Druckschrift 
Frankreich und das linke Rheinufer
Seite
172
Einzelbild herunterladen
 

WM

wollte nicht nur die Macht, sondern er schätzte bald geradezu denweithin blendenden Schein höher ein als die Sache. Frankreich hattescheinbar seinen Bundesgenossen mehr genutzt als diese ihm, jetztverschob sich das völlig. So auch gegenüber den deutschen Fürsten.Zunächsthatte er", nach den Worten von Lavisse,bei jeder Ge-legenheit von seinem äußersten Eifer für die Aufrechterhaltung derdeutschen Freiheit geredet. Diese alte Lüge," fährt der französischeGeschichtschreiber fort,konnte noch während der ersten Jahre ge-glaubt werden/" ^ holländischen Kriege war aber den deutschenFürsten der Star gestochen worden. Die Fürsten merkten, daß dieMacht, mit welcher man gemeinsam gegen das Haus ÖsterreichFront gemacht hatte, sich an seine Stelle setzen wollte, und dannwar sie weit gefährlicher als der langsame Wiener Kos. Die größereBeweglichkeit Frankreichs bedrohte jeden weit mehr!

Der Egoismus der Politik der Kardinäle hatte durch Klugheitgemäßigte Instinkte, der Egoismus Ludwigs XIV. verwandeltesich in Selbstanbetung und beruhte auf den schrankenlosen Theorienvon Legisten. Er kam sich vor als der Erbe Karls des Großen inallen seinen Gebieten, als der erste unter den Fürsten, als der LeiterEuropas; was die Staatsräson zu fordern schien, griff er freudigauf, und er zeigte das vor aller Welt, die französische Akademie' huldigte ihm, Inschriften und Denkmäler verkündeten es. Dergroßen Gefahr des Absolutismus, daß der Fürst seinen Glanzallzusehr erstrahlen lassen will, erlag der arbeitsame König, derimmer mehr sich von gewaltsamen Tendenzen beherrschen ließ.Esgab," sagt Sorel über dieklassische" Politik Nichelieus,in denauswärtigen Unternehmungen ein gewisses Maß, das nicht über-schritten werden durfte, ein Übermaß, welches Europa nicht geduldethätte und welches die Franzosen selbst durchzuführen nicht imstandewaren. Das ist der tiefe Grund des klassischen Systems, Ludwig XIV.denaturierte es.""

Die ersten Kriege waren Grenzkriege, aufgebaut auf windigeAnsprüche, die ein Legist gefunden und der König aufgenommenhatte; damit wurde er ein Eroberer, auf den immer stärker einMilitär, Louvois, Einfluß gewann, der immer weniger auf dieVertreter des alten Systems hörte. Die Juristen mußten ihm für

' Lavisse 7, 2, 278.' Sorel a. a. O. l, 283.

172