Vorwort
Gross ist die Zahl der über sogenannte schöne Architectllr erschienenen, theils ausgeführte Werke grosser Meister, theils blosseEntwürfe umfassenden Werke. Gross auch ist der Einfluss, den sie auf die handwerklichen und insbesondere baulichen Ausführungender letzten Jahrzehnte ausgeübt haben, so dass man zu der Erwartung berechtigt ist, als ob ein gewisser Grad von vorgeschrittenerKunstbildung, wenigstens im Vergleiche zur jüngst vergangenen Zeit, herrschend sein müsse. Und dem ist auch so in gewisserHinsicht, ob aber die Richtung, welche diese Kunstbildung in dem Bauwesen genommen hat, eine gute und wahre zu nennen, istwohl sehr zweifelhaft. Wenn sie wahr wäre, wäre sie auch gut, aber das Grundübel ist eben, dass die meisten der heutigen Aus-führungen aller Wahrheit bar und ledig sind, dass fast Jeder in dem Style, der ihn wohl mehr der schönste, als der angemessenstedünkt oder, wenn wir die gewöhnlichen Bauausführungen bürgerlicher Wohnhäuser betrachten, in dem, der dem Publikum am bestengefällt, arbeiten will. Von einer Benutzung des Materials ist dabei wenig die Rede. Es giebt auch fast nur mehr ein Handwerk,welches berechtigt ist, die dem Auge am Aeusseren sichtbaren Bautheile auszuführen, und das ist das des Putzmaurers. Danachrichten sich Alle, selbst die Steinhauerarbeit wird jetzt häufig so gemacht, als ob sie nur eine Nachahmung, ein Ersatzmittel fürden Putz sein sollte. Gebaut wird fast überall auf die gleiche Weise, geputzt aber auf sehr verschiedene. Der Gang der Sacheist der, dass man meistens eine schlichte Mauer mit viereckigen oder anders geformten Fensteröffnungen aufführt und dann nachLiebhaberei mit allerhand schönen Sachen beschmiert, beklebt und benagelt. Dass aber darin eine Herabwürdigung einer so heiligenKunst, welche sich auch durch Wirkungslosigkeit der also ausgeführten Gebäude rächt, liegt, das lässt sich wohl schwer in Abredestellen. Das Uebel also ist da, aber eben so nahe auch die Erlösung, wenn man sie nur mit Ernst und Eifer verdienen will. Ausder Vergangenheit stehen uns noch so viele der erhabensten Werke da, deren Beleuchtung uns eben den Unwerth unserer heutigenBauweise zeigt, und nur in einem Anknüpfen an diese Vergangenheit, an die Werke des deutschen Mittelalters, liegt die Möglichkeit,dem gesunkenen Bauwesen wieder zu frischer Blüthe zu verhelfen. Was nützen alle Entdeckungen des neuen Styles, wenn in denWerken der Alten so unendlich Vieles enthalten ist, was wir erst neu zu entdecken haben, wenn es überhaupt schon einebedeutende Lebensaufgabe ist, sich nur erst auf den Standpunkt der Gewissenhaftigkeit und Kunde zu heben, von welchem ausdie Alten ihre Werke geschaffen haben.
Es ist auch schon viel geschehen, um uns das Mittelalter näher zu rücken, nur nicht so recht in handwerklicher undbaulicher Rücksicht.
Es ist von sehr geringer Wichtigkeit, ob man bei einer heutigen Ausführung ein Gebäude gothisch oder byzantinisch odergriechisch putzt und mit entsprechenden Ornamenten beklebt, von um so geringerer, weil man bei einiger Ueberlegung finden wird,dass der einer Putzausführung am besten anpassende Styl gerade wegen seiner Willkürlichkeit der Zopfstyl ist. Deshalb ist eineNachahmung der Aeusserlichkeiten an alten Werken ohne dieselbe Uebereinstimmung mit der Art der Hervorbringung, wie sie davorkommt, eher nachtheilig. Aber von sehr grosser Wichtigkeit würde es sein, wollte man zu einer Bauausführung dieselbeGewissenhaftigkeit und Treue, dieselbe Achtung vor dem Handwerk, dieselbe Verachtung jedes bloss äusseren Effectes mitnehmen, welcheselbst aus den geringsten Theilen der alten Werke hervorleuchten, und dadurch wird man von selbst auch auf eine dem Mittelalterentsprechende Formenbildung kommen.
Vor allen Dingen also muss man die alten Bauwerke studiren, aber nicht mit dem modernen Fürwitz, der bei jedem ober-flächlich angesehenen Theile einen Triumph feiert und denkt, das könne man jetzt besser machen, sondern man muss daran gehenmit dem rechten Glauben, der alles daran Vorkommende auf die Gewähr der alten Meister hin annimmt und die Sicherheit in sichträgt, dass bei vorgeschrittener Kunde das erst unrichtig Scheinende gerade das redendste Zeugniss ablegen wird der hohen Voll-kommenheit der alten Arbeiten.
Es geht aus dem Gesagten hervor, dass mit Herausgabe dieser Blätter keineswegs die Lieferung von Musterzeichnungenverbunden sein soll. Wir müssen uns vor der Anmuthung solcher Meinung verwahren, wenn die Unmöglichkeit dieser Absicht nichtschon daraus hervorginge, dass das Werk bloss weltliche Arbeiten umfasst, und ohne Zugrundelegung der kirchlichen Architecturkeine weltliche möglich ist. Es sollen vielmehr diese Blätter nur Versuche sein, die Aufgaben, welche die weltliche Baukunst stellt,mit möglichst genauer Berücksichtigung des jedem Material und jedem Handwerk Angemessenen zu lösen, und somit nur die Lusterregen, die Werke des Mittelalters mit Fleiss und mit der Absicht der Nachfolge zu studiren. Sie sollen gewissermassen den Wegzu den Quellen weisen, die nach Gottes weisem Rathe in Deutschland noch so reichlich fliessen, dass sie Jedem, der Verlangendanach ti'ägt, zu klarem alten Weine werden.
Der Verfasser.