10 Buch/I Kap. 21
ß. j-j. Dieser mit den Schlange» umwundeneArm wurde sich über das Haupt der Statue herüber-beuge»/ und es kan dieses Künstlers Absicht gewesensein, den Begrif des Leidens im Laokoon, dadessen übrige Figur frei ist/ durch die Annäherungdieses ArmS zu dem Haupte/ als in zween verbun-denen Begriffen / stärker zu machen/ und durch diewiederholten Windungen der Schlangen hierher dengrößten Schmerz zu lege»/ welchen der alte Künstlermit dem Wohlstande und mit der Schönheit der Fi-gur/ da beides hier herschen sollte/ abgewogen hat.ES scheiner aber/ es würde der über das Haupt ge-bogene Arm die vornehmste Aufmerksamkeit/ die dasHaupt verlanget/ zertheilet haben/ da der Blik zugleicher Zeit auf die Schlangengewinde um den Armwürde gerichtet gewesen sein. ES bat Bernini da-her den von ihm ergänzeten Arm in gebrauter ErdeauSgestreket/ um das Haupt der Figur frei zu lassen,und um keinen anderen Theil demselben oberwärtszu nähern. Die zwo Stufen unten an dem Wür-fel/ auf welchem die Hauptfigur sizet/ scheinen dieStufen zu dem Altare anzudeuten/ wo dasjenige/was hier vorgestellet ist/ geschah.
§. Da nun diese Statue unter so vielen tau-fenden der berühmtesten Künstler/ die aus allen Or-ten von Griechenland nach Rom gebracht worden/hier als das Höchste in der Kunst geschäzet worden:so verdienet dieselbe bei der niedrigern Nachwelt,die nichts vermögend ist hervorzubringen/ was diesemWerke nur entfernter Weise könte verglichen werden/desto größere Aufmerksamkeit und Bewunderung.Der Weise findet darinen zu forschen und der Künst-ler unaufhörlich zu lernen / und beide können über-zeuget werden/ daß in diesem Bilde mehr verborgenliegt/ als das Auge cntdckct/ und daß der Verstand