirche hat links und rechtsneben dem Hochaltare zwei große Scitenaltäre, dann mebre anden Wänden und Pfeilern angebrachte Nebenaltäre; Gemäldevon ausgezeichnetem Kunstwcrthe sind zwar nicht zu finden,desto mehr jedoch plastische Meisterwerke des Alterthums, soz. B. die unvergleichlich schöne Kanzel; der höbe Chor; derherrliche alte Orgelchor mit dem Brustbilde Pilgrams; vielekunstvolle Monumente, worunter jenes des Kaisers Friedrich III.vor dem rechten Seitcnaltare, auS salzburgcr Marmor, mitmehr als 249 Figuren verziert, vor Allem ausgezeichnet ist;das große Basrelief, die Krönung Maria's von der heiligenDreifaltigkeit und Andere, deren Beschreibung hier viel zuweit führen würde. Im Allgemeinen ist hier der herrliche alteBaustyl in Blätter- und Pflanzenform, eben so kunstreich alsedel einfach, vorherrschend. Die Kirche enthält ferner vierCapellcn; in der Kreuzcapelle ist das Grabmal des berühmtenEugen von Savoyen befindlich; einige Fenster bewahren Uebcr-rcste köstlicher alter Glasmalereien. Unter der Kirche befindensich dreißig Katakomben mit der von Rudolph IV. gestiftetenFürstengruft, worin nebst diesem, mehre österreichische Fürstenaus habsburgischem Stamme begraben liegen. Diese Gruftkam in der Folge ganz in Vergessenheit und wurde erst 1975durch einen Zufall wieder entdeckt. Seit dieser Zeit werden,da schon die neue Fürstcngruft bei den Kapuzinern erbaut nzar,hier nur die Eingeweide aller verstorbenen Mitglieder des kai-serlichen Hauses in kupfernen Urnen aufbewahrt. Die Kirchehat zwei Sacristeien, wovon die untere eine Stukkaturarbeilvon höchstem Kunstwerthe enthält. Die Reliquienkammer nächstdem Hochaltar bewahrt in zwölf Kasten über 299, durch Alterund Bedeutung ausgezeichnete, Reliquien. Auf den großenThurm führen fünfhundert drei und fünfzig steinerne, zweihun-dert hölzerne Stufen, die Spitze erreicht man auf Leitern. DieAussicht von der Höhe desselben ist weit umfassend undentzückend schön, er bewahrt auch manches historisch-merk-würdige Monument.