Periode des Interregnums der nächstfolgenden Zeit bis 1314;denn am Ende derselben sehen wir die bisher noch immerkönigliche Stadt mcbr und mebr in eine unmittelbare Stadtdes Reichs übergehen.
Indeß behaupteten die Geschlechter, welche im Gegensatzeder Handwerker von Alters her auch die Besseren genanntwurden, in der Regierung und Verwaltung der Stadt wäh-rend dieses ganzen Zeitraums noch immer das entschiedeneUebcrgewicht über das dcmocratische Element, welches sich da-mals allerwärts in den allmählig hervortretenden polnischenAnsprüchen der Handwerker oder Zünfte zu regen anfing. Dagab die zwischen Ludwig von Baiern nnd Friedrich von Oe-sterreich schwankende Königswahl im Jahr 1314 die nächsteVeranlassung zu einer entschiedenen Verfassnngsveränderung.Wäre indeß nicht unter den Geschlechtern selbst, wovon dieMehrzahl auf Oesterreichs Seite stand, die Minderzabl aberLudwig anhing, Zwietracht ausgebrochen, so hätte jeder Ver-such der Zünfte, sich den Ersteren politisch gleich zu stellen,scheitern müssen; so aber erreichten sie ihre Absicht nicht nurjetzt vollkommen, sondern sahen auch alle weiteren Gegenbe-mühungen, welche die zu spät vereinigten Geschlechter mach-ten, mir neuen Siegen für sich enden. Und so erlangten end-lich die Zünfte im Jakr 1345 in der Niedersetzung einesgroßen Ralbs, der zum größten Theil aus zünftigen Bürgernbestand (30 gegen 1t) Geschlechter), das Ziel, auf welches sieseit zwei Jahrhunderten hingearbeitet hatten: das entschiedeneUebergewicht des demokratischen Prinzips über das aristokra-tische. Auch der daneben bestehende kleine Rath, welcher un-ter der Coutrole des großen die oberste Leitung der öffentlichenAngelegenheiten hatte, bestand aus 17 Zunflgenossen und nur15 Geschlechtern.
Noch früber als sich auf die angegebene Weise der Stadt-ratb des aristokratischen Elements erledigt hatte, war auch, nachAusscheidung der Schultheißen, das monarchische völlig ausdemselben verdrängt worden; zugleich waren auch nach undnach alle königlichen Hobeirsrechte: die Zölle, der Betrieb derMünze, das Umgeld, die Jndengefälle, der Wildbann, dasMühlen- und Floßrccht :c. veräußert worden. Endlich erhieltdie Stadt von Karl IV. 1346 auch Brief und Siegel dar-über, daß sie sich selbst Gesetze geben dürfe. Und hatte siedas freilich schon seit langer Zeit obne Verwilligung der Kaisergethan, indem sie ja die Waklacte und die ganze Verfassunggeändert hatte, so war doch nunmehr die Vollendung der
reichsstädtischen Selbstständigkcit gesetzmäßig von dem Reichs-oberhaupte ausgesprochen worden.
Gestützt auf diese freie bürgerliche Verfassung, welche sichbis zum Ende des Mittelalters ja bis zu dem Jabr 1548 un-verändert erhielt, sehen wir nun Ulm unaufhaltsam jenemGipfel des Glanzes und der Macht zueilen, auf welchem wirdiese Reichsstadt, wie fast keine ihrer süddeutschen Schwesterndes 15. Jahrhunderts, erblicken.
Aber nur zu bald sollte es wieder von dieser Höhe derMacht und des Reichthums stufenweise wieder herabsinken.Schon die Auffindung des Seewegs nach Ostindien und derdadurch veränderte Zug des morgenländischen Handels hattedem Wohlstande Ulms, sowie überhaupt den italienischen undsüddeutschen Städten, eine empfindliche Wunde geschlagen; eineempfindlichere aber schlug die Reformation mit ihren nächstenund entfernteren Folgen. Nicht allein hatte die Stadt in dendamaligen Religionskriegen und insbesondere durch die Bestim-mungen des Interims (1548) Unsägliches zu leiden, sondern siemußte sich auch in demselben Jahre durch Karl V. um ihrkostbarstes Kleinod, um die Verfassung, gebracht sehen, welche200 Jahre lang ihr Stolz, die Quelle ihres Wohlstands undihrer Macht gewesen war. Schrecklich lastete hierauf derdreißigjährige Krieg mit seinem ganzen Druck auf Ulm, undselbst die nachfolgenden Zeiten vergönnten der Stadt kaum sicheinigermaßen zu erholen; denn wurde sie auch nicht mittel-bar von dem Türken- und ersten Franzosen-Krieg berührt, sowurde sie doch stets mit harten Steuern für dieselben belegt.Im Spanischen Erbfolgekricg aber - büßte wieder Niemandschrecklicher für den Hader der Fürsten, als Ulms unschuldigeBürger. Und ob auch der folgende Theil des 18. Jahrhun-derts ruhig vorüberging und nach dem Hubertsburger Friedenselbst ein Wiederschcin des alten Glanzes auch für Ulm auf-zudämmern versprach, so brachte doch zuletzt die französischeRevolution nur neues gränzenloses Elend über die arme Stadt,welche, abgesehen von den Lasten, die es mit dem übrigen Deutsch-land zu tragen hatte, im Laufe eines 25jährigen Krieges drei-mal belagert und beschossen wurde. In Folge derselben Bege-benheiten aber hatte Ulm zugleich schon zu Ende des Jahres1802 aufgehört, eine freie Reichsstadt zu sein, und war an dieKrone Baiern übergegangen, von welcher sie nach achtjährigemBesitz (1810) an Würtcmberg abgetreten wurde, unter dessenväterlicher Regierung es sich allmählig wieder zu einiger Be-deutung erhoben hat und zu noch größerer zu erheben verspricht.