Die Souveränetät Preussens ward in demselben allseitig und unbedingt bestätigt und anerkannt. Einhervorragender Geschichtsschreiber 1 ) bezeichnet den Frieden von Oliva als die erste Staffel der ErhebungDeutschlands, den Grundstein unseres heutigen nationalen Deutschlands; und ohne Zweifel hat ein besonderesVerdienst um das Gelingen dieses bedeutsamen Werkes der Freiherr Otto von Schwerin, welcher vorzügliches war, der die überall sich dagegen aufthürmenden Hindernisse zu überwinden verstand. 2 )
Wir müssen uns versagen, auf die vielumfassende weitere Thätigkeit des Oberpräsidenten in Ausübungseines hohen Amtes näher einzugehen. Er war vermöge seiner Stellung, sowie seines nahen persönlichenVerhältnisses zum Kurfürsten bei allen Angelegenheiten des Staates ausnahmslos betheiligt undseine Mitwirkung meist von hervorragender und eingreifender Bedeutung. Wesentlichen Antheil hatte erinsbesondere an allen den Reformen, mit welchen der grosse Kurfürst während der längeren Friedensperiodeden neugeschaffenen Staat auch im Innern ausbaute; an der Förderung von Gewerbe und Handel, an derHebung des Ackerbaues, namentlich der Erhöhung des Ertrages der Domänen durch verbesserte Wirthschaft,der Herbeiziehung von Colonisten in das durch die jahrelangen Kriege verwüstete Land, 3 ) an der Ordnungdes Finanz- und Steuerwesens durch die an Stelle der bisherigen Contribution 1667 eingeführte Accise, undendlich an der Regelung der kirchlichen Verhältnisse, 4 ) bei welchen ihm, wie seinem Kurfürstlichen Herrn,als Grundsatz nicht nur Toleranz, sondern die Gleichberechtigung des Bekenntnisses galt. Auch die Ver-handlungen auf dem Landtage zu Königsberg 1661, wo die Souveränetät sich im Kampfe gegen die stän-dische Libertät behauptete, 5 ) leitete er, und führte auch die Cleveschen Angelegenheiten bis zu deren end-gültiger Regelung durch den 1666 mit Neuburg geschlossenen'Vergleich. 6 ) Vornehmlich aber nahm dieauswärtige Politik seine volle Kraft in Ansprach') und nach vielen geschickt geführten Verhandlungen schlosser am 1. Juni 1672 den Allianz-Vertrag mit Holland, als dieses von Ludwig XIV angegriffen wurde, underneute 1674 dieses Bündniss gegen Frankreich, dem auch der Kaiser und Spanien beitraten.
In Anerkennung seiner vielfachen Verdienste hatte ihm der Kurfürst am 4. Januar 1661 die Dom-probstei zu Brandenburg verliehen, 8 ) auf welche ihm schon 1652 die Anwartschaft ertheilt war. 9 > Auchhatte er bereits am 11. October 1657 die Amtshauptmannschaft zu Lebus erhalten. 10 )
Einen besonders hohen Grad seines Vertrauens aber bezeugte ihm der Kurfürst durch seine am12. August 1662 erfolgte Berufung 11 ) zum Hofmeister des Kurprinzen Carl Aemil. 12 ) Gleich daraufward ihm auch die Erziehung des Prinzen Friedrich, 13 ) des nachmaligen ersten Königs in Preussen,übertragen; und endlich 1673 auch diejenige des Prinzen Ludwig. 14 ) Der Oberpräsident wusste mit derihm eigenen Gewissenhaftigkeit und Arbeitskraft auch die neuen Verpflichtungen neben den vielseitigen undbedeutenden Anforderungen der von ihm bekleideten Staatsämter voll und ganz zu erfüllen. Den Beweisdafür liefert das von ihm selbst geführte und bis in die kleinsten Dinge eingehende Erziehungs-Journal.™)Die Prinzen waren ihm völlig anvertraut und hielten sich oft Monatelang bei ihm in Alt-Landsberg auf.Kurprinz Carl Aemil entwuchs 1673 dieser Obhut; der Aufsicht bei den beiden anderen Prinzen 16 ) wurde derOberpräsident erst am 10./20. Juni 1676 auf sein besonderes Begehren, weil der Kurprinz (Friedrich) nun-mehr o die Jahre erreichet, da Sie keines Gouverneurs mehr vonnöten hätten , enthoben. 17 ) Der Kurfürst an-erkannte bei dieser Gelegenheit, dass der Freiherr von Schwerin Unsere in solchem, hochwichtigen Werckevon Ihm geschöpffete hoffnung zu Unserm sonderbahren gnädigstem vergnügen gäntzlicli erfüllet, alsodass Wir die fruchte seines angewanten fleisses in erziehung derer so ihm anvertrawt mit sonderbahrenfreuden verspüren.
Inzwischen war seine diplomatische Thätigkeit während der ganzen Dauer des französischen Krieges(1672—1679) ununterbrochen in Anspruch genommen. Mit Rücksicht auf seine geschwächten Kräfte erbat
1) Droysen a. a. 0. III. 2. S. 362 ff. 2) Vgl. R. v. Holly a. a. O. S. 24. — Auch die bei Orlich I. S. 562 und 563
abgedruckten Stellen aus dem handschriftlichen Tagebuch Otto's bezeugen seine Theilnahme an diesem Werk, obgleich das OlivaerFriedens-Instrument nicht seine Unterschrift trägt. 3) Stenzel, Preuss. Geschichte, Bd. 2 S. 428: Bereits 1666 veranlasste der
Oberpräsident mehrere evangelische Franzosen in das Brandenburgische zu kommen, wo er sie auf seinem Gute Alt-Landsberg ansiedelte.
4) Vgl. Orlich a. a. O. II. S. 468 ff. 1662 und 1664 wurden auf Kurfürstl. Befehl unter dem Vorsitz des Oberpräsidenten
Religionsgespräche (Colloquien) zu Berlin abgehalten. 5) Droysen und Orlich a. a. 0. 6) Vgl. u. a. auch Pauli VI. 604.
7) Droysen III. 3. Th. S. 213. Von der Correspondenz des Kurfürsten mit dem Oberpräsidenten während der Jahre 1672 — 74
finden sich moderne aber beglaubigte Abschriften im Geh. Staats-Archiv zu Berlin. 8) U. B. II. 626. 9) U. B. II. 608. 10) In
der Bestallung heisst es: weil er den Tisch bei Hofe wegen seiner vielen Verrichtungen in vielen Jahren nicht genossen und überdem
nun ins zwölfte Jahr dem Kurfürsten überall ausser Landes gefolget. 11) Orlich III. S. 352 ff. bringt die betreffende Instruction
und Bestallung als Hoff-Meister. 12) Carl Aemil, geboren 6./16. Februar 1655, starb als Kurprinz 27. November 1674 zu Strass-
burg. 13) Friedrich, geb. l./ll. Juli 1657, nach seines Bruders Tode Kurprinz, 1688 Kurfürst Friedrich III, 1701 Friedrich I
König in Preussen. 14) Ludwig, geb. 2 g j"° l 1666, starb zu Potsdam 28. März 1687. 15) Manusc. boruss. fol. No. 44. 2. Bde.
Handschrift der Königlichen Bibliothek zu Berlin: Tagebuch des Ministers Otto von Schwerin, die Erziehung der Prinzen Carl
Aemil und Friedrich betreffend (1663—1672). Auszüge sind abgedruckt bei Orlich I. S. 573 ff. 16) Betreffs dieser sind bei
Orlich III. S. 361 ff. noch 2 Instructionen für den Oberpräsidenten abgedruckt. 17) Orlich III. S. 364.