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Physiologie des Geschmacks oder Physiologische Anleitung zum Studium der Tafelgenüsse
Entstehung
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Pamela.

I

Dort sein jüngerer Bruder, Pamela's Gatte; seiner Heirathwegen enterbt, lebt er auf Halbsold in bedrängten Umstän-den, fast in Armuth.

Der Lord und sein Weib kommen von verschiedenenSeiten und grüssen sicli kalt, obgleich sie sich den Tagüber noch nicht gesehen haben. Sie setzen sich an eineglänzend ausgestattete Tafel, umschwärmt von goldstrotzen-den Lakaien, bedienen sich schweigsam und essen ohne Ver-gnügen. Indessen entspinnt sich nach dem Abtritt der Lakaieneine Art Unterhaltung, die bald ärgerlich wird; man zankt sichund erhebt sich endlich in voller Wuth, um, jedes in seinen Ge-mächern, über die Süssigkeit desWittwerstandes nachzudenken.

Der Bruder dagegen wird bei der Ankunft in seinerbescheidenen Wohnung mit der zärtlichsten Zuvorkommen-heit empfangen. Er setzt sich zu einem frugalen Essen —aber die Speisen, die man ihm vorsetzt, müssen vortrefflichsein, denn Pamela selbst hat sie zubereitet. Die Gattenspeisen mit Wonne und unterhalten sich von ihren Geschäften,ihren Plänen, ihrer Liebe. Eine halbe Flasche Sekt lässtsie das Mahl und das Gespräch verlängern; dasselbe Bettumfängt sie und nach dem Genüsse gleich getheilter Liebelässt ein süsser Schlaf sie der Gegenwart vergessen und voneiner besseren Zukunft träumen.

Ehre also der Feinsehmeckerei, so wie wir sie unserenLesern malen und so lange sie den Menschen nicht von dem-jenigen abzieht, was er seiner Pflicht und seinem Vermögenschuldig ist! So wenig die Orgien Sardanapals die Frauenim Allgemeinen verabscheuen lassen können, so wenig dürfendie Ausschreitungen eines Vitellius ein wohlgeordnetes Mahlverachten lassen!

Sobald die Feinschmeckerei Fresserei, Gefrässigkeit undVöllerei wird, so verliert sie ihren Namen und ihre Vortheile,entzieht sich unserem Bereiche und gehört in dasjenige desMoralisten, der sie mit Predigten, oder des Arztes, der siemit Arzneien behandeln wird.