Preußen errichtete und welche gegenwärtig der vereinigten lutherisch-reformir-ten oder evangelischen Gemeinde gehört.
Die letzte Kirche, welche unser Bildchen darstellt, ist das ehemaligeKollegiotstift fum heil. Paul, von welcher l>ro. 2. eine besondere An-sicht liefert. An der Stelle dieser Kirche befand sich ursprünglich dik Pfalz(Burgveste) einer mächtigen fränkischen Herzogsfamilie, welche gewöhnlichvon ihren Besitzungen in und bei Worms die Wormsische (Worn,»ti«»sis)genannt wurde. Endlich aber gelang es Kaiser Heinrich II. aus Verwendungdes Bischofs Burkard den aus dieser Familie stammenden Herzog Otto, wel-cher den Frieden und die öffentliche Sicherheit der Stadt durch räuberischeAusfälle auf das empfindlichste störte, zu einem Tausche seiner Burgvesteund seines Allodialguts bei Worms gegen Brüssel am Brurrhein zu bewegen.Nicht zufrieden, der Bürgerschaft und Geistlichkeit von Worms diesen wich-tigen Dienst geleistet zu habe», schenkte nun noch der mildthätige, kirchen-freundliche Kaiser das Ganze an den Bischof Burkard, welcher alsbald(l003) die verhaßte Beste zerstören und aus ihren Trümmern das Paulstift(vollendet lOlft) hervorgehen ließ. Im Jahr I2KI erlitt dasselbe nebst derdazu gehörigen Parochialkirche St. Rupert solchen Brandschaden, daß beideKirchen fast von Grund aus wieder aufgeführt werden mußten. Beim großenStadtbrand (Istgg) erhielt sich von dieser Kirche glücklicherweise die ganzeVorderseite nebst der Kuppel und den beiden Seitenthürmen bis auf dieDachspitzen, sowie der Hintere Chor ziemlich unversehrt; dagegen brannte dasSchiff der Kirche seiner ganzen Länge nach ab. In neuerer Zeit geht dieseKirche, seitdem sie aufgehört hat, zu gottesdienstlichen Zwecken zu dienen,ihrem gänzlichen Verfall mehr und mehr entgegen. ES ist dies um so mehrzu bedauern, als sich dieselbe sowohl durch ihre Zierlichkeit und Eleganz, alsauch besonders durch die Eigenthümlichkeit ihres Styls auszeichnet, welcherdeutlich den Uebergang des byzantinischen in den altdeutschen bezeichnet. Un-verkennbar ist dies an den leichten und gefälligen Kapitälen des Portals,insbesondere aber den vier aus der Farads hervortretenden Pfeilern zu er-sehen, ja gewissermaßen auch an der über dem Eingang befindlichen Kuppel,indem dadurch die spätere Gewohnheit, denselben mit Thürmen zu versehen,schon deutlich hervortritt. Das älteste Gepräge an der ganzen Kirche trägtjedenfalls der Hintere Chor mit seinen Säulenumgängcn an sich. Aus denspäteren Zeiten des altdeutschen Baustyls ist dagegen das anstoßende Capitel-gebäude, welches gegenwärtig zur Aufbewahrung von Kornfrüchten dient,sowie die Kirche selbst von Brennholz.
Unter den übrigen öffentlichen Gebäuden in Worms giebt es wenige,welche sehenswerth wären. Von dem alten Rathhausgebäude hat sich nurder Hintere unansehnliche Theil, der sogenannte Bürgerhof, erhalten, in desseninnerm Hofraume sich, außer einigen Sculpturarbeiten aus dem späterenMittelalter, besonders einige merkwürdige römische und jüdische Grabsteineeingemauert befinden. Auch hat sich daselbst noch das alte Stadtarchiv er-halten, welches sich aber gegenwärtig, so kostbare Urkunden es auch birgt, ineinem sehr traurigen Zustande befindet. — Sonst sind von öffentlichen Ge-bäuden noch zu bemerken: die Pfalzgrafenhof- und die Domdechanci-Kaserne,von welchen insbesondere die letztere ein sehr freundliches Ansehen und zu-gleich eine sehr freie und gesunde Tage hat; das Gymnasial- und das Com-munal-Schulgebäude. Einiges Interesse möchte auch für den Altertyums-freund das große massive Gebäude haben, welches dicht an dem Neuthor aufdie Promenade stößt. Es ist dies nämlich das wenigstens in seinen Mauernnoch erhaltene alte Tanzhaus der Stadt, an welches sich mancherlei merk-würdige Erinnerungen aus alter Zeit knüpfen. So ließ der lebensfroheKaiser Maximilian I., als er sich im Jahr I4ö4 mit seiner GemahlinMaria von Burgund einige Wochen in Worms aufhielt, mehrere öffentlicheTänze darin aufführen, welchen er nebst der jungen Kaiserin selbst beiwohnte.Im folgenden Jahrhundert hielten die ersten Anhänger Luthers, da ihnendie bischöfliche Geistlichkeit als Ketzern die Kirchen verschloß, in diesem Ge-bäude sowie auch abwechselnd an andern Orten ihren Gottesdienst, wobei sie
sich ein-S tragbaren hölzernen PrcdigtstuhleS bedienten. Erst im Jahr I6Wwurde dieses Haus, dessen unterer Theil vorher Handelsleuten zum Waaren-lager gedient hatte, förmlich zum Behuf des gemeinschaftlichen Gottesdiensteseingerichtet und noch vor Ende des genannten Jahrhunderts eingeweiht.Dieser Bestimmung verblieb nun das Gebäude unter dem Namen der „altenKirche", bis es vor etwa 2g Jahren in Privatbesitz überging und seitdemals Heumagazin benutzt wurde.
So viel über die öffentlichen Gebäude der Stadt. Was die Wohnhäuserbetrifft, so sind sie, wenigstens in den vornehmsten Straßen und an denHauptplätzen der Stadt, freundlich und wohmich; nicht wenige haben auchden Vorzug eines Hausgartens. Ueberhaupt aber bietet die Stadt im In-nern wie im Aeußern die Ansicht einer freundlichen Landstadt dar. Von denin alter Zeit überaus volkreichen Vorstädten vor dem Speierer- und Main-zerthore haben sich nur schwache Ueberreste erhalten. Sie sind gegenwärtiggrößtentheils in blühendes Garlenfeld verwandelt und würden sicher der Stadtzum schönsten Schmucke dienen, wenn sie anstatt durch hohe kahle Mauerndurch einen lebendigen Hag oder durch Staketenwände eingefaßt wären.
Wir fügen jetzt noch einige Worte über die äußere Umgebung der Stadthinzu. Die Stadt ist zunächst ringsum mit einer Mauer umschlossen, welchemeist erst zu Anfang des vorigen Jahrhunderts aus dem Schutt der früherenwieder aufgerichtet wurde. Leider haben sich von den ehemaligen zahlreichenstattlichen Mauerthürmen der Stadt (wahrscheinlich aus der Mitte des 14.Jahrhunderts) nur noch zwei erhalten, welche sehr schön und solid massivaufgeführt sind. (Sie sind auf unserm Totalbilde nicht weit vom Rheins zuersehen.) Von einem andern Mauerthurme, der sich nach der Sitte vieleralter Reichsstädte als Wartthurm oder sogenannter Lug-ins-Land auf demhöchsten Punkte befand, hat sich außer geringen Mauerüberresten nur nochder alte Name erhalten, der indeß jetzt auf den Platz übergegangen ist, aufdem jener Thurm ehemals stand. Eine besondere historische Merkwürdigkeithat derselbe dadurch, daß Kaiser Friedrich II. I2Z6 seinen aufrührerischenSohn König Heinrich darin eine Zeit lang gefangen hielt, ehe er ihn nachApulien verwies.
Von den ehemaligen Thoren der Stadt, von welchen besonders die nachMainz, Speyer und dem Rheins führenden einen stattlichen Anblick darboten,hat sich unter den mancherlei Umwandlungen der Zeit fast keine Spur mehrerhalten. Die Stadt hat dadurch zwar ein freieres, aber auch ein unbedeu-tenderes Ansehen erhalten, was besonders bei dem Eintritte pon der Rhein-seite her auf eine unangenehme Weise mit den großen Erwartungen contra-stirt, welche die Stadt durch ihre stolz emporragende Kirchen, aus der Fernegesehen, in jedem Fremden zu erregen pflegt. UeberauS freundlich erscheintdagegen die nächste Umgebung der Stadt auf der westlichen und südlichen Seite,auf der sich längs dem Walle und Graben eine zwar kleine, aber durch ihreüppige Vegetation, ihre einfach schöne Garten- und Baumanlage, sowie durchdie freundliche Bcgränzung verschiedener Weingärten überaus anziehende Pro-menade befindet, welcher der an mehreren Punkten sich eröffnende Blick aufden Dom und die Liebfrauenkirche einen noch höhern Reiz für den sinnigenBeschauer verleiht.
Möge die Stadt, an welche sich, wie wir sahen, seit den ältesten Zeitenso großartige und ruhmwürdige Erinnerungen knüpfen, nachdem sie vor allenihren Schwesterstädlen am Rheins die härtesten Schicksale getroffen, sich unterder gegenwärtigen überaus milden und weisen Regierung zu immer größeremAnsehen und Wohlstand erheben! Möge es aber auch jeder edelgesinnte Be-wohner von Worms stets als eine fromme Pflicht betrachten, nach Kräftendazu mitzuwirken, daß sich eine Stadt, in welcher einstmals der Geist deut-scher Nation den höchsten Triumph gefeiert hat, dieses großen Namens inallen ihren Handlungen immer würdig erweise, und ihr wenigstens durchdiese innere Größe der Gesinnung einigen Ersatz für die wohl auf immerentschwundene äußere Bedeutung der früheren Jahrhunderte zu bieten suchen!
Worms, im Juli I8Z6. Dr. G. Longe.