I.XX
fält laufen sie in sich zurük, wie die zarten Schlingen*)des Weinstoks, und fließen in wellenförmigen Loken ausseine Schultern herab.
Gefiele es der Gottheit, in dieser Gestalt den Sterb-lichen sich zu offenbaren, alle Welt würde zu deren Füßenanbeten. Der unerleuchtete Indianer und die finstern Ge-schöpfe, die ein ewiger Winter bedeket, würden eine höhereNatur in ihr erkennen, und wünschen, ein ähnliches Bildzu verehren; die Wesen der ältesten Zeit würden hier dieGottheit der Sonne in menschlicher Gestalt finden.
Eine Stirn, wie diejenige, die von der Göttin derWeisheitfchwangerwar, und die im Ap o llo von dem Geisteder Weissagung zu Delos und Klaros aufgefchwellet scheint;Augenbraunen, nachdem Begrif derjenigen, die den Olym-pus erschüttern, Augen der Königin der Göttinen, mitMajestät gewölbet, und der schönste Mund voller Zärtlich-keit, einen Hyacinthus und Pampho zu küssen.
Der Unmuth selbst wider den Python, welcher sich inder Nase aufblähet, ist wie ein Wetter, welches in denuntern Gegenden der Luft bleibet, und die obere Atmosphärenicht beunruhiget.
Der Künstler hat den Apollo vorgestellet, da er nochnicht dieDaphne geliebt hatte; denn er hat noch keinenLorbeerkranz.**)
Gehe vorher mit dem Geiste in das Reich unkörperli-cher Schönheiten, um dich zur Betrachtung dieses Bildesvorzubereiten. Sammle Begriffe erhabener Dichter, undversuche ein Schöpfer einer himmlischen Natur zu werden,und wenn du in dir selbst ein Bild erzeuget, und eine voll-
*) Unter: zwischen Schlingen ficht: Ranken.
I^uc. vial. Ocor. XV. c, 2. Vllv «V? exsl»'«!»