Druckschrift 
Physiologie des Geschmacks oder Physiologische Anleitung zum Studium der Tafelgenüsse
Entstehung
Seite
112
Einzelbild herunterladen
 

112

Ursachen.

Fl

I

sehr übel, röchelte und starb, ohne ein Glas Wein schluckenzu können, welches man ihm anbot.

Alle diese Einzelheiten erzählte mir an demselben Abendder Herr Schneider, ehrbarer Pfeifer der Compagnie derhundert Schweizer-Garden, bei dem ich in Versailles wohnte.

Ursachen des Durstes.

50. Verschiedene Ursachen können für sich allein odergemeinsam zur Vermehrung des Durstes beitragen. Wirwerden einige angeben, die nicht ohne Einfluss auf unsereGewohnheiten sind.

Die Hitze vermehrt den Durst, daher kommt auch dieNeigung der Menschen, sich mit ihren Wohnungen an denFlussufern anzusiedeln.

Körperliche Arbeit vermehrt den Durst, deshalb stärkenauch einsichtige Landeigenthümer ihre Arbeiter durch hin-längliches Getränk und daher auch das Sprichwort, dassder Wein, den man den Arbeitern giebt, am vortheilhaftestenverkauft wird.

Der Tanz vermehrt den Durst, daher auch jene Samm-lung stärkender und kühlender Getränke, welche bei Tanz-gesellschaften unerlässlich sind.

Reden vermehrt den Durst; daher das Glas Zuckerwasser,das die Redner mit Grazie trinken lernen und das man baldauf dem Kanzelbrett neben dem weissen Schnupftuche sehenwird *).

Liebesgenüsse vermehren den Durst; daher jene poeti-schen Beschreibungen von Cypern, Amathon, Gnidos undanderen, von Venus bewohnten Orten, wo man immer frischeSchatten und Bäche findet, die rieseln, fliessen und murmeln.

Gesang vermehrt den Durst; deshalb haben auch alleMusiker den Ruf, unermüdliche Trinker zu sein. Da ich

*) Der Domherr Delestre, ein sehr angenehmer Prediger, ver-schlang jedesmal eine Zuckernuss in den Zwischenräumen, die ernach jedem Hauptsatz seiner Predigt den Zuhörern zum Husten,Schneuzen und Spucken Hess.