12 Bildung der Zunge.
eben abgeschnitten war, fragte ich ihn, ob er noch einigeGeschmacksenvpfiudung beim Essen habe und ob dieser edleSinn nach der grausamen Operation, die er überstanden,noch vorhanden sei.
Er antwortete mir, dass das Schlucken, welches ihm eini-germaassen schwer wurde, ihn am meisten ermüde, dasser wie vorher geschmacklose und angenehme Dinge sehrwohl unterscheide; dass aber stark saure oder bittere Spei-sen ihm unerträgliche Schmerzen machten.
Er sagte mir weiter, dass das Abschneiden der Zungeeine in Afrika sehr gebräuchliche Strafe sei, die man beson-ders bei Leitern von Verschwörungen in Anwendung bringe,und dass man zu ihrer Vollstreckung ganz besondere Instru-mente besitze. Gern hätte ich mir diese beschreiben lassen,allein er zeigte einen so schmerzhaften Widerwillen dagegen,dass ich nicht weiter in ihn drang.
Ich dachte über das Gehörte nach, und indem ich michin jene dunklen Zeiten der Unwissenheit zurückversetzte, woman Gesetze machte, denen zufolge den Gotteslästerern dieZunge durchbohrt oder abgeschnitten wurde, glaubte ichschliessen zu dürfen, dass dieselben arabischen Ursprungs undvon den zurückkehrenden Kreuzfahrern ins Land gebrachtseien.
Die Geschmacksempfindung wird, wie wir oben sahen, be-sonders durch die Zungenwärzchen vermittelt. Nun lehrtuns die Anatomie, dass nicht alle Zungen gleich viele Wärz-chen besitzen, die Einen haben dreimal mehr als die Andern.Daraus erklärt sich denn wieder der Umstand, warum vonzwei Essern an demselben Tische der eine die lieblichstenEmpfindungen hat, während der andere aussieht, als ob erzum Essen gezwungen würde. Die Zunge des Letzteren istschlecht ausgebildet; das Reich des Geschmackes hat, wiedasjenige des Gesichtes, seine Tauben und Blinden*).
*) Die physiologischen Versuche der Xeuzeit haben uns belehrt,dass allerdings die Zungenwurzel, zu welcher ein besonderer Sin-