Noch reicher und umfassender ist die Aussicht, welche manvon der Platte, einem andern der schönsten und höchstenPunkre des Taunus etwa zwei Stunden von Wiesbaden ge-nießt;" weßhalb man auch diese Parthie als die Krone allernäher bei Wiesbaden gelegnen zu betrachten Pflegt. Schenswerthist hier auch das palastähnliche herzogliche Jagdschloß; es bildetein regelmäßiges Viereck, dessen Vorderseite ein auf zwei Mi-schen Säulen ruhender Balkon ziert; den Eingang schmücken diezu beiden Seiten hingelagerten, von Bronze gegossenen, großenHirsche, und eine mit großer Kunst erbaute Doppelstiege, dievon oben ihr Licht erhält und von einer auf 8 Marmorsäulenruhenden Gallerie umgeben wird, führt in die Zimmer desersten Stockwerks, die wahrhaft geschmackvoll eingerichtet sindund einige Wochen im Jahre zur herzoglichen Residenz dienen.
Wenden wir uns nun von diesen Höhenpunktcn wiedermehr der Ebene zu, so führt uns auf der Südseite der Stadtein reizender Weg nach dem eine Stunde entfernten FleckenBiebrich — dem alten Biburc oder bei der Burg — miteinem prachtvollen, herzoglichen Ncsidcnzschlosse, dicht am Rhcin-strome, und einem dazu gehörigen reizend angelegten Parke.Ersteres wurde von dem Fürsten Georg August von Nassau-Usingen in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts indem damals herrschenden, französischen Style erbaut und 1829bei der Wiedervermählung des letztverstorbenen Herzogs im In-nern äußerst pompös eingerichtet. Der Speisesaal, welchen jo-nische Säulen und Karyatiden von inländischem Marmor stützen,ruht auf einem Gewölbe, worin sich die durch ein schönesDeckengemälde merkwürdige Schloßkirche befindet; eine herrlicheAussicht genießt man von dem an den Spciscsaal stoßendenSöller. Der Garten, ungefähr 190 Morgen groß, wurde da-mals gleichfalls von dem geschickten Gartcudirektor Sckell aus
München, einen geborenen Nassauer, in seine gegenwärtige Gestaltumgcschaffen. Schattige Alleen, Beete mit auserlesenen Blumen,frische Rasenplätze, selrene Bäume und Gesträuche wechseln inden mannigfaltigsten Anordnungen mit einander ab, und gebendem Ganzen einen unbeschreiblichen Reiz. Am Ende des Gar-tens nahe bei dem Orte Moßbach steht die sog. Burg, welcheder vorletzte Herzog, Friedrich August, auf der Ruine der altenMoßburg im mittelalterlichen Style erbauen ließ. An denMauern rankt auf allen Seiten das sanftblättrige Ephcu male-risch empor, was dem Gebäude im Herbst, wenn sich die Blät-ter in Purpurroth verwandeln, einen zauberhaften Anblick giebt.Am Eingänge sind mehrere Grabsteine eingemauert, und auch imInnern ist die Burg mit schätzbaren alten Denkmälern aus ver-schiedenen Zeiten und von verschiedenen Orten, besonders ausdem aufgehobenen Kloster Eberbach, geschmückt und bietet zugleichvon ihren Zinnen eine entzückend schöne Aussicht dar. Auf dereinen Seite ist sie von schattigem Buschwerk, auf der andernaber von einem Teiche umgeben, der von ausländischen Schwimm-vögeln bevölkert ist.
Kaum eine halbe Stunde von Biebrich liegt das freund-liche Uferdorf Schier stein, welchem einige schöne Landhäuserund Gärten zum besonderen Schmucke gereichen. Der Ort istalt, und schon zu den Zeiten der Karolinger soll hier ein Kö-nigshof gestanden haben. Schierstein hat fruchtbare Getraide-und Obstfelder, und baut auch schon, besonders in der sog.Hölle, einem nach Frauenstcin herausziehenden Thale, vorzüglichenWein, der selbst mit den besseren Erzeugnissen des Rhcingauswetteifert.
Von Schierstem gelangt man auf der am Ufer des Rheinsfortziehenden Straße schon in einer Viertelstunde nach Niedcr-walluf, dem ersten Orte im eigentlichen Rheingau.
Geschichte.
Die Geschichte der Stadt Wiesbaden verliert sich in dem >frühesten Alterthume. Als die ältesten Bewohner der Gegendvon Wiesbaden lernen wir die Mattiake» (von Matte, Wieseund Aue, Aach, das Wasser) keimen. Sowohl Tacitus (Kerm.c. 29.) als auch Plinius (Uist. nat. I. 31. e. 2.) gedenkenihrer, als eines Stammes der kriegerischen Katten, der ansdem rechten Rheinufcr gewohnt habe. Plinius erwähnt dabeizugleich aus eine ganz unverkennbare Weise der hiesigen warmenOuellen, wenn er weiter bemerkt: 8unt et IVIattiaei in Ker-mania kontes ealicki trans kUienum, quorum kaustus triüua ker-vet; circa marxinem vero xunicem laeiunt aguae. D. h. Auch
> sind in Deutschland die Mattiakischcn heißen Quellen, deren ge-schöpftes Wasser drei Tage lang warm bleibt, um den Randaber einen Bimsstein (Kalksintcr) ansetzt. Wohl mochte jenerdeutsche Volksstamm diesen Aufenthalt mit der von unsern Vor-fahren bekannten Vorliebe für Salzquellen und andere merkwürdigeNaturerscheinungen gewählt und sich auch wohl schon der hiesi-gen warmen Quellen bedient haben. Noch sieht man in demnahe gelegenen Fasancriewalde, auf dem Wege nach der Platte,nach Medenbach, Bleidenstadt, Kloppenheim :e. altdeutsche Grab-hügel, welche 70 bis 100 Fuß im Umfange und meist 6 bis 8Fuß Höhe haben, und in ihrem Inneren Urnen, Knochen, Ringe,