Druckschrift 
Das Hauswesen : guter Rat für junge Frauen und Mädchen von einer alten Hausfrau
Entstehung
Seite
83
Einzelbild herunterladen
 

Der Nähtisch und die Handarbeiten. 83

werden; gestrickte Strümpfe und Herrensocken zeichnet manmit Krenzstich oder strickt das Zeichen mit Nähtchen ein.

Das Spinnen ist hier zu Lande leider fast ganzabgekommen und doch eine ebenso angenehme als nütz-liche Beschäftigung für jung und alt und besonders,Ivo das Alter oder schwache Augen andere Arbeiten nichtmehr gestatten. Man sagt wohl, die Leinwand sei jetztso wohlfeil zu kaufen, daß es sich nicht verlohne, selbstzu spinnen oder die Mägde spinnen zu lassen, aber sieist dann auch danach, weil jetzt die Fasern von Flachsund Hanf, um sie spinnfähiger zu machen, zerschnittenwerden und das Gesponnene mit ätzenden Laugen ge-bleicht wird, während man beim Spinnen mit der Handja besonders aus recht langen Flachs und beim Bleichenauf Rasenbleiche sieht.

In Altpreußen und Schweden spinneil nicht nur dieDamen, sondern sie weben auch und in Frankreich undItalien spinnen die Frauen sogar im Gehen und sosieht man sie, oft mit einem schweren Korb auf demKopfe, den Nocken im Gürtel und die Spindel nebenhertanzend. Die Königin Bertha von Burgund, ge-storben 970, spann selbst zu Pferde, wenn sie in Ab-wesenheit ihres Gemahls, das Land durchritt und über-all nach dem Rechten sah und war eine so vortrefflicheRegentin, daß ihr Andenken noch heute im Volke lebtund, wenn man von derguten alten Zeit" redet, heißtes: »Zur Zeit, da Bertha spann," heute noch wird ihrSattel aufbewahrt, worin sie den Rocken stecken hatte.

In meiner Heimat Schwaben hielt man frühersehr darauf, daß mit sieben Jahren ein Mädchen schonein Stück Leinwand gesponnen habe, weil dies einenbesondern Segen über das Haus bringe und OttilieWildermuth erwähnt dies auch iu einer ihrer Erzäh-lungen:Mädchenbriefe", wo eine Hausfrau ihreVorratskammern ordnet und da unter andermeineLein-wand entdeckt, die ihre Muhme als siebenjähriges Kindgesponnen."