Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 29
Aderlassen nicht nur als unnütz, sondern auch alsschädlich verworfen haben; so folgt, daß es wahr,scheinlich allezeit Schaden thun müsse. Jeder, dersich also eine Ader öfnen läßt, setzt sich auch dieserUngewißheit aus. Mir kann auch dieses nicht imgeringsten Genüge leisten, wenn man sagt, daß aufder einen Seice die Wahrscheinlichkeit nur schwach,und auf der andern weit größer sey; denn der Apho,rism sagt uns, daß viele Dinge, welche wirklichfalsch sind, ein wahrscheinlicheres Ansehn haben, alsdiejenigen, welche wirklich wahr sind. Und obgleichdie Wahrscheinlichkeit der Gefahr bei dem Blutlassennur gering seyn kann; so werden wir sie demungeach«tet auf eine solche Art vergrößern, daß sie in der Pra.xis mehr, als ein Zweifel, scheinen wird.
Indessen wird dieß, was ich gesagt habe, zumeiner Absicht hinlänglich seyn, obgleich die Gefahrdesto größer scheinen wird, je mehr Gründe zum Zwei«fel vorhanden sind.
Wenn irgend eine Person mir sagt, daß dieseMeinung mit der Wahrscheinlichkeit eben nicht über»einkomme, da sie mit der Erfahrung streitet, welchessich aus dem oftmals nützlichen Blutlassen ersehenließe; so wird mich Hippokrates durch seinenAphorism vertheidigen, wo er sagt, daß die Erfah-rung betrüglich sey. In der That, nur wenige Fäl»le ausgenommen, wo die Erfahrung offenbar demAderlassen das Wort redet, (und wo vielleicht dieKur doch auf eine bessere Art hätte gemacht werden
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