Druckschrift 
Einführung in die Einbandkunde
Entstehung
Seite
171
Einzelbild herunterladen
 

der Handvergolder aber muß in der Anwendung der kleinen Stempel(petits fers) eine virtuose Fähigkeit entwickeln; diejenigen Zeiten, indenen er am souveränsten mit dem vielgestaltigen Stempelmaterialumzugehen wußte, sind die Glanzzeiten der Einbandkunst. Wennauch nicht die Zahl der verwendeten Stempel die künstlerische Bedeu-tung eines Einbandes ausmacht, sondern die kunstvoll geschlosseneForm ihrer Anordnung, so ist doch die Bewunderung vor den ausunendlicher Mannigfaltigkeit spielend zu einem großen Schmuck-ornament geeinten Einbandkunstwerken immer neu, und Namen vonBuchbindern, die darin unumstrittene Meister waren, wie Krause,Badier, Derome sind aus den Annalen der Einbandkunst nicht mehrauszulöschen.

Die Herkunft dieser Technik und der damit verbundenen Schmuck-formen, ohne die der Bucheinband schwerlich zu einem so beachtetenKunstgegenstand geworden wäre, ist noch nicht ganz befriedigend er-klärt. Der Haupteinfluß, der sich auch noch auf eine Reihe andererMerkmale erstreckt, ist dem Orient zuzuschreiben; Italien gilt als derVermittler. Vom Orient hat man die Vergoldung, die Lackfarben, diePappdeckel an Stelle der Holzdeckel übernommen, vom Orient dieMotive für die Arabesken- und Maureskenstempel (wofür dieser Wegüber Spanien noch weitester Untersuchung bedarf), vom Orient (vgl.den orientalischen Teppich!) die Schmuckweise des mandelförmigenMittelstückes und der Eckfüllungen, nicht zuletzt auch die Kenntnisder feinen Leder, den Verzicht auf Metallteile (Buckel und Schließen)die Einführung der Doublure und Einzelheiten der Technik. Es istnicht der erste orientalische Einfluß auf die Einbandgestaltung, aberder stärkste und nachhaltigste. Auch ältere Lederverzierungstechnikensind von dort nach Europa gekommen; der griechische Einband hatden bündelosen Rücken vermittelt; zu verschiedenen Zeiten und aufverschiedenen Wegen finden wir diese Wirkungen. Nur die äußereForm des orientalischen Buches ist so gut wie gar nicht nachgeahmtworden. Die vom Hinter- auf den Vorderdeckel übergreifende Klappeist in Europa nur, wenn ein bestimmter Zweck selbständig dieseForm forderte, angebracht worden; für den orientalischen Einband istsie das sicherste Kennzeichen, vor allem, wenn man beachtet, daß derSchmuck des Vorderdeckels sich auf der Klappe so wiederholt, daß

171