Das Verleihen. 125
will ich damit ja gewiß nicht von der Wohlthätigkeitzurückschrecken, sondern im Gegenteil auch dadurch er-innern, daß von jeher „Undank der Welt Lohn" war,und man sich also nicht mundern muß, wenn uns diesauch begegnet, wie es sicher schon oft geschehen ist undauch noch oft geschehen wird:
„Thue das Gute, wirf es in's Meer,
„Sieht es der Fisch nicht, sieht es der Herr."
Turgeniew aber erzählt: Einige Tage vor Weih-nachten gab der liebe Gott ein Fest in seinem Azur-palaste. Sämtliche Tugenden waren dazu eingeladen,aber nur die Tugenden. Keine Herren, lauter Damen.Da sah man denn auch viele Tugenden bei einander,große und kleine. Die kleinen waren gefälliger undhubscher als die großen, aber alle schienen mit einanderwohl bekannt und befreundet zu sein. Plötzlich sah derliebe Gott zwei schöne Damen, die dem Anschein nacheinander gar nicht kannten. Der Hausherr nahm nundie Eine derselben bei der Hand, um sie der andernvorzustellen. Die „Wohlthätigkeit", sagte er, mit einemBlick auf die erstere — die „Dankbarkeit", fügte erhinzu, indem er aus die andere zeigte. Die beidenTugenden waren höchst erstaunt — seit Erschaffung derWelt, begegneten sie sich hier zum ersten Male!
Acts 'Werloiben.
Gefälligkeit und Hilfsbereitschaft sind gewiß rechtschöne Tugenden, haben aber, was den Erfolg anbe-langt, viele Aehnlichkeit mit der Wohlthätigkeit und manmuß sie, wie denn Uebermaß stets schädlich ist, nichtübertreiben, welches besonders von dem leidigen „Ver-leihen" gilt, wo nur zu oft der größte Mißbrauch ge-trieben wird und man halte sich darin also, Notfällenatürlich ausgenommen, sehr zurück und kann, wie meine