^ °» Z (^sovAi?riclsrioi N7ll)i88 / .^2^ -^1 <> ^ <»^^ 5 ^^»'.»! ?^»»<^ ^ > ^-»^ «^/^«/ .^/^' <-/^<»^ -^. ^^ ^ > 5" ^ ^«. ^^^.^^5^ ^' ^^^^ <^..^^. ^ ,.^7 , »'N ^ ^^' l H 5 e t i k !rzüglich für au Gierende vom Pater F ^ yjoo General des Benedictiner-Qrdens )> dem Spanischen ins Englische und aus diesem nun ins Teutsche übersetzt nebst den aus vieljähriger Erfaßl.mg gezogenen Gesundheitsregeln Dr. John Fothergill's und dessen diatetWen Bemerkungen über den idiopathischcn fixen Kopfsckmerz verteutscht und mir Anmerkungen herausgegeben von Christian Friedrich Michaelis D°c!or der Heilkunde und Arzt am I°han»is-Hospil»le zu Leipzig Mit Churfülstlich Sächsisch« «nüdigster Freiheit ^"^iU^ Zittau und Leipzig Bey Johann David Schöps l ? 3 « ^ ^ »-, aus und «0«: Diätetik vorzüglich für tudier ende vom Pater F e y j o o > General bei Venedictiner.-Oroens aus dem Spanischen ins Englische und aus diesem nun ins Teutsche übersetzt - - ncbst den aus vieljähriger Erfahrung gezogenen Gesundhcitsregelll Dr. John Fothergill's und dessen diatetistl)cn Bemerkungen über den idiopathischcn ' ' fixen KopWmcrz vertcutscht und mit Anmerkungen herausgegeben > von Christian Friedrich Mickaelis lOocler der ^«ilkundl und Arzl am Iohaüüii.'Hcspilale zu Leipziz Mit Churförstlich Sächsischer «i,lldi«stcr Freiheit «0«: ^^»^i >,^^!^ Zittau und Leipzig Bey Johann David Schöps ^^ l « ^s^ .N^/, ?v^ >t>5^a<^5i^, -^i'^ Dem ^ Hochwohlgebornen Herrn, Herrn Christoph Gottlob von Burgsdorf <2r. Kurfürst!. Durch!, zu Sachsen Hochverordnetem Präsidenten des Oberkonsistonums zu Drchden u. s. w. V> W widmet dieses Buch in tiefster Devotion Christian Friedrich Michaelis. 2^3l- Vorbericht des teutschen Herausgebers ^nser Jahrhundert verdient den Beina- ^^ men des philosophirenden — freilich auch wohl zum Theil des paradoxen und zweifelstlchtigen. Man hat fast alle Gegenstande des menschlichen Wissens vor den Richterstuhl der Philosophie gezogen; malt hat Grundsätze, welche sonst für unumstößliche Ariomen galten, durch Zweifel uutcrgrabcn, oder doch zu untergraben gesucht. Ich sehe daher nicht ein, wie, und warum gerade die mcdicinischen Wissenschaften ^ 3 diesem » Vorbericht diesem allgemeinen Schicksale hatten entgehen sollen; noch mehr, ich sehe auch nicht ein, was für Nachtheil daraus für sie entstehen sollte. Jeder Irrthum weniger, ist ein Schritt naher zum Ziele der Wissenschaft, und jeder aufgeklarte deutlich gewordne Begriff, eine neue Eroberung im Gebiete der Wahrheit. Und wenn denn auch manche seichte oder all- zudreiste Zweifel hier und da sich hervorthun, so bringt doch ebenfalls dieses am Ende reichlichen Gewinn, wäre es gleich nur in sofern als dadurch Widerspruch erregt, und der Scharfsinn gereizt wird, neue Vertheidigungsmittel zum Behuf der bisher gültig gewesenen Grundsätze hervorzusuchen, und zu erfinden. Wahrheit bleibt immer Wahrheit, wenn sie auch von allen Seiten beleuchtet wird: denn sie selbst ist Licht; sie sieht unerschüttert fest, wann l ^»^» »« des teutschen Herausgebers. wann auch tausend Irrthümer neben ihr fallen; sie schwimmt immer wieder oben, wenn gleich eine Fluch voll Zweifeln sie zu versenken droht. Diese Gedanken rechtfertigten mich bei mir selbst, da ich es übernahm, gegenwartige Schrift ^) ins teutsche Publikum einzuführen. Ihr Verfasser ist ein Nichtarzt — noch mehr, ein spanischer Mönch ^), dergleichen es nicht gar viele giebt. Man wird in seinem Buche, wie ich glaube, Scharfsinn, und bei einem Grade von ^ 4 Liebe 5) Ku1«5 for prelervi» z UrZItli ^2rtici>Ic>rI/ vitli «ßgrä to 8 tu^lau5 Perlon« in l'nree l'reÄtilez tranllgtel! fron, tne 8^2n>f!i of llie liever. katlier k'ez'joo, Blatter zcnergl ot tl^e Qräer «5 8ct. LenecliÄ. Lonclon >Iv^ci.XXXVII. ^^) Dieser spanische Ordenigeistliche wird einem U sta« ritz, Campomanes/ Ulloa, Mayans, Flo/ rez, Isla, als lauter gelehrten, scharfsichtigen und nach edler Freiheit strebenden Männern beigesellt. M, s Allgem. Weltgeschichte von Ioh. Matthias Schrickt). Leipzig i?82. vierten Th. erster Absch S. 388, ^ Vorbericht des teutschen Herausgebers. Liebe zum Paradoxen, doch auch aufrichtige Wahrheitsliebe, uud Neigung, nützliche Grundsätze gemein verstandlich zu machen, nicht verkennen können. Der Aehnlichkeit des In« halcs wegen, habe ich des berühmten Fother- gill's Gesundheitsregeln, wozu noch dessen Abhandlung über den idiopathischen fixen Kopfschmerz kömmt, hmzugefügt. Ich wünsche, daß diese Arbeit und meine hin und wieder eingestreute!; Anmerkungen Beifall, oder doch Nachsicht finden mögen. Leipzig den i. September 1789. Borbericht > V o r b e r i ch t des englischen Herausgebers. 8 statt ckarleikite (^Karies llite. — 325 — 3 statt ideopatischen idiopathischen — Z05 ? (und wo es sonst vorkömmt) statt Inhalt. Inhalt des Fcyjoo. Erster Abschnitt. Unzuverläßigkeit der Heilkunde. Erstes Hauptstück. Zweites Hauptstück. Drittes Hauptstück. Viertes Hauptstück. Fünftes Hauptstück. Sechstes Hauptstück. Siebentes Hauptstück. Achtes Hauptstück. Neuntes Hauptstück. Zehntes Hauptstück. Eilstes Hauptstück. Zweiter Abschnitt. Erstes Hauptstück. Zweites Hauptstück. Dritte« Hauptstück. Viertes Hauptstück. Fünftes Hauptstück. Sechstes Hauptstück. Siebentes Hauptstück. 3.5 z »» »4 2? 37 4? !Q 55 «3 ?° 74 78 84 «8 35 Achtes F Inhalt. Achtes Hauptstück. Neunte« Hauptstück. Zehntes Hauptstück. Dritter Abschnitt. Ermunterung für Studierende. Erstes Hauptstück. Zweites Hauptstück. Drittes Hauptsiück. Viertes Hauptstück. Fünftes Hauptstück. Seckste« Hauptstück. Siebentes Hauptsiück. S. 93 >Q7 122 I»4 12? ,;o Inhalt. » X Inhalt des Fothergill. » Erster Abschnitt. Von den verschiednen Perioden des menschlichen Lebens. Erstes Hauptsiück. Von der Kindheit. S. »<» Zweites Hauptsiück. Von dem jugendlichen Alter. 15» Drittes Hauptsiück. Von dem männlichen Alter. !6l Viertes Hauptsiück. Vom hohen Aller. 16z Zweiter H t5 Inhalt. Zweiter Abschnitt. Von den lecks besondern Bedürfnissen zur Erhalt tung des Lebens und der Gesundheit. Erstes Kapitel. Bon der Lust. Zweites Kapitel. Von Nahrung, Speise und Trank. Drittes Kapitel. Won der Bewegung und Nuhe. Viertes Kapitel. Vom Schlaf und Wachen. Fünftes Kapitel. Von der Anhäufung und Ausleerung. Sechstes Kapitel. Von Leidenschaften und Gemüthsbewegungen. S. ,?5 18? 2>8 2Zl «35 24« Dritter Abschnitt. Von den »erschiednen Temperamenten. 1. Vom cholerischen Temperamente. «. Vom melancholischen Temperamente. 3. Vom phlegmatischen Temperamente. 4. Vom sanguinischeu Temperamente. 5. Nach den Viererlei Eigenschaften der Beschaffenheit des menschlichen Körpers gemachte Einteilung der Temperamente. 24« , Vierter » Inhalt. Vierter Abschnitt. Vom Kreislauf des Blutes. S. 25s Fünfter Abschnitt. Ven der Ausdünstung. 265 Sechster Abschnitt. Regeln für gesunde und starke Personen. Siebenter Abschnitt. Regeln für schwächliche und zärtliche Personen Achter Abschnitt. Vom Baden. Neunter Abschnitt. Vom unehelichen Beischlafe. Zehnter Abschnitt. Von dem Unterschiede der Consiitmion des Körpers. 274 Eilfter Abschnitt. Von den habituellen Zufällen gewisser Theile des Körpers. 273 Zwölfter Abschnitt. Von unerwarteten Zufällen. 23, Dreizehnter Abschnitt. Regeln für die, welche nicht Herr von ihrer Zeit sind. 2z« Vier- 26S «63 27a 27» Inhalt. Vierzehnter Abschnitt. Mittel, herannahende Krantheitezufälle abzuhal« ten. S.285 Fünfzehnter Abschnitt. Verschied»«, aus dem Plutarch gezogene scharf« sinnige Bemerkungen. »3» Nützliche Bemerkungen über die Diät von Dok» tor Hothergill in dem idiopatischen fixen Kopfschmerz. z°» t« Regeln A z . ^«i^r-»'! ? Regeln die Gesundheit zu erhalten. l A ik 3 ft k. d kl s> li so :HD- Regeln die Gesundheit zu erhalten. Erster Abschnitt. Unzuverlaßigkeit der Hellkunde. Erstes Hauptstück. ^^as allzugroße Vertrauen, welches die Welt auf <^> die lehrer der Heilkunde seht, ist ihnen und ihren Kranken nachtheilig. Die Menge unnöthiger Besuche läßt erster« nicht zu ihrem Studiren genug« same Musie, und noch weniger Ze!t und erforderli« ches Nachdenken können dieselben auf die ihnm vorkommenden praktischen Falle verwenden; worin doch die Summe ihrer Wissenschaft besieht. Auf der andern Seite sind die Kranken zu be« klagen: denn die Anhäufung der Mittel muß, wenn sie in Menge genommen werden, immer einen schad» lichen, und öfters tsdtlichen Erfolg haben. Viele Kranke erliegen unter der Menge der Arzneimittel, so wie der Kaiser Adrian, der ausdrücklich Be. A , fehl .l 4 ».Abschnitt, i. Hauptstück. fehl gab, man solle auf sein Grabmal setzen, daß er durch die große Anzahl seiner Aerzte getödtet worden sey. Ich stelle mir daher vor, es soll auf beiden Seiten durch die folgenden Bemerkungen ein gemein» schaftlicher Nutzen gestiftet werden, wenn ich gewisse lr» rige Meinungen, welche bei vielen Manschen so tiefe Wurzeln geschlagen haben, auszurotten vermöchte. Um aller Undeutlichkeit auszuweichen, müssen wir die Heilkunde in drei Zeitabschnitte theilen; nämlich in den Abschnitt ihrer Vollkommenheit, Un» Vollkommenheit und ihres Verfalls. Durch den Erster» Abschnitt verstehe ich denjenigen Zustand, zu welchem die Heilkunde nach der Natur der Dinge gelangen kann. Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Mensch je dahin kommen wird, eine vollständige Kenntniß aller Krankheitszufalle und der dawider dienlichen Mittel zu erlangen; und ohne eine besondre Offenbarung steht dieses nicht zu erwarten. In unsern Tagen sind wir in der That noch sehr weit von diesem glück« lichen Zeitpunkt entfernt. Alles, was man von der Heilkunde erwarten,kann, ist der Zustand ihrer Un» Vollkommenheit, wie sie nämlich von gelehlten und klugen Männern ausgeübt wird; da hingegen un, wissende Quacksalber diese edle Wissenschaft verwirrt, und gänzlich um ihre Würde gebracht haben. Ich unterstehe mich nicht, hier irgend etwas über die Vollkommenheit der Heilkunde zu sagen, da man sie nigends in der Welt in einem voll» kommnen Zustande antreffen kann; jedoch würde sie, wenn Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 5 wenn es sich so verhielte, allen Glauben, den das gemeine Volk dem Ärzte giebt, verdienen. Ich werde daher blos die Trügtichkeit derselben in ihrem mittlern Alter, darzuthun suchen, woraus wir schließen können, wie irrig sie in ihrem letztern Zeitraume gefunden wird. Zweites Hauptstück. Um darzuthun, daß wenige Kranke sich auf ihre Aerzte verlassen können, wird es hinlänglich seyn, nur das zu beweisen, was wir oben gesagt haben, daß nämlich die Heilkunde, wie sie von den geschicktesten lehrern derselben ausgeübet wird, sich noch in einem sehr unvollkommnen Zustande befindet. Jedoch hierinn haben wir schon gewonnen Spiel, da dieß die größten Aerzte selbst bekennen. Wozu sollt'es dienen, um dieses zu beweisen, noch erst Aerzte aus der Vor« zeit anzuführen, da man mir doch ganz natürlich den Emwurf machen wird, daß die Heilkunde seitdem große Fortschritte gemacht habe. Ich werde mich dahero nur damit begnügen, einige von denjenigen gelehrten Aerzten zu erwähnen, welche unter den Neuern das größte Ansehn erlangt haben. Michael Etmüller, als ein Arzt von gros. ser Gelehrsamkeit, den man durchgängig für sehr sähig in der Theorie, und geschickt in der Ausübung der Arzneiwissenschast hielt, beklagt sich hin und wie« A 3 der ^ U 6 i.Abschnitt. 2. Hauptsmck. der in seinen Werken über die noch eingeschränkt« Kenntniß der einfachen Arzneimittel; über die Unbe« siimmtheit der Symptome in den verschiednen Krankheiten, und über die unzuverlaßige Wirkung der gebrauchlichen Heilmittel. In der Vorrede zu dem 2ten Theile seiner Werke sagt er, was unsre Mchmng sehr bestärkt: „ Der Ant kann kaum mehr «thun, als die Zufalle oder Wirkungen der Krank- »heittn heben; die Urfacke derselben bleibc unberührt, «bis sie durch die Natur bezwungen wird." Dies mißt er unsrer Unwissenheit in den Krank« heitSursachen und dem Mangel der Kenntniß schick« licher Mittel dawider bei; und fügt noch dieses hinzu , daß alle gcleyrte Aerzte die Unzuverläßigkeit ihrer Wissenschaft beklagten; da indessen die Unwlsfen- dcn völlig mit ihren Kenntnissen zufrieden wären, und Wu»r er zu t^un glaubten. Ja er sagt ausdrück» lich : „ sehr öfters ereignet es sich in der medicinischen »Praxis, daß man blos aus Erfahrung in den krank« , haften Umstanden und ausgeörochenen Symptomen „Erleichterung verschast, aus ermangelnder Einsicht «aber die Ursache als die Schwierigkeit unberührt „läßt, und zwar der Unfähigkeit, die Ursache zu ent« „decken, oder der fehlschlagenden Wirkung des schick» „lichcn Mittels wegen; wobei die unwissenden Aerz. „re in der Meinung stehen, daß sie höchst weislich „verfahren wären; da indessen einsichtsvolle Männer «bei sich selber seufzen, und ihre mangelhaften Ein» «sichten beklagen." Wie Unzuverläßigkeit der Heilkunde. Wie groß der Ruf des Römischen Arz« tes Bagliv's, unter den damaligen ichrcrn der Heilkunde gewesen seyn muß, erwicß sich und ter andern auch daraus, daß feine Werke bin« ncn dreißig Jahren zehnmal ausgelegt werden mußten. , Dieser sehr gelehrte Arzt sagt, nachdem er die Ursachen, welche der Zunahme der Arzneiwissenschaft entgegenstanden, gut aus einander gesetzt hat: „daß „man sich nicht wundern müsse, wenn die bisher der „Welt mitgetheilten medicinischen Schriften, ob sie „gleich höchst weitschweisig geschrieben wären, nur „bloße abstrakte philosophische Räsonnements enthielten, und die aus der Natur entspringenden Sym« „ptome, als abgesonderte Umstände ansähen, und «unerklärt ließen; indessen werden die wahren Grundsätze der praktischen Arzneikunde so verdunkelt, daß „der gelehrteste Mann nicht weiß, woran er sich hallten und wem er glauben, was für eine Methode er „wählen, oder welchen Weg er in seiner Kurart der „Krankheiten verfolgen soll." Wenn wir, ''fährt er fort, „den gegenwärtigen Zustand der Arzneiwissen« „schaft betrachten, so werden wir finden, daß sie von „falschen Sahen und allgemeinen iehrsätzen, die doch „im Grunde unrichtig sind, und entweder von den „verschiednen Sekten praktischer Aerzte, oder den zur „Unzeit ausgebuchten Gesimdhcitsregeln ihren Ur« »sprung nehmen, oder von den Vorstellungen und pVorurtheileN/ wovon kein Arzt frei ist, herzukom- A 4 „men > 8 ».Abschnitt. 2.Hauptstück. » mc>, pfleget. Wir müssen also diese Wissenschaft «so betrachten, als eine die sich noch in ihrer Kind» «heil besindet. Thomas Sydenha'm wurde von ganz Eu< topa für den gelehrtesten praktischen Arzt des letztern Jahrhunderts gehalten, und dieser spricht mit mehr Ungewißheit und Zweifel von der medicinischen Wis» senschaft, als alle die übrigen Aerzte seiner Zeit/ nachdem er doch viele Jahre mit dem feurigsten und angestrengtesten Euer die Arzneikunst getrieben, und die versckiedncn Veränderungen und Vermehrungen, wel.be die N»tur in unsern Krankheiten hervorbringt, beobachtet hatte. Wir können kaum einige seiner Vorschriften lesen, wo wir nicht merken sollten, daß sie mit Ungewißheit niedergeschrieben waren. Von der edelmütigsten Rechtschaffenheit diese? Schriftstellers, einem Vorzuge, welcher seinen Schriften nicht weniger Verdienst und Vorlrefiichkeit giebt, als das zierliche iatein, worin sie geschrieben sind, rührt eS eben her, daß er öfters seine Zweifel zu Tage legt, und seine Unwissenheit bekennt. Er setzt nicht einmal recht viel Vertrauen auf seine eigne Erfahrung, vielweniger aber auf die, welche andre Schriftsteller wollen gemacht haben. Er sagt in der Vorrede zu seiner Schrift: „ sie schreiben mit großer Fertigkeit «Kuren von verschiednen Krankheiten nieder : allein »wie weic sie gegründet und ihre Behauptungen von hungezwciselter Richtigkeit seyn mögen, können diejenigen am besten bemerken, welche nur gar zu wohl «wissen, Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 9 „wissen, daß diese praktischen Schriftsteller vieler ,, Krankheiten erwähnt haben, welche weder sie selbst, «noch andre Aerzte zu heilen vermögend sind." Wie unverantwortlich ist nun dieses nicht von sol« chen Schriftstellern, Mittel dem Publikum mitgetheilt zu finden, welche sie selbst als unwirksam erkennen, und dennoch dem ieser solche Kuren vorzuspiegeln, welche die Kranken bisweilen mit großen Summen, ja wohl gar nicht selten, mit Gesundheit und leben bezahlen müssen. Sydenham bekennt auch in einem andern Theile seiner Werke, daß, da er, nach sehr vielem Fleiß und steter Beobachtung glaubte, eine sichre Methode, alle Arten der Fieber zu heilen, erlangt zu haben, „er doch fände, daß seine Augen nur ge« «ösnet wären, um mit Staube erfüllt zu werden, , ob er gleich eben so rühmlich, als der bei den Olympia „schen Spielen, zu achten wäre." So ungewiß und schwankend blieb dieser Schriftsteller/ nach allen seinen eifrigen Bemühungen. Einige Jahre nach Erscheinung des gedachten Werks gab 1714 ein berühmter Pariser Arzt Franko i seine kritischen Bemerkungen über die Heilkunde heraus. In denselben vereinigte dieser Schriftsteller seine Klagen mit denen seines Vorgan» gers, über den schlechten Fortgang, welchen diese Wissenschaft gemacht habe. Indem er von medici' Nischen Schriftstellern redet, läßt er sich in folgenden A z merk» z. lo I.Abschnitt. 2. Hauptstück. merkwürdigen Worten aus, die ich auch getreu aus der Ursprache übersehen will: »Die Schwierigkeit, Bemerkungen mit gehöriger »Sorgfalt und Genauigkeit anzustellen; dieMenc »geder Zufälle, welche sich unter einander sehr „wenig in ihren wesentlichen Umständen gleichen; „die Verachtung, mit welcher das Publikum die „Beobachter ansieht, und die,Hochschätzung, wel« „ che man im Gegentheil den Erfindern neuer Sy> „sieme und ihren Nachfolgern erweist; dieß alles „hat verursacht, daß wenige Bücher von sehr gros- „scm Werthe mitten unter der Menge medicini« „scher Schriften, womit die gelehrte Welt über' „strömt wird, gefunden werden. Vielleicht könn» „te man wohl sagen, daß nicht ein einziges darunter befindlich wäre, welchem wir unser ganze« „Vertrauen sicher schenken dürften." Wenn wir dieser Erklärung Glauben beimessen sollen, von was für undurchdringlich dunkeln Wolken werden da nicht die iehrer der Heilkunde um» schattet ? Ausser der Schwierigkeit, die wenigen nützlichen Schriften aus der Menge untauglicher Geistes, Produkte abzusondern, welches doch nur wenige Gelehrte thun können, weil immer gleiche Ansprüche auf ihren Nutzen gemacht werden, bleibt es stets eine sehr schwere Sache, darin gewiß zu werden, auf welche Seite man sicher treten, und welchem Schriftsteller man das ganze Vertrauen schenken soll. Eden «»M»» Unzuverläßigkeit der Heilkunde. n Eben dieser gedachte Schriftsteller machte 1716 einen Plan bekannt, wornach die Arzneiwissenschaft verbessert werden sollte, indem er in demselben die große UnVollkommenheit in ihrer damaligen Anwen« düng zeigte. Bei der Darstellung der mancherlei Ursachen dieser Unvollkommenheit führt er auch das Unnützliche der so vielen über die Arzneikunde geschrie« benen Werke an, und redet in noch stärker« Ausdrü» ckcn, als sein Vorgänger Sydenha m, davon. Er sagt, die bieher über die Heilkunde geschriebenen Ab» Handlungen seien voll Dunkelheit, Unbestimmtheit und Irrthum. Ich muß aber nicht zu bemerken un» terlassen, was er bereits zuvor von dem Zustande der Alznciwissenschaft seiner Zeit in Frankreich gesprochen hatte; dieses muß nicht aus der Acht gelassen werden, weil es uns die Sache weit mehr 'ausklärt. „Ob schon", sagt er, „es kein iand giebt, wo „nicht neue Einrichtungen in derArzneiwissenschaft „nöthig wären, so ist doch diese Reformation nir» „gends nothwendiger als in Frankreich, da in kei» „ncm Reiche die praktische Heilkunde unordentlicher, „als in diesem, getrieben wird." Dem nun zu Folge, was dieser französische Schriftsteller von seinen eignen iandsleuten sagt, ist die leichtgläubigkeit unsrer iandsleute, nämlich der Spanier sehr zu verlachen, welche glauben, wenn sie einen französischen Arzt nur von einem mittelmäßigen Rufe sehen, sie haben einen Mann gefunden, der Tode erwecken kann. Unser z iz l. Abschnitt. 2. Homptstück. Unser scharssinniger landsmann (Spanier) Don Martin Martinez hat in seinem Werke in zwei Theilen über die Zweifelhaftiqkeit der Arzneiwissen« fchaft. mit vieler Gelehrsamkeit das Ungewisse in dieser Kunst gezeigt. Es widerlegt viele, unter den iehrern der Medicin angenommene Grundsätze, und obschon seine Gründe nicht immer so stark sind, daß sie jene geradezu über den Haufen werfen, so machen sie dieselben doch zweifelhast, Mit Einem Wort, man kann beinahe von allen gelehrten und sähigen Aerzten hören, wie sie einstim» mig die UnVollkommenheit ihrer Kunst in Besirei» tung der menschlichen Zufälle beklagen; indeß der un» wissende Marktschreier sich mit größter Zuversicht rühmt, daß er alle diese Feinde zu verjagen im Stan» de sey. Wir können wohl mit Fug und Recht sa< gen, daß dieses Vertrauen und eine solche Seldstge. nügsamkeit immer ein charakteristisches Kennzeichen sey, den wahren gelehrten Arzt von dem unwissenden zu unterscheiden. Der Conciliator hat seiner Definition, die er von einem schlechten Arzte giebt, noch dies als eine unzertrennliche Eigenschaft derselben beigefügt, daß er nie seine Unwissenheit bekennt. Min lasse denn also das gemeine Volk erwägen, welches dafür hält, es habe in einem ganz ordinären Arzte die Gottheit, und die Kräfte des trinkbaren Goldes in den untauglichsten Arzneimitteln der Apo- t!'eke gesunden, und was für Vertrauen man wohl einer Wissenschaft schenken könne, welche diejenigen s° Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 13 so zweifelhaft gelassen hat, die dieselbe doch ganz vor« züglich studirt haben. Wenn in den, von den besten Schriftstellern vorgeschriebenen Regeln der Heilkunst so starker Wi» derspruch zu finden ist, wie kann ein Arzt dem Kran» km die Herstellung mit voller Sicherheit versprechen, wenn doch das allermeiste, was er gethan, nur dar» in besteht, daß er diese Regeln durchaus gut studirt hat? Wenn sogar die, welche den größten Fleiß an« gewendet haben, sich auf dem Wege, den sie nehmen mußten, selbst verirrten, was will man da von den Aerzten von gemeinem Schlage in der Kur wichtiger Krankheiten erwarten? Wenn sich die Riesen in der litteratur so schwach finden, den Feinden unsers ie» bens sich entgegen zu stellen, und ihrer Macht Ein» haltjzu thun, was soll man davon denen erwarten, die doch nur zur Race der Zwerge gehören? Drittes Hauptstück. Allein dieß ist eben keine Sache von Wichtigkeit, daß die medicinischen Schriftsteller uns selbst die Un> gewißheit ihrer Kunst zeigen : denn aus ihren steten Widersprüchen ergiebt sich dieses zur vollen Gnüge. Dieser sortdaurende Streit unter den Aerzten gab Peter'« von Apono Anlaß zu sagen: ihre Wis« senschaft müsse nicht dem Ap 0 ll, sondern dem Mars ge« » !'' «4 ».Abschnitt. 3. Hauptsiück. gewidmet werden; hierüber läßt sich Cornelius Agrippa in seinem Werke von der Nichtigkeit der Wissenschaft noch viel weitläufiger im 8zsten Kapitel aus. Ihre Grundsätze widersprechen sich unter einan« der noch mehr, als ihre vier Qualitäten der Feuchtigkeiten, die sie sich vorstellen, im menschlichen Kör» per anzutreffen. Man nahm den Centaur Chir 0 n für den ersten Meister dieser Kunst an, welcher eben vermöge seiner zwiefachen Natur den Grundsätzen ihrer Nachfolger die Vermischung derselben mitgetheilt habe. Kurz nach seiner Erfindung dieser Wissen» schast wurde sie wie ein Findelkind weggesetzt: denn man brachte die Kranken auf die öffentlichen Plätze, und setzte sie an die Straßen, damit die Vorübergehenden denselben Rath und Mittel wider ihre Krankheiten verordnen möcht.n, da denn nothwendig die Meinungen sehr getheilt seyn mußten. End» lich aber kam Hippokrates, der dieses verwaiset«: Kind unter seinen Schutz nahm, und es auf der In- ftl Kous erzog, wo die stete Bewegung der Meereswellen eine neue Vorbedeutung des nie zu verein!» genden Widerspruchs in den Grundsätzen der Arznei- Wissenschaft war. Welcher an Ruf dem Hippokrates am nach, sien, und in kurzer Zeit nach ihm kam, war Praxa- goras und Diokles Charistius, welche di« Methode ihres bejahrten und klugen Vorgängers ein wenig abänderten: denn ersterer nahm alle Krankheiten als Zufälle an, die in den Säften lägen, und letz. Unzuverläßigkeit der Heilkunde. ,5 letzterer setzte ein großes Vertrauen auf die Anzahl Sieben, welcher Hippokrates, in Rücksicht auf besondre Tage, einen gewissen Vorzug gab, so wie dieser auf die sogenannten Stufenjahre rechnete. Nun folgte Herophilus, der die ganze Arzneiwissen, hast zu einem Gegenstand des Räsonnements und des Zweifels machte, ohne im mindesten auf ihre Aus° Übung, oder dadurch gemachte Erfahrung Rücksicht zu nehmen, welches eben so viel war, als die Heil« kunst gänzlich von der Natur abzusondern. Endlich kam Chrysippus, dieser warf nun alle von seinen Vorgängern errichteten iehrgebaude über den Haufen, um selbst das Schicksal seines Schülers Pisistratuszu erfahren, ob sie zwar beide darin übereinkamen, daß sie Aderlassen und Abführn!,, gen durch den Stuhl, aus der medicinischen Pra» xis verbannten. Gewisse Ueberresie dieser alten medicinischen Grundsätze blieben doch bis aufdie Zeiten Pompejus des Großen in Ansehen, da endlich Asklepia. des alles, was Hippokrates gelehrt hatte, für unrichtig erklärte, und ihn spöttifther Weise nur den tödtenden Arzt nannte, und seine Mittel für solche er. klarte, welche seinen Kranken blos Erleichterung «nd iinderung verschaften. Diese unsern Sinnen gefällige Schmeichelei, und die zufällige Herstellung einer Person, die man schon begraben wollte, gab ihm das größte Ansehn bei der ganzen t, . ,6 i. Abschnitt. 3. Hauptstück. ganzen medicinischen Welt. Dieser Fall, da er öf. fentlich den Tod überwand, und ihm seine Beute wieder entriß, trug viel zu seinem großen Ruf bei, da er sich auch mit vieler Prahlerei rühmte, daß er sich stets gesund erhalten wollte: und in der That erlebte dieser Arzt auch ein sehr hohes Alter, wo er dann erst durch einen unglücklichen Fall, indem er die Treppe hinunterstürzte, sein icben verlor. Themison, als dessen Schüler, veränderte wieder alles in der Methode, die er von seinem ieh- rer erlernt hatte, und wurde der Stifter der methodischen Sekte, welche jedoch nicht großen Ruf zu Rom erlangt haben mußte, indem sich Iuvenal über Themisons Nachfolger unter dem Namen ihres Anführers in folgenden Worten lustiq macht: Nuut 'I'nemilnn ZeZrus gurumno «ccicierit uiw. Auf diesen folgte nun Athen aus, welcher alle Krankheiten von einem Auestuß abgesonderter iebens« geisier herleitete. Und nach diesem kam Archige» nes, der die eklektische Sekte stiftete, deren Gegenstand war, blos alles Gute unter dem Uebrigen herauszusuchen; allein er band sich dabei so hartnackig an die Regeln seiner Kunst, daß er frei erklärte, wie er lieber eine ganze Stadt durch dieselben aussterben lassen, als eine von denselben vernachläßigen wollte. Wir wollen aber nun zu dem vortrefiichen Schriftsteller Cornelius Celsus übergehen, der in seinen Werken eben keine starke Anhänglichkeit an irgend eine Ulizuverlaßigkeit der Heilkunde. 17 eine Sekte zeigt, und nur bemerken, daß er eben» falls, wie Asklepiades, über die Beobachtung der kritischen Tage, die Hippokrates nach der unglej' chen Zahl einführte, gespottet hat. Nach der Zeitordnung kommen wir nun auf den Galen, der ein Mann von großen Talenten und vielem Scharfsinn, von Entschlossenheit und fähig war, das vom Hippokrates erfundne System dem medicinischen Publikum wieder herzustellen, wenn er nur nicht für gut gefunden hatte, unter dem scheinbaren Vorwanh, den Hippokrates zu erklären und zu vertheidigen, vielmehr das seinige einzuführen. Er erlangte auch so bewundernöwür» digen Beifall, baß viele Jahrhunderte hindurch sich niemand fand, der ihm zu widersprechen gewagt hat» te, bis endlich der Fall des römischen Reichs, und der Einfall der Barbaren auch zury Verfall aller Wissenschaften und Künste Anlaß gab; da sodann die Aerzte nichts thaten, als ihre Vorgänger abschrieben. Die Araber, welche während dieses wissen» schaftlichen Schlummers in Europa für die Ersten in der Philosophie und Medicin geachtet wurden, fuhren noch immer fort, sich als Nachfolger des G a« l e n's zu zeigen; und ihre wichtigsten, und vornehm« sien Schriftsteller Rhasts, Averroes, Alkin. do, und Avicenna haben seine Werke blos mit ihren überstüßigen Erläuterungen und unnützen Sub» tilitäten weitschweifig vermehrt. B Diese D5 iZ i. Abschnitt. 3. Hauptstück. Diese geraumen Zeiten hindurch, wurde dasGa» lcnische System immer noch erhalten, welches wir aber mit gutem Recht ein grausames nennen, weil dessen Stifter ein allzugroßer Freund des BlutlassenS war. Hierauf brachte endlich im Anfang des scch» zehnten Jahrhunderts Paracelsus die alte hcr> metische Philosophie wieder auss Tapet, und griffbcide, den Hippokrates und Galen, mit solcher Hef' tigkeit an, daß er auch nicht Einen ihrer Grundsätze gelten lassen wollte. Vermittelst einiger' außcror» dentlichen Kuren, die vielleicht wohl gar nur falsch' lich ausgesprengt waren, (denn wir haben nur einen Zeugen von diesen Wunderthaten, den Op 0 rinu 5,) erlangte er sehr viele Nachfolger, ohnerachtet er selbst schon im acht und vierzigsten Jahre starb, und also gerade wider sein prahlerisches Versprechen von seinen Mitteln, daß er nämlich durch dieselben das menschliche leben bis auf Jahrhunderte verlängern wollte. Unter seinen Schülern war vorzüglich Helmont berühmt. Dieser soll ebenfalls Wunderkuren gethan haben ; er fügte den Ideen seines iehrers noch den Traum von der Weltscele bei, einen Geist> welcher überall seyn und alles verrichten sollte. Endlich entstand die chemische Schule, welche auf die durch Feuer gemachten Versuche errichtet wurde. Diese kannte keine andere Principien so» wohl unsers, als aller andern Körper, denn Salpeter , Schwefel und Quecksilber. Aus dieser Schule kam nun TacheniuS, der eine neue Partei zwischen Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 19 scheu Sauren und Alkalien aufrichtete, welche seiner Vorstellung nach, mit dem Namen derT oris und Whigs der Natur belegt werden könnten. Diese Partei fand glücklichen Fortgang, und nahm ganze iänder von galenilcher Denkart ein, ohne daß dem Hippokrates Krieg angekündigt wurde, den sie vielmehr als ihren Beschützer rühmte. Mittlerweile sieng man nun an, sich der Zergliederung des menschlichen Körpers zu befleißigen; aus ihren Bemerkungen errichtete aber Sylvius und Willisius nebst noch andern ein ganz unm muednes System, welches von beiden, dem System der Nachfolger Gale n's und dem der ichrer aus der chemischen Schule, weit abwich. Nun brachte endlich Sanct 0 rius das scheinbare System der mathematischen Naturlehre empor; worin er nach ihren Grundsätzen die Kräfte der festen und fiüßigen Theile, vorzüglich nach den Gesetzen der Hydrostatik und Mechanik, bestimmte. Der Arzt muß ein vollkomm- nes Gleichgewicht zwischen diesen beiden Kräften zu erhalten suchen, und, wie Katharina von Me- dicis, allezeit seine Hülfe der schwächern Partei leisten, da der ganze Streit von jeder Partei der animalischen Republik den Untergang drohet. Auf diese Weise haben die Systeme immer abgewechselt, und die altern sind von den neuern verdrangt worden, bis die Ungewißheit und Verdruß- lichkeic dieser Art des Sludirens kluge Aerzte dahin brachte, daß sie nun einen ganz andern Weg ein» B 2 schlu- tz ! 20 ».Abschnitt. 3. Hauptstück. schlugen, der Natur allein folgten, und dann weiter auf nichts, als auf Versuche, ihr Vertrauen setzten. Sobald nur der vortreffliche Bacon de Ve- rulam den Aerzten und Weltweisen die Augen ge» öfnet und sie gelehrt hatte, daß blos durch diesen Weg diejenige:! Wissenschaften befördert werden könnten; haben auch viele kluge praktische Aerzte ihre Aufmerksamkeit dahin gerichtet, und mit Sorgsalt gewisse Beobachtungen, ob gleich auf eine unvollkommne Art, wie wir hernach zeigen wollen, gesammelt. Dieser Partei sind noch bis izt die berühmtesten Aerzte in Europa ergeben, welche aber, ob sie schon vom Galen Abschied genommen haben, doch noch unter dem Panier des Hippo krateS streiten, indem sie sa> gen, daß dessen lehrsatze beständig mit ihren Versuchen übereinstimmten. Bcgliv war zwar ein großer Befördrer der Bemerkungen und ein abgesagter Feind von Syste. wen, doch aber gleichwohl sehr wegen der Neuheit in die hydrostatische Physik verliebt, und wie ein jun» ger Mensch, der aufs schöne Geschlecht überhaupt loszieht, insgeheim aber immer sein Mädchen liebt, und ihm anhängt. Jedoch hat sein System keine größern Vortheile, als die übrigen, nur mit der Ausnahme , daß feine kleinen Spielwerke einem neuge, bohrnen Kinde gleichen. Er fand für nöthig, drei Ausdrücke, Hippokrates, System, und Ver» su ch mit einander zu vereinigen, und unter diesem Trium« Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 21 Triumvirat sollte die praktische Medicin in der Zu. kunft vollkommen bestehen. In Ansehung seiner Vereinigung des Hipp okrates mit dem Versuche, hat er die meisten Arzneilehrer in unsern Tagen noch auf seiner Seite, und das Ansehn dieses alten gelehr. len Arztes ist größtentheils wieder von neuem herge- stellt. Indessen finden sich doch einige, welche ver« langen, daß seine Satze einer genauen Prüfung bei dem iichte der Bemerkung unterworfen werden sollen, und Manche gehen gar so weit, daß sie den vorgeschrie- benen Gesetzen des K 0 ischen berühmten Arztes kei» nen Glauben beimessen wollen. Michael ludwig Synapius, ein Ungari». scher Arzt, welcher vor einigen Jahren eine besondre Abhandlung über die Nichtigkeit, Unrichtigkeit und Ungewißheit der Hippokratischen Aphorismen der ge. lehrten Welt mittheilte, verdient hier vorzüglich an. geführt zu werden. Wir hatten noch Verschiedenes in diese historische Uebersicht der Medicin einschalten können, als z. B. ihre Einteilung in die empirische, methodische und rati 0 nelle, und hatten zugleich den Stifter einer jeden angeben sollen: allein Um diese Abhandlung nicht zu sehr zu erweitern, können die hierin bisher aufge- zahlten Widersprüche genugsam die Ungewißheit dieser Wissenschaft zu Tage legen. B 3 Viertes 5 22 i. Abschnitt. 4. Hauptsiück. Viertes Hauptsiück. Haben sich denn nun aber die Aerzte nach allen diesen Streitigkeiten endlich vereinigt? Ich fürchte, sie sind ißt mehr in ihren Meinungen getheilt, als jemals: denn die Verschiedenheiten haben sich so ver» vielfältige, wie die Menge ihrer Schriften. Von den heutigen Arzneigelehrten behaupten andre in ihren Schulen Hippokrarifche, andre Galenische, noch andre chemische Grundsatze, und viele wollen, blos die Ver« suche als Gründe der Arzneilehre gelten lassen. Alle befolgen verschiedne Methoden, je nachdem ihr System ihnen Anleitung giebt, und es ist durchaus falsch, daß sie in der Ausübung ihrer Wissenschaft mit einander übereinstimmen sollten, da sie in ihren Systemen so sehr von einander abweichen. Man kunn hierüber nachlesen, was Etmüller im dritten Theile seiner medicinischen Werke im zweiten Kapitel ausdrücklich sagt : „so wie die Abweichungen «der Hypothesen der Aerzte verschieden sind, so^wei« ,chen auch ihre Heilarten weit von einander ab." In den Schriften derer, die verschiednen Grund» saßen folgen, finden wir auch große Widersprüche in den praktischen Anweisungen. Wir dürfen! nur den Johann Da laus ausschlagen, umzusehen, wie derselbe eine jede Krankheit nach der Verschiedenheit der Systeme auch verschiedentlich beurtheilt, und die» sem zu Folge auch so verschiedne Heilarten vorgeschla» gen hat. Allein Utizuverläßigkcit der Heilkunde. 2; Allein nicht nur Aerzte, welche verschleimen Sy» siemen anhängen, haben ihre eignen Grundsahe, die sie befolgen, sondern sogar die in denselben mit ein» ander übereinstimmen, können doch, wenn es zur Anwendung kömmt, nicht einig werden. Dieß kann man vornehmlich in Spanien sehen, wo beinahe je» der Arzt noch immer dem Galenischen Systeme getreu ist, und dennoch, wenn man zwei oder drei von ihnen besonders zu Rathe zieht, werden sie selten die nämliche Methode, die Krankheit zu heben, befol» gen; daher man auch urtheilen kann, daß ihre Ueber» einstimmung bei einer kollegialischen Consultation mehr ihrer Klugheit oder Nachgiebigkeit, als ihrer glcichgesmntcn Meinung von der Krankheit zuzuschrei« ben ist. Man bemerkt, daß diese Verschiedenheit der Meinungen nicht nur unter denen, die einerlei System annehmen, Statt findet, sondern sich sogar auch bei denen'antreffen läßt', welche einem und dem» selben Schriftsteller ergeben sind. Die praktische Methode des iazarus Riberius ist eigentlich diejenige, welcher der größte Theil unsrer gemeinen Aerzte folgen, und wcün sie auch andre Schristste!» ler lesen, so thun sie's nur zum Zeitvertreibe, nicht aber ihre Kurarten darnach^inzurichten. Wir sehen, noch itzt durchgängig, wie weit sie unter einander ab» weichen, wenn wir zwei Aerzte, jeden besonders, in Krankheiten um Rath fragen: denn beide pfiegen cm sich ganz versckiedne Mittel zu verordnen. Sie richten ihre Allste, ks.nukel't auf die verschiedncn Vor« schriften des Riberius, und wenn sie auch sogar B 4 auf D ll!^ 24 i.Abschnitt. 5-Hauptstuck. auf das Nämliche fallen, so erklären sie es doch auf ganz verschiedne Art, wie ich davon öfters Zeuge ge< Wesen bin. Der eine verordnet wegen einer Voll« Vlütigkeit Aderlassen, indessen der andre wegen des verderbten Magens ein Abführungsmittel dem Kran» ken empfiehlt. Wird nun der dritte Arzt um Rath gefragt, so verwirft dieser beide als unwirksame Mittel. ><^ ^. ! ' Fünftes Hauptstück. Nun entsteht die Frage, wie sich bei diesen Wi» dersprüchen der Aerzte, welche wegen der verschiedne« Schriftsteller und der verschiednen Auslegung dersel» den, wie auch wegen der verschiedenen Bemerkung und wegen ihrer gefällten Urtheile der Symptome, unvermeidlich sind, nun der Kranke benehmen soll? Man wird hierauf antworten, daß er, wenn eine Wahl Statt findet, den Gelehrtesten zu Rathe ziehen müsse: allein öfters wird er nicht wissen, welchen er dafür halten soll. Der Beifall des Publikums kann Uns öfters betrügen, und Kunstgriffe und Politik hat öfters mehr an dem großen Ruf Antheil , als wahre Gelehrsamkeit. Der bloße Zufall kann dem Unwissenden den größten Ruf verschaffen, Und ein einziger unglücklicher Umstand einen andern von größter Fähigkeit ganz in die Vergessenheit brin» gen und Hü Grunde richten. Dieß Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 25 Dieß begegnete dem Andreas Vesalius, der einen Spanischen Herrn, den er in seiner Krank» heit besorgt hatte, für todt hielt, und als er seinen Korper öfnen lassen wollte, hatte man nicht sobald das Zergliederungsmesser in die Brust gestoßen, als der vermeintliche Tode offenbare Zeichen des iebens von sich gab, so daß er hierauf mehr an seiner Wun» de, als an seiner Krankheit starb. Jedoch will ich auch annehmen, der Kranke soll einen Arzt vom ersten Range getroffen haben; so ist er darum doch nichts mehr gesichert. John Argenterius wurde sür ein Wun« derwerk der Gelehrsamkeit gehalten, und dennoch hat» te er das Schicksal, daß alle Personen, die er in die Kur nahm, entweder starben, oder in schlimme Krankheiten verfielen, bis endlich gar niemand sick weiter seiner Hülfe bediente. Es sey nun aber ein Arzt noch so gelehrt, so wird man doch immer bei seiner Kurart Gefahr laufen, weil sie der Methode des andern eben so gelehr» ten Arztes immer entgegen seyn wird. Jeder wird Gründe, jeder Erfahrungen beibringen. Welche Ariadne kann nun wohl das Knaul dem Doktot oder Patienten geben, um aus diesem iabyrinth zu entkommen? Es giebt keine Regel, die nicht ihr? Ausnahme litte, wenn es aufden berühmten Grundsah ankömmt, die Krankheiten Mit den ihnen entgegen» B 5 gesetz, l 26 l. Abschnitt. 5. Hauptstück. gesetzten Mitteln zu heilen. In der That ist dieser Grundsatz, überhaupt genommen, entweder falsch, oder doch unnütze. Er ist unnütze, wenn wir durch das Widersprechende auf Seiten des Mit« tels jede Kraft der Arznei darunter verstehen, welche die Ursache der Krankheit fortzutreiben vermag: denn in diesem Falle versteht es sich nur, daß die Ursache der Krankheit fortgeschaft werden kann, durch das was dieses zu thun, die Kraft hat. Dieser Grund« saß ist falsch, wenn wir einen Widerspruch in einem von beioen antreffen. Denn alle gradezu entgegen» sehte Dinge dieser Art sind deßwegen eben keine Arz« neimittel, und viele Arzneimittel sind keine entgegengesetzte Dinge. Wir sehen, daß nicht alle Fieber durch kalte Dinge gehoben werden. In der That sind sie öfters gar unschicklich, wo nämlich die zu geringe Wärme des Fieders eher noch einer Vermehrung der Fermen» tation und einer Unterstützung der Natur bedarf, um das, was ihr beschwerlich ist, herauszutreiben. Wir seh:» dieß auch bei jeder Art von «Arzneimitteln, wel» ch^ keinei, offenbaren Widerspruch in ihren Eigen» schasten gegen die Krankheit, welche sie heilen, aus, fern. Soll bei diesem Axiom ein Widerspruch von verborgenen Eigenschaften zum Grunde liegen; so ist es ebenfalls ein unnützer Satz, denn dieser Widerspruch ist nicht durch das Räsonnement, sondern blos durch die Erfahrung zu entdecken; und nachdem ich bemerkt habe, daß ein ^solches Mittel einer solchen Krank- »»> Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 27 Krankheit zuwider ist; so kann ich doch aus diesem iehrsatz keinen Ruhen ziehen. Wir - können also auch sagen, daß er in diesem Verstände unrichtig ist: denn es giebt viele Mittel, welche nicht durch Widerstand, sondern durch Vereinigung, wie die absorbirenden, wirken, welche die scharfen und schädlichen Dinge des Krankheitstoffs, wegen des Verhältnisses ihrer Porosität oder kleinen Oefnungen zu denselben, ein« saugen. Allein da wir nun diesen Grundsatz verlassen, welchen die Aerzte, die ihn annehmen, in der Praxis weglassen, und nur den Widerspruch erst entdecken, nachdem die Krankheit gehoben ist; so wollen wir die Schwierigkeiten noch besonders betrachten, welche in den gemeinsten Mitteln vorkommen, um zu zeigen, wie wenig Vertrauen wir in dieselben setzen können» Sechstes Hauptstück. Das erste Mittel, welches sich darbietet, ist das Aderlässen, und die gelehrten Männer, wenn wir uns auf PliniuS verlassen, mögen dieß vom Nilpferde gelernt haben, das, wenn es ein Uebelbefinden in sich verspürt, seinen Körper aus den scharfen^ Spitzen zerbrochnen Rohres hin und her r.nbt, und dann, wenn es eine genügsame Menge Blutes verloren ' 28 l.Abschmtt. 6. Hauptstück. loren hat, die Oeffnungen wieder verschließt, indem es sich im lettigen Schlamm herum wälzt. Hippokrates war der erste, der das Blutlos» sen in Ruf brachte; Galen erhob es noch weit mehr, und dehnte seinen Gebrauch sehr weit aus. Diese Methode wurde hon allen nachfolgenden Aerzten einstimmig gut geheißen> und ebenfalls bis auf die Zei- ten des Paracelsus fleißig angewendet, welcher aber doch nicht, hindern konnte, daß dieses Mittel wieder sehr allgemein eingeführt wurde, und es wird auch noch bis auf den heutigen Tag sehr geschätzt, ob man gleich auf eine sehr verschiedne Weise davon Gebraucht macht. Indesten hat es doch seine großen Gegner gefunden, d»e es in allen Fällen getadelt ha. ben. Unter den Alten wollen wir vorzüglich den Chrysippus aufstellen, und mit diesem den A r i- stogenes, Erisistratus Und Strato, und indem wir viele andre übergehen, glaub' ich, tön? nen wir auch denAsklepiades noch in diese Klasse mitrechnen. In den spätern Zeiten finden wir, daß vorzüglich diesen gedachten ältern Aerzten auch P ara- eelsus, HelmontiUs, Peter Severino, Crellius, Quercetaurus, Poterius,Faber, Crusius, Tozzi, und noch viele andre berühmte Männer mit Rechte beizuzählen sind. Nach der gemeinen Klugheitsregel zu schließen, kann man nicht läugnen, daß doch viele grundgelehrte Männer ihrer Meinung einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit geben. Da nun diese das Ader- Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 29 Aderlassen nicht nur als unnütz, sondern auch als schädlich verworfen haben; so folgt, daß es wahr, scheinlich allezeit Schaden thun müsse. Jeder, der sich also eine Ader öfnen läßt, setzt sich auch dieser Ungewißheit aus. Mir kann auch dieses nicht im geringsten Genüge leisten, wenn man sagt, daß auf der einen Seice die Wahrscheinlichkeit nur schwach, und auf der andern weit größer sey; denn der Apho, rism sagt uns, daß viele Dinge, welche wirklich falsch sind, ein wahrscheinlicheres Ansehn haben, als diejenigen, welche wirklich wahr sind. Und obgleich die Wahrscheinlichkeit der Gefahr bei dem Blutlassen nur gering seyn kann; so werden wir sie demungeach« tet auf eine solche Art vergrößern, daß sie in der Pra. xis mehr, als ein Zweifel, scheinen wird. Indessen wird dieß, was ich gesagt habe, zu meiner Absicht hinlänglich seyn, obgleich die Gefahr desto größer scheinen wird, je mehr Gründe zum Zwei« fel vorhanden sind. Wenn irgend eine Person mir sagt, daß diese Meinung mit der Wahrscheinlichkeit eben nicht über» einkomme, da sie mit der Erfahrung streitet, welches sich aus dem oftmals nützlichen Blutlassen ersehen ließe; so wird mich Hippokrates durch seinen Aphorism vertheidigen, wo er sagt, daß die Erfahrung betrüglich sey. In der That, nur wenige Fäl» le ausgenommen, wo die Erfahrung offenbar dem Aderlassen das Wort redet, (und wo vielleicht die Kur doch auf eine bessere Art hätte gemacht werden tön« 3<3 i. Abschnitt. 6. Hauptstück. können,) ist die Zuflucht zu diesem Mittel sehr zweifelhaft. Denjenigen Aerzten, die sich wider diese Opera» tion erklärten, waren auch die Versuche nicht unbekannt. Sie können daher nicht so sthr unbefangen angesehen werden, daß sich nicht ihre Meinungen darnach gerichtet haben sollten. Welche dem Galen folgen und in fauligen Fiebern zur Ader lassen, rechtfertigen ihre Unternehmung mit der Erfahrung, und doch giebt es gleichwohl eine zahllose Menge von Aerzten, die das Blutlassen in diesen Fallen für tätlich hält. Und unser Doktor Martinez sagt, daß dieser Grundsatz mehr Menschen getödtet habe, als das Schießpulver, Die Erfahrung pflegt, wenn sie nicht beständig gleiche Resultate gewährt und ganz zuverläßig ist, ein zweifelhaftes Kriterion zu seyn: denn jeder führt, seine Meinung zu bestärken, die Erfahrung an. Wenn ein Arzt seinem Kranken kein Gift giebt, so werden einige leben bleiben, indessen andre sterben. Der Verehrer des Mittels, welches er gegeben hat, schreibt, wenn sich der Patient erhält, die Erhal« tung des lebens dem Mittel zu; stirbt aber der Kranke, so sagt der Arzt, der Tod wurde von der unüberwindlichen Stärke der Krankheit verursacht. Der Feind des angewandten Mittels spricht hingegen, wenn der Kranke stirbt, daß er durch dasselbe getöd» tet worden sey, und 'wenn er mit dem leben davon kömmt, die Natur habe ihn gerettet. Wie »» Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 3, Wie oft beschuldigen wirdenArzc, daß er die» fen, oder jenen Kranken gctödtet habe, da er doch an dessen Tod ganz unschuldig ist, und rühmen ihn mit gleich schwachem Grund wegen der Erhaltung eines andern, wozu er doch eben so wenig beitrug. Die Sache ist so beschaffen, daß ein Kranker nach einer zur Unzeit gemachten Aderlaß leben bleibt, oder wohl gar besser wird, weil er eben auch nickt sterben wür» de, wenn ihn gleich der Arzt mit einem Dolche ver. wundet hätte. In den Transactionen der Römischkaiserlichen Societat wird der Fall einer Nonne erzählt, welche an einem bösen Fieber geheilt wurde, ob man ihr gleich binnen wenig Monaten Hebn Pfund Blut auf dem Arm aus der Ader gelassen hatte. Ich wollte mich in der That freuen, wenn ich vom Herrn V a- lisnieri, der diesen seltnen Fall eben der obgedach, ten Akademie mittheilte, um andre seiner College» von dem Nutzen des Blutlassens zu belehren, hätte vernehmen können, welcher Engel ihm müsse offenbart haben, daß diese Nonne nicht, und viel« leicht in weit kürzerer Zeit, hätte hergestellt werden können, wenn er ihr nicht eine solche Menge Blut gelassen hätte. Und wir möchten auch gern erfahren haben, in was für einen körperlichen Zustand diese Kranke nach einer so heftigen Krankheit mag gerathen seyn, da es nur mehr als zu gewiß ist, daß viele, die nach einer, solchen besondern Unternehmung der Aerzte das ieben davon getragen haben, so äusserst ent» kraftct V Z2 ».Abschnitt. 6.Hauptstück. kräftet worden sind, daß sie nur noch eins kurze Zeit, und zwar sehr elend, eine Kur von dieser Art überlebten. Der Arzt weiß sich viel mit seiner Kur, als ober mehr gethan hätte, denn nur die Herstellung zurück gehalten, und die Constitution zerrüttet. Viel» leläit, wenn Valisnieri gedachte Kranke mehr der Natur überlassen, und sie mit mindrer Heftigkeit behandelt hätte, würde sie sich nicht nur eher erholt, sondern sie auch ihre vorherigen Kräfte wieder erlangt haben. Eben dieser Schriftsteller führt noch einen andern Fall an, wo er der Kranken beinahe alles Blut aus den Adern abzapfte, indem dasselbe äusserst scharf gewesen, und durch neues von weit besserer Beschaf, fenheit, ersetzt worden wäre. In wie fern diese Geschichte an sich mit der Wahrheit bestehen könne, überlasse ich dem Urtheile des gelehrten Arztes, und verlange nur von denen, die wahre Klugheit besitzen, zu wissen, ob sie wohl einem solchen Beispiele folgen möchten. Die Sache kömmt nur darauf an, daß dergleichen verwegene Aerzte uns einen oder zwei Kranken darstellen, deren Consiitution so stark war, daß sie den Streit mit der Krankheit und der Wuth des Arztes auszuhalten vermochte; indem sie hingegen die häufige Menge derer, die unter ihren Händen starb, der Vergessenheit übergeben. Viele Beiner« kungen, die als Erfahrungen in Schriften angeführt, und von Aerzten, ihre Unternehmungen zu autorisi- ren, angewendet werden, sind so ungewiß, als ich bereits gezeigt habe. Ich «»»»««» Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 33 Ich schließe daher aus diesem allen, daß, da auch in der Erfahrung so viel Unsicherheit herrscht, als vor uns am Tage liegt, das, was zur Vertheidigung des Bkitlalsens gesagt wird, doch noch lange nicht genug ist, diejenige Meinung, die man völlig dawider vor» bringt, niederzuschlagen. Indessen will ^ich zugeben, daß der allgemeine Begriff wahr und das Aderlässen schicklich seyn mag, und in der That glaub' ich dieses auch wirklich. Nun bleibt aber noch eine große Schwierigkeit übrig, zu entscheiden, wenn es geschehen, und wie viel Blut weggelassen werden soll. In Rücksicht aus die Menge kann keine gewisse Regel gegeben werden, da die» ser Umstand von der Beschaffenheit der Zufalle und den Kräften des Kranken abhangt, welche freilich ein Arzt größer, als der andre schätzen kann. Was aber die rechte Zeit zu dieser Unternehmung bctrift; so sind die Meinungen so gelheilt, daß auch der gelehrteste Arzt deshalb in die größte Ungewißheit geräth, und es beinahe unmöglich ist, daß er nicht zuweilen darin fehlen sollte. Er wird in gewissen Schriften finden, daß das Aderlassen in einer solchen Krankhcit,und unter solchen Umstanden nothwendig sey. In andern hingegen wird er auch die gegenseitige Meinung an» treffen, daß es gerade in der nämlichen Krankheit und unter den nämlichen Umstanden tödtlich sey. Welchen Anweisungen unter diesen soll er nun folgen? Der Kranke tragt gemeiniglich nicht viel Bedenken, seinem Arzte zu folgen: denn wenn er ihn mit einer C >. gewissen V « ! 34 I. Abschnitt. 6. Hauptstück. gewissen Zuversicht von der Sache sprechen hört, be« kümmert er sich wenig darum, wie sehr über das, wqs er verordnet, gestritten worden ist. Allein wenn nun die ianzette eben die Ader öfnet, könnte er zwanzig, ja wohl dreißig sehr gelehrte und erfahrne Aerzte seinem Arzte in die Seele zurufen hören: „halt zurück, laß deinem Kranken nicht zur Ader, du »tödtest ihn! " Wie würde sich der Patient dabei be» nehmen? Die Antwort würde seyn, daß der Arzt die Wahrscheinlichkeit der beiderseitigen Meinungen er« , wagen müßte. Wie können wir aber wissen, ob er die Sache recht zu erwägen vermag, da es so vieler» lei Meinungen giebt? Ich kann es zwar eben nicht sagen, wenn die Nachfolger Gale n's unter den rech» ten Umstanden zur Ader lassen : allein davon bin ich sicher überzeugt, daß es vielfaltigemnl zurllnzeit geschieht : denn sie halten auch ein Faulsieber für einen allgemeinen Anlaß zu dieser Operation; da es doch sowohl nach der Vernunft, als nach der Meinung der besten Schriftsteller, ausgemacht ist, daß der Blut. Verlust öfter Schaden thun muß. Er verhindert die Gährung der Krankheit, welche doch befördert werden sollte, damit die Natur das ihr Beschwerliche auswerfen könnte. Ein Fieber ist wie ein Instrument der Natur anzusehen, vermittelst welchen sie die schädlichen Feuchtigkeiten forcschaft, wie der unvergleichliche praktische Arzt Sydenhamin Ansehung der Fieber mit Beistimmung der gelehrtesten Aerzte unsrer Zeit sagt: „Das Fieber ist das Werkzeug, welches die Natur ^> Ut'zuverläßiMt der Heilkunde. 35 „Natur zu dem Geschäfte mit besondern Fleiße ge« „macht hat; " und in meiner vor mir habenden Ausgabe des gedachten Schriftstellers findet man serner S. ,QQ.: „DasFieber ist die Maschine, alles, was „die Säfte von übler Beschaffenheit haben, sortzu» „schaffen. iucas Tozzi bemerkt, daß alle die Krankheiten, welche kein Fieber mit sich führen, bei weitem die längsten sind. Jedermann kennt zur Gnüge die Kraft des Fiebers in der Kur des Schnupfens, in Anfällen der Gicht und vieler andrer Krankheiten, Celsus und vor ihm Hippokrates empfahlen in vielen Krankheiten schon die fieberhaften Bewegungen als sehr nützlich. Allein die gemeinen Aerzte sehen immer das Fieber als ihren Hauptseind an, und ziehen mit Blutlafsen und Purgiren wider ihn zu Felde, welches eben so viel ist, als mit Feuer und Schwerdt um sich her wüten. Ich für meinen Theil stimme der Meinung Etmüller's bei, welcher anführt, wie gewisse Schriftsteller bemerkt hätten, daß das Blut in dem Körper derer, die am Fieber gestorben wären, sich durch dessen Hitze verzehrt habe; hieraus nun schließt er, daß es sehr unschicklich sey, der Natur dadurch beistehen zu wollen, und das Blut vermittelst der ianzette abzuleiten; er endigt dem zu Folge diesen pathologischen Abschnitt mit diesen Wor» ten: «Ich kann mir mit diesen Fleischern nicl ts zu „thun machen, die uns so unnützer Weife der Schatze «unsers Körpers berauben.' V C 2 Bei z6 I.Abschnitt. 6. Hauptstück. Bei dieser Gelegenheit kann ick auch nicht »in» terlaffen, die sehr unrichtigen Schlußsolgen zu zeigen, welche man aus der Farbe des BluccS zieht, da das» selbe, wenn es aus seinen Gefäßen kömmt, und nach der eignen und besondern Consiitution einer jeden Person, auch seine eigne Beschaffenheit hat, so,ver< schieden ist, 'caß die Person gerade nur bei der Art und Mischung des Blutes und bei knner andern leben könnte, es mag auch dem Arzte noch so schlimm zu seyn scheinen. Aus diesem Grunde hat sich auch die Erfindung der Transfusion, da man nämlich das Blut aus den Adern eines gesunden Menschen in die eines Kranken einflößte, so unwirksam erwiesen. (So weit geht die Meinung Etmüller's in seinen medicinischen Institutionen im 4ten Kapitel.) Das Urtheil, welches wir von dem Blute fallen können, ist mit allem Recht vom HelmontiuS als unsicher angegeben worden, indem er sagt, daß jede Person ihre eigene Art von Blut habe, und das« selbe auch in den nämlichen Personen bei gesunden Tagen sehr unterschieden sey. Uebcrdieß entsieht die Farbe des Blutes von ganz andern Ursachen, als die Aerzte ihm zugeschrieben haben. Der berühmte Zer- gliedcrer Philipp Verheyn bemerkte, daß, wenn man Vitriolgeist dem Blute beimischte, es eine schwarze Farbe annahm; daher ist schwarzes Blut keine gewisse Anzeige von Hitze. Er fand auch, daß laugensalze ihm eine hellrothe Farbe gaben. Kurz, Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 37 Kurz, wer auch nur weiß, daß zwei Tropfen von einer rothen Tinctur, die man Iungfermilch nennt, einem ganzen Becken voll Wasser eine Milch« färbe geben, der wird sich auf das, was die gemeine Naturlehre in Rücksicht auf die Ursachen des Unter» schiedes in den Farben angiebt, eben nicht verlassen. U Siebentes Hauptstück. Vom Blutlassen müssen wir nun zu dem andern Schenkel der Medicin (um uns des Ausdrucks Sydenham's (I^eg ok pn^iic) zu bedienen,) fort« gehen, und dieser ist das Purgiren. Alle Aerzte erkennen einmüthig in den stark abführenden oder ei» gentlicher, Purgiermitteln etwas von einer gewissen schädlichen Eigenschaft, welche sie gewissermaßen schädlich macht. Ob sie in gewissen Krankheiten und zu gewissen Zeiten nützlich seyn mögen, ist noch dem Zweifel unterworfen; daher ist der Schaden ge» wiß, und der Vortheil zweifelhaft. Diejenigen, welche glauben, daß dieiariermittcl blos die schädlichen Säste aus unserm Körper reisten, begehen einen Irrthum, in welchem ich selbst eine geraume Zeit gesteckt habe, bis mich meine eigne Erfahrung und die iektüre guter medicinischer Schrift, sieller davon befreite. So viel ist freilich ausgemacht, daß sie das Schädliche vom Guten trennen, auflösen, fortreißen und diejenigen Säfte, E z welche 38 i.Abschnitt. 7. Hauptstück. welche uns nähren, nebst den unreinen Feuchtigkei« ten zugleich mit Ungestüm ausführen. Wir müssen aber dabei, bemerken, daß nicht jede abgesonderte Feuchtigkeit, ob sie gleich unsern Kör» per nicht nähren kann, deßhalb für denselben ganz unnütze ist. Em großer Theil davon hat seine Bestimmung, und die Natur m^cht zu ihren besondern Absichten, von ihnen Gebrauch. Die Galle ist, die Unrnnigkeiten, aus unsern Nahrungsmitteln niederzuschlagen, nöthig, und die Säure im Magen, Eß- lust zu erwecken. Demnach können Purgiermittel durch die üble Wirkung ihrer schädlichen Eigenschaft auf vielerlei Weise schädlich seyn ; theils dadurch, daß sie aus unserm Körper etwas von dem nährenden Safte fortreißen, und theils, daß sie Feuchtigkeiten ausleeren, welche, wenn gleich nicht zur Nahrung, doch aber zu gewissen Absichten der Natur, nöthig waren. Hierzu können wir noch den für die aus» zuführenden Excremente nützlichen Theil rechnen, wenn sie durch Wege fortgehen, welche die Natur zu ihrer Ausführung nicht bestimmt hatte, und sie vielleicht in diesen Wegen oder Kanälen einigen Schaden anrichten könnten; weil dann, wenn scharfe Feuchtigkeiten durch enge Wege gewaltsam durchgetrieben werden, den Fibern dieser Ausführungsorgane einige Verletzung zugefügt werden kann. Die Eintheilung der Purgiermittel, die aus der Wirkung, welche sie auf die Feuchtigkeiten, denen mai Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 39 man sie angemessen hält, äußern sollen, als daß z.B. einige besonders die Galle, andre den Schleim u. s. w. ausführen, wird, ob sie gleich allgemein angenommen ist, dem ohngeachtet von den gelehrtesten Schriststel» lern für eingebildet und in der Natur der Sache ungegründet gehalten. Sie versichern uns, daß cs kein Absührungsmittel gäbe, welches nicht gleichdurch oh« ne Unterschied, alle Arten von Feuchtigkeiten, wel» che in ihrem Wirkungskreise lägen, ausleeren sollte, und daß die so verschieden gefärbten Excremcnte nach der Verschiedenheit der Purgiermittcl, nur von der Farbe, die ihnen von denselben gegeben würde, her« rührten, aber gar nicht von den unterschiednen Feuchtigkeiten , wie sich manche Personen vorgestellt haben. Was ich mit Gewißheit versichern kann, ist dieses, daß, wenn eine Person von der besten Constitu« tion zu wiederholcenmalen mit Thymseide sich purgiert, welche ein zu den melancholischen Feuchtig/ teilen passendes Mittel ist, sie allezeit Feuchtigkeiten von dieser Farbe ausleeren wird. Und dieß kann ich mit Grunde der Wahrheit behaupten. Nun könnte aber eine solche Menge von dieser Art Fench» tigkeit in sechs Körpern hypochondrischer Personen nicht angetroffen werden, da es gerade diejenige Art ist, von der wir eben den wenigsten Ueberfiuß haben. Es möchte mir hierauf geantwortet werden, daß, ohnerachtet die Purgiermittel beides, das Gute und das Verdorune, u> einer und eben dersc!öc>'> Zeit ausl >ercen, darum doch, sie zu nehmen, immer schicklich seyn könnte, C 4 da ^ M ' 4o i. Abschnitt. 7. Hauptstück. da die Natur noch mehr durch das zurückgehaltene Schädliche, als durch das Gute, was sie abzusüh- ren pflegen, verletzt wird. Dieß ist aber auch alles, was zu Gunsten der Purgiermittel gesagt werden kann. Hierauf aber ertheileich folgende Antwort, daß der Arzt sehr gut unterrichtet seyn muß, die Sachen befanden sich wirklich in solchen Umstanden: sonst wird er, wie die Türken bei der Belagerung der In« selNhodus verfahren, welche, da sie gewisse Truppen von den Ihrigen in einem Sturm mit den Christen von der Garnison vermengt sahen, ihre Artillerie nut barbarischer Wmh auf beide richteten, und eine gleiche Niederlage unter beiden, Freunden und Feinden, verursachten. Allein, wenn kann der Arzt zu einer solchen Gewißheit der Umstände gelangen, daß die Sache zu- verlaßig so beschaffen sey ? Nur selten, wenn es ja möglich wäre, wird es der Fall in gemeinen Krankheiten seyn. Die Aerzte streiten sich noch, ob wir bei angehenden Fiebern die Kranken purgieren müssen, oder nicht. H ipp o kra tes ist dawider, es müßte sich denn Geschwulst äußern, und sagt, man müsse damit anstehen, bis der Krankheitsstoff zur Abführung reif wäre. Indessen, wenn der KrankheitS- sioffreif ist, so wird er sich von selbst absondern, wie uns dieß die tägliche Erfahrung lehrt. Daher ist ein Putgiermittel unnöthig, und ein solches anzuwenden, eben so viel, als Hülsstruppen in Bewegung brin. Unznverlaßigkeit der Heilkunde. 41 bringen oder in Thätigkeit setzen, nachdem der Feind bereits überwunden ist. Vernunft und Erfahrung haben mich sattsam überzeugt, daß die Natur nie ermangelt, dieß Werk zu Stande zu bringen: es wäre denn in einem seltenen Falle, wo sie durch eine besondre Verstopfung verhindert würde. Man sagt, wenn die auszufüh» rcnde Krankheitsmaterie ausgeleert würde, nachdem sie ihre Reife erlangt hätte, so wäre kein Rückfall zu befürchten: allein dadurch kann mehr einer künftigen Krankheit vorgebeugt, als diese, die wir gegenwär« tig vor uns haben, turirt werden. Uebcrdieß, wie können die Aerzte wissen, daß Rückfasle durch das Nichtpurgieren in dieser Zeit abgehalten werden? Viele verfallen wieder in die vorige Krankheit, die vurgirt haben, und viele, die nicht ausgeleert wurden, bekommen auch keinen Rückfall. Jedoch ich sollte glauben, der Rückfall könne nicht von dieser Ursache herrühren, sondern'von einem gewissen Theile des noch unbereiteten oder unge« kochten (mälzeltech Krankheitsstoffs, ohne daß derselbe in unsern Körpern in Bewegung gesetzt worden sey. Nachdem er nur. aber während der gänzen vor« hergegangenen Krankheit verborgen gelegen hat, bricht er iHt mit größrer Gefahr des Kranken aus, da die Kräfte seines Körpers mehr geschwächt sind. Ob- schon diese Idee nicht vollkommen gewiß seyn mag; so ist sie doch wahrscheinlich, und Wahrscheinlichkeit ist schon genug, einen Arzt zweifelhaft zu machen, C 5 ob 42 l. Abschnitt. 7. Hauptstück. ob zu dieser Zeit ein Purgiermittel nöthig seyn möchte. Die Vollblütigkeit wird als eine ganz ausgemachte Ursache oder Veranlassung zum Purgieren im Anfang der Krankheit angesehn. Unser sehr gelehrter Martin ez aber hat auch sogar in diesem Fall die Nothwendigkeit des Purgierens in Zweifel gezogen. Da jener Zustand eine unruhige Bewegung der Safte verursacht, welche gewisse zum ieben sehr nothwendige Organe zu beschweren drohen; so sagen sie, muß auch auf alle Falle etw.is davon ausgeleert werden. Allein die nämliche Bewegung wird ja auch bei angehenden Kinderpocken wahrgenommen, und die besten praktischen Aerzte pflegen nie zu dieser Zeit Purgiermittel anzuwenden. Und auf solche Art ist die Anwendung der Purgiermittel aufallen Seiten mit Schwierigkeit und Gefahr verknüpft. Ich muß auch nothwendig dieses hier noch beifügen, daß, ohncrachtet des Schadens, den diese heftigen Mittel zu thun pflegen, sie dennoch nicht das Vermögen besitzen, den Krankheilsstoff aus unserm Körper auszurotten. Anfanglich, da ich noch mehr Vertrauen in diese Mittel setzte, bediente ich mich derselben, so oft mich ein periodisches Uebel überfiel, an welchem ich noch bis itzt leide. Seine gewöhnlichen Symptome bestehen in einer außerordentlichen Schwere der Glieder, bei völlig verlohrncr Eßlust, und in einer Unterdrückung aller meiner Geisteskräfte, und diese Umstände dauern gemeiniglich zwei Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 4) zwei Monate. Ich glaubte nebst meinen Aerzten, diese Anfalle würden von einer großen Menge angesammelter unreinen Safte verursacht, und es müßten dalM Purgiermittel unumgänglich nothwendig gebraucht werden. Allein ich kann versichern, daß diese mir nie die mindesten Dienste thaten, ob ich gleich sieben Jahr hindurch alle Arten von abführen» den Mitteln brauchte, indem ich in Rücksicht auf ih» re Arten und Gaben mancherlei Verändrungen machte. Eben dasselbe kann ich auch in Ansehung der beobachteten Diät sagen. Nach einer gewissen Zeit aber endigte sich die Krankheit durch kleine Pusteln oder Blattern, die an verschiednen Theilen meines Körpers durchbrachen. Indem ich über diese wiederholten Erfahrungen nachdenke, so scheint es mir, als wenn viele von unsern Krankheiten nur von einem kleinen Theile schädlichen Stoss herrührten, der mit unserm Körperbau durchwebt, oder doch sehr tief in demselben versteckt wäre, oder als wenn dieser Stof aus andern Ursachen, die ich nicht angeben kann, von der Wirksamkeit der Pnrgiermittel nicbt erreicht werden könnte, sondern blos dem Willen der Natur gehorchte, welche dann ihre festgesetzte Zeit hält, ihn auszutreiben, ohne daß die in den Apotheken befindlichen Rcizungsmittel den lauf der Krankheit zu be.? schleunigen vermögen. Ist aber endlich nur einmal der rechte Zeitpunkt eingetreten, so siegt die Natur über ihren Feind, der zwar klein von Gestalt, stark aber an Kräften ist, » 44 l. Abschnitt. 7. Hauptstück. und treibt ihn aus ihren Grenzen unter der Gestalt eines Ausschlages. Ich blieb viele Jahre in dieser Ungewißheit, indem ich mich auf meine wenige Er» fahrung nicht verlassen konnte, bis ich im Etmül, 1 e r meine Meinung bestärkt fand. Dieser große Arzt laßt sich im dritten Theile seiner Werke im fünften Kapitel, nachdem er von der großen Zerrüttung, wel» che die Purgiermittel im menschlichen Körper anrichten, geredet hat, folgender Gestalt vernehmen: „Esist nicht möglich, daß dieselben (nämlich die „Purgiermittel) die kleinen Keime unsrer Krankhei- „ten erreichen können, und viele Unpäßlichkeiten «dauern fort, wenn auch schon iaxiermittel zu wie» „herholten Malen gebraucht worden sind. Wir tön» „nen daher schließen, daß die Purgiermittel außer den «Nachtheilen, die sie verursachen, nur in die entfern» »ten Orte, nicht aber in den vornehmsten Sitz des „Krankheitsstoffs, welcher unser Uebel erzeugt, „wirken; es sey denn, daß derselbe noch in den Där» „men oder andern Theilen, durch welche sie hindurch 2 gehen, befindlich sey, da ihnen, denn ihr Nutzen .nicht abzusprechen ist." „Indessen ist doch der Fall sehr oft zweifelhast, „da die Aerzte öfters ungewiß sind, ob die Krank«» »heiten ihren Sitz in den ersten Wegen haben oder »nicht.« Was nun aber die Wahl der Purgiermittel be» trift, so muß man nur wissen, daß in diesem Stück jeder Arzt seiner Phantasie oder einer gewissen Vor» liebe Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 45 liebe für einige Mittel folgt, und es giebt vielleicht kein einziges, das nicht seine besondern Verehrer hätte. Gemeiniglich zieht man diejenigen Mittel vor, die sanst und ohne Schmerz zu verursachen, wir» ken. Allein ich muß gestehen, daß ich dagegen meine Bedenklichkeiten habe, da der Schmerz viel« leicht nicht unmittelbar durch das Mittel, sondern durch die scharfe Feuchtigkeit, welche dasselbe in Be. wegung gesetzt hat, verursacht wird. Sollte dieß nun der Fall seyn, so müßcen wir lieber diejenigen Purgiermittel vorziehen, welche Schmerz veranlassen, da diese die scharfen Feuchtigkeiten ausleeren, und dagegen die tauschende sanfte Wirkung derjenigen verachten, welche gleichsam ganz unbemerkt durch unsern Körper hindurchschlüpfen, weil man diesen Umstand von einer großen Menge nährender Feuch» tigkeiten ableiten könnte, deren Mildigkeit die Thei« le, wodurch sie ihren Weg nehmen, unempfindlich macht. Wir können also mit Recht schließen, daß diese gelinden Purgiermittel nur die unschuldigen, milden Feuchtigkeiten ausführen, welche mit ihrer Mildigkeit, allen Schmerz in den Eingeweiden, durch welche sie gehen, verhindern. Dieses ist nur eine Vorstellung, die ich mir für meine Person ma« che, die ich aber mit aller Bescheidenheit der Unter, suchung eines jeden gelehrten Arztes vorlege, wie ich auch dieses mit jeder andern Idee gethan haben will, welche nicht durch irgend einen großen berühmten Schriftsteller unterstützt wird. Natür« 46 Abschnitt. 7. Hauptscück. Natürlicher Weise muß ich nach dieser Betrachtung der Purgiern.ittel nun der mit diesen vcrgesell. schasteten, der Klystiere erwähnen, von welchen die Aerzte, bei den Kranken den ieib zu öffnen, Ge» brauch machen, wenn die erstem nicht anwendbar sind; indem man glaubt, daß milde Klystiere nie den geringsten Schaden thun könnten. Allein der berühmte Arzt S »den ha m verbietet ihren Gebrauch sehr ernstlich, und will weder diese, noch andre Ausleerungsmittel in jedem Fieber, wo die Gährung geschwächt wird, angewendet wissen, weil sie zu ih< rem rechten Grad zu gelangen, dadurch verzögert wird. Ja er geht noch weiter, indem er behauptet, daß in allen Fiebern, wo sich bereits eine Abnahme derselben zeigt, jede Ausleerung durch den Stuhl nachtheilig sey, und er allezeit lieber den ieib des Kranken verschlossen zu halten pstegte. Alle Arzneilehrer aber wissen, daß Sydenham in der Behandlung der Fieber eine Meinung nur wahrscheinlich macht. Diejenigen, welche der Ueber» einstimmnng und der Gewißheit medicinischer Grund» sähe so viel Vertrauen schenken, mögen alle diese Wi« dersprüche, wenn sie können, zusammenreimen. Achtes Ulizuverlaßigkeit der Heilkunde. Achtes Hauptstück. 47 Endlich läuft es darauf hinaus, daß in der Me. dicin gar nichts Gewisses ist. Der eine Arzt verab, ^ scheuet ein Mittel, welches der andre zum höchsten verehrt. Was für erstaunend gute Eigenschaften wo!» len nicht gewisse Aerzte in der Nießwurzel gefunden haben? und wie gefährlich wird dieß Mittel nicht von andern ausgeschricen? Das Nämliche gilt auch vom Spießglanz. Edelgesteine waren sonst in den Apotheken die vornehmsten und wirksamsten Mittel, und nun werden sie von den berühmtesten und vernünf» tigsicn Aerzten nicht nur für unnütze sondern auch für schädlich gehalten. Ich für meinen Theil glaube sicher, daß die gemeinste Pstanze auf dem Felde mehr Nutzen in der Heilkunde gewährt, als je alle Edelsteine des Orients. Was soll man von allen Herzstärkungen halten, die es doch blos dem Namen nach sind ? Gold erfreuet nur das menschliche Herz, wenn es im Beutel ist, nicht aber, wenn man es in den Magen hineinzwingt. Wie sollte unsre iebenswärme nur irgend einige Verstärkung daraus erlangen, da das stärkste Feuer diesem allzu kostbaren Metall nichts anhaben kann? Die große gerühmte Kraft des Bezoarsieins, welcher beinahe allen Herzstarkungen beigemischt wird, ist eine bloße Erdichtung, wenn wir dem N i» kolaus Bocangelino, dem Arzte Kaiser Karls des Fünften, Glauben beimessen wollen, wie ich dafür halte, daß wir wohl ohne Bedenken thun können. Iero» 48 i.Abschnitt. 8» Hauptstück. Ieronimo Rubeo, Arzt Pabst Clemens des Achten, sagt, daß er öfters die kostbarsten Bezoar« sieine, die nur in den Kabinetten der Fürsten und andrer großer Herrn wären zu finden gewesen, ge. braucht, und dennoch nie die allergeringste Wirkung durch sie erlangt hatte; und dieser Meinung sind auch viele andre gelehrte Aerzte und Schriftsteller. Kostbare, und seltene Arzneimittel sind bei vielen Aerzten, und allen Apothekern sehr beliebt. Es scheint, wiePliniuö sagt, als wenn es ihnen noch daran fehlte, auch die Asche des Phönix zu verschreiben. Eben das Nämliche wird auch in Ansehung aller ausländischen Mittel, welche aus sehr entfernten Gegenden zu uns gebracht werden, beobachtet. Die 'Aerzte finden hier ihre Rechnung, indem sie ihre ausgebreitete Kenntniß dabei zeigen können, und die Apotheker sind auch bei deren Verschreibung nicht un. zufrieden, indem sie desiomehr Profit dabei machen. Allein auch nach dem Ausspruch des Plinius, wie wir in einer andern Stelle finden, und uns zugleich die Erfahrung belehrt, sind die wohlfeilen und in der Nähe befindlichen Mittel weit nützlicher und sichrer. Er ruft uns zu : «man bringt Mittel vom rothen Meere, Geschwüre zu heilen, da doch jeder iandmann ^eine Abendsuppe zu Hause ißt, die ihm weit mehr zu. „träglicher zu diesem Endzweck gute Dienste thut.« Doktor Du ncan erzählt uns, daß ein gewisser französischer Arzt die Gewohnheit gehabt hatte, allen seinen Kranken Kaffee zu verordnen. Indessen sind wir Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 49 wir überzeugt, daß uns weder Kaffee, noch Thee in krankhaften Umständen viel helfen kann. Selbst die berühmtesten Mittel haben ihre Widersacher. Wir wissen, wieviele wider die eingenommen sind, und Fernelius verschrie das Quecksilber, wiewohl ohne Grund, indem doch alle Welt die besondre Kraft dieses mächtigen Minerals bemerkt hat. Zu dieser Ungewißheit in der Arzneiwissenschaft wegen der so verschiednen Meinungen kömmt auch noch die mit der Mode immer neue Verändrung hin» zu, welche nicht weniger Macht über die Heilkunde, als über unsre Art der Kleidung hat. Indeß aber gewisse Mittel i!.ren Ruf verlieren, werten andre be» rühmt. Der Medicin widerfährt eben das, was wir von Eroberungen Alexander's lesen: denn, so wie dieser Held neue Provinzen sich unterwarf, so verlor er die, welche er hinter sich gelassen hatte. Alle Mittel sind bei ihrer ersten Entdekkung berühmt gewesen : denn eben daher kommen ihre herrlichen Benennungen, wie z.B. das Englische Wasser, der goldne Iulep, und noch andre von ähnlicher Art. Allein heut' zu Tage darf weder der goldne Iulep, noch das Englische Wasser, noch dürfen die Pillen, Panaceen und alle die andern Bereitungen, welchen das Quecksilber mit seiner Wirksamkeit Ruf gegeben hat, ihr Haupt vor dem Englischen Salze en'por he. ben, welches ich doch wegen der sogar großen Gelin- digkeit seiner purgirenden Wirkung für ein ungewisses Mittel halte. Indeß aber werden dies, und noch D andre > 5I !. Abschnitt. 9. Hauptstück. andre Mittel, welche itzt im Ruf stehen, durch neue inländische, welche die Zeit entdecken wird, verdrängt werden, weil es einmal das Schicksal cieser Wissenschaft so mit sich bringt, daß sie in einer steten Unbestimmt» heit bleiben soll. Was soll ich nun erst noch von den, vlelcn Mitteln fälschlich angedichteten, Kräften sagen? Das Ansehen Valla's kann m>r,in Rücksicht auf diesen Gegenstand genügsame Gewahr leisten; denn dieser sagt ausdrücklich, daß die Aerzte nie mit min» drer Bestimmtheit oder Zuverläßigreit sich erklärten, als, wenn sie von den Kräften der Arzneimittel redeten. ^^ Neuntes Hauptstück. Ich will dasjenige, was ich in Rücksicht aus die Arzneimittel noch zu sagen habe, mit der wichtigen Be. merkung beschließen, daß, obgleich alle Mittel noch so gut und schicklich ausgewählt sind, sie doch schädlich seyn müssen, wenn sie in zu großer Menge gege. ben werden: lmpeäiunt certe iuel!ic2min» plur» lautem. Hierin irren eben vorzüglich so viele Aerzte. „O «meine lieben Freunde," ruft Bagliv aus, »mit wie „wenigen Mitteln lassen sich die Krankheiten bezwm» «gen ! wie vielen Menschenhai die Menge der Mittel «das leben gekostet." Sydenham beklagt sich in verschiedenen Stellen seiner Werke über diese Fehler, Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 51 ler, und giebt den praktischen Aerzten den Rath, sparsamer in Verschreibung der Heilmittel zu seyn/ und der Natur ein größeres Vertrauen zu schenken; indem es ein starker Irrthum wäre, daß sie stets zu ihren Verrichtungen Kunsthülfe nöthig hatte. Allein man muß auch bedenken, daß an einer so unedlen oder übelberufenen Aufführung der Aerzte nickt sowohl diese, als vielmehr die Kranken den größten Antheil haben, welche stets, ihre Zufälle zu lindern, etwas verschrieben haben wollen. Dieß könn» te man wohl mit Rechte für den größten Irrthum der Unkundigen in der Medicin halten. Gemeiniglich scheint dem me^icinischen iaien derjenige Arzt der beste, der die meisten Recepte verschreibt; und wenn er a»ck im Eifer der Kunst unh seines Verfahrens, den Patienten dem Grabe überliefert hat, so s.igt man doch, der Doktor hat alles gethan, was nur die Kunst vermochte, und durch Arzneimittel ihmzu thun möglich war, da doch im Gegentheil alles geschahe, was nur immer die größte Dummheit und Unwissen« heit, oder die strafbarste Nachgiebigkeit an die Hand geben konnte. leonhard Botallus, leibarztHeinrichs des Dritten, Königs in Frankreich, sagt mit aus» drücklichen Worten, daß die allzunachqedenden und zu« gefalligen Aerzte unter allen die gefährlichsten waren. Diejenigen, welche die kritischen Tage vertheil)!« gen, können nichts auf diesen Einwurf, daß die Er- D 2 fahrung ! 52 «.Abschnitt. 9. Hauptstück. fahrung dieselben nicht bestätige, vorbringen, aus» ser, daß der zur Unzeit gemachte Gebrauch von Arz» neimitteln die Natur in ihrem Gange hindere oder übereile: woraus natürlicher Weise zwei Schlußsol» gen gezogen werden können. Die erste ist diese, daß alle Aerzte in dem Ge» brauch, den sie von Arzneimitteln machen, irren, in» dem es Krankheiten giebt, wenn sie es aufrichtig gestehen wollen, wie uns davon lucas Tozzi versichert, welche ihre kritischen Tage in den Zeiträumen, so wie man sie ausgezeichnet oder angegeben hat, ganz genau zu erkennen geben. Die andre Schlußfolge ist diese, daß sich der Arzt ganz ruhig und unthatig erweisen, und die Natur nicht durch Verordnung irgend eines Arzneimittels stören muß, indem es gar keins giebt, welches nicht einige Verändrung machen sollte. Doktor Boix hat viel über diesen Gegenstand gesagt, obschon seine Regeln vielleicht nicht gänzlich zu befolgen sind. Indessen bin ich doch versichert, daß die Menge der, von dem gemeinen Haufen der Aerzte verschriebenen Arzneien die Naturkräfte über« aus sehr schwächt, und sie gerade zu der Zeit, wenn sie alle ihre Stärke, den Feind zu überwinden, nö« thig haben, in ihren Unternehmungen stört, welche sie, die Krankheitsursache aus dem Körper fortzufchaf« fen, veranstalten. Was Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 53 Was aber die unwissenden Aerzte betrift, so ist alles vergeblich, sie von dieser Wahrheit zu überzeu» gen: denn Unwissenheit ist auch allzeit ungelehrig. Allein die, welche gar in einem gewissen Einverständnisse mit dem Apotheker stehen, oder selbst den Arzneikrämer machen, werden noch weniger darauf hören; doch kann man auch sagen, daß dergleichen Aerzte in einer schlimmern läge in Ansehung ihres Geistes sind, als ihre Kranken wegen ihrer körperlichen Zufälle. Ich schmeichele mir aber, daß es dergleichen Aerzte nur wenige geben wird: denn sich vorstellen, daß die Aerzte überhaupt von so schlimmen Charakter waren, konnte nur der schmähsüchtige Cornelius Agrip« pa in seinem Werke von der Nichtigkeit der Wissenschaften, ob er gleich selbst ein Arzt war. Ich sür meinen Theil glaube vielmehr das Gegen» theil, und halte die Aerzte sür ieute von Gefühl und zartem Gewissen, welches ich daher leite, < weil sie öfters bei Sterbenden sind, wo sie bestandig erbauliche Unterhaltungen zu hören, und. Beispiele christlicher Tugenden zu sehen, Gelegenheit haben. Es giebt aber in der That Einige, und zwar nicht Wenige, welche nur darum weit mehrere Mittel verord« nen, weil sie befürchten, man möchte sich ihrer Sorg, fält entziehen, und andre Aerzte um Rath fragen, wenn sie nicht täglich neue Recepte verschrieben. Ich muß diese Männer von ihrer wichtigen Obliegenheit, welche eine Gewissenssache ist, belehren, daß sie nicht aus irgend einiger zeitli» cher Rücksicht die Grenzen, welche ihnen die Ver- D 3 nunft 5 §4 ».Abschnitt. 9. Hauptstück. nunft vorschreibt, übertreten müssen. Weder die Gefahr verabschiedet, noch die Furcht, von den Apo» thekern verschrieen zu werden, noch auch die Beschämung, sich von dem Ungelehrten für unwissend hat« ten zu lassen, kann solche Aerzte, wegen eines irgend aus den zu reichlich verschriebnen Mitteln entstehenden Schadens, bei der Vorsehung entschuldigen. Viele gehen die Mittelstraße, und benehmen sich auf solche Art, daß sie nur lauter leichte Dinge verschreiben , welche keinen Schaden thun können, wenn sie auch gleich nichts helfen. Jedoch wenn das, was sie verordnen, aus der Klasse der wahren Arzneimittel ist; so muß es doch immer eine gewisse Verandrung machen, und, wenn es daher nicht gute Wirkung thut, allzeit schaden. Ueberdieß ist ja der Arzt nicht berufen, seinen Kranken Kosten für solche Dinge zu verursachen, die ihnen keinen Nutzen schaffen; und ge- wissenSmäßig müßte derselbe, diese vergeblichen Kosten wieder zu ersetzen, gehalten seyn. Es würde ihm auch nicht zu Statten kommen, wenn er sagen woll, te, daß seine Kranken Mittel verschrieben verlang» ten; denn diese thaten es nur in der Voraussetzung, daß es zu ihrem Nutzen geschahe; wenn er aber die« selben mit Zuverläßigkeit davon überzeugte, daß deren Anwendung unnütze wäre, so würden sie gewiß keine zu nehmen wünschen. Zehntes ^ Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 55 Zehntes Hauptstück. Nachdem ich bereits so viele Kapitel abgehan» delt habe, welche darin übereinkommen, daß sie die Ungewißheit der Arzneiwissenschaft beweisen; so wird man ganz natürlich die Frage auswerfen, wie es denn möglich ist, daß die Erfahrung und die Bemerkungen so vieler Jahrhunderte uns noch bis ißt nicht ge. lehrt haben, was schädlich und was nützlich sey? Ich habe dieß bereits durch das beantwortet, was ich von der Ungewißheit der Erfahrung gesagt habe. Die. sem aber füge ich noch bei, daß die in einigen Schrift, siellern gesammelten Bemerkungen, weit entfernt, un< eine richtige Belehrung zu geben, vielmehr uns nur irre führen, und so mangelhast gefunden werden, daß sie nicht einmal diesen Namen verdienen. Viele betreffen nur einen einzigen Fall, in welchem eine Person auf mancherlei Art betrogen werden kann. Bisweilen kann die Unlauterkeit einen Arzt dazu vermögen, daß er den guten Erfolg seines angewand. ten Mittel bei einem Kranken prahlerisch rühmt, hingegen die erfolgte Fehlschlagung bei., zwei andern verschweigt. Ueberdieß können auch die Umstände nicht so genau erzählt werden: denn es giebt deren mehrere in einer und eben derselben Krankheit, welche ein Arzneimittel entweder zuträglich oder schädlich machen können. Vielleicht ist auch eine größre Menge Mittel gegeben worden, und es kann nicht anders, als D 4 sehr ,! ! 56 i. Abschnitt. 10. Hauptstück. sehr schwer seyn, zu bestimmen, welches unter den« selben die Kur bewirkt habe, wiewohl ein Arzt sie im« mer seinem iieblingsmittel zuschreiben wird. Ist mehr als Ein Arzt zugegen, so werden sie den guten Erfolg allzeit den von ihnen verordneten Mit. teln zuschreiben, obgleich die Krankheit nicht sogleich hiünrdrein weichen wollce. Wenn wir der Wir« kung irgend eines Specificums viel Zeit zugestehen, so k mn vielleicht die Kur der Natur allein zugelchrie« ben werden: denn wir se^en, daß viele Krankheiten ohne alle genommene Arzneimittel überhaupt geho» ben werde». Die Bemerkungen des Riberius sind überall bekannt, uno vielleicht sind es die, welche es mit dem größten Beifall waren. Die Anzahl derselben beläuft sich auf einige Hundert, und doch findet man kaum eine einzige, welche nicht wegen oben ange» gcbner Punkte zu tadeln wäre. Es ist sonderbar, daß sich dieser Schriftsteller rühmt, eine Gallenkolik gehoben zu haben, (im 4tenHundert die 75. Bem.) wozu er vier Aderlässe, und vier Purqiermittel anwendete, die er mit erweichenden, schmerzstillenden Klystieren und andern Mitteln gehörig abwechsel, te, zu welcher Kur nothwendig viele Tage nöthig waren, da sie hingegen der Natur allein überlasten, oder wenigstens mit weit weniger« Mitteln behandelt, gemeiniglich in kurzer Zeit geendigt wird. Wahrscheinlicher Weise würde sich der Kranke weit eher erholt haben, hatte nicht das heftige Ver« fahren Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 57 fahren des Arztes seine Kräfte geschwächt. Wie oft schreibt nicht der Arzt die Besiegung einer Krankheit seinem theriakalischen Wasser oder Inlep, oder einem andern. Mitttl seiner Erfindung zn, obgleich ver- schiedne andre Arzneien angewendet worden waren. Ich könnte über das Unnütze solcher Bemerkun» gen, welche es blos dem Namen nach sind, noch weit mehr sagen. Es wird zur Anstellung der Ve» merknngen, welche von rechtem Nutzen seyn sollen, viel Gelehrsamkeit, durchdringender Verstand und Aufrichtigkeit erfordert: Erfordernisse, welche nur selten beisammen angetroffen werden. Jedoch muß ich gestehen, daß unsre neuern Schriftsteller weit mehr Sorgfalt, Klugheit und Genauigkeit in diesem Stü« cke bewiesen haben, als die alten; und es kann, wenn ihre Nachfolger auf diesem Wege fortgehen, die Heilkunde mit der Zeit noch eine große Verbes» serimg erlangen, ob sie gleich itzt noch äußerst unvoll» kommen ist. D5 Eilfles 53 Abschnitt, il. Hauptstück. Plb Eilftes Hauptstück. Ich bin versichert, daß alles das, was^ich bis, her vorgetragen habe, «d«« Aerzten nicht behagen wird. Ja, ich muß gewärtig seyn, mir den Zorn vieler unter ihnen zuzuziehen. Und ich zweifle auch nicht, daß alle von sehr weniger Gelehrsamkeit und noch wenigerem Verstände mit großer Heftigkeit auf mich losziehen werden, da sie an dem Schriftsteller, dessen Grundsatze sie befolgen, einen sichern Schatz zu besitzen glauben. Ueberdieß werden Personen, wenn sie weniger Arzneimittel nehmen, seltner nach den Aerzten schicken, und also müssen auch einige verabschiedet werden. Allein über diesen Punkc können sie ganz ruhig bleiben; denn die Welt bleibt immer die nämliche,und welcher Schrift- sicller wollte den machtigen Strom des Vorurtheils und der hergebrachten Gewohnheit aufzuhalten ver» mögen? Wie viel, und in der That, beinahe so viel, baß es fast allen Glauben übersteigt, hat Quevedo wider die Arzneiwissenschaft und die Aerzte in Spanien geschrieben? Was hat nichtPetrarch in Ita. lien, und erst Montaigne, hernach aber auch Moliere in Frankreich hierin gethan? Jedermann liest diese scharfsinnig geschriebnen Produkte, und em« pfiehlt sie andern zur lektüre, und es bleibt immer beim Alten, und geht alles den gewohnten Gang. Ich Unznverlaßigkeit der Heilkunde. 59 Ich werde mich für meine Mühe belohnt halten, nur einige beredet zu haben, daß sie eben durch diejenigen Mittel ihre Gesundheit untergraben, welcher sie sich, dieselbe zu erhalten, bedienen. Es wird immer ver» schiedne Meinungen unter gelehrten und billig den» kenden Aerzten geben. Einige unter ihnen sind so freimüthig, die UnVollkommenheiten der Arznei» Wissenschaft und ihre eigne Ungewißheit selbst zu be« kennen. Andre hingegen von minder großmüthiger Gesinnung tonnen nicht ungern vertragen, wenn die Welt in ihre Kunst ein größeres Vertrauen setzt, als sie sollte; und da die hohe Achtung einer Kunst immer auch diejenigen ehrt, welche sie ausüben, so w'rd ihnen eben mit dem, was wir bisher wider die« selbe gesagt haben, nicht geschmeichelt werden. Dieser Umstand mochte auch woN der Grund seyn, daß so viele scharfe Federn wider Doktor B 0 ix in Bewegung gesetzt wurden, dessen Ausiichtigkeit und Eifer für das gemeine Beste ein ganz anderes Betragen verdiente. Daß aber einige Aerzte von guter Gelehrsamkeit die Ungewißheit ihrer Kunst aus Politik verhelen, ist eine ganz ausgemachte Wahrheit. — Bagliv, der in voller Maaße den üblen Zustand beklagte, in wel- chem sich die Arzneiwissenschaft befände, thut gleich» wohl mehr, denn Einmal, heftige Ausfalle auf die» jenigen, welche ihre Ungewißheit öffentlich darthun. Er sagt, daß alle die, w'lche auf solche Weise han» delten, Unkluge verführten, indem durch ihre Auf» richtig. M ^ 60 1. Abschnitt, ii. Hauptstück. richtigkeit die iehrer dieser Wissenschaft um den gu« ten Ruf, den sie von sich hätten, gebracht würden. Gafper de los Reyes stellt in seiner zwanzig» sien Frage die Gefahr seiner Kunst in ein so Helles licht, daß er sagt, es gäbe gar keinen Fall, in wel« chem ein Arzt mit Zuverläßigkeit etwas unternehmen könnte; welches also doch weit mehr gesagt ist, als ich gethan habe. In einem andern Theile seines Werks sagt er, daß die gelehrtesten Aerzte öfters Fehler begiengen. Allein dieser Aufgeklarte wollte die Welt nicht in gleichem Grade ausklären, als er es selbst war. Nachdem er uns gezeigt hat, daß Aerzte ihre Fehler den Gelehrten, als solchen Personen, welche um die großen Dunkelheiten und unüberwindlichen Schwierigkeiten in der Arzneiwistenschaft wüßten, entdecken könnten; so sagt er, daß sie hingegen vor den schwachen, und der Kunst Unkundi- gen, die dem Arzte eine weit größre Wissenschaft zu» trauen, als er wirklich besitzt, oder zu erlangen vermag, zurückgehalten werden müßten. Er giebt folgenden Grund an , und sagt, es brächte weder dem Arzte, noch dem Kranken den geringsten Nutzen, wenn er von seinen Fehlern ein Bekenntniß ablegen sollte. Allein ich für meinen Theil bin gerade der entgegengesetzten Meinung, indem ich glaube, es kann diese uninteressrte Belehrung dem Kranken zu sehr großem Nutzen gereichen, und dem Arzte selbst auch nicht gleichgültig seyn. Der ""> Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 6l Der Kranke, belehrt von der Ungewißheit der medicinischen Wissenschaft; belehrt davon, daß kaum ein einziges Mittel ohne Gefahr anwendbar ist; daß die klügsten Aerzte oftmals Fehler in ihrer Kunst be. gehen; daß viele, die ihre Gesundheit wieder erlangen, solches ihrer Natur zu verdanken haben, und es dem Arzte nur zuschreiben müssen, daß er ihre Wirkungen verhindert oder aufgehalten hat, und daß sie daher behutsamer im Gebrauch der Arzneimittel sich betragen müssen: der Kranke, der von dem allen belehrt ist, wird seine Kräfte beisammen behalten, seine Gesundheit nicht verletzen, sein Geld, das er für seine Familie braucht, nicht verschwenden und in die Apotheke schicken dürfen. Ferner wird der Kranke diejenigen leichten Krankheiten, welche die Natur selbst heben kann, ihr zu heilen überlassen, und hier, selbst, wo man voraussetzt, die Medicin könne eini» gen Nutzen leisten, wird der Schaden, den sie thut, noch mehr auf der andern Seite eine Vergeltung seyn. Diese Kranken werden sich damit befriedigen, wenn <- Selbst auch für die Aerzte wird diese Bekannt» machung vortheilhaft seyn, wenigstens für die, welche aus der gelehrten Klasse sind, indem es diesen nie an Einkünften und Versorgungen fehlen wird, sie müßten denn gänzlich aus der Welt, so wie man s'gt, daß sie es aus Rom gewesen waren, verbannt werden. Sie werden dann nicht von wunderlichen Kranken oder wohl gar von völlig Gesunden vergeblich beunru« higt werden. Die mit Vapeurs geplagte Dame, welche ißt glaubt, sie könne, ohne daß ihr der Arzt stets an den Puls fühlt, keine Stunde leben, wird ihn nicht alle Stunden rufen lassen; auch vor den Hypo- chondristen wird er mehr Ruhe haben, die bisweilen, wie im Moliere, überlaut schreien, ob sie gleich kei, nen Schmerz fühlen, und der abgelebte Greiß wird sodann fest glauben, daß alle Mittel in der bestbestell« ten Apotheke ihn nicht um einen Schritt vom Grabe entfernen, können. Man Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 63 Man wolle, aber ja nicht aus alle dem, was ich bisher vorgebracht habe, schließen, als wäre ich ein Feind der Arzneiwissenschast. Nein, ich' bin vielmehr überzeugt, daß dieselbe selbst vom heiligen Geist empfohlen wurde, wiewohl man dagegen einwenden könnte, daß die in der hei« ligen Schrift geprießne Arzneikunde nicht so beschaf- fen war, wie wir sie heutiges Tages ausüben. Es ist allerdings eine ganz ausgemachte Wahr« heit, daß eS Krankheiten giebt, welche die Natur blos für sich allein ohne Beistand eines Arztes nicht bezwingen kann, wie dieß deutlich aus dem Beispiel der iustseuche zu ersehen ist. Ich muß auch gestehen, daß es vernünftig ist, in gefahrlichen Krankheiten zur Kunst seine Zustucht zu nehmen, und daß man vielmals aus den geschwinden Wirkungen der angewandten Mittel schließen kann, daß die erfolgte Besserung von ihnen lediglich verursacht wurde, da die Natur, wenn die Krankheiten derselben überlassen werden, selten plötzliche Verandrungen zu machen pflegt. Ich geb' auch zu, daß viele Wunderkuren durch Opium, Peruvianische Rinde, Brechmittel, und andre, ihrer Wirksamkeit wegen bekannte, Arzneien , verrichtet worden sind. Nur darüber bin ich unwillig, daß Aerzte solche Dinge zu versprechen pflegen, welche ihre Einsichten undKräfte weit übersteigen, und daß sie, da sie doch im Finstern tappen, sich rühmen, als ob sie alles bei vollestem licht einzu. sehen vermöchten. Ich 5 ^ 64 1. Abschnitt, ii. Hauptstück. Ich habe mit Vorsch die Ungewißheit der Kur jeder Krankheit lieber etwas auffallender vorstellen wollen, und es wird auch nicht unbillig seyn, indem der iaie in der Medicin gemeiniglich geneigt ist, den Vorschriften des unwissendsten Arztes ganz blindlings zu folgen, daher ich es für nöthig hielt, den Nichmrzt ein wenig auf die andre Scite zu ziehen, damit er mit seiner Meinung immer eine glückliche Mittel- siraße halten möge. Ob ich mich nun gleich in diesem bisherigen Auf» satze nur immer mit dem Ansehn berühmter Schrift» sieller geschützt habe, (denn meine eigne Meinung ist hier blos als Zweifel, und gar nicht als Grundsatz auf. gestellt worden), so erwarte ich es doch, ob es irgend jemand gut finden sollte, mich zu widerlegen; dann aber würd' ich diese Gelegenheit ergreifen, noch vieles beizubringen, welches ich, um diese Abhandlung nicht zu sehr zu erweitern, absichtlich ausgelassen habe. Ich beschließe nun diesen Abschnitt mit der Ermahnung an alle die, welche sich einen Arzt erwählen wollen, folgende Umstände stets wohl zu erwägen. Erstlich, vor allen Dingen muß man darauf sehen, daß der Arzt ein guter Christ sey, der stets dieses vor Augen hat, daß er auch wegen seiner Ver> nachläßigungen Gott Rechenschaft geben müsse. Zum andern, daß er auch mit allem Fleiß und Ernst seiner Pflicht eine Gnüge thue. Drit. Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 65 Drittens, daß der Arzt, den wir uns wählen, ein kluger, zu urtheilen fähiger Mann und von gelassenem Charakter sey, weil ein semiieS Tempera« ment M dem klügsten das richtige Urtheil hindern kann. Viertens soll der zu wahlende Art, der Arz« neiwijsenschast, wegen ihrer Gewißheit und Sicherheit, keine prahlerische iobrede hallen, indem es ausgemacht ist, daß in derselben keine solche Zuverlä^iakeit Statt findet; und derjenige, der sie so sehr rühmt, muß nothwendig entweder ein Dummkopf oder ein Betrüger seyn. Fünftens ist es gut, wenn ein Arzt nicht sei, ne »Praxis nack einem gewissen und bestimmten philosophischen System eingerichtet hat, iluem derselbe auf diese Art mehr Fehlern ausgesetzt ist, als ein andrer, der seiner eignen Erfahrung und den Grund» sähen der besten Schriftsteller folgt. Zum sechsten bemerke man auch diesen Umstand, ob er recht gerne und viel Recepte, und be» sonders starke Mittel verschreibt, wenn es nicht ir« gend dringende Umstände erfordern, und es da geschieht, wo aller Aufschub gefährlich wäre; ich nehm' es für ausgemacht an, jeder Arzt, der seinem Kranken viel und oft verschreibt, muß zuvnläßig ein schlechter Arzt seyn, und wenn er alles, w gleich nicht sehen. Da nun dieß in Ansehung unsrer Stimme zu bemerken ist, was für viele vcrschiedne Verbindungen müssen nicht erst in unsrer Constitution übrigens gefunden werden, wel» che auf so mannichsaltige Art der Veränderung unter« worfcn ist? Wenn unsern Sinnen eine stärkere Empfindlich« keit oder größere Schärfe verliehen wäre, so würden wir auch Dinge, die sich unter einander ganz ähnlich zu seyn scheinen, unterscheiden können. Die Thiers übertreffen uns in diesem Stücke bei weitem. Wir sind nicht vermögend, durch unsre Geruchsorgane die Ausdünstung des menschlichen Körpers zu unterscheiden, oder wenn wir sie auch empfinden, so kön» neu wir doch nicht die des einen von der des andern Menschen fest bestimmen. E 5 Allein ' 74 2. Abschnitt. 2.Hauptstück. Allein der Hund wird jeden Menschen durch sei» nen Geruch erkennen. In was für große Entser, nungen verfolgt nicht ein Hund seinen Herrn, ohne ihn zu sehl'n; und wo sein Geruch verschiedne Wege tritt, «neckt er den, wo die Ausdünstungen seines Henn entstehen, und diesen wählt er, wenn gleich andre ieute diesen nämlichen Weg ebenfalls gegangen sind. Ja der Hund entdeckt, und packt, oder faßt blos den von der Hand seines Herrn geworfenen Stein an, der mitten unter andern zu eben der Zeit von verschiednen Personen geworfenen Steinen liegt, und blos durch die kurze Berührung von der Hand seines Herrn ihm hinlänglich bemerkbar wurde. Dieß glaub' ich wird den Unterschied der Consti» tutionen der Menschen sattsam beweisen, da ohne die» se auch nicht eine solche Verschiedenheit in den Aus« dünstungen erfolgen könnte. ------ Zweites Hauptstück. Allein wir dürfen eben nicht glauben, baß blos die Verschiedenheit des Temperaments oder der Constitution das Urtheil über die schicklichsten Nahrungsmittel für andre erschwere, sondern es ist auch der Unterschied, welchen man in den» selben, ob sie gleich von einerlei Art sind, an» - trift. Unzuverläßigkeit der Heilkunde. ?5 trist. Aller Wein z. B. ist von der nämlichen Art, doch ist der eine süße, der andre sauer, der dritte scharf, und mit dem Geruch ist esl wie mit dem Geschmack; der eine ist schwacher, der andre stärker. Und so findet man den nämlichen Unterschied in allen Fleischspeisen, wie auch in den Gerichten, die man aus dem Pflanzenreiche nimmt, nur können wir den darin liegenden Unterschied wegen der Unvollkom» menheit unsrer Sinne nicht so leicht entdecken. Eben daher kann es kommen, wie es denn wirklich sich auch so verhält, daß eine Art Wein der einen Person gut bekömmt, welche einer andern Beschwerung macht. Diesem Schafe kann gerade diese Art von Kräutern gute Nahrung geben, und andre würden seiner Na» tur schaden. Ueberdieß können wir auch noch dieses hinzufü» gen, daß das nämliche Nahrungsmittel, ohne den mindesten Unterschied, zu einer gewissen Zeit einer und eben derselbigen Person zuträglich und zu einer andern schädlich seyn kann. Dieß kann nun entweder von dem Unterschiede der Jahreszeiten, der Verschiedenheit der Temperatur der iuft, dem verschiednen Klima, in welches sich der Mensch begeben hat, oder auch von seinem Alter herrühren. Hippokrates führt alle diese Ursachen in sei' nem dritten Buch über die Diät an,' wo er zwar nur die Unmöglichkeil, die Menge unsrer Nahrungs» Mittel unsrer Bewegung gemäß einzurichten, zeigt, doch aber auch mit seinen Gründen strenge beweißt, ' ?6 2. Abschnitt. 2. Hauptstück. daß es nicht möglich sey, die Menge und Beschaffenheit unsrer Nahrung jeder besondern Person gemäß einzurichten. Seine eignen Worte lauten folgen« dermaßen: „Es ist unmöglich, etwas Bestimmtes über „die Diät zu schreiben, oder Maaß und Gewicht „ unsrer Bewegung gemäß einzurichten. Denn es „stehen uns viele Hindernisse im Wege. Erstlich „die Verschiedenheit der Constitutionen aller Men< „schen; hernach ihr verschiednes Alter, welches „eine sehr verschiebne Behandlung verlangt. „Außerdem aber macht auch der Himmelsstrich „hierin einen Unterschied, wie auch die Verän- „drungen der Winde und des Wetters, und die «Iahrszeiten. Zwischen einerlei Art von Nah» „rung bleibt noch immer ein großer Unterschied: „denn Weihen ist vom Weißen, und Wein vom „Weine unterschieden. Wenn wir über diese Stelle desHippokrates lind über das, was ich weiter oben sagte, recht nach« denken, so werden wir diesen angenommenen Grund» sah sehr schwankend, wenn nicht gar falsch finden, daß wir zur Erhaltung der Gesundheit immer einerlei Art von Nahrungsmitteln genießen müßten. Der be. rühmte Bacon ist in diesem Stück ganz andrer Meinung, und verlangt, daß wir sowohl unsre Nahrung, als auch unsre Arzneimittel verändern sollten, (l^lilror. d^turZI. llenr. I. »um. 69 ) Die gesunde Vernunft verlangt auch das Nämliche: denn da unsre Körper nicht M 4, , Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 77 nicht immer in einerlei Verfassung sind, so würd' es unschicklich seyn, sie stets auf eine gleich ahnliche Art zu nähren. Wenn wir z. B. bisweilen an alkalinischen Theilen Ueberfiuß haben, und zu andrer Zeit die Uebermenge saurer Salze vorhanden ist, so muß unsre Nahrung sich immer zu der entgegengesetzten Beschaf« senheit neigen, um das Uebermaß gedachter Theile zu bessern. Auch verschiedner Jahreszeiten, der iandesgs- gend, in der wir wohnen, oder der Ungleichheit der Witterung wegen, die wir zu feucht oder zu trocken, zu kalt oder zu heiß finden, sollten wir nothwendig unsre Kost verändern, und dahin sehen, daß Spel, sen und Getränke an solchen Theilen Ueberstuß haben, die gerade mit denjenigen von entgegengesetzter Beschaffenheit sind, die in unserm Körper die größte Menge ausmachen. Dieß ist aber ein bloßes theo- retisches Räsonnement. Es ist in der Praxis sehr schwer, ja wohl gar unmöglich,die überwiegenden Eigenschaften, die sich entweder in unserm Körper oder in den Nahrungsmitteln befinden, zu bestimmen: und noch schwerer ist es, sogar die verschiednen Grade davon anzugeben. Die Aerzte selbst sind in Ansehung der körperlichen Beschaffenheit ihrer Kranken unterfchiedner Meinung, indem sie doch über die Stärke der Krankheit mehr einstimmig sind: denn der eine Arzt will eine Krankheit aussauern, der andre aus alkalinischen Theilchen herleiten; einer schreibt sie der Kälte zu, indessen der andre die Hitze für die Ursa- K 78 2. Abschnitt. 3. Hauptstück. Ursache ihrer Erzeugung hält. In der Praxis kön- nen wir also diesem zu Folge keine andre Regel ha» ben, außer, daß wir aus der Erfahrung nur bemerken, was gute oder schlimme Wirkung in Absicht auf unser Befinden thut, und was unser Magen leicht oder nur schwer verdauen kann. Drittes Hauptstück. Ja, wenn auch nur eine einzige Art der Nah. runq, und diese zu jeder Zeit für alle Menschen schicklich wäre, so könnten wir auch aus medicinischen über die Diät abgefaßten Schriften nie ersehen, (weil die darin angegebnen Regeln sich so sehr widersprechen,) welches dieses kostbare Nahrungsmittel wohl seyn müsse. Insgemein hat man dem Fleische vor allen andern den Vorzug gegeben, weil dieses mit der Substanz unsers Körpers weit mehr Analogie hatte, als Fisch, Speisen aus dem Pflanzenreiche, oder Früchte. Allein sehr angesehene Schriftsteller haben nicht ermangelt, darzuthun, daß das Fleisch nicht nur unserm Geist, sondern auch unserm Körper nach» theilig sey. Plutarch sagt in seinem Buch von der Erhaltung der Gesundheit: „die Fleischspeisen erzeugen „UnVerdaulichkeit, und lassen rohe Safte im Körper «zurück,und wir thun besser,wenn wir sie vermeiden." Pli- Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 79 Plinius ist fast ebenfalls dieser Meinung. Der berühmte Arzt Sanctorius veränderte den gemeinen Saß, daß jedes Uebermaß schädlich sey, indem er hinzufügte, dasjenige sey am schlimm» sien, mehr Fleisch, als Brod zu essen. Galen erklart sich für t«n Fi''ck am allermeisten, und halt ihn zur Speise, so wie die in Gebir, gen lebenden Vogel, von gleich guter Nahrung. Man beliebe darüber in des Paul Zacutus medicini» schen Fragen im fünften Buch im ersten Titel die zweite Frage nachzulesen; an diesem ^te sind alle Stellen des Hippokrates denen des Galcns, und noch andrer berühmter Aerzte seiner Zelt, welche von gleicher Gesinnung waren, beigefügt. iudwig iemery, oberster Arzt der Pariser Facultät, scheint, wie aus seiner diätetischen Schrift erhellt, in Rücksicht auf die Anach oreten, die blos von Krautern und Früchten sich unterhielten, eine stärkere Constitution erlangten, und länger als andre Menschen lebten, vorzüglich viel auf die Nahrungsmittel ans dem Pflanzenreiche gehalten zu haben. Ja er behauptet, daß diese Art der Nahrung am leichtesten zu verdauen wäre, und Safte von einer höchst temperirtcn Beschaffenheit erzeugte. Einige wollen auch das lange ieben der alten Christen, die sich in Wäldern aushielten, aus eben dieser Quelle herleiten. ^ Vag. ZO 2. Abschnitt. 5 Hauptstück. Bagliv bemerkt, daß Fleisch vielen Kranken schade, und Nahrungsmittel aus Fisch und Krau» lern ihnen besser bekämen. „Man wird in der Praxis bemerken," sagt er, „daß gewisse Kranke, die Flüssen und chronischen „Zufällen unterworfen sind, während der Fastenzeit „sich Wohlbefinden, und zu Ostern wie'er Rück« „falle ihrer Krankheiten bekommen, weil sie nun „wieder Fleisch zu essn pflegen. Man wird offenbar sehen, daß bei dem Genuß von grünem Ge» „müse, vpn Kräutern und Fischen sich viele Kronk» „heiten heben lassen, die sich bei eiier bessern Näherung viel verschlimmern." (Man sehe dessen Schrift cle McceOune murbur. (ÜZri. 9.) In der Stelle, wo Etmüller von den Fie» bern überhaupt handelt, verbietet er das Fleischessen den Fieberkranken völlig, indem er sagt: „das Fleisch „ist ihnen nicht nur zuwider, sondern auch ihren Um» „standen nachtheilig." Endlich muß ich noch anführen, daß man in unsern Tagen sich vorzüglich für den Fisch, und die Speisen aus dem Pfianzenreiche mit Ausschluß der Fleischspeisen, und zwar wegen des erneuerten Sy» stems des Verdauungsgeschästes, das vermöge der Zerreibung vor sich gehen soll, erklärt hat. Man hat diese Meinung in unsern Tagen von dem alten Arzte Erasistratus wieder angenommen, daß nämlich unsre Verdauung nicht, wie Einige glaubten, durch Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 31 durch Kochung, noch, wie andre meinten, durch Währung vor sich Zehe; sondern daß vermittelst der Wirkung der Muskeln und Fibern alles in unserm Magen Befindliche, wie in einem Mörser zerquct« schet, zerstoßen und zerrieben würde, bis es in einen Teig oder eine Sahne verwandelt wäre. Hecquet, ein Pariser gelehrter Arzt nebst andern Vertheidigern dieses Systems, schließt, daß, weil das Fleisch schwerer wegen des festen Zusammenhangs vollkommen zu zermalmen sey, als Fisch, Krauter und Früchte, so müßten die letzter« Nahrungsmittel besser seyn, weitste leichter, als das Fleisch zu ver, bauen wären. In der That dieser Grund ist von schwacher Beschaffenheit, denn dieleichte Verdauung der Nahrung, die im Magen vorgeht, giebt uns noch kein hinlängliches Recht, auf seine wahre Güte zuschließen, weil wir zugleich die Ernährung, die der ganze Körper davon erlangt, in Erwägung ziehen müssen, und da sie doch deßhalb nicht ebm so gesund, obgleich von leichterer Verdauung sind. Allein dieß benimmt darum der Wahrscheinlichkeit nichts, welche diese Schriftsteller ihrer Meinung geben, und, wenn wir dieselbe mit den andern von uns bereits angezeig» ten zusammenhalten, so scheint die Sache sehr zweifel, haft zu seyn, welche Art der Nahrung eigentlich die beste seyn mag. So weit sind wir als« noch von einer festen Regel in Rücksicht auf diesen Punkt der Diät entfernt, daß F diese l «2 2. Abschnitt. 3.'Hauptstück. diese Dinge, welche man eigentlich insgemein für die ungesundesten hält,' auch von gelehrten Aerzten sehr stark gerühmt werden. Bacon führt vorzüglich als Nahrungsmittel, das leben auf ein hohcs Alter zubringen, das Rindfleisch, Wildpret und Ziegen, fleisch an, und unter den Fischspeisen, gesalzne und trockne Fische.. Zugleich empfiehlt er aber auch alten Käse. Was das Brod bettist, so zieht er das aus Haber - Gersten«und Hirsenmehl vermengte dem Weitzenbrode vor, und dem letztern giebt er den Vor, zuq, wenn es mit Kleien vermengt, und nicht von .denselben gänzlich gereinigt ist. (Man sehe dessen 'iMur. Vu. et 56urr. p. 540.) Er giebt folgendes zur Ursache an, daß diese Arten von Brod solche nähr, hafte Theilchen gäben, welche nicht so leicht zerstreut oder zerstört werden könnten. Hegte auch nur B a» con allein diese Meinung : so würde schon sein An« sehn ihr Gewicht genug geben, denn gehen, und in welchen sie gemeiniglich versallen, ist dieser, daß sie ihren Kranken diejenigen Nahrungsmittel empfehlen, welche ihnen selbst am besten behagen, gleich als ob ihr Magen eine Rege! für den Magen andrer Personen abgeben könnte. Derjenige Arzt, welcher den Wein licbt, pflegt alle, die seiner Vorsorge empfohlen sind, zu Trinkern zu machen. Im Gegentheil aber, empfiehlt dcr Arzt als iicbhaber des Wassers seinen Freunden kein anderes Gelranke, als dieses. Duncan, ein angesehener Arzt, sagt, man kann den Arzt aus dem, was er vorschreibt, beurtheilen. Er erwähnt zweier Aerzte in Frankreich, wovon der eine seinen Kranken stets Kaffee zu empfehlen pflegte, der andre hingegen ihnen denselben aufdas allcrscharfsie verbot. Welche Partie sollen wir nun bei so getheilten Meinungen ergreifen? Am Besten wohl gar kcine, indem wir, ein jeder auf seine eigne Erfahrung Achtung geben, und dieser folgen; Wir wollen nur sorgfältig bemerken, was unsers Magen gut behagt, und ohne Beschwerung verdauet wird; wobei wir noch Acnt.nig geben müssen, d.iß die Verdauung nicht gar zu geschwind vor sich geht, wie bei einigen Nahrungsmitteln wegen ihrer Ähnlichkeit,, die sie mit dem Spcisesaft haben, geschieht, da die 55 2 ? 84 ^Abschnitt. 4. Hauptstück. Geschwindigkeit ihrer Verdauung einiges Bedenken wegen ihrer Verderbniß erregen kann. Wir wollen nur also darauf sehen, daß sie keine unangenehme Verändrung in unserm Körper hervorbringen, die irgend für unsre Sinne bemerkbar wäre. Viertes Hauptstück. Außer der Kenntniß, welche uns die Erfahrung verschalt, geben auch unsre beiden Sinne, der Gc» schmack und Geruch, insgemein eine getreue Anzeige von der Güte, oder üblen Beschaffenheit aller derjenigen Dinge, die wir zu uns nehmen. Wie Fran, ziskus Bayle in seinem philosophischen Werke sagt, betrügen die zwei Thürhüter an der Wohnung unsrer Seele uns selten, in der von der Freundschaft oder Feindschaft gegebenen Nachricht des Gastes, der Einlassung begehret. Ich bin mit Malebranche darin völlig einerlei Meinung, daß wir uns besser in Ansehung der Erhaltung unsrer Gesundheit durch unsre eignen Sinne rathen, als wenn wir nach allen Regeln der Diät unser leben einrichten wollen. (Man sehe cle inHuir. veric. in conc!. trium prim. lib.) Der Geschmack scheint vorzüglich von der Natur zu diesem Endzweck bestimmt zu seyn. Etmüller versichert uns beinahe ohne alle Einschränkung, daß wir dasjenige, was wir mit großer Sehnsucht begeh. ren, ^ Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 85 ren, auch wenn dieselbe aus Krankheit herrühren soll» le, allzeit gut verdaueten. Er sagt, daß das Frauenzimmer, welches an der Bleichsucht leidet, und daher einen widernatürlichen Appetit bekömmt, ohne alle Beschwerde Erde, Kreide, Ascheu, d.gl. ver« baue, und zwar blos, weil es diese Dinge mit so großer Sehnsucht begehre; ohnerachtet diese Substan» zen unsrer Natur ganz zuwider sind. Eine heftige Begierde nach einer Sache ist also ein Zeichen vo» einem im Magen liegenden Fermente, welches ge« schickt ist, die so sehnlich gewünschte Substanz aufzu« löse». Wir haben bereits oben von dem nämlichen Schriftsteller vernommen, wie Fleisch in Fiebern schädlich war, blos weil es dem Gaumen der Kran» ken nicht behagte, oder weil es ihnen zuwider war. Indessen kann ich doch dieser Regel in einer so sehr großen Allgemeinheit, und wenn man sie ganz ohne alle Einschränkung annehmen will, nicht bcisiim» men. Wenn unsre Gelüste aus einer Krankheitsur« fache entstehen, so kann das, was wir zu uns neh» men, leicht verdauet, aber doch schädlich werden: denn da die Ursache unsers Appetites widernatürlich ist, so kaun auch die Nahrung, welche diesem gemäß ist, unsern Körpern nicht natürlich seyn. Für's Andre müssen wir allzeit uns vor Nah, rungsmitteln oder Speisen von starkem, reizendem Geschmack hüten; als zum Beispiel vor dem, was außerordentlich sauer, scharf, beißend, süße, u.s. w. schmeckt, bis uns die Erfahrung völlig belehrt hat, F 3 daß M 86 2. Abschnitt. 4. Hauptstück. daß es uns nicht schädlich ist. Auch diess zweierlei Substanzen, welche von ganz außerordentlich kalten- der und erhitzender Eigenschaft sind, müssen mit Behutsamkeit genossen werden, bis auf einige besondre Consiitutionen, welche die Beihülfe von einem dieser beiden das Mittel übersteigenden Eigenschafren erfordern. Allein ick glaube nicht, daß man dergleichen körperliche Beschaffenheit antrift, welche Nahrungsmittel von dieser Art verlangen mochte, und daher verwirst sie Hippokrates ganzlich, als unsrer Natur völlig widersprechende Dinge. Wir müssen auch Drittens Achtung geben, ob dieser Appetit nicht irgend aus einer üblen Gewohnheit entsteht, da denn das, was wir begehren, schädlich seyn kann. Dieß ereignet sich bei den Säufern, obgleich der Wein diesen ieuten nicht so viel schadet, als wohl diejenigen Schaden erfahren würden, die nicht daran gewohnt sind. Wenn wir bei herannahendem Alter noch immer nach einer größern Menge uns angenehmer Nahrungsmittel Begierde haben; so können wir dieß als eine allgemeine Rege! ansehen, daß wir in solchem Fall unsrer Eßlust weder trauen, noch folgen müssen. Ich übergehe hier die natürlichen Ursachen dieser Ausnahmen umständlich anzuführen, damit ich in diesen Dingen nicht zu weitläufig werde, und auch, weil die Erfahrung, welche allen Dingen, die nur gesagt werden können, das volle Gewicht giebt, dieselben bestätigt. Daher Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 87 Daher ist meine Meinung, daß wir unter diesen Verordnungen, in Rücksicht auf die Wahl unsrer Speisen und Getränke, unsrer Neigung folgen können und müssen. So viel ist ganz gewiß, daß die Natur eine Verbindung zwischen unserm Gaumen und unserm Magen gemacht hat, die der Beschaffenheit unsers Körpers gemäß ist, und daß dasjenige, was jenem angenehm ist, auch diesem behagt. Der Schöpfer hat uns Sinne gegeben, welche als Hüter für unsre Erhaltung anzusehen sind; und der Geschmack allein wird uns immer belehren, was unsrer gegenwärtigen Constitution zuträglich oder zuwider ist. ^ Erfahrung zeigt, daß der Magen nie mit Neigung das aufnimmt, wobei der Gaumen eine Ab» ncigung empfunden hat. Sollte aber doch dieser Grundsatz Manchem meiner leser zu allgemein schei» neu; so mag er dem des Hippokrates folgen, welcher von dem unsrigen eben nicht so gar sehr ver» schieden ist, indem er in seinen Aphorismen sagt, daß wir die Speisen und Getränke, die uns vorzüglich und am besten schmecken, wählen, wenn sie auch nicht die üllergcsundesten wären, und diese lieber den in ih. rer Beschaffenheit besser scheinenden, dem Gaumen aber nicht so behagenden vorziehen sillten. (3eät. 2. ^pnor. gg.) Sollte nun jemand bei dieser Regel übel fahren, so will ich die Schuld in seiner Gegenwart auf mich nehmen. F 4 Allein M 83 2. Abschnitt. 5. Hauptstück. Allein nie zwinge man den Magen, etwas mit vollem Widerwillen, weder in gesunden noch kranken Tagen, zu sich zu nehmen. Es giebt aber doch viele Aerzte und beinahe die meisten, die um den Kranken sind, besonders aber das Frauenzimmer, wel. ches in diesem Stück aus Mitleiden sich dieser letzten Regel geradezu widersetzt, und sie durchaus nicht be» folgt, indem es ein sehr gutes Werk zu thun glau. bet, wenn es in den Magen auch einen unangeneh» men Gast schicken kann. Fünftes Hauptstück. In Rücksicht auf die Verändrung oder stete Gleichheit in unsrer Nahrung kann ich keineswegeS gutheißen, wenn man es übertreibt, obgleich beides seine Vertheidiger hat. Die Regel, dieCelsus im i sten Buch 2.Kap. giebt, seine Nahrungsmittel so wie die meisten ieute, oder die aus dem Mittelstände, einzurichten, scheint mir höchst vernünftig z» seyn, es wäre denn eine ge» wisse widernatürliche Consittun'on daran hinderlich. Es gehört mit zur guten Er,ichung, obgleich sehr viel Reiche darin fehlen, die Kinder von Zeit zu Zeit alle Arten der Speisen esten zu lasten; damit sie bei dem Verlust ihrer glücklichen Umstände, bei veränderter läge, bei dem Aufenthalt in fremden Ländern, und andern Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 89 andern mancherlei zufälligen Verandrungen, wo sie solche Nahrungsmittel genießen müssen, welche von denen, wobei sie erzogen wurden, ganz unterschieden sind, nicht durch eine in ihrem Körper erzeugte so große und neue Verändrung leiden möchten. Bey bejahrten Personen aber ist es gefahrlich, die Kost, welche sie zeither gewohnt waren, zu veran« dem, und wenn die Aendrung auch nur allmälig vor« genommen werden soll. Allein Personen vom mittlern Alter, müssen ihre Diät, wenn ihnen ihre gewohnte beschwerlich wird, adand^ü, auch, im Fall sie nichts Unangenehmes mit sich führte, um nur die Unbequemlichkeiten, welche die gar zu strenge Befolgung der Regel: »m« mer bei einerlei Art der Kost zu bleiben, veranlaßt, zu vermeiden. Denen von starker Consiitution können auch die Speisen und Getränke von höchstem Geschmack (ligur ßnut) nichts schaden, wenn sie den Fehler nur durch etwas von entgegengesetzter Beschaffenheit wieder gut machen. Die Natur selbst pflegt uns durch ihren Trieb dazu aufzufodern, indem wir einen Hang nach einem solchen Bedürfnisse verspüren. Wenn wir z. B. et» was sehr erhitzendes essen oder trinken, so suchen wir b« der nächsten Mahlzeit den begangenen Fehler wie» der zu verbessern und den entstehenden Folgen entge» F 5 gen « HO 2. Abschnitt. 6. Hauptstück. gen zu arbeiten. Wird nicht jeder, der am vorher» gehenden Abende zu viel Wein getrunken, am folgen, den Morgen mit größter' Begierde nach Wasser dur, sie« ? Wird nicht im Gegentheil ein andrer, der sei» neu Magen zu sehr mit Früchten oder Sallaten erkältet bat, in wenigen Stunden von dem Appetite, ein kräftiges Glas Wein zu trinken, oder sonst ein erwärmendes Getränke zu sich zu nehmen, erinnert werden? Sechstes Hauptstück. Bisher haben wir von der Beschaffenheit dessen, was wir essen und trinken, gehandelt: nun wollen wir auch noch etwas von der Menge der zu genießen» den Nahrungsmittel beibringen. Man hat in diesem Stück gemeiniglich einen ganz falschen Grundsatz angenommen, man könne nämlich kaum zu wenig es» sen. Der Gelehrte sowohl, als der gemeine Mann, vereinigen sich darin, daß sie schreien, je weniger Man nur immer nach aller Möglichkeit essen wollte, desto zuträglicher wär' es für die Gesundheit, und der Begriff von der Diät besteht bei den Meisten nur darin, unsre Nahrung so viel, als immer möglich, einzuschränken. Der bekannte vornehme Arzt zu Venedig/ iudwig Cornaro, war in seiner Jugend von vielerlei Zufällen angegriffen worden, und schränkte sich hernach so sehr in seiner Diät ein, daß seine Speise in vier und zwanzig' Stunden nicht zwölf, llnzuverläßigkeit der Heilkunde. 9l zwölf, und sein Getränke nicht vierzehn Unzen über» steigen durfte. Durch ein solches Benehmen erlang» te dieser Arzt nicht nur eine völlige Befreiung von ollen seinen sonstigen Beschwerden, sondern brachte auch dann noch sein ieben über hundert Jahr. In seinem hohen Alter schrieb er ein Buch, worin er alle Welt zu bereden sucht, ein nach seinem Beispiel eingerichtetes, mäßiges icben zuführen; und obgleich sein hinterlassenes Werk nur Wenige zu einer solchen Strenge vermochte, so gab es doch Anlaß, daß bei« nahe der größte Theil seiner lefer glaubte, daß die darin enthaltenen Regeln zur Verlängerung desiebcns und Erhaltung der Gesundheit unumgänglich noth» wendig wären. Allein diese Schlußfolge ist gar nicht aus richtigen Gründen hergeleitet : denn die Vorse, hung hat doch in der That den iudwig Cornar» nicht zu der Absicht geschaffen, daß .-r gerade in Absicht auf Essen und Trinken allen Menschen zur Regel dienen soll; und es wird auch vielleicht, kein Mensch in der Welt gefunden werden, der zu einem solchen Beispiel dienen könnte. Der gelehrte Jesuit ieon« hard lesio, der das Werk des Coruaro aus dem Italienischen insiateinische übeisetzte, war so sehr für die darin enthaltenen Grundsätze eingenommen, daß er sich ganz in seiner Diät nach denselben richtete. Indessen brachte dieser treue Nachfolger sein leben doch nur auf neun und siebenzig Jahre, und erlitt noch dabei sehr manm'chfaltiHe Krankheiten, Außer 92 2. Abschnitt. 6. Hauptstück. Außer diesem einzigen Beispiele des Cornaro, welcher ein hundert Jahr bei solcher sirengen Diät lebte, könnten wir sehr viele auszahlen, welche ihr leben, ohne alle die von Cornaro zu Tage gelegten und beobachteten Scrupel, noch höher gebracht ha« ben. Seine Cousiitution bedürfte gerade einer solchen Einschränkung oder Enthaltsamkeit, welche andre Menschen schwerlich zu ertragen fähig seyn möch« ten. Ja es ist auch noch gar nicht ausgemacht, daß Cornaro die Kur seiner krankhaften Umstän» de seiner besondern Diät sollte zuzuschreiben Ursache gehabt haben, da sie vielleicht die Natur selbst ge. hoben hat; weil viele von solcher Art waren, welche den jungem Jahren eigen sind, und mit zunehmendem Alter sich wieder verlieren. Cornaro giebt selbst zu dieser wahrscheinlichen Vermuthung Anlaß, indem er von sich sagt, daß er von einem feurigen Temperamente und sehr zum Zorne geneigt gewesen sey. Da nun seine kranklichen Zufälle aus dieser Ursache entsprungen seyn mochten; so ist es auch natürlicher, daß sie sich mit den vermehrten Jahren durch das verminderte Feuer verloren haben, als durch seine sirenge Diät, welche doch alle Aerzte für Personen von einem gallenreichen Temperamente mißbilligen. Hippokrates ist weit entfernt, eine große Enthaltsamkeit zu empfehlen; er sagt in seinem Werke ausdrücklich, daß sie schädlich sey. Er behauptet: der Mangel der Nahrung thue nicht weniger Schaden, denn das Uebermaß derselben. Hunger, fährt er Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 93 « fort, hat große Gewalt über den Bau des mensch» lichen Körpers, entweder in Rücksicht auf die Kur der Krankheiten, oder auf seine Schwächung und Zerrüttung. Die Uebel, welche aus allzustrenger Enthaltsamkeit entstehen, sind von verschiedner Art; indessen nicht minder gefährlich, als die, welche von allzugroßer Uebersüllung herrühren. In seinen Aphorismen ist HippokrateS noch nickt mit dem, was er bereits hierüber geäußert hat, zu« frieden, sondern sagt noch : der Mangel der Nahrung ist gefährlicher, als das Uebermaß, selbst auch bei Personen, die sich unpäßlich befinden. Seine Wor» te sind folgende: „Wir fehlen weit mehr in einer gar zu großen „Strenge unsrer Diät, als in dem Fall, wo wir „uns in diesem Stück zu viel Nachsicht gestatten. „Dieß macht sogar die Enthaltsamkeit für Perso« ,,nen in ihren gesunden Tagen gefährlich: denn da „sie dadurch geschwächt werden, so können sie auch ,den ihnen begegnenden Zufallen nicht wirerstehen. «Daher ist es gefährlicher, eine sirenge Diät zu „führen, als ein wenig ihre Schranken zu über- , schreiten. (3eK. l. Xum. ;.) Daß das Uebermaß im Essen schädlich ist, wird auch durch den Grund, den HippokrateS in einer andern Stelle anführt, erwiesen. „Weder die Ausschweifung, sagt er, noch der , Hunger, noch sonst irgend ein Umstand, der die Gren« » W>W 94 2. Abschnitt. 6. Hauptstück. „Grenzen der Natur überschreitet, kaNn dem »Menschen zuträglich seyn. (8c<5t. 2. Hpnur.4.) So viel ist ausgemacht, alles, was mit Heftigkeit in die Natur wirkt, verletzt sie; und es ist eben so gewiß, daß Hunger und Durst der Natur Gewalt thun. Und wenn sie auch keinen andern Nachtheil verursachten, so würde dadurch unserm Gemüthe Schmerz und Plage verursacht werden. Es ist jedermann mehr als zu bekannt, wie viel Heiterkeit und GemüthLruhc erfordert wird, die Ge. sundheit zu erhalten, und wie sehr der Schmerz und der angstliche Gemüthszusiand sie zerrüttet, je nach, dem derselbe beschaffen ist. Wie viel müßte diesem zu Folge nicht unsre Gesundheit leiden, wenn wir taglich mit unsrer Eßlust zu kämpfen hatten? Wenn unsre Einbildung uns rauschende Strome vorstellt, da der Gaum indessen nach ein wenig Feuchtigkeit schmachtet? Wie groß müßte der Schaden nicht seyn, die Haute des Magens scharfen Feuchtigkeiten Preis zu geben, die doch die Natur, auf unsre Nah» tungsmittel anzuwenden, zur Absicht hatte? Sieben. Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 95 Siebentes Hauptstück. Dürfen wir denn also essen und trinken, so viel uns beliebt? Keineswegcs: man muß gleichwohl der Eßlusi einige Grenzen setzen. Die Regel, die uns Galen gegeben hat, mit einer »och kleinen, Eßlusi vom Tische aufzustchen, scheint der Vernunft völlig angemessen zu seyn. Es muß immer im Magen ein wenig Raum gelassen wer-» den, und einige Eßlusi, zurückbleiben, eben nicht in der Maaße, daß es bis zum Schmerz und Mißoer» gnügen geht, sondern so, daß es die freien Verrichtungen des Körpers und des Geistes gestattet. Dieß ist das wahre charakteristische Kennzeichen, daß wir die Mittelsiraße getroffen und der Natur keine Gewalt angethan haben. Derjenige, der nach der Mahlzeit keine Müdigkeit, sonderneben die ieichtig« keit in seinen Gliedern, als wie vor Tische, empfindet, und in seinen Gemüthskräften und Sinnen eben so ungestöhrt ist, als er es war, eh' er sich zu Tische setzte, kann auch sicher seyn, daß er die Grenzen der Natur nicht überschritten hat. Allein natürlicher Weise muß man das Gegen» theil von demjenigen glauben, der nach der Mahlzeit sich zu allen Geschäften verdrossen und unfähig fühlt. Celsus indessen ist weit gefälliger, indem er an» räth, zu Zeiten in unsrer Diät eine kleine Ausschwei, fun» Z6 2. Abschnitt. 7. Hauptstück. sung zu begehen, und dem Magen immer so viel z« verdauen zu geben, als er nur könnte. Er giebt den .Rath, bisweilen viel und manchmal wenig zu essen, aber unsre 5 ganze Nahrung sollten wir jeden Tag in zwei Theile abtheilen, da wir dann so viel es« sen müßten, als wir könnten, wenn es der Magen nur zu verdauen vermöchte. (I.ibr. I. c^p.,.) Al» lein diese Regel, so viel zu essen, als man kann, scheint mir unsicher zu seyn. Die Anstrengung einer jeden Kraft bis auf den äußersten Grad schwächt auch dieselbe. Ist der Magen jeden Tag verbunden, so viel Kraft, als er kann, anzuwenden, so wird er täg» lich weniger zu thun geneigt werden. Der kluge Mann wird, wenn er eine Reise zu Pferde thut, das Thier nicht zwingen, daß es, wenn die Reise lang ist, in einem Tage so weil gehen soll, als es kann. Ueberdieß ist es ja nicht ausgemacht, wie weit die Kräfte des Magens reichen; und es ist daher gewiß sichrer, in diesem Stück immer ein we. nig Maaß zu halten. Hätte der Stand der Um schuld fortgedauert, gewiß, die Regel, die uns unser Appetit giebt, würde immer die allerrichtigsie geblie» ben seyn, da sie nie die Grenzen der Vernunft über» schritten hätte: allein die Dinge haben sich ganz und gar verändert, und die Klugheit muß nun gewisse Einschränkungen bestimmen. Diejenigen, welche den Rath geben, bisweilen ein wenig über die Grenzen der Diät hinauszugehen, scheinen mir auf ihrer Seite Recht zu haben, nämlich den Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 97 den Körper nicht immer an einerlei Regel zu binden: dann aber müssen wir in den folgenden Mahlzeiten wieder abbrechen, was wir in den vorhergebenden zu viel gethan haben. In allen Hallen müssen wir nie eine frische Mahlzeit zu uns nehmen, bevor unser Magen nicht gänzlich von der vorhergehenden erleichtert, und unsre Efilust nicht wieder hinlänglich von neuem er« weckt worden ist. Haben wir eine starke Bewegung gemacht, oder eine Reise gethan, oder wer cn wir aus irgend einer andern Ursache zu der sonst uns qe» wohnlichen Stunde durch die nächstfolgende Mahlzeit nicht befriedigt, so wird es keinen Schaden n ich sich ziehen, wenn dem Magen, um ihn zu starken, eine ungewöhnlich größre Portion gegeben werden mußte. Man muß aus die ieibes'ew gung und starke Arbeit ein genaues Augenmerk richten : denn diese erfordert meyr Nahrung, indem sie einen großen Theil derselben zerstreuet. Meine hier gegebnen Regeln gehen nur Personen von starker teibcsbeschaffenheit an; jedoch diejenigen, welche an gewissen, zur Ausführung bestimmten, Säften Ueberfiuß haben, wie z. B. am Speichel oder Schleim, müssen dem Appetite den Zü^el nicht so ganz frei lassen. Es ist wahr. was Galen von diesen ieuten sagt, daß sie gemeiniglich wenig essen; und daher wird, indem man ein wenig von dem, nach der gegebnen Regel Oale ns, wegnimmt, ihre Nah. rung zu ihrer fehlerhaften Constitutlon des Körpers immer in Verhältniß bleiben. Indessen sind einige G von 98 2. Abschnitt. y.Hauptsiück. von diesen ieuten zur Schwelgerei geneigt, welche man ihren wahren Krankheiten zuzuschreiben hat, in, dem diese die Harmonie, die von der Natur sonst nach den Bedürfnissen der Nahrung in unsern Appe» tit gelegt ist, unterdrücken. In solchem Falle, müss sen>ir nie aus dem Gesichte verlieren. Achtes Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. 99 Acktes Hauptstück. Was wir nun bisher in Absicht auf die Diät im engsten Verstände, nämlich wegen der Speisen und Getränke, gesagt huben, ist auch von allen übrigen Dingen, die zur völligen iebensoronung gehören, zu verstehen, dahin nämlich der Schlaf, die Bewegung, die iuft, li. s. w. zu rechnen sind. Es ist allezeit ein Fehler, der Meinung des Arz» tes zu folgen, wenn sie mit unsrer Erfahrung sireitet. Unsre ieibcsbewegung muß von gemäßigter Art seyn : aüein wir können von dieser Mäßigung blos nach unstm Kräften und den genossenen Nahrungs, Mitteln urtheilen. So wie wir uns viel zu essen erlauben : so müssen wir uns auch in eben der Maaße einer stärker» ielbesoewegung befteißigcn. Derje» nige, welcher sich seines Amtes oder BerufgeschätteS halber nur weniger Bewegung bedienen kann, muß eine von stärkerer Art erwählen, damit die dadurch gemachte Anstrengung das, was ihr an der iänge der Dauer abgeht, ersetzen möge. Bei dem Genuß des Schlafes wird man schwer» lich einen Exceß begehen. Die sich selbst überlassen« Natur, wiro auch gewiß für jede Person die rechte Zeit bestimmen. Was den Mittagsschlaf oder das Schlafen nach Tische betrifft: so sind viele Aerzte dawlver uno sa. E 2 gen, ' wO 2. Abschnitt. 8. Hauptstück. gen, daß er Erkaltungen und Flüjse hervorbringe. Indessen hab' ich doch viele Personen gesunden, die sich bei vollkommener guter Gesundheit befanden, welche allzeit eine oder zwei Stunden nach Tische schliefen. Die meisten Ordensleute befolgen diese Gewohnheit, und ich kann nicht sehen, daß sie sich in einem schlimmern Gesundheitszustande, als diej iaienbrüder, be> fanden. Oefters, wenn ich zur Sommerszeit ge» arbeitet hatte, und, um die Hitze zu vermeiden, sehr früh aufgestanden war, habe ich nach dem Mittags, essen zwei bis drei Stunden geschlafen, ohne den aller, geringsten Nachtheil davon zu erleiden. Viele sagen, daß sie allezeit nach einem solchen Mittagsschlaf Kopsschmerz empfänden : allein in die. sem Stück betrügt uns unsre Erfahrung, wie in vie, len andern Dingen, indem wir für die Ursache an» nehmen, was doch nur die Wirkung ist. Der Kopf« schmerz entsieht nicht von dem zu vielen Schlafe, sondern der zu viele Schlaf vom Kopsschmerz. Das schwere Gewicht der Dünste aufdie Gehirnsibern verur» sacht einen tiefen Schlaf, und der daher entstandene Druck dauert auch nach dem Erwcchen noch fort, bis nach und nach der Kopf wieder heiter wird. Dieß erweiset sich daraus, weil wir in dem Fall, wenn wir nach Tische schlafen, um den Mangel des Schlafs von vorhergehender Nacht zu ersetzen, keine Kopfschmerzen bekommen, welches doch erfolgen müßte, wenn es blos an der Zeit gelegen wäre. Zum Unzuverläßigkeit der Heilkunde. ioi Zum Andern, wenn wir eine große Neigung in den Nachmittagsstunden zum Schlafe verspüren, und ihm widerstehen, so finden wir, daß der Kopfschmerz noch immerfort dauert, wie ich dieß vielmal ersah« ren habe. Neuntes Hauptstück. Die lust, die wir athmen, oder das iand, das wir bewohnen, haben großen Einfluß auf den guten oder üblen Zustand unsrer Gesundheit. Die Kennt, niß, die wir auch in diesem Stück erlangen, wird uns ebenfalls durch die Erfahrung zu Theil: denn die medicinischen Regeln, welche man in dieser Rücksicht gemeiniglich gegeben hat, sind sehr ungewiß. Bei» nahe alle Aerzte verwerfen die feuchten lander, allein sie urtheilen falsch. Der größte Theil von Asturien ist sehr feucht, und dennoch leben daselbst die ieute langer, als inCa» stillen, und nicht allein auf den Bergen, sondern auch in den niedern Gegenden und Thalern. Alle Inseln haben eine feuchtere Atmosphäre, als das feste iand, weil die See jene, stets von allen Seiten mit Dünsten überladet. Diesem ohnerachtet bemerkt doch Bacon, daß Insulaner gemeiniglich langer leben, als die Bewoh» G z ner ' w2 H.Abschnitt. 9, Hauptstück. ner trockner Gegenden. Diejenigen, welche in den nördlichen Inseln von Schottland in einer sehr rau» hen iu t, und ganzlich ohne alle Arzneimittel leben, bringen ihr Alter gleichwohl höher, als die Russen, die unter eben einem solchen Grade der Breite sich aufhalten. In den Azorischen und Canarischen Inseln leben die Menschen länger, als in dem unter eben dieser Himmelsbreite gelegenen Theile von Afrika. Und eben so verhält es sich in Japan in Verhältniß gegen Cuina, ob man sich gleich in diesem lande mit vielem Fleiß auf die Hrzneiwissenschaft gelegt hat. Es giebt keine iandscha^t, weder in Amerika noch in Afrika, wo man einer solchen guten Ge» sundieit genießt, als in den ganz herrlichen Inseln von Cenlon. Man sagt gemeiniglich, lander, die überflüßige Waldungen haben sind ungesund zu be« wohnen, und doch ist die Insel Ceylon fast gänzlich mit Wägern bedeckt. Aus diesem allen läßt sich schließen, daß weder die Trockenheit eines Landes, noch die scheinbare Reinigkeit seiner iult uns eine gänzliche Sicherheit von der Güte seines Klima'S geben kann. Die Temperatur der Atmosphäre von Madrit wird durch ganz Spanien gelobt, und ihre Feinheit ist auch so groß, daß sich gar keine üblen Dünste und Gerüche darin halten können. I^: die auf die Straßen geworfenen todten Hunde und Katzen ver» trocknen, ohne daß der Vorübergehende vom Gestan» ke Unzuverläßigkeit der Hellkunde, wz ke beschwert wird. Allein Bayle zieht (in seinen philosophischen Vorlesungen im Ersten Theil Seite 502.) den Schluß daraus, daß die Atmosphäre von Madrit schlecht sey, und schreibt diese Wirkung den vielen flüchtigen, scharfen, alkalischen Salzen zu, welche die iuft anfüllten, und daher eine allzugroßs Flüßigkeit des Blutes und andre Zufalle, woran die Einwohner Madrits leiden, verursachten. Er fügt noch dieses hinzu, daß, da man gewohnt wäre, todte Thiere unbegraben um die Stadt her liegenzulassen, dieß, ob es gleich von unsern Aerz» tln für gesund geachtet wird, indem die luft durch ihre Ausdünstungen verdickt würde, doch in der That schädlich sey, da sich die salzigen Theilchen, mit welchen sie angeschwängert ist, noch mehr in ihr häuf, ten. Dieß Räsonnement mag nun gegründet seyn oder nicht: denn ein jeder urtheilt von der Sache nach seinen Einsichten und seinem Gefallen, so ist doch die Sache so beschaffen, daß das Volk zu Madrit nicht so lange lebt, als in den iändern, wo die iuft bei weitem nicht so rein ist. Die Bevölkerung in dieser Stadt ist an der Zahl weit geringer, als die im vorzüglichsten Theile von Asturien. Indessen ist es eine ausgemachte Sache, daß man die Anzahl von alten Personen zwischen achtzig, neunzig und hundert Jahren doppelt in Asturien gegen Madrit, antreffen wird. Daher kann man für ausgemacht annehmen, daß die scheinbare Reinigkeit der iuft gar nicht die gesun« G 4 de I5>4 2 Abschnitt. 9-Hauptstnck. de Beschaffenheit des Himmelsstriches beweisen kann. Ich sage mit gutem Vorbedachte: die scheinbare Reinigkeit der iuft, welche darin besteht, daß sie von Dünsten oder andern bemerkbaren Ausdünstungen frei ist, da aber die Atmosphäre durch andre nnmerkliche Theilchen, odschon der Himmel im höchsten Grade helle ist, verdorben werden kann. Dieß ist öfters der Fall bei ansteckenden Seuchen, welche doch ohne allen Widerspruch von der Ansteckung der iust abhängen. Wenn die Pest Jahre lang in einem 'iande gras« sirt, besonders in einem solchen, das stets einen hei» lern Himmel hat; so müssen in so geraumer Zeit viele Tage vorkommen, wo nicht das geringste Wölkchen zu sehen ist, und doch geht die Ansteckung immerfort, und dieß zwar im Sommer, wenn die iuftam Hellesten gefunden wird. Sydenham bemerkte viele Jahre, wo epidemische Krankheiten herrschten, nicht, daß sich die mindeste Verschiedenheit in deriuft, die unsern Sinnen merklich gewesen wäre, geäußert hatte. Er bemerkte auch gewisse Jahre, welche denselben in Ansehung her schen^er Seuchen ähnlich waren, ohne daß er dadurch wäre in Stand gesetzt worden, eine feste Regel zu geben, nach welcher man in Rücksicht auf die Beschaffenheit der iuft die Ansteckung beurtheilen könnte. Dieser berühmte Arzt erzählt uns daher hin ,."-» "<»> Unzuverläßiqkeit der Heilkunde. 1Q5 hin und wieder in seinen Stritten, da'; die gesunde Beschaffenheit der Jahreszeiten gar nicht von irqend einigen solchen Umständen abhienge, welche von unsern Sinnen bemerkt werden könnten. Indem er von der Pest, die zu london 1665 und 66. aufbrach, re« det, zeigt er offenbar, daß es unmöglich sey, dieBe« schasfelcheit und den Zustand der Atmosphäre, wodurch sie der Gesundheit so gefährlich würde, a priori ein« zusehen, und lacht nur über den Stolz derer, welche sich einbilden, die natürlichen Ursachen dieser und vieler andern Naturbegebenheiten vollkommen zu ent« decken. Hieraus nun laßt sich schließen, daß uns blos die Erfahrung belehren kann, welches iand gesund oder gefährlich zu bewohnen ist. Es verhält sich mit dem Klima fast eben so, wie mit der Nahrung, nämlich, daß schwerlich ein einziges so gut gefunden wird, daß es jedermann gut zusagte, o?er irgend ei» nes so schlimm, daß nicht jemand darin leben könnte. Und eben dieß läßt sich auch von einzelnen Gegenden in einem und eben demselben iande, so wie auch von den verschieonen Wohnungen im nämlichen Hause sagen; wiewohl ich gar nicht in Abrede bin, daß stillstehende Wasser, sumpfichte Gegenden und Moräste, welche den Dunstkreis mit schädlichen Dünsten überladen, der Gesundheit höchst nachtheilig sind. Die Beobachttina, hat mich gelehrt, daß unter der Feuchtigkeit, die blos aus der Erde aussteigt, ein großer Unterschied Statt findet, in Vergleichung mit G 5 der. ? ^ V IQ6 Abschnitt. 9. Hauptstück. der, die unter der Gestalt der Nebel oder Wolken aus einiger Entfernung zu uns geführt wird. Die erstere ist gemeiniglich schädlich; die andre, wie wir sehen. ist es eben nicht an vielen Orten. Vielleicht reiniget die Bewegung der iust diese Dünsie, und befreiet sie von denjenigen Theilchen / welche sie eben ansteckend machen. Nebelichtcs Wetter nimmt nicht in fallen iandern den Kopf ein. Wo selbst der Nebel diese Wirkung thut, bin ich gewiß versichert, daß dieß nicht vom Nebel eigentlich entsteht, sondern von gewissen feinen mit ihm verwischten, giftigen oder bösartigen Theil» chen. Ein Beweis hiervon scheint mir dieses zu seyn, daß, wenn man Thüren und Fenster nicht öf» net, und keine Feuchtigkeit ins Zimmer läßt, man doch eben die Beklemmung fühlt, als wenn man der freien iust ausgesetzt wäre; dieses hab' ich vielmals an mir selbst erfahren. Und eben dieß kann man auch von den Winden sagen, die manchen ländern so nachtheilig sind, wie z. B. der Ost- und Südwind : denn wir empfinden im verschlossenen Zimmer das Nämliche, als wenn wir in der sreicsten Gegend spa» zierten. Alles dieß erweckt den Gedanken in mir, daß vielleicht der verursachte Nachtheil von Partikel» chen, die von mineralischer Beschaffenheit sind, herrühren mag, welche aller Vorsicht, sie abzuhalten, spotten. Zehntes Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. Zehntes Hauptstück. 1O7 Ich will nun meine Abhandlung mit einigen all« gemeinen Bemerkungen beschließen, welche gewisse durchgängig angenommene Fehler, die so tief eingewurzelt sind, daß man sie Volks-Irrthümer nennen könnte, berichtigen sollen. Einige richten ihre iebensordnung nach der Art einer Person ein, welche sich eine Diät wählte, bei der sie eine geraume Zeit in guter Gesundheit ununterbrochen fortlebte. Allein dieß ist ganz falsch. Für's Erste, weil es bereits erwiesen ist, daß dasjenige, was für den Einen gut ist, für den Andern doch wohl schädlich seyn kann. Für's Andere, weil, auf was für Art wir auch unser Betragen einrichten, doch Einige länger, Andere kürzere Zeit leben werden. Viele haben ein hohes Alter erlebt, ohne ihre ganze lebenszeit je einen Tropfen Wein gekostet zu haben, und Andre beinahe, ohne einen Tropfen Wasser zu kosten. Einige haben bei einerlei Kost und zwar in sehr mäßiger Menge sich erhalten. Andre hingegen konnten alles ohne alle Einschränkung genießen. Einige machen von hitzigen, andre von küh« lenden Dingen Gebrauch. Der verstorbene Marquis von Mancera unterhielt sich beinahe sein ganzes ieben hindurch von Chokolade, und gieng auch, während dem er am Fieber krank war, von deren Gebrauch nicht ab, und doch erreichte dieser Herr ein Alter von ein Hundert und acht ,23 2. Abschnitt. lO. Hauptstück. acht Jahren. Wenn andre seinem Beispiele folgen wollten, so würden sie sich vielleicht todten, ehe sie noch das vierzigste Jahr erreichten; wenigstens möch« ten wenige ieute gefunden werden, denen diese ie« bensart zuträglich seyn dürfte. Ich muß hier den Umstand zugleich berühren, der das Schlafzimmer betrift. Es, ist immer ge« wohnlich, daß man sein Bette in den ruhigsten Win» kel des Zimmers zu stellen pflegt, damit es vom Winde nicht getroffen werden soll, welches doch ganz falsch ist, wo man nicht die Vorsicht braucht, es von Zeit zu Zeit oft zu lüften. Denn stillstehende iuft ist eben so schädlich, als stillstehendes Wasser. Dieß kann aus dem Übeln Geruch, welchen sie von sich giebt, wenn wir ein Magazin oder anderes lange verschlossen gehaltenesZimmer ofnen, erkannt werden. Die Pest, welche die Armee der alten Gaulier aufrieb, wurde daher erregt, daß man eine große Kiste im Tempel zu Delphos ösnete, welche seit undenklichen Zeiten Verschlüssengewesen war, worin man große Schatze zu finden glaubte. Das Volk sahe diesen Umstand als eine züchtigende Geißel des Apollo wider die Ent« weiher seines geheiligten Tempels an. Allein die Vernunft belehrt uns zur Gnüge, daß tust, die Jahrhunderte ohne den mindesten freien Zugang verschlossen ist, den allerhöchsten Grad von Fäulniß erreichen, und fähig werden kann, die ganze Atmosphäre umher mit zerstöhrenden Ausdünstungen zu vergiften. Vielleicht Unzuverläßigkeit der Heilkunde. 109 Vielleicht könnten wir der nämlichen Ursache die plötzlichen Todesarten der Bergleute zuschreiben, wenn sie irgend eine verschloßne Höhle in der Tiefe der Er. de aufbrechen, und mit wahrscheinlichern Gründen, als daß wir auf arsenikalische Dünsie rechnen, wo man doch von dieser Art keine Merkmale in diesen Bergwerken gefunden hat, wo doch dergleichen unglückliche Begebenheiten vorgefallen sind. iuft, die siets im Zimmer verschlossen bleibt, m»:ß durch» aus ungesund seyn, und um so vielmehr, wenn sie vollends unsre eignen Ausdünstungen in sich genom» men hat. Jedes Gemach, wo ein Bette sieht, sollte daher zwei sich gegenüberstehende Fenster haben, damit diese, wenn Helles Wetter ist, geösnet, hernach aber wieder so gut, als es beliebig, zugehalten werden könnten. Man pflegt gemeiniglich immer dahin zu sehen, daß das Bette, so bald man es verlassen hat, wieder gemacht werde; allein man sollte gerade die» ser Gewohnheit zuwider das Bette, und besonders die Decke aufgedeckt lassen, damit vorher alle Dün« sie aus demselben ausdufte» könnten, bevor sie durch die Kalte sich wieder verdichten und in den Betten zurückbleiben. Wir sind alle überzeugt, daß auch viel Gutes von der Reinlichkeit unsrer Kleidung abhangt, vorzüglich was unsre Wäsche betrift, die den Körper unmit» «o ».Abschnitt. lOHauptsiück. unmittelbar bekleidet, da denn die barbarische Mode, stets das nämliche Hemde wahrend einer Krankheit auf dem ieibe zu behalten, nunmehr endlich ganzlich verbannt ist. Dennoch aber muß ich auch hierbei einen gewissen Umstand bemerken, welchen man zwar für gut hielt, der aber an sich sehr schädliche Wir, kung thut. Es giebt Personen, welche in solchem Fall aus übel verstandener Vorsicht das Hemde, welches sie anziehen wollen, vorher eine andre Person so lange tragen lassen, bis sich alle Feuchtigkeit aus demselben verzogen hat, indem sie glauben, die menschliche Hitze sey den Kranken zuträglicher, als das Feuer oder die Sonnenwärme. Ich muß bekennen < daß mir diese Meinung sehr sonderbar vorkömmt. Nach gesunder Philosophie kann unter der Wärme kein we» sentlicher Unterschied Stattfinden, und sie wird allzeit nach Beschaffenheit ihrer Heftigkeit einerlei Wir« kung hervorbringen. Die Warme der Sonne oder des Feuers muß immer ganz die nämliche Kraft, wie die des menschli» chen Körpers, beweisen. Alle besondre Kraft, die man der natürlichen Wärme lebender Personen zuschreibt, muß gänzlich andern verschiednen, dabei zu« sammentreffenden Umständen zugeschrieben werden; und diejenigen, welche sagen, daß unsre Nahrungs» Mittel durch das natürliche Feuer des Magens verdauet würden, müssen etwas mehr, als bloße Wär» me, darunter verstehen. Ja, obgleich die Hitze des. Magens diese Verrichtung für sich allein vollen» den Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. in den könnte, so laßt sich doch hieraus noch nicht schlief, sen', daß dieselbe von der Sonnenhitze oder anderm Feuer unterschieden sey : es liegt diese Ursache hierbei zum Grunde, daß sie nur die Auflösung, durch eine erregte Gährung, welche allen Dingen gemein ist, hervorbringen kann. Selbst in belebten Substanzen wird die Warme durch die Gahrung befördert: so wie wir durch deren Anwendung Früchte vor ihrer Zeit zur Reife bringen, und den Mangel der Son« nenwärme ersetzen können. Es ist also alle Art der Hitze einerlei, und kann von keinem Nutzen für die kranke Person seyn, wenn das Hemde für dieselbe vorher auf dem Rücken oder der Brust einer andern gewärmt worden ist. Ja, es kann dadurch vielmehr ein gewisser Nachtheil verursacht werden, indem sich doch allezeit eine Menge unreiner und zur Ausdünstung bestimmter Feuchtigkeiten aus dem andern .^ör, per in das Hemde hineinzieht. D>cher thut man in allen Fällen besser, die Wasche an dem Feuer oder der Sonne zu lüften, und ihr den Grad von Wärme zu geben, den der menschliche Körper im natürlichen Zustande hat. Manche tragen das ganze Jahr einerlei Art von Kleidung, und machen auch gar keine Veränderung mit ihren Bettdecken. Indessen kann ich diese Ge» wohnheit gar nicht gut heißen: denn wir müssen unsre Kleidung und Bedeckung nach dem stärkern oder ge» ringern Wärmegrad einrichten, sie vermehren oder vermindern, und uns in diesem Stücke nach der Wär» me oder Kälte der Jahreszeiten richten. Die uz 2. Abschnitt. lo. Hauptstück. Die Menqe der Bettdecken, die uns im Winter vor Kälte schützt, erstickt uns im Sommer. B a- con sagt dieß auch (in seiner l^iüur.Virae er Nort.) Wenn schon die Sommerhitze unsern Körper abmat» tet, warum wollen wir unsre Beschwerden uns selbst noch durch iasten der Kleidung vermehren ? Es'ist zw>:r wohl wahr, daß das Castilicmische Sprichwort sagt: willst du gesund bleiben, so trage im Winter „und Sommer einerlen Kleidung:" indessen aber glaub' ich nicht, daß Sprichwörter immer als aus» gemachte Wahrheiten zu betrachten sind, und der Schriftsteller, der allgemeine Irrthümer bestreiken will, muß ihnen kein Gehör geben. Indessen aber kann man, den Verehrern solcher Aussprüche zu gefallen, eine neue Erklärung des von mir angesühr» ten Sprichwortes geben, wovon ich auch nach dem Sinne meines Obern Gebrauch machte, als ich mich noch im Noviciar befand, und er mich an einem heißen Sommertage beschuldigte, daß ich zu leicht gekleidet gienge. Ich antwortete darauf, daß ich das Castilianische Sprichwort völlig auf meiner Seite hatte, da dieß hieß, wir sollten im Sommer uns leichter, als im Winter kleiden. Auf die Frage, wie ich das verstünde und wie dieß möglich sey? antwortete ich, daß die Kleidung, die wir den gan» zen Winter trügen, nothwendig abgetragen, kahl und dünne werden, und also weit leichter seyn müßte, als sie im Ansang ihres Gebrauchs war: auf diese Art erklärte ich mir den wahren Sinn vom Anzüge der nämlichen Kleider. Bei ' Unzuverläßigkeit der Heilkunde.^ uz Bei mir macht auch dieser Umstand keinen Ein» druck, daß viele Personen im Sommer sich bei guter Gesundheit befunden haben, ob sie gleich vor Hitze den ganzen Sommer über, bald erstickt sind. Diejenigen Menschen, welche immer bei einerlei iebensarc, ohne alle Rücksicht auf Himmelsstrich oder Iahrsleit, bleiben können, haben gemeiniglich ei» ne eiserne Constitution, auf welche auch nur außer» ordentliche Regeln passen können. Jede lebensart, welche sie erwählen, laßt sie auch immer gesund: denn ihre angebohrne Starke überwindet alle Hinder» nisse. Allein da Personen von dieser dauerhasten ieibesbcschaffenheic insgemein eben nicht zum Nach, denken sehr aufgelegt sind, so möchte sie wohl niemand leichtlich bereden, einen Versuch zu machen, ob sie sich nicht noch in bester«. Gesundheitezustande befinden würden, wenn sie eine ihrer bisherigen iebensordnung gerade entgegengesetzte beobachten wollten. Indessen aber kann man sie, da ihnen bei ihrer einmal ange» nommenen iebensart keine Beschwerlichkeit widerfahrt, eben nicht tadeln, ob ich gleich in Rücksicht auf den letztern Umstand, ob sie nicht, wenn sie im höchsten Sommer, in ihrer schweren Kleidung von der Sonne recht getroffen werden, ein wenig leiden müssen, noch zweifele. Was ich nun hier gesagt habe, bezieht sich alles, jedoch mit gewisser Einschränkung, blos auf solche Klimate, wo die Witterung äusserst veränderlich ist, H oder ll4 2. Abschnitt. 10. Hauptstück. oder wo irgend ein hohes Gebirge bisweilen mitten im Sommer zu plötzlichen Stürmen Anlaß giebt. Man halt auch dieß für höchst ungesund, des Nachts im Schlafzimmer, wenn im höchsten Sommer die Nächte ganz außerordentlich heiß sind, die Fenster offen zu lassen. Ich muß aber gestehen, daß ich es für meine Person, so wie viele andre, ohne nur den allergeringsten Nachtheil davon zu verspüren, o^than habe, obgleich das Wetter ganz außer» ordentlich schwüle war. Jedoch kann dieses gleich» wohl nicht unter solchen Himmelsstrichen, von denen wir oben geredet haben, und welche plötzlichen Ab» kältungen ausgesetzt sind, ohne Gefahr unternommen werden, wenn man nicht die Fenster, welche gegen die Seite des Gebirges oder die Gegend liegen, wo» her eben die außerordentlichen Verandrungcn entste« hen, zuHalt. In Städten, wo man alle Excre« mente auf die Gassen schüttet, müssen natürlicher Weise die Fenster des Nachts zugehalten werden. Ich muß nun noch vornehmlich von einem der vornehmsten Stücke zur Erhaltung der Gesundheit, von unserm Trinkwcisser, einige Bemerkungen beifügen. Die gemeinen und wahrscheinlichen Kenn, zeichen eines guten Wassers zum ordentlichen Getränke sind folgende: es muß durchaus keinen Geschmack haben, klar, helle, durchsichtig und glanzend, wie Krystall seyn; ferner geschwind heiß, und eben so bald wieder kalt werden, und überdieß jede Sub, stanz hurtig zum Kochen bringen. Allein daß der Brun> Unzuverlaßigkeit der Heilkunde, uz Brunnen gegen Morgen zu, entspringen müsse, ist eine allgemeine irrige Meinung, welche sehr oft falsch gefunden worden ist. Die Sli»m» des überzeugt worden. H« Hier Il6 2. Abschnitt. IQ. Hauptstück. Hier muß ich noch einen andern gemeinen Irr« thum, den ich öfters gehört habe, anzeigen; nämlich daß man glaubt, Wasser oder jede andre Flüs« sigkeit, welche durch die Kunst gemachte Kalte gefro« ren gewesen und wieder aufgethauet ist, wären schädlich zu trinken. Man nennt diese Flüßigkei- ten schaal oder fade (lieZch, ich kann aber diesen Aus« druck nicht verstehen: will man dadurch anzeigen, sie seyn verdorben, so ist dieß eine falsche Vorfiel« lung; das Verderbniß jeder Flüßigkeit ist leicht zu entdecken, Wasser aber an und für sich leitet durch den Frost keine bemerkbare Verändrung, es müßte denn vielleicht einen in etwas veränderten Geschmack vom Gefäße, in welchem es eben gefroren gestanden hatte, angenommen haben. Wenn man Wasser in einem Glase g'efrieren läßt, so wird es weder seine vorige Farbe, noch seinen Geschmack und Geruch verändern. Man hat sich vielleicht durch die Ver« ändrung, welche alle zusammengesetzte Flüßigkeiten unter diesen Umständen erleiden, betrogen. Allein dieselbe wird sich auch nach einiger Zeit ereignen, ob man sie hat gefrieren lassen oder nicht, welche aus einer Art vvn Gährung in ihren fremdartigen oder heterogenen Theilchen hervorgebracht wird. Man versuche dieß nur mit ein wenig Orgeate, und die Sache wird sich bestätigen. Das Flußwasser wird aus seinem langen Wege, den es in manchen Flüssen zu nehmen pflegt, hun« dertmal des Nachts erkältet, und eben so vielmal von der Unzuverlaßigkeit der Heilkunde. »7 der Mittagssonne am Tage erhitzt, ohne im minde« sien von seiner gesunden Beschaffenheit etwas zu ver« lieren. Eben dasjenige Wasser, welches zur Winterszeit gefroren, kann mit dem nämlichen Erfolg, wenn es wieder aufgethauet ist, als wie zuvor, getrunken werden. Weine, die über hohe Gebirge gebracht zu werden pfiegen, werden auf denselben sehr heftig abgekäl« tet, und dann wieder in den Thalern auf ihrem Wege eben so stark durchhitzt, ohne daß sie das Mindeste an ihrer Güte verlieren» Auf diesen Beweisgrund haben Einige, die doch für gute Physiker gehalten werden wollen, um gleich» wohl ihre schulgerechte Gelehrsamkeit oder Schwaz« haftigkeit zu zeigen, folgendes geantwortet. Sie sagen nämlich, daß die Kalte in den von uns ange- führten Beispielen von natürlicher, aber von heftige» rer Art sey, wenn sie das mit Schnee oder Eis durch« srorne Wasser beträse. Allein dieß ist eine ohne Bedacht und, ich möchte lieber sagen, ohne daß sie sich selbst verstehen, gemachte Einwendung. Wenn das mit Eis oder Schnee gefrorne Wasser mit Heftigkeit angreifend ist, so muß das Gefrieren desselben in ei« nem Flusse durch die Kälte der Atmosphäre demselben in seiner Wirkung völlig gleich seyn, da das wirkende Mittel dasselbe ist : nämlich der mit dem Schnee vereinigte oder in der lust zersireuete Salpeter. Wird H 3 Wein ^ Il8 2. Abschnitt. 10. Hauptstück.. Wein ül'er hohe Gebirge qeführt, so ist die unMittel« bare Ursache seiner Aokalcimg der auf ihren Boden liegende Schnee, uno zugleich die außerstkalle daselbst befindliche Atmosphäre, gerade wie in einem Gefäße der Schnee die Theile desselben abkühlet, welche die Flüßigkeit unmittelbar berührn. Quellen und Flüsse, welche aus hohen Gebirgen herankommen, entspringen gemeiniglich von zerschmol» zenen Schnee, der in die Tiefen der Erde gedrungen ist, ohne daß hernach in dem daraus entstandenen Wasser, wenn es auf seinem iaufe durch die Thaler wieder erwärmt worden ist, sich nur irgends eine üble Eigenschaft entdecken ließe. Die Eintheilung hier machen zu wollen und zu sagen, daß das Gefrieren des Einen natürlich, des Andern aber künstlich sey, ist hier nicht anwendbar: denn nichts ist künstlich außer der Anwendung des Schnees, woraus keine üble Wirkung auf die Flüssigkeit entstehen kann. Jedoch wenn man auch so. gar annehmen wollte, diese Kälte wäre als eine große und heftige Wirkung auf das Wasser, welche seine Beschaffenheit verändre, zu betrachten , so wäre doch das Kochen desselben weit heftiger, und dennoch wird es, wenn man es nur ganz ohne fremde Beimischung thut, nie verdorben werden. In Unzuverläßigkeit der Heilkunde. "9 In meinen jungem Jahren hab' ich öfters Was» ser getrunken, welches zuvor gefroren und wieder geschmolzen war, ohne den allergeringsten Nachtheil davon zu verspüren. Viele andre auf die ganze Diät oder iebensord« nung sich beziehende Anmerkungen, die alle hier?frei- lich ganz schicklich angebracht werden könnten und soll« ten, muß ich übergehen, weil es sonst erforderlich wäre, ein besondres Buch davon zu schreiben. Ich werde vielmehr hiermit beschließen, meine ieser aber dabei nochmals erinnern, sich in allen Stücken des ganzen diätetischen Verhaltens nur immer nach ihrer eignen Erfahrung zu richten. Allein sie müssen auch recht verstehen, wie sie Erfahrungen machen und benutzen sollen : denn viele ziehen aus dem, was sie bemerken, ganz falsche Schlüsse, und nehmen nicht selten die Wirkung für die Ursache an, wie wir bei der Ab« Handlung vom Mittagsscklase gesehen haben; oder sie halten irriger Weise etwas für Ursache, was doch we« der Ursache, noch Wirkung ist, sondern blos als ein zufälliger Umstand, der die Sache begleitet, angese« hen werden muß; und dieser letztere Fehler wird ge> mciniglich am häufigsten unter allen begangen. So bald als wir nur irgend ein übles Befinden spüren, schieben wir die Ursache auf etwas, das wir nur eben vorher gethan, gegessen oder getrunken haben, wenn es gleich nie so schlecht ist. In solchem H 4 Falle ,2o 2. Abschnitt. lo. Hauptstück. Falle müssen wir Acht haben, ob bei Wiederholung des nämlichen Umstandes auch dieselben Wirkungen erfolgen; wenn'dieß nicht geschieht, so sind wir völlig überzeugt, daß jenes Uebeldestnoen ein blos zufälliger Umstand, und nicht durch das, was wir thaten, verursacht worden war. Wer, was ich hier bemerke, gehörig beobachtet, wird, wenn er gesund, obgleich von schwächlicher Constitution ist, keine Gelegenheit bekommen, einen Arzt zu fragen, was er essen oder trinken, wenn, oder wie viel er sich Bewegung machen, und andre Dings mehr thun soll. Viele sind so äusserst schwach, und'zu ihrem Nach» theil von diätetischen Vorurtheilen eingenommen, daß sie um alles in der Welt die Perordnung ihres Arz« tes nicht übertreten möchten, wenn sie auch für Hun« ger oder Durst verschmachten sollten; und es giebt mit unter Aerzte, welche alle Dinge so genau bestimmen, als ob sie die Kräfte des Magens nach derW tutem cluärina pIrir); allein wie Viele möchten mit Brutus bei seinem Tode ausrufen : o unglückliche Tugend! wenn dieser eigentliche Glanz, der unsre Stirnen mit Strahlen umkränzt, nichts anders ist, als nur ein verzehrendes Feuer, das uns in Asche ver» wandelt. Die Ehre, welche zwar die Wissenschaf. ten unzertrennlich begleitet, wird den Fleiß Studierender doch nur sehr wenig anreizen, wenn sie beden» ken, daß, je höher ste bei der Welt in Ansehung ihres Beifalls steigen, desto geschwinder sie sich der Tiefe des dunkeln Grabes nahen. Ich wiederhole, was ich bereits oben gesagt 'ha« be: eine schreckliche Folge, wenn dieser Satz wahr wäre! ein scheußliches Bild, welches über dem Portal des Pallastes der Weisheit liegt, und diejenigen, welche von dessen Reizen ganz entzückend erfüllt sind, vom Eingang abhalten würde. Derjenige wird also der gelehrten Welt einen großen Dienst erweisen, der diese obgedachte unrichtige Mei- nung gänzlich entkräften und verbannen kann. Die Stoiker suchten die Gewalt derselben zu vernichten, indem sie uns bereden wollten, daß ieben und Tod an sich selbst gleichgültige Dinge wären, und wir kei« nen besondern Werth in eines von beiden setzen muß« ten; indessen waren sie gar nicht so glücklich, andre Menschen von ihrer Meinung zu überreden, so daß ich in M^ !ff 124 z. Abschnitt. 2. Hauptsiück. in Zweifel stehe, ob sie wohl selbst diesen Grundsatz für wahr gehalten haben mögen, und daß,DieClau» dian sagt: — ^Innere cZiior omnia Bei der einzigen Methode, diese Hinderniß, die Studien ernstlich zu verfolgen, aus dem Wege zu räumen, kömmt es nur darauf an, daß man zeigt, wie eine ehrenvolle Beschäftigung dem ieben nicht zuwider sey. Ich sehe zwar im Voraus, daß ich die ganze Welt zu Gegnern bekommen werde: denn alle sind von der entgegengesetzten Meinung. Indessen will ich doch versuchen, die Wissenschaften von tiefer iast zu befreien, und darzuthun, daß die allgemein angenommene Meinung ein Irrthum ist, der seinen Ursprung aus dem Mangel einer reiflichen Ucberlegung genommen hat. Zweites Hauptstück. Der Grund meines eignen RasonnementS über diesen Gegenstand ist die Erfahrung; und gewiß, wenn man dieser eine gehörige Aufmerksamkeit gewidmet hätte, die gegenseitige Meinung würde nicht so tiefe Wurzeln geschlagen haben. Ich will blos jedermann, der diese Idee unter» hält, ersuchen, zu erwägen, ob die Gelehrten, die er Ermunterung für Gelehrte und Studierende.^ er gekannt hat, frühzeitiger, als andre Menschen, gestorben sind, und um eine genaue Vergleichung anzustellen, müssen wir die Universitäten und Colle- gien, wo viele Gelehrte beisammen leben, durchgehen , und dieselben mit einer eben so starken Anzahl Menschen, welche andre Geschäfte treiben, oder die ganzlich ohne alle Beschäftigung leben, vergleichen. Man wird die Anzahl sehr bejahrter Personen ziem» lich von gleicher Stärke finden. Ich kann dieß für eine ausgemachte Wahrheit ausgeben, indem ich deßhalb die allergenaueste Untersuchung angestellt habe, die nur immer möglich ist. Es giebt wohl keine Uni» versitat, wo nicht vier bis fünf, unter dreißig bis vierzig Personen, von geistlichen Stande über sieben» zig Jahre alt würden. Man hat das Nämliche auch unter denen, die blos profane oder rechtliche Wissenschaften trieben, bemerkt. Und wir werden auch keine größre Anzahl solcher bejahrter Grciße unter de« nen antreffen, die völlig frei von allen Geschäften und Sorgen ihre Tage verleben. «A Die Stärke meines Schlusses wird noch mehr erhellen, wenn wir die vielen geistlichen Orden be> trachten, woselbst eine Vergleichung sehr leicht anzu» stellen ist. Wir werden immer eine größre, oder wenigstens eine gleiche Anzahl von Greißen unter de» nen, die Wissenschaften treiben, als unter denen, die blos für das Chor, oder die Haushaltung im Kloster zu führen, bestimmt sind, antreffen. iucian ? W «26 3. Abschnitt. 2. Hauptstück. iucian hat uns ein Verzeichnis; von solchen Ge« lehrten aus der Vorzeit hinterlassen, die ein ho cS A.'t.'r erreicht haben. Er zählt uns allein achtzehn Beispiele unter den berühmten Philosophen auf, unter welchen einiq? sogar ein Alter von neunzig Jahren erreichten. Solon, Thales von Milet, und Pittakus, die unter die sieben Weisen Griechenlandes gezahlt wurden, überstiegen jeder das Alter von einem ganzen Jahrhundert. Zeno, das Haupt der Stoiker, wurde neun und achtzig Jahre alt. Dem 0 krit, lebte ein hundert und vier Jahr. Z e, nophilus, der Pythagoraer, ein hundert und fünf Jahr. Eben dieser lucian, führt noch eine große Anzahl von Geschichtschreibern und Dichtern an. Er bemerkt auch überdieß, Manner, welche die Wissenschaften getrieben, hätten noch langer, als andre Menschen, in allen iändern gelebt, weil sie eine sorgfältigere iebensordnung geführt hätte»; dieß zu bestärken, führt er die heiligen Schriftsteller unter den Aegyptiern, die Ausleger ihrer Fabeln unter den Assyrern und Arabern; die Brackmanen in Indien, und überhaupt alle an, welche die Philosophie, die sie lehrten, auch praktisch befolgten. Ob aber gleich iucian das hohe Alter der den Wissenschaften ergebnen Personen, ihrem dietätischen Verhalten zuschreibt, so verliert dennoch darunter mein Räsonnement nicht das Geringste von seiner Stärke. Denn, wenn das Studieren unser leben verkürzen sollte, wie man überhaupt hat allgemein onneh- Ermunterung für Gelehrte und Studirende. 127 annehmen wolle,,, so würde das Meiste, was die Diät thun könnte, uns als Gelehrte nur so lange, als an« dre Menschen, leben lassen : allein wir treffen hier nicht nur eine Gleichheit allein an, sondern wir finden auch, daß jene noch länger leben. — Ueberdieß, da die meisten Gelehrten in allen Din« gen eine gewisse Mäßigung zeigen, kann auch dieser Umstand als eine Frucht der Betreibung der Wissen» schaften angesehn werden. W «W Drittes Hauptstück. Meine Behauptung wird auch durch Beispiele der gelehrtesten Männer unsrer Zeit bestärkt. Car« dinal HeinrichNorris, der aus dem Augustiner« orden war, kann füglich unter diese Zahl gerechnet werden; man will wissen, daß er vor seiner Erhöhung zur Cardinalswürde täglich vierzehn Stunden den Studien gewidmet haben soll. Der berühmte C a« ramuel gehört auch in diese Klasse: denn er sagt selbst in der Vorrede zu seiner Fundamentaltheologie, daß er gleichfalls, wie N 0 rris, eben so viel Stun« den mit Studieren täglich zugebracht habe. Der sehr berühmte Benediktinermönch Johann de Mabillon, der wegen vieler hinterlassener, sehr gelehrter Werke bei der gelehrten Welt geschätzt und berühmt W »28 5 Abschnitt. 3. Hauptstück. 5« berühmt ist, muß ebenfalls in die nämliche Klasse solcher Männer gesetzt werden, welche den größten Theil des Tages mit gelehrten Arbeiten zugebracht, und doch ein hohes Alter erreicht haben. Auch lan« dahin der unermüdete Franzose Anton Arnald gerechnet werden, dessen tadelnswürdiger Eifer für den Iansenismus das Bewundernswürdige seiner vie« len ^ chriften, die such über ein hundert lind dreißig Bande belaufen, nicht aufhebt. Und so muß auch der arbeitsame Dominikanermönch, Natal Alexander, dessen unermeßlich häusigen Werke, ob zwar schon an Menge sehr groß, an Gelehrsamkeit aber noch größer sind, in. diesen Rang gesetzt werden. Auch die zwei überall berühmten sehr großen Schrift» sieller Pater Athanasius Kircher, und Pater Daniel Papebrache, welche aus dem Iesuiter« orden waren, müssen hier vorzüglich ihren verdienten Platz bekommen. Ebenfalls gehört in diese Reihe ähnlicher Beispiele äußerst fieißiger, und sehr altge. wordner Gelehrter der Sohn des großen Bazil un. sers iandsmanns, und derPater Michael Perez, der mit Recht als eine lebendige Bibliothek, und als das Orakel der Universität von Salamanca zu betrachten ist. Alle diese genannten Personen, deren ihr leben ein stetes Studieren war, überlebten weit das sonst gewöhnliche Ziel. Heinrich Norris lebte bei seinem angestrengten Fleiße drei und sieben» zig Jahr, Caramuel brachte sein AlteF auf acht und siebenzig, Mabillon auf fünf und siebenzig, und AntonArnald auf zwei und achtzig Jahre. Das Ermunterung fürGelehrte und Studi.erende.129 Das eigentliche Alter vom Na tat Alexander hab' ich nickt ganz sicher erfahren können; daß er aber sehr alt worden, ist ganz gewiß: denn er wa'.d im vorigen Jahrhundert («6^9) geboren, lind vor wenigen Jahren war dieser Gelehrte noch am ieben, aber er hatte völlig das Gesichte verloren. In dem 1718 herausgegebenen historischen Gelehrtcnlexicon, wird zwar weitläufig des Natal Alexanders, aber nickt seines Todes gedacht, daher ich auch scklies. sen konnte, daß er damals noch lebte, weil man sonst in diesim Werke immer den Tod derjenigen Gelehr« ten, von denen es einmal Erwähnung thut, anzufüh» ren pflegt. Vom P/,ter Perez bin ick zuve, läßig versichert worden, daß er itzt, da ich dlcß schreibe, neunzig Jahr alt seyn soll. Diesen verschiednen Beispielen verdient auch das vom William Po siel, beigefügt zu werden; er war in der Normandie gebohrcn und sehr berühmt, ob er zwar nicht unter die Anzahl der ganz neuern Beispiele zu rechnen ist. Dieser Herr hatte große Reisen gethan, und sich seinen Studien mit äußerster Strenge gewidmet, wiewohl man ihn dießfalle be' dauren muß, weil er in seinen letztern Werken reut» lichH Spuren hinterlassen hat, daß er nicht nur die römisch°katholische, sondern sogar überhaupt die christ, liche Religion verlassen haben muß. Einige betrach« ten ihn als das vornehmste Oberhaupt der Deisten. Bacon sagt, er habe ein Hundert und zwanzig Jahre gelebt; allein andre haben behauptet, daß er I nicht Ml lzo 5 Abschnitt. 4. Hauptsiück. nicht ein volles Jahrhundert gelebt habe, und das Morerische Wörterbuch der Gelehrten gesteht ihm nur fünf und siebenzig Jahre zu. Man bleibt also we» gen des Alters dieses Gelehrten ganz ungewiß; jedoch kömmt auf dieses einzige Beispiel eben nicht so viel an, indem diejenigen, welche wir beigebracht haben, zur Gnüge und ganz unwidersprechlich beweisen, daß das Studieren dem Gelangen zu einem hohen Alter, ganz und gar nicht im Wege steht. Viertes Hauptstück. Die Vernunft erläutert und bestärkt di.se Er. fahrungen. Die Betreibung der Wissenschaften, wenn sie unserm Genie angemessen gewählt wird, und sie nicht mit der alleräußersten Strenge ohne alles Nachlassen fortsetzt, giebt uns mehr Vergnügen, als daß sie uns ermüden sollte. Unmöglich kann also das Studie, ren der Natur zuwider, oder unsrer Gesundhcit nachtheilig seyn. Ich habe mit Fleiß die zwei Vesi.m. mungen oder iimitationen vorausgesetzt, das Stu« dium muß unserm Genie gemäß und nicht mit allzu, großer Anstrengung getrieben werden, weil jedes Ge. schäste schädlich ist, das unsre Kräfte übersteigt, oder unsrer Neigung widerspricht. Was kann denn für unsern Geist angenehmer seyn, als sich mit den ge. lehr. Ermunterung für Gelehrte und Studierende, izi lehrtesten Männern der Vorzeit unterhalten, und de» ren Gesellschaft genießen, indem wir ihre Schriften lesen? Wenn uns ein geschickter artiger Mann so sehr durch seinen Umgang unterhalten kann, wie vielmehr sollen das also nicht so viele vortrefiiche Schriftsteller thun können, die wir in einer Bibliothek beisammen antreffen. Was für Reiz! die Geschichte aller ver» gangenen Zeiten, die Beschreibung aller iänder und die Darstellung des Sternhimmels muß dem Philo» sophen in seiner Nachforschung der vergänglichen Na» tur die größte Zufriedenheit gewähren! Wie reich« haltig muß nicht das Vergnügen für den Gottesgelehrten seyn, welcher in den Schriften der göttlichen Offenba» rung die Geheimnisse der Gnade unsers Gottes entdeckt! Und ob es gleich ausgemacht ist, daß wir bei vielen Gegenständen die ersten Gründe, von denen sie ab» hängen, nicht entdecken, oder ihren Endzweck nicht bestimmen können; so wird doch der Verstand mit ei« nem freudigen Verlangen, diese scharfsinnigen Räson« nements zu verfolgen, fortgerissen, durch welche so viele Männer von erhabnen Talenten ihre Nachforschungen weiter getrieben haben. Diese Vortheile sind vorzüglich durch die mathematischen Studien zu erlangen, welche allzeit zur Vermehrung und Ver- gewisserung der Wahrheiten das Meiste beitragen. Eben daher entsieht die Erstase, die sich derjeni» gen bemeistert, welche dieses Studium treiben. Ar» I 2 chime« ,1 M l^> iz2 Z.Abschnitt. 4.Hauptstück. 6)imedes zeichnete eben zu der Zeit geruhig seine mathematischen Risse, als der Feind bereits durch sein Vaterland mit Feuer und Schwert nach Syra» kus kam. Der Franzose, Franziscus Vieta, Erfindet der herrlichen Wissenschaft Algebra, blieb öfters drei Tage und Nachte ohne Speise und Trank in seinen mathematischen Untersuchungen ganz versun» ken auf einer Stelle sitzen. Es sage mir jemand, ob irgend ein Vergnügen in der Welt seine Günstlinge auf eine solche Art unterhalten kann? Diejenigen, welche, um andre zu unterrichten, trockne Studien treiben, müssen dornigte Wege b> treten. Doch aber bringet dieß dürre iand, wenn es durch ihre Bemühungen fruchtbar gemacht wird, angenehme Blumen. Jeder neue Gedanke, welcher sie rührt, ist ein Gegenstand des Triumphs für die Vorstellungskraft. Mit der Frucht des Geistes ver. halt es sich gegen die der Natur, gerade umgekehrt. Ihre Empfangniß geschieht mit Beschwer« lichkeit, ihre Geburt aber geht mit Vergnü» gen vor sich. Die Glückseligkeit der Schriftsteller besteht in der Meinung, daß alles, was ihnen auf. fallend scheint, die ganze Welt vergnügen soll, sie mögen nun ihre Werke lesen oder von dem iehrstuhle «der der Kanzel anhören. Sie bewundern in jedem Federzuge bei ihren Aufsähen eine glückliche Frucht ihres Verstandes, welche sie die bei deren Erzeugung angewendeten mühsamen Beschäftigungen wieder vergessen laßt. Der Ermunterung für Gelehrte uud Studierende. 133 Der Freund des Ovids gab ihm daher den klxgcn Rath, sein Mißgeschick durch Studieren zu mildern: 3crid»i5, ur obleclem stuclic» lacr^mZIille rempu«. Dieß ist die größte Zerstreuung unter allen, die wir alle in unsrer Gewalt haben. Ich muß aber doch be. kennen, daß zwischen dem freiwilligen oder aus Nei» gung gewählten Studieren, und dem, wozu wir gezwungen smd, ein sehr großer Unterschied herrscht. Die erstere Art ist immer angenehm, die andre hin, gegen führt etwas Ermüdendes mit sich; wie wir be-> merken, wenn wir etwa auf Schulen oder Universi« täten wider unsre Neigung in aller Eile disputircn oder ganz unerwarteter Weise eine Rede schreiben sollen. Indessen kommen zu gutem Glück dergleichen Fälle sehr selten vor. Allein auch sogar bei gezwungenem Studieren haben wir dennoch den Vortheil, unsre Kenntnisse z» vermehren, welches doch das allgemeine Verlangen aller vernünftigen Wesen seyn muß. Ueberdieß alles macht dieß großen Genie's nu,r wenig Arbeit, da sie sich in sehr kurzer Zeit in alles, was ihnen ausgegeben wird, zu finden wissen, Fünftes Hauptstück. Außer dem Zeugnisse der Erfahrung und Veri nunft, giebt auch ein Philosoph unsrer Sache seinen Beifall, welcher durch sieißige Ausforschung der ganzen Natur am meisten bemerkt hat, was das lange ie- I 3 ben M ," ,34 3-Abschnitt. 5>Hauptstück. ben hindern oder befördern kann. Dieser Schrift« sieller hat sicher am umständlichsten und-bestimmtesten über diesen Gegenstand geschrieben. Der Ge« lehrte wird schon aus meiner kurzen Anzeige schlief- sen, daß ich hierunter niemand anders, als den Franz Baco und sein Werk meyne, das er über die Ge-> schichte des lebens und Todes, uns hinterlassen hat: denn indem er darin alle die Arten der Stande durch« geht, welche zu einem langen ieben am geschicktesten sind, und diejenige iebensart in den ersten Rang setzt, welche sich mit vielem Denken beschäftigt, wie z. B.im Mönchs, und Eremitenleben zu geschehen pflegt, so folgt unmittelbar darauf die Beschäftigung mit den Studien, denn er laßt sich darüber in diesen Worten aus: , Philosophen, Redner und Philologen, folgen „unmittelbar in Rücksicht auf den Anspruch, ein „hohes Alter zu erreichen, auf den Mönch und „Einsiedler." Baco giebt folgende Gründe von seiner Mei» nung an. „Diese ieute leben auch wie jene in Ruhe, und „sind mit Nachdenken beschäftigt, welches die „Sorgen des lebens nichts angeht, und folglich „liegtauch nichts in ihnen, was an ihrem ieben „nagt, sondern sie fühlen bei ihrer Verandrung „ stets die Reize desselben. Sie können ihre Zeit „willkührlich eintheilen, und die Stunden mit sol» „chen Unterhaltungen, die ihnen das meiste Ver« »gnügen gewähren, zubringen." Ermunterung für Gelehrte und Studierende.135 Indessen muß ick hierbei nicht unerinnert lassen, daß dieser Grund bei den Gelehrten, die von ihren Studien leben müssen, wegfällt. Aerzte und Rechts, gelehrte haben bei der Anwendung ihrer Wissenschaft, da nicht nur ihre Ehre, sondern auch ihr Einkommen sehr genau damit verwandt ist, mit vieler Sorge zu kämpfen, welche das Vergnügen, das ihnen ihr Studiren gewährt, gar sehr verbittert. Bei diesen bei» den Standen wird auch die Annehmlichkeit des Studierens durch Nacheiferung und Streitigkeiten aufge« wogen, wenn sich Nebenbuhler finden. Dieß ist ein innerlicher Krieg, der in der Seele vorgeht, und welcher, ob er zwar ohne Blutvergießen abgeht, dennoch durch das öffentliche Zeugniß zu erkennen giebt, daß er die ieidenschast in ihrem Busen erregt. Sechstes Hauptstück. Nachdem ich nun meine Meinung mit Ersah, rung, Vernunftschlüssen und auch mit Beistimmung andrer Aerzte bestärkt habe, muß ich noch einen Ein- wurf, den man mir machen könnte, beantworten, nämlich: daß gerade die Gelehrten sich am häufigsten über körperliche Zufälle beklagten. Man sagt, es giebt wenig Personen aus dieser Klasse, die nicht über Schnupsm, Katarrhe, Flüsse, und andre Unpäßlichkeiten Klagen führten. Und eben deßwegen haben viele Aerzte besondre Abhandlungen über diesen Gegen, I 4 staud, 1)6 I. Abschnitt. 6. Hauptstltck. stan5, nämlich über die Art, die Gesundheit der Ge« lehrten zu erhalten, geschrieben, wie wir vom Fici» nus cle 3cu6ll)s«iuln V^lerucline ruen^Z und vom Pemphlus cie I^oFgrorun, Valetli^iiie ruencla auf» zuw. isen haben: wie denn auch Bernhard Ra» mazzini von der Gesundheit der Gelehrten eine eigne Abhandlung hinterlassen hat. Nun ist zwar wohl wahr, daß jede eingewurzelte Unpäßlichkeit, die gleichsam zur Gewohnheit wird, sie sey so leicht, als sie immer wolle, besonders, wenn sie das Gehirn angreift, wie ein verborgener Wurm zu betrachten ist, der unaoläßig an u,iserm ieben nagt.. Daher muß also dasselbe von kürzerer Dauer bei Gelehrten, als bei andern Menschen seyn. Allein dieler Einwurf ist gar nicht von der Star» ke, als er bei dem ersten Anblick zu seyn scheint. Schnuplcn, Katarrhe und Flüsse sind so allgemein, daß wir nicht nur Studierende, sondern auch Pctit- nwitres darüber klagen hören. Sie beschweren sich alle über in den Kopf steigende Dünste, aber nicht, daß das Uebel allgemeiner wäre, sondern weil viele Menschen ißt immer empfindsamer und grillenhafter werden. Die Uebel bestehen mehr in ihren Vorstel- llmgen, als in ihrenKörpern, und die Klagen klingen weic gefährlichcr, als der daraus entspringende Schaden zu befürchten steht. Zum Andern ist es noch nicht ausgemacht, daß eine leichte, gewohnte Unpäßlichkeit solchen Personen das ieben verkürzt. Ja, es giebt im Gegentheil Zufälle, di,e dasselbe verlängern. Dahin gehört die bei Ermunterung für Gelehrte undStudierende.,^ bei dem Schnupfen sich ereignende Abführung, welche von Zeit zu Zeit vorgeht. Vermittelst solcher sanften Ausleerungen wird der Korper der üblen Säfte, die ihn beschweren, entledigt, welche doch sonst durch ihre Anhäufung zu gewissen gefährlichen Krankheiten An» laß geben würden. Daher leben viele schwächliche und kränkliche Personen lange Jahre, indessen die siälkjten in der Blüte ihres Alters sterben. Bei den erstcrn wird der Körper nach und nach und ganz all- mählig von den Feuchtigkeiten, die ihm beschwerlich sino, befreiet, und sie brechen nicht in dem starken Mann eher aus, als bis sie zu einer solchen Höl^e ge« stiegen sind, wo sie die Natur zu überwältigen ver« mögen. Zum Dritten, wenn der Aphoris'm des H i p« pokrates nach dem Worte zu nehmen ist, daß eine Person von starker ieibeebe'ch Offenheit sehr in Gefahr steht krank zu werden, so muß auch der Gegensiß eben so wahr seyn, daß der Schwächliche auf ein längeres ieben Rechnung machen darf. Dieses muß nothwendig folgen, und um so viel mehr, da Hip» pokrates zu dem, n»s er dort gesagt hat, noch dieses hinzufügt, daß ein Mensch, der sich bei voll- komn'ner Geundheit befindet, ohne Anstand darauf bedacht seyn müsse, seine starke Constitution zu fchwä- chen. Ich für meinen Theil aber werde mich nie nach dieser Regel desHippotrates richten, wmn der Sinn nach dem Buchstaben v runden werden soll. Endlich ist wirklich die Gesundheit der Gelehr« ten nicht so jeyr geschwächt oder verletzt, wie gcmei« I 5 "'glich ! R 138 3- Abschnitt. 7. Hauptstück. niglich geglaubt wird. Ich habe mit solchen Per« sonen in Verbindung gelebt, und lebe noch unter ih« nen, und höre nichts von den großen Beschwerden, und sehe auch diese Männer keine so schlimmen Krank« heilen erleiden, als man vorqiebt. Ramazzini und andre Aerzte sagen, die Studien machten die Gelehrten melancholisch und mürrisch. Man findet aber im Gegentheil, daß je gelehrter sie sind, sie einen desto aufgeräumter» Charakter besitzen. In den Werken der berühmtesten Schriftsteller ist durch und durch eine gewisse Uebereinstimmung wahrzunehmen, die freilich vom Ungelehrten nicht bemerkt wird. Siebentes Hauptstück. Was ich bisher gesagt habe, muß gleichwohl mit gewissen Einschränkungen verstanden werden. Das Erste ist, was ich gleich anfangs erwähn, te, sich nicht bis zur Ausschweifung dem Studieren zu ergeben. Es hängt aber dasselbe nicht immer von der Menge der Schriften ab, die wir lesen, sin» dem es kömmt mehr in diesem Stücke auf die Gegenstände an, über die wir unser Nachdenken verbreiten. Wer sich beim Studieren ermüdet fühlt, hat gewiß in der Sache bereits zu viel gethan. Die Bücher müssen bei Seite gelegt werden, wenn wir durch das iesen derselben uns merklich ermüdet füh. len, sonst werden wir wenig Vortheil daraus erlangen, sondern durch die fortgesetzte Anstrengung uns vielen Nachtheil zuziehen. Wir müssen nie stu, dieren, wenn uns der Kopf schwer ist, uns auch nicht der, Ermunterung für Gelehrte und Studierende.139 der, für die menschliche Natur so nöthigen Ruhe berauben, wodurch wir unfähig werden würden, unsre Aufmerksamkeit von neuem anzustrengen. Wir müssen auch dabei zum Andern, auf die Beschaffenheit unsrer Speisen und Getränke einiger» maßen aufmerksam seyn, weil Gelehrte durch dieselbe viel eher, als andre leute, verletzt werden können. Drittens müssen wir auch unsre Gemüthsbeschästi« gungen mit einiger körperlichen Bewegung' abwechi seln. Hieher gchört, glaub ich, was Plutarch anräth, zu empfehlen, nämlich das laute lesen oder Disputiren, welches an Statt einer leibesbewegung am besten dienen, die Gesundheit erhalten, und die Kräfte des Körpers stärken kann; denn die Bewe» gung der Brust, welche durch den Ton erzeugt wird, ertheilt nicht nur unsern Gliedern, sondern auch den Eingeweiden und den meisten zu den iebensbewegun- gen erforderlichen Organen, eine sehr dienliche Bewegung. (I^ibr. 6e tuen>,1g bona Valetucline.) Ferner sagt dieser Schriftsteller: „Die Stimme macht eine Erschütterung der „lebensgeister, die nicht fiüchtig und unbedeutend „ist, sondern in den sehr verborgenen und inner- „sten Winkeln vorgeht. Sie vermehrt die na» „türliche Wärme, verfeinert das Blut, reinigt »die Venen und öfnet die Arterien. Durch die „laute Stimme werden alle übcrstüßigen Safte an „ihrer Verdickung und Klebrigkeit verhindert, „sondern die Unreinigkeiten setzen sich wie die He« «fen in denjenigen Organen, von denen unsre Nah» «rungsmittel aufgenommen und verdauet! werden." Dieser !4o I.Abschnitt. 7.Hauptstück. Dieser Vortheil ist für Studierende gewiß uickt geringe, da sie eine so heilsame icidesbewe» gung völlig in ihrer Gewalt haben. Meine vierte Erinnerung geht dahin, daß den Studien eifrig Ergebne, ihren Eifer bisweilen mit gewissen anständigen Vergnügungen, und zwar mit sol» chen, welche den Körper stärken und das Gemüth ergötzen, unterbrechen müssen : denn iust und Scherz entfaltet Genie und heitert die ganze Seele auf. Diejenigen, welche vorzüglich Schriften verfassen, lassen es immer daran fehlen, besonders, wenn sie von melancholischem Temperament sind. Und mein noch überdieß zu ertheilender Rath ist dieser , mit der Art der Studien abzuwechseln : denn die Verandrung gefällt dem Geiste in diesem Stück eben sowohl, wie in allen übrigen Beschäftigungen, und jede Sache, die in demselben Vergnügen erweckt, gewahret ihm auch zugleich neue Kräfte. Das iesen eines andern Buches hebt die Ermüdung, welche uns ein vorher gelesenes verursacht hat. Dieß muß man thun, wenn es uusre Kräfte gestatten: denn alle^kön» neu nicht allzulange auf verschiedne Gegenstände 'ihre Aufmerksamkeit richten. Freilich trift man ebenfalls Menschen an, deren Fassungskrast sehr eingeschränkt ist, so, daß sie nur eine einzelne Wissenschaft zu treiben vermögend sind, und wenn sie sich über meh. rcre verbreiten wollen, werden sie jenem Viscayer ähnlich, der seine eigne Muttersprache vergaß, und die Casiilianische nicht zu erlernen fähig war» Durch vieljährige Erfahrung bewährte Gcsundhcitsrcgcln von Dr. John Fothergill nach der sechsten englischen Ausgabe. «! »43 -OH- Aus vieljahriger Erfahrung gezogne Regeln, die Gesundheit zu erhalten. Erster Abschnitt. Von den versckiednen Perioden des menschlichen Lebens, nämlich von der Kmdkelt, Jugend, Mannbarkeit und dem hohen Alter <°). Erstes Hauptstnck. Von der Kindheit. enn man den Gegenstand, welcher die Erhal« tung der Gesundheit bctrift, abhandeln will; so ist es um der Deutlichkeit willen nöthig, vier be» sondre <) Obgleich manche gelehrte Aerzte nur drei Lebensperio« den haben annehmen wollen, nämlich von der Ge» burt an bis zur Ne,se oder der Mannbarkeit, von dieser bis ins Aller, und von demselben bis ms hohe Alter, so hat un« dock die Eintheilung unsers Ver< fassers inVier Perioden in vielerlei Betrachtung besser gefallen wollen. 8 144 '.Abschnitt, i.Hauptsmck. sondre Abschnitte des iebens zu unterscheiden, und «uf einen jeden die gehörige ?lufmertsamkeit zu wen» den. Ich will daher vor allen Dingen von dem er» sien Abschnitte unsers iebens das nöthigste kürzlich anzeigen», In vorigen Zeiten nahmen die Aeltern des iebens ihrer Kinder eben so sorgfältig w chr, als ihres eigenen; jedoch erstreckte sich diese Sorgfalt nicht weiter, als daß sie dieselben entweder blos an der Brust saugten, oder nur mit solcher rohen Kost, wie sie ihnen die Natur gewährte, versorgten. In unsern Zeiten aber ist man in diesem Stück viel weiter gegangen, und hat dieErziehung der Kinder von ihrer Geburt an sehr vervollkommnet ^). Mac: hat auch aus Ersahrung nachstehende Regeln immer mit groß. ten Nutzen befolgt. Unter ») Ob man eigentlich sagen kann, die El'iiehung der Kim der sey von ihrer Geburt an, in unser» Taoen «er« vollkommnet, getrau' ich mir eben nicht zu behaupten, denn in Ansehung des Erfolgs scheint die heutige Art der Erziehung der vormaligen weit nachzustehen, indem wir itzt vielmehr schwächliche und krüpelichte, skrorchu« löse und rachitische Kinder sehen, als in vorigen Zei« ten zu finden waren. Allein mehr Kunst und Abwei« chung von der Natur herrscht heut zu Tag? bei der Auferziehung zarter Kinder, da dieselben statt der Muttermilch, weil sich die Mütter meistenthei!« aus Bequemlichkeit und Galanterie der ersten Mutter« »sticht, ihre Kinder mit ihrer eignen Brust die erste Lebensveriode hindurch zu nähren, entziehen, und sie entweder mit der Brust einer vielleicht ungesunden Amme, mitThiermilch, oder einem schwächenden an« dem Von der Kindheit. '45 Unter den Regeln, ein Kind gut zu erziehen, muß immer diese die vornehmste seyn, daß, wo es nur immer möglich ist, dasselbe an der Brust seiner Mutter genährt und von ihr selbst gestillt werde, weil diese Nahrung für das Kind immer zuträglicher, als die Milch einer Amme ^) ist. Wenn solche nrch zarte Kinder unruhig smd, muß mit aller Sorgfalt immer die Ursache dieses Uebelbe« sindens ausgesucht werden, damit sie nicht durch an, haltende Unruhe und Wachsn in grösire Uebel verfallen, welche fieberhafte Bewegungen nach sich ziehen, und wichtige Folgen haben können **). Auf Hern elenden Getränke, und unschicklichen Nahrung«, Mittel in dem c, sten Lebensjahre, wo schon der Grund zur dauerhaften Gesundheit und zum hoh»n Aller ge< legt werden sollte, unterhalten Kissen. Also kann man nicht mit gutem Rechte behaupten, dc>ß die Cr< ziehung der Kinder in ihrer ersten Lebenspenode heut zu Tage vervollkommnet sey. Anm. des Uevcrs. ») Ja man kann füglich sagen : besser, und auf alle Weise zuträglicher, als olle andre Nah» ung denn das beweisen Die häufigsten Beispiele. Anm. des Uebers. »*) Obgleich diese vorläufige Einleitung zur Diätetik eben gar nicht zum Unterricht in der Erziehung der Kinder in ihrem ganz ersten Abschnitte des Lebens, dienen soll; so wird es doch jedem Leser dieser Sclnitt nicht unangenehm seyn, zu wissen, daß vorzüglich alle Ruhe-Pulver u»d Ruhe oder Schlasmacheüde Trpl pfcn für zarte Kinder als betäubende Gifte ü,u betrach» ten sind, denn sie bestehen aus Opiaten, welche zwar den Echme>z als die Ursache der Unruhe oder Schlaft losigkeit, stillen, die eigentlichen Ursachen des Schmer« z«s aber, welche gemeiniglich angehäufte scharfe Unrel» K nigteft M 146 i. Abschnitt, i. Hauptstück. Auf diesen Umstand hat man besonders genau Achtung zu geben. Einige Aerzte glauben, man müsse die Kinder so lange blos mit Milch nähren, bis die vordem Zahüe durchgebrochen wären; dann aber könne man sie all» mälig an Brod und andre leichte Arten von Nahrungsmitteln gewöhnen, die aber nur ganz einfach und sehr leicht zu verdauen seyn müßten ^). Jeden Morgen muß das Kind über den ganzen Körper mit lauwarmen Wasser gewaschen, gut abgerieben und völlig abgetrocknet werden; dieß muß aber allzeit geschehen, wenn bei dem Kinde, wahrend eines langen vorhergegangnen Schlafs, die Verdauung völlig vorüber und der Magen ganz leer ist: denn ein Kind mit vollem Magen waschen und reiben, bringt durchaus schlechte Folgen. Man hat gesunden, daß den Kindern vielmals das kalte Bad gute Dienste gethan hat "''*), indem dasselbe, nigkeiten in den Därmen sind, zurückhalten, und darin Gicht oder auch ausbrechcnde Conuulssonen zu- wegeibnngen, Anm.desUebers, H) Hierzu kann nichts dienlicher als Zwieback oder blos Semmel seyn, woraus man den Kindern mit Wasser oder schwacher Nindsbrühe ohne alles Fett einen Brei kocht, um ihnen davon täglich Mittags und Abends zu essen zu geben. Abwechselnd mag hierzu, wenn die Kinder ohnehin fünf, sechs oder mehrere Monate alt sind, ein Eidotter, auch wohl anstatt des Wassers oder der Brühe gute Kuhmilch genommen werden, Anm. des Uebers, **) Es wäre nur zu wünschen, daß man in Städten, wo die Kinder ohnehin meistentheils schwächlicher, als auf Von der Kindheit. '47 dasselbe, da es die feste,'. Tpeile des Körpers stärkt, und die Ausdünstung befördert, Muineikeit, Wär« nie, Kraft und Stärke erzeugt, welches alles sehr wünfchenswcrth ist, weil dadurch dem Auswachsen oder Zweiwuchse, dem verstopften Gekröse und scro- phulöfen Umständen und den Uebeln der Brust so. wohl, als des Unterleibes, vorgebeugt wird. Eben diese Vortheile haben viele Familien an vielen Orten dahin gebracht, das kalte Bad zum täglichen Ge« brauch bei ihren zarten Kindern anzuwenden. Man pflegt aber das kalte Baden des Kindes gemeiniglich gern so lange aufzuschieben, bis es ei« mge Monate alt, oder der nahe bevorstehende Som« mer völlig eingetreten ist, damit nicht die Peräu» drung ans der Wärme der Feuchtigkeiten, in welchen das Kind im Mutterleibe lag, in Rücksicht auf das äußerst kalte Wasser zu heftig und auffallend seyn K 2 möge; auf dem Lande sind, das kalte Baden bei enter Zeit, so bald sich das Kind nur i» etwas im Bade halten tonnte, vornähme, um es daran zu gewöhnen, weil sonst das Kind dann, wenn das Bad nicht länger aufgeschoben werden darf, sehr schwer dazu gebracht werden taun : gewiß würden da weit weniger Kinder in den Zweiwucks verfallen, als man leider täglich wahrnimmt. Denn ganz zuverläßlg ist, wenn sonst nicht andre Fehler in der Erziehung von Ammen oder Wärterinnen begangen werden, im kalten Bade aus bloßem Wasser oder mit glühenden Eisenschlacken zuvor verstärkt und wieder abgekühlt, das größte und kräf« tigsii Vorbaunngsmittel wider die sich allmülig ein» schleichende sogenannte englische Krankheit oder den Zweiwuchs zu suchen. Anm tes U»bers. ,43 ,. Abschnitt, i. Hauptstück. möge; und um aller möglichen, dem Kinde aus dem täglichen und plötzlichen Eintauchen des ganzen Kör» pers erwachsenden Gefahr vorzubeugen, muß Achtung gegeben werden, ob auch das Kind, so bald man es aus dem Bade nimmt, oder abgerieben, abgetrock» net und angekleidet hat, Munterkeit und lebhaftig« keit äußert; wenn man dieß bemerkt, so bekommt ihm das kalte Bad gewiß gut, und das Kind ist von gesunder Constitution: wenn man hingegen wahr, nimmt, daß es blaß, kalt, oder von Kälte erstarrt, ist, dann kann man auf die schwächliche Constitution des Kindes einen sichern Schluß machen, und das Baden muß so lange ausgesetzt werden, bis es muntrer wird; und wenn bei abermaligem Baden sich die nämlichen Umstände und Merkmale einer solchen Schwäche äußern, so muß man das Baden gänzlich unterlassen. William Penn berichtet zwar, daß gewisse Amerikaner ihre Kinder sogleich nach der Geburt, oh« ne Unterschied der Iahrszeit, im kalten Flusse badeten. In Rücksicht auf die gute Erziehung eines jun» gen Kindes muß man auch gehörige Sorgfalt auf die Diät der das Kind stillenden Person wenden *), damit ') Am besten ist es, die Amme, wenn sie ein geschäftig ges, arbeitsames Leben geführt hat, soviel, als im« mer thunlich, dabei zu lassen, ja selbst ihre ländliche Kost, (da man die Amme so gern vom Lande nimmt,) nicht Von der Kindheit. 149 damit ihre Kost, ihre Bewegung und Ruhe so ein» gerichtet werden, daß ihre Milch eine gute Beschaf« fmhcit bekommen möge; diese besteht vornehmlich darin, daß sie ganz süße, weiß, und ohne allen frem» den Geschmack und Geruch, und die Amme selbst, wo möglich, nur erst vor zwei, und nicht langer, als vor sechs Monaten Wöchnerin geworden sey; die dünne Milch ist immer der dickern vorzuziehen; ganz schlechte Milch verrath allezeit etwas Bitteres oder Salziges in ihrem Geschmack, und ist von un» angenehmen Geruch. Eine Amme muß sich des Beischlafs enthalten, so lange sie das Kind an ihrer Brust stillt, und wenn sie'sich schwanger befindet, sogleich vom weitern Stillen vor dießmal ganzlich ab» stehen. Zarten Kindern muß durchaus kein Wein zu trinken gegeben werden *), weil er sowohl ihren K 3 Unter» nicht zu plltzlich mit der städtischen und weichlichen zu verwechseln; sicher wird sich der Junge oder das Mädchen vornehmen Standes an der Brust der Am« me aus dem Baue» stände besser befinden, wenn diese bei einem thätigen L^ben in ihrem Ammenstande ihren Appetit mit Kartoffeln gestillt, und das natürliche, bloße Wasser dazu getrunken, als wenn sie frikassirte Hüner und dergleichen, oder Wildpret gegessen, und kräftiges Bier dazu getrunken hat. Nur freie Luft und Bewegung muß der Amme nicht entwgen werden, wenn sie gesund und ihre Milch von recht guter Be< schaffenheit erhalten werden scll, Anm. des Uebers. *) Man sollte freilich nicht glauben, daß Fehler dieser Art vorgehen sollten: allein ich habe dennoch Personen gefunden, die aus dem Grundsatz,, man müsse dem schwachen Kinde auf alle mögliche Weise mit stärkenden Mitteln i50 I.Abschnitt, i. Hauptstück. Unterleib überhaupt erhitzt, als auch besonders den Kopf angreist. Die Kleidung des Kindes muß ja weder zu enge, noch zu warm seyn; und wenn es nur einige Mo« nate alt ist, muß man ihm schon so viel Bewegung und freie inst, als es nur zu vertragen vermag, verschaffen : denn eine freie, reine iust ist das Beste auch für den noch zarten Menschen; und man muß nicht zugeben, daß das Kind die in Stuben verschlossene, oder mit Dünsten von stillstehenden Wassern, oder wie in volkreichen Städten, mit Ausdünstungen von todten Thieren *), oder verfaulten Abgange von Pstanzentheilen überladene iust einathme und sich darin aufhalte. ' So bald sich nur die erste Morgendämmerung der Vernunft wahrnehmen laßt, muß sogleich die - größte Mitteln zu Statten kommen, ihm. da man erlaubte, es mit Weine zu waschen, einen Löffel voll, auch wohl mehr, zu verschlingen gaben, und zugleich die größte Unruhe zuzogen, denn er ist für noch zarte Kinder ein wahres betäubendes Gift. Anm. dee Uebers. ») In unsern policirten Städten Teulschlandes haben wir eben von dergleichen verpesteter Lust von testen Thi« ren, wie die, wovon unser Frnz oo in vorhergehen« der Abhandlung sagt, daß sie selbst in Madrit Herr« sche, nichts zu befürchten: allein dennoch sind die Dün« sie in grißern u?d voltreichen Städten so häufig und verderblich, daß Kinder aus denselben so bnld, als möglich, auf das Land gebracht werden, und die ganz ersten Jahre daselbst zubringen sollten, dann würden sie zu einem gesunden Leben, und kraftvollen Alter Host «ung haben. Anm. des Uebers. Von der Kindheit. > qrößte Sorgfalt darauf gerichtet werden, daß dem noch zarten Kinde Gehorsam und Unterwürfigkeit eingeflößt, und es an diejenige Sittlichkeit und Be» scheioenheit g wöhnc werde, welche allerdings auch in der solge sehr viel zur Erhaltung der Gesundheit bei tragen kann. Aeltern, die ihren noch zarten Kindern zu viel nachgeben, verderben ihre Natur, und wundern sich doch bernach öfters über die bittern Wasser, die sie trink/n müssen, wovon sie selbst die Urquelle vergiftet haben. läßt man dem Kinde seinen freien Wil. len, weil es noch in der Kappe läuft, so wird es noch mehr drauf bestehen, wenn es Hosen trägt. Die ge. ringfügig scheinenden Nachsichten, die man Kinder,, erweiset, verwandeln sich mit der Zeit in unwandel» bare Gewohnheiten, und haben schon öfters manchen Menschen in Ansehung seiner Gesundheit und seines moralischen Verhaltens ins Verderben gestürzt. Ehe wir noch diesen Gegenstand völlig verlassen, kön« nen wir nicht umhin, noch einige Bemerkung über die Erziehung der Kinder hier einzuschalten. Ein Kind ist, wenn es nur eben zur Welt kömmt, bunahe wie eine Kugel geformt. Seiner nunmehrigen Wärterin kömmt es zu, ihm eine gehö- nge Bildung und gerade Gestalt zu geben. Im ersten Monat muß das Kind auf eine nicht allzudicke Matratze, dlc etwas länger, als das Kind ist, ge» K 4 legt > «52 I. Abschnitt, l. Hauptstück. legt werden, welche die Amme über ihren Schoos breitet, daß dasselbe allezeit ausgestreckt darauf lie» gen, und nur so, wie die Matratze um den Körper des Kindes geschlagen wird, darauf sitzen kann. Ein Kind ganz aufrecht zu setzen, bevor es nicht über einen Monat alt geworden ist, verderbt ihm dieAugen, weil dadurch verursacht wird, daß das Weiße derselben unter dem obern Augenliede erscheint. Hernach ober k.mn die Wärterin oder Amme, mit dem Auf« rechtsitzen des Kindes einen Ansang machen, und ihm allmälig inehr lebhafte Bewegung geben. Ein Hauptumstand ist auch dieser, daß das Kind immer so trocken als möglich gehalten werde *). Die Bekleidung für das Kind muß leicht und eben nicht viel langer seyn, als daß sie nur bis auf die Füße des Kindes reicht, damit man seine untern Gliedmaßen mit der warmen Hand oder ei» nem Stückchen Flanell leicht und steißig den Tag über reiben kann ; welches vornehmlich an den innern Sei» ten der Schenkel geschehen muß. Das fieißige Reiben des Kindes über den ganzen Körper' nimmt den frieselhaften und andre Arten von Aus. *) Diese Absicht desto besser zu erreichen, können unter des Kindes Betttuch nur doppelte Stücken Flanell gelegt werden: allein die Wärterin muß wenigstens zwei bis drei Stück davon zur Abwechselung zur Hand haben, um stets trockne und frisch ausgewaschene um terlegen zu tonnen. Anm, des Uebers. Von der Kindheit. »53 Ausschlage weg und verstärkt den Kreislauf des Blutes. Die Brust des Kindes muß vorzüglich mit den Händen aufwärts Früh und Abends gutgestrichen werden. Die Fußgelenke und die innere Seite der Knie, sind vorzüglich, zum wenigsten täglich ein paarmal gut zu reiben; dadurch werden diese Theile gestärkt, und das Kind lernt die Knie ausstrecken und gerade halten, und dieß trägt überaus viel zum anständigen Gange, und gefälliger Stellung des ganzen Kör. pers bei. Die Wärterin muß das Kind so wenig, als möglich, auf den Armen tragen"), wodurch die Schen- K 5 kel ") Daß von dieser sehr üblen Gewohnheit des Tragens der Binder auf dem Arme der Wärterinnen überaus viel Nachtheil sür den zarten weichen Körperbau entsteht, sehen wir, wenn wir Kinder in ihren ersten drei bis vier Jahren, ja bei manchen wohl bis ins siebente Jahr beobachten, in sehr vielen Beispielen. Es ist noch ein Glück für's Kind, wenn die Wärterin mit dem Tragen auf ihrem rechten und linken Arm avwech« selt. Eine sehr gute Metkode hab' ich an einigen Or« ten bemerkt, wo die Wärterin ein derbes Federkissen vor ihren Unterleib >chnallt oder so bindet, d.,ß das Kind darauf sitzen und seine Schenkel und Füße frei herab« hingen lassen kann. Im andern Fall aber, wo die Wärterin das Kind auf dem einen oder dem andern Arm trägt, und es mit den Schenkeln fest an sich drückt, ist die Schwächung der Kniegelenke, Krümmung der Oberschenkel, und sehr oft eine gänzlich verschobn« Brust oder Schulter, oder eine schiefe Bildung des gan» zen Körpers meistentheils, ja man tonnte sagen immer, die traurige'Folge für die ganze Lebenszeit. Anm. des Uebers. z 154 i. Abschnitt, i. Hauptstück. kel gebogen und die Füße einwärts gerichtet werden; sie muß die Schenkel des Kindes immer frei hangen lassen, und je öfter überhaupt dieiage des Kindes verändert wird, desto besser ist der Erfolg. Das Kind muß, wenn es nur drei Monate alt ist, auf einem Teppick oder auf die Erde gebreiteten Tuche zum iaufen angeleitet werden. Die Wärte« rin halt es bei den Hüften, damit die Bewegung im Gehen dem Kinde erleichtert und ja nicht etwa, in< dem sie es bei den Armen halten wollte, erschweret werde. Ein Kind hin und her zu bewegen, und vorzüg» lich in der freien iuft bei gutem Wetter ihm eine kraftige Bewegung zu verschaffen, ist ein höchstwich» tiger, vortheilhafter Umstand, und von dem gewünschtesten Erfolg. In Städten muß man die Kinder nicht in die Stuben einsperren, sondern sie so viel, als möglich, in die freie iuft schicken. Mangel an Bewegung *) bei den Kindern ist die Ursache der großen Köpfe, der schwachen und zwei» 5) Vorzüglich aber auch, wenn dem Kinde gleich anfangs in den ersten Monaten Brei aus schlechten, bisweilen feuchten Mehl, oder aus mehlichlen Gemüsen, Gries, Grütze, und dergleichen, und nicht eine leickt aufzolöl sende Kost aus Semmel, oder gut ausgebacknen Nei« zenbrode», wie wir oben erwähnt haben, zu semer Nahrung, (oder auch wohl gar zum unvermeidlichen Verderben des Kindes, des Nachts auf einer ^ampe gewärmtes Getränke) gegeben wird. Amn. des Ueders. Von der Kindheit. '55 zweiwüchsigen Glieder, einer zusammengedrückten Brust, woraus Engbrüstigkeit und Husten entsteht, und überhaupt eines übelgestalteten Körpers nebst ei« nem wankenden Gang, außer einer unzähligen Men» ge andrer üblen Zufälle. Das Kind muß auch an seiner Oberfläche des Körpers immer vollkommen rein gehalten und seine Gliedmaßen, wie auch am Halse und hinter den Ohren steißig, anfänglich mit warmen, nach und nach aber immer mit etwas kältern und endlich mit ganz kalten Wasser gewaschen werden; woran das Kind endlich sich so gewöhnet, daß es mit der Zeit das ganz kalte Wasser nicht nur vertragen lernt, sondern zuletzt sich reckt gerne gefallen läßt. Das frühe Aufstehen in den Morgenstunden ist für Kinoer, wenn sie anders von selbst erwachen, welches gemeiniglich zu geschehen pflegt, sehr zulräg» lich; aus ihrem Schlaf aber muß man sie niemals wecken, und sie auch unter Tages an ordentliche Schlafstunden gewöhnen. Bei dem^ liegen im Bette oder in der Wiege müssen ihre Schenkel allzeit gerade ausgestreckt liegen. Bei diesem Verhalten, können die meisten Kinder vollkommen kräftig und aufrecht, im neunten oder zehnten Monate allein gehen lernen *). Allzeit aber/ be. ') Die meisten' Wirterinnen hegen die ungegründett Furcht, die frühe Anleitung zum Gehen mache krum» m« »56 i.Abschnitt. i. Hauptstück. bevor sie nicht zwei oder drei Jahr alt sind, muß man verhüten, daß sie nie auf einmal so lange gehen, bis sie ganz ermücet sind. Wenn die Mutter ja nicht im Stande seyn sollte, ihr Kind selbst zu stillen, so suche sie nur eine muntre Amme zu erlangen, die noch neue Milch hat, und schon junge Kinder aufzuziehen gewohnt ist. Nach Ablauf der ersten sechs Monate können schwache Fleisch» brühen und alle unschuldige leichte Nahrungsmittel dem Kinde eben so gute Dienste thun, als wenn das Kind blos mit Muttermilch aufgezogen würde. Dem Kinde eine schickliche Bewegung und eine beständige und zuträgliche ieibesübung zu verschaffen, »md es in gehöriger Stellung zu erhalten, ist ein Um» stand von größter Wichtigkeit, worauf bei der ersten Erziehung vornehmlich zu sehen ist. Die me Schenkel: allein der sieche, innerlich krankhafte Zustand ist die wahre Ursache der Krümme und üble» Gestalt der Gliedmaßen : denn qewiß alle Kinder, die noch unter ihrem ersten Lebensjahre laufen lernen, ha» ben auch gerade Ober» und Unterschenkel, sie müßten denn durch Gewaltthätigkeit daran gelitten haben. Und gerade umgekehrt verhält es sich mit den Kindern, die bisweilen unter zwei, drei und mehr Jahren nicht auf die Beine zu bringen sind: bei denen findet man Ungeftaltheiten öfters an allen Theilen ihres Körvers, weil aus Mangel aller Mustelbewegung die Eäfte slo.' cken und verderben, und alle feste Theile weich, schlaff und locker bleiben, und also auch leicht Krümmungen und Verschiebungen in den Knochen und Gelenten ent< stehen können. Anm. des Uebers. Von der Kindheit. '57 Die Kleidung des Kindes kann blos in einem Hemde und weißen Flanellunterröckchen bestehen, wcl. ches lctztre irgend eine gute Queerhand über die Füße herunterragen muß, woran das obere Theil von Bar, cheut oder andern dichten Baumwollenen Zeuge, hin» ten mit Bandern, zum Zubinden gemacht wird; darüber nun wird ein Bund zwei Zoll breit von feiner Starrleinwand, Mit Atlaß oder einem andcm seinen Zeuge überzogen, angelegt, woran ein Band zum Zubinden befestigt ist; und diese Art des Anzugs kann völlig die Stelle eines ieibchens vertreten, ohne alle die von letzter« herrührenden Unbequemlichkeiten *) dem Kinde wiederfahren zu lassen. Ueber diesen nur gedachten Anzug kann noch ein leichter Schlum, per oder Frack, oder was sonst beliebig ist, gezogen werden, nur daß dieß Oberkleid hinten zugebunden und nicht weit über des Kindes Füße herunter gehen muß, damit man ihre Bewegungen genau bemerken kann. Ist ») Dr. Th. Withers seht sogar, und gewiß mit Grunde, (in seiner Abhandlung von der Engbrüstig' teil, Leipz. «78?. S. ?».) die entfernte Ursache der Engbrüstigkeit in dielen ersten Lebensabschnitt der Kim der und vorzüglich in die mit hartem Fischbein ausge« steiften Le'verchen oder Schnürbrüstchen. Allein die gehinderte, nothwendige, freie Erweiterung der Brust, und der dadurch erschwerte Umlauf des Blutes durch die Lungen, wie auch die unterdrückte wurmfsrmige Bewegung des ganzen Darmkanals müßten nothwen« dig viele solche Folgen h iben, die hier zu beschreiben, gar nicht der rechte Orc wäre. Man muß es also im« mer mit Dank ei kennen. daß sogar ein großer Kaiser die Schnürbrüste öffentlich verbot. Anm, des Uebers. W IF8 '.Abschnitt. 2.Hüllptstück. Ist das Kind ein halbes Jahr alt, so kann man ihm Schuh und Strümpfe anziehen, nur müssen die erster» von hinlänglicher Weite und vorne nicht sehr zugespitzt ftyn, damit die Füße nicht zusammengepreßt und ungesialt werden. Das Kind muß so lange, bis es die meisten Zahne bekommen hat, stets den Kopf mit einer guten oder doppelten Kappe bedeckt halten. iauf-oder Gängelbänder müssen von keinerlei Art eher gebraucht werden, als, bis das Kind steif und gerade völlig allein gehen kann. Der Nachtanzug für das Kind kann blos in ei« nem Hemde bestehen, und in einem Betttuch, worein eS geschlagen und in einer dünnen Decke, die über das Kind gebunden wird. Zweites Hauptstück. Von dem jugendlichen Alter. Der Jüngling muß eine volle reichliche Kost ha» ben; sie muß aber leicht zu verdauen und ganz einfachseyn: denn alle Nahrungsmittel, welche schwer zu verdauen sind, legen unvermerkt den Grund zum Scorbut, Stein, Rhevmatism', und vielen andern üblen Zufallen. Wein oder andre starke Getränke sollten nie, oder doch nur sehr sparsam, solchen jungen Von dem jugendlichen Alter. 159 gen leuten, die noch im Jünglingsalter stehen, zu trinken verstattet werden. In diesem Alter müssen diese Personen unreife Früchte gänzlich, und auch ganz reise im Uebermaaß vermeiden. Jünglinge, müssen in ihren körperlichen Bewegungen die Mit- telsiraße halten: denn wenn sie sich deren zu wenig machen, so werden sie dicke, sehr beleibt, und un» thatig; von zu vielen aber verlieren sie ihre Kräfte. So verhält es sich auch mit dem Schlafe: zu« viel Ruhe und Schlaf macht sie diimm, allzuwenig aber zehrt den Körper aus und erregt Fieber. In allen diesen Dingen muß der Jüngling vorzüglich die Mittelstraße halten. , Da eben dieses Alter bie rechte Zeit ist, das Ge« müthe zur Tugend zu gewöhnen, so muß man auch vor allen andern Dingen, darauf alle Sorgsalt wen« den und sein vornehmstes Augenmerk richten. Von der Ausübung der Tugend hangt der Jünglinge künf» tige Gesundheit ab; denn ohne diese wird es immer unmöglich seyn, einen unverdorbenen Körper inS männliche, und hohe Alter mit hinüber zu bringen. Das ieben des Bösewichts ist kurz und elend. Der Bescheidne und Tugendhaste würde mit Abscheu und Schrecken erfüllt werden, wenn er hören sollte, was für fürchterliche Uebel lasterhafte Jünglinge auszustehen haben, ehe sie aus der Welt gehen : oder wenn auch einige, bevor sie noch die iebenskräfte völ« lig vernichtet haben, sich eines besser!, besinnen, und in ihrem wüsten lebe» Halte machen, so sind sie doch in i6a «.Abschnitt. 2.Hauptstück. in ihrem Innersien so äußerst angegriffen, daß sie nur ein stets getrübtes, niedergeschlagenes und gleichsam sterbendes ^eben führen, wobei sie sich selbst und allen andern um sich her, zur last sind; und, was noch trauriger ist, sie pflanzen oft ihr sich zugezognes Elend auf eine unschuldige Nachkommenschaft *) fort. Wollte man fragen, wie die schwindelnde Jugend, welche durch ihre heftigen ieidenschaften, wie von einem Strome Hingeriffen wird, von diesen un» glücklichen Ausschweifungen abgehalten werden könn» te; so würde die Antwort diese seyn: ihre ieidcnschaf» ten müßten ganz früh durch gute Zucht und Beispiele bezähmt werden. Dieß ist ein Geschäfte, welches den Aeltern obliegt, deren vornehmste Sorge seyn muß, ihren Kindern, indem sie dieselben noch bei sich haben, den Weg zu zeigen, den sie gehen muffen, und sie so mit demselben bekannt zu machen, daß sie auch im Alter nicht davon abweichen mögen "*). Drittes *) Wenn gleich eben nicht die ganze Menschheit, wie Sanchez in seinen hinterlassenen Schriften hin und wieder behaupten will, mit der Lustscuche angesteckt ist; so find« man im praktischen Leben doch Fälle von solchen versteckten, hartnackigen, und verwickelten Krankheiten genug, die als angeerbt« Uebel, wenn gleich manche berühmte Aerzte der Sache widerspre« chen, anzusehen sind, deren ursprüngliche Entstehung bisweilen aus einem unordentlichen Iuger.dleben der Aeltern von solchen Kranken mit Grunde hergeleitet werden muß. Anm. des Ueber!'. *') In dieser gegebnen Vorschrift offenbart sich der von treffliche und dem verewigten Fothergill ganz eigne Cha, Von dem männlichen Alter. 161 Drittes Hauptstück. Von dem männlichen Alter. In diesem iebensabsclwitt ist dieß für die Gesund« )eit die größte Gewährleistung, wenn aus der Jugend Charakter so deutlich, baß man diesen so edlen Mann, der von Hohen und Niedern, Einheimischen und Fremden, mit Rechte hochgeschätzt wurde, sowohl wegen seines guten und wohlwollenden Herzens, als auch wegen der ausgebreiccten richtigen Kenntnisse der tiefen Einsicht und richtigen Erfahrung, die er vorzüglich in der praktischen Heilkunde halte, nicht verkennen kann. Seine bei der königlichen Societät der Aerzte zu London gemachte Stiftung, von wel< cher der berühmte Doktor Falconer die erste gold« ne Preißmedaille voriges Jahr für die Abhandlung vom Einfluß der Leidenschaften auf die Krankheiten des Körpers erhielt, wie auch die beträchtliche Schule, die er für zweihundert und zehn Knaben, und ein hundert und vierzig Mädchen der Quäcker, (von deren Secte der große Fother» gi ll war,) die unter der Aufsicht von fünf Schul< meistern und drei Schulmeisterinnen nebst ihre-in Ober- ausseher standen, ans immer gestiftet hat, geben von seinem großen Vermögen, aber noch mehr von dessen rühmlicker^l Anwendung, die herrlichsten Beweise, und werden ihn in stetem Andenken erhalten. (Manse> he den dritten Theil von Doktor Oebh. Fried r. Aug. Wendeborn's Zustand des Staats, der Religion, der Gelehrsamkeit und der Kunst in Grosbritannien. Verl. d. Uebers. 164 ».Abschnitt. 4.Hauptstück. fälschlicher Wollust der gefährlichste Feind des hohe» Alters, indem er den Körper ganz außerordentlich entkräftet; andre Arten von Ausschweifungen, die der Gesundheit nicht mindern Nachtheil verursachen, sind zu viel Sorge und ängstliches Bestreben um Reichthum ^), wie auch ein allzuanhaltendes und ange» *) Nichts vermag die Gesundheit geschwinder zu unter« graben, und merklicher zu schwächen, als ängstliche Sorge und Bestreben um Reichthum, wovon doch der Greiß keinen sonderlichen Gebrauch machen kann. — W^s ist nun dem Elenden der Reichthum, den er mit Mühe und Noth zum Genuß im hohen Alter zu» sammen gescharrt hat? Wenn der Lebensabschnitt ein« tritt, den er zum Genuß seiner Schätze bestimmt hat, so fühlt er, daß die Zeit für sein ferneres Glück vor, über ist. Leben, Gesundheit, und Vergnügen sind zu allen Zeiten so ungewisse Güter, daß wir als Wei» se, i>> lange wir sie besitzen, davon Gebrauch machen, und uns nicht betlagen müssen, wenn sie uns zu elner Zeit, die wir voraussehen, wieder verlassen: denn wer sich vorstellt, daß er sich in seinen alten Tagen erst recht vergnügen will, urtheilt sehr unrichtig und verkehrt. Die Würde unsrer Natur bringt es mit sich, daß wir an jedem Gute auf gute Art Antheil neh< men. Allein dieß ist nicht der Fall bei denen, die sich erst in ihrem hohen Alter Vergnügungen v>-schaffe,, wollen. Der arme Sterbliche, mit dem vollen Be< cher angenehmer Erwartungen in der Hand, den er so lange von seinen Lippen zurückhält, bis er unfähig wird, ihn zu kosten, fühlt nun, wie sick alle seine Unruhe durch die Vorstellung vermehrt, daß andre da« Verqnüqen nach ihm genießen werden, das er sich selbst versaat hat Daher entsteht Aergerniß , Verdruß und Trübsinn, Verzagtkeit und Niedergeschlagenheit; unverkennbare Aeltern gewisser Krankheiten welche nicht selten den Faden des Lebens merklich abkürzen. Kurz, der Geiz ist «ine solche Leidenschaft, welche alte Per. Vom hohen Alter. 165 angestrengtes Studieren, und stets mürrisches Wesen. Bejahrte Personen müssen, wo es irgend in ihrer Gewalt steht, sich einen solchen Ort zu ihrem Aufenthalt wählen, wo die iuft rein und gesund ist; auch müssen sie zu aller Zeit, sie mögen sich befinden, wo sie wollen, ihre Diät verhältnismäßig nach ihrer Bewegung einrichten, nunmehr die feste Kost et» was vermindern, und dagegen der Menge ihres Ge» tränkes etwas zusetzen; ihnen ist es zuträglich, von ihren Mahlzeiten aufzustehen, bevor sie sich völlig gesättigt suhlen, und sollten sie ja den einen Tag eine Ausschweifung in Ansehung ihrer Diät begangen haben, so muß den andern durch Enthaltsamkeit die« ser Fehler wieder gut gemacht werden. Da der Schlaf alte Personen so verwundernswürdig stärkt, so sollten sie auch allerdings recht ernstlich drauf be, dacht seyn, alle Mittel anzuwenden, die Nachtruhe auf eine recht erquickende, sanfte und angenehme i 3 Weise Personen sorgfältig vermeiden müssen; sie müssen nicht dann erst, wenn das Leben fast zu Ende geht, mit dem Genuß ihrer Güter einen Anfang machen: nein, sie müssen sich bestreben, daß andre von ihnen sprechen, wi» jener Dichter von seinem Freunde: t^lm t^ Ke !«c>^ ll on ectsirr üic, 2116 Ke« 8«>v nutlnnß to lehret, or tliere tc> iear; ?iom I^Hture« teuisirUte te^li roi? l3ti«sy'cl, IliimIiVt neav'n tNat ne kÄci livV! anä tliar. Anm. de«? U dcrs. ' W 166 Abschnitt. 4. Hauptstück. Weise zu genießen '"). Ferner müssen dergleichen Per» sonen auch darauf denken, ihren Körperstets reinlich und von allem Schmuze befreit ^) mit guter Kleidung ver- wahrt, ^ ^) Hierbei wird gemeiniglich ein gewisser Fehler be< gangen, der gar nicht dafür gehalten wird, näm« lich daß man ein Nachtlicht im Schlafzimmer brennt: es giebt gewisse Personen, die vorgeben, sie könnten gar nicht ohne ein brennendes Nachtlicht schlafen. Wer aber nur Achtung geben will, der wird bemer« ken, wie bald, unter übrigens gleisen Umständen, der Schlaf sich im ganz finstern Zimmer einsindet, und wie lange er sich vergeblich und sehnlich wünschen läßt, wenn man durch den Schein eines brennenden Lichtes dem Auge u«d dadurch dem Gehirn, und durch dieses dem ganzen Nervensystem einen gewissen Reiz verursacht, so, daß der angehende Schlaf abgehalten wird, und wenn er sich allenfalls eingefunden hat, sich sehr leicht durch den Reiz des Lichtes unterbrechen läßt, da ohnehin bei hohen Jahren kein tiefer und lang anhaltender Schlaf Statt findet. Es wird da« her allzeit bessr gethan seyn, sich zu gewöhnen, ohne Nachtlicht zu schlafen Von der Verunreinigung der Luft von den in sie zerstreueten Fett«Oel oder Wachs» theilchen soll nicht einmal hier in Anschlag gebracht werden. Anm, desUebers. 54) Welches Mittel könnte hierzu wohl dienlicher seyn, als ein ganzes Bad? Ein aus etwas Kleien, ein wenig Seife, einigen Blumen und Kräutern, z. B. römischen oder nur gemeinen Chamillen, Feldkümmel und Melissenkraut gekochtes Bad wird immer im an« gehenden Alter die besten Dienste leisten; wenn man es in einem mäßigen Wärme,Grad früh bei noch lee< rem M igen, eine ziemliche Stunde lang mit Beide« Haltung gleicher Wärme, die durch Nachgießen mehrern warmen Wassers bewirket wird, in einer dazu gehö« rig eingerichteten Wanne anwendet. Da nun im Bade durch steißiges Reiben die ganze Oberstäche des Körpers von allem Schmuze gereinigt, die bisher erschwer- Vom hohen Alter. 167 wahrt, und besonders den Magen, wie auch die un» lern Gliedmaßen, Schenkel und Füße hinlänglich i 4 warm erschwerte Ausdünstung wieder triftig befördert, die nun im höhern Alter zur Trockenheit sich neigende Fi< ber erweicht, und auch durch den guten Geruch der aus einem solchen Bade aufsteigenden flüchtigen Theil« chen das ganze Nervensystem gestärkt wird, so folgt auch hieraus ganz natürlich, daß alle Absondrungen und Ausführungen freier von Statten gehen, und in< sonderheit die immerkliche Ausdünstung, die zur Erhal« tung so unentbehrlich ist, auf' eine vorzügliche Weis« vermehrt werden mutz. Der in alten Tagen oft hartnäckigen Leibeeverstovfung und öfters sehr beschwerlichen Uri'.n'erhattung wird ebenfalls durch oftmaliges unk anhaltendes Baden gut vorgebeugt, und wenn diese Nebel bereits den Greis beschwerten; so wird ihm ein stundenlanges Sitzen im lauwarmen Bade tressliche Dienste leisten, zumal wenn er es in einem Tage ver- schiedemal wiederholt, und dabei, ja selbst währendem Bade, von einer guten Hüners oder Kalbfieisckvr he (die mit Kirbel, jungen oder alten Mohren, und mit Spargel abgekocht ist,) allzeit etliche Tassen warm trinkt, und cm paar Löffel voll alten Rheinwein drauf nimmt. Von dieser Methode h >b' ich einigemal vors treffliche Wirkung und weit bessern Nutzen, als von allen Purganzen und Klystieren, die doch meistenthcils bei manchen Aerzten die einzige Zuflucht sind, wahrge« nommen. Ich muß aber dabei nicht undemeckc last lassen, daß ich in solchen Fallen auch taglich zwn bis dreimal ein Quentchen von einem leicht auflöslicheir Mittelsalz anwendete. Es tonnte hier noch viel von dem großen diätetischen Nutzen der Bader überhaupt gesagt werden, wenn es die Ganzen einer Anmerkung «erstatteten. Ich verweise aber den Leser vorzüglich auf die Beme'.'kunne» und Untersuchungen üD'l den Gebrauch der Dampfbäder bei Verschiednen Völkern insbesondre inRußland: M'mmmgcn >?^. Wie h,,s k,.lte Bad donischwächlichen Rinde höchst nützlich' ist: so ist das warme dem schwa« i6g i.Abschnitt. 4. Hauptstück. warm zu halten, und die natürlichen Ausleerungen, entweder durch gewöhnliche oder schickliche Arznei» Mittel zu unterhalten. Sie müssen sich auch immer auf alle nur mögliche Art aufgeräumt und bei guter iaune zu erhalten suchen, und ihr Betragen so einrichten, daß es jungen ieuten angenehm seyn, und ihnen ihren Umgang recht oft verschaffen möge: denn dadurch werden sie stets aufgeheitert, und der Trüb« sinn und mürrische Charakter, der dem Alter gemeiniglich eigen ist, am besten vertrieben. Eine fieißi» ge Erinnerung der in der Jugend genossenen Freu» den "), heitert den Greiß auf, und belebt ihn auf eine ganz besondre vortheilhaste Weise. Doktor schwachen vertrocknenden Greiße sehr zuträglich, und «s ist sehr zu bedauern, daß man die uralte und mor.' genländische Gewohnheit des häufiqen Badens, da man doch in allen neuen Moden das Alle und Fremde heruoi sucht, noch nicht ansängt, zur Mode für Damen und Herren zu machen. Erstere würde» dadurch länger ihre Neize erhalten, und letztre ihrer allzufrühen Hinfälligkeit vorbeugen. Daß aber lauwarme Bäder nur bei Personen von cholerischem und melancholischem Temperamente und trockner Constitution, nicht aber bei solchen, die einen schlaffen und fetten Körper haben, mit Nutzen angewendet werden tonnen, wird jeder von selbst einsehen, und diesen müßte man eher lurch Reiben, sanftes Bürsten und Wasche» mit kaltem Wasser, das zur Hälfte oder zum dritten Theile mit Laven« del- oder Noßmarlngeist verstärkt wäre, oder mit blos gewärmten Weine, zu Statten kommen. Anm. des Uebers. ') Es versteht sich, daß diese genossenen Freuden in lau< ter guten Handlungen bestanden haben. Denn solche, wodurch > Vom hohen Alter. 16c» Doktor Welsted empfiehlt zalten Personen sol» gende Regeln zur sorgfältigen Beobachtung: Erste Regel. Eine alte Gewohnheit muß bei bejahrten Perso» nen in der iedensordnung nur mit größter Behutsam« keit und ja nicht zu plötzlich abgeschast werden, und wenn auch diese Verändrung sogar dem ersten Anscheine nach zuträglich scheinen möchte: denn in alten Tagen sind nicht mehr solche Kräfte, wie in der Jugend, vorhanden, mit einer neuen iebensart zu kämpfen, und eine Gewohnheit zu andern, welche durch die iänge vieler Jahre zur andern Natur worden ist. Zweite Regel. Alle Dinge, die bejahrte Personen aus Ersah, rung in ihren vorigen'Jahren für ihre Gesundheit schädlich gefunden haben, müssen sie nun desto sorgfältiger vermeiden: denn wie sollten sie das itzt ver' tragen, was ihnen bei vollen Lebenskräften Nachtheil brachte? l 5 Dritte wodurch das Glissen verletzt, die Gesundheit aus unwiederbringliche Weise zerrüttet, und das Ziel des Lebens offenbar verkürzt worden ist, schilpen den Geist nieder, und machen schon hier einen Theil der gerech« ten Strafen aus, die sich der Lasterhafte mit seinen 'oft aller Menschlichkeit zuwiderlaufenden sinnlichen Freuden zugezogen hat. Anm. des Uebers. ^1 m ^ i. Abschnitt. 4. Hauptsiück. Dritte Regel. Die Speisen und Getränke für Alte, müssen von solcher Beschaffenheit seyn, daß sie weder im Magen Unruhe erregen, noch den Kopf angreifen; und, im Fall dieß ja geschehen sollte, so muß die Ausschwei» sung nur durch ein Ausleerungsmittel sogleich wieder gut gemacht werden. Vierte Regel. Man muß im hohen Alter stehende Personen stets bei gutem Appetit und ihre Adsondrungen in guten Umständen erhalten, soviel, als nur immer möglich ist. Fünfte Regel. Greise müssen sich stets aufgeräumt, und bei guter iaune zu erhalten streben. Allein diese reizende Munterkeit ist bei solchen nur möglich, welche ihr ver» gangnes leben mit lauter Wohlthun zugebracht ha. ben: denn ein solcher Rückblick kann Zufriedenheit und Aussichten in künftige Glückseligkeiten gewahren. Galen nennt das Alter einen Mittelstand zwischen Gesundheit und Krankheit, die gemeiniglich in Trockenheit und Kälte besteht, und welche mit ein wenig Wein und einer erwärmenden und befeuchtenden Kost am besten zu heben ist. Im hohen Alter ist's auch sehr zuträglich, sich mit einer Bürste reiben zu lasl/n, indem dadurch die Bewegung des Blutes vermehrt, eine sanfte Wärme erzeugt und dadurch zur Vom hohen Alter. l?l zur gleichen Vertheilung der Nahrung in alle Theile des Körpers, ein sehr großer Beitrag geleistet wird; nach dem Reiben aber wird eine gemäßigte ieibes» Übung sehr gut bekommen, doch muß sie ja nicht zu heftig seyn, weil sie sonst den Körper schwache!! und abzehren würde, da hingegen bei einer gemäßigten Bewegung, auch der Greis immer gut bei !eibe bleibt. Die körperlichen Bewegungen müssen auch blos solche seyn', an die der Alte sonst schon gewöhnt war, und welche zugleich angenehm und für ihn unterhaltend sind. In diesem Abschnitte des iebens müssen alle Arten der Speisen, die dicke und klebrige Säfte geben, vermie« den werden, und in di.^ Classe gehören vornehmlich un» gegohrnes Brod, Käse, Schweinefleisch, Aal, Au- siern und alle schwer zu verdauende Nahrungsmittel. Besonders ist in dieser iedeneperiode auf recht gutes Brod zu fthen,das mit einer gehörigen Menge Salz und Hefen oderSauerteig gemischt, gut geknetet und voll» kommen ausgebacken seyn muß, denn sonst würden Verstopfungen der leber, der Milz und der Nieren entstehen. Wenn der Greiß zwei Tage hinter einander ver» stopft ist, dann kann er am dritten ein sanftes Oef. mmgSmittel nehmen, und vorzüglich ein solches dazu wählen, das er bereits im ähnlichen Fall aus Ersah, rung dienlich gefunden hat. Eine gänzliche Milchdiät ist sehr gut, und zieht viel gute Folgen nach sich; jedoch muß der bejahrte Mann 172 «.Abschnitt. 4.Hauptsiück. Mann selbst erst nach seiner gemachten Erfahrung bestimmen > ob sie ihm auch zuträglich sey» möchte. Wo diese Diät mit Nutzen anwendbar ist, da hält sie den ieib offen, erzeugt milde Säfte »md erhält den Körper bei gutem Fleische. Jedoch ist gleichwohl darauf zu sehen, daß die Milch von Thieren kömmt, die von Mittlerin Alter, vollkommen gesund sind, und eine gute Weide haben, wo lauter milde'und gesunde Fütterung wächst. Eselinnen - und Ziegenmilch kann mit vielem Nutzen wechselsweise getrunken wer» den, weil die letztere am nahrhaftesten, und die erstere, als die dünnesie, die leichtverdaulichste ist. Alte Personen müssen blos alten, starken, auf die Urinwege wirkenden Wein trinken : denn vermöge seiner Starke wird er die nöthige Wärme in ihre kal» ten Glieder verbreiten, und durch seine Urintreibende Kraft, alle überfiüßige Feuchtigkeiten aus dem Kör. per fortschassen, welche mit ihrem längern Verweilen in demselben mancherlei Uebel erzeugen, und die Ge» sundheit sehr verletzen würden. Hier werden auch einige Worte vom hohen Al> ler, wie ich glaube, nicht am unrechten Orte stehen. Ein hohes Alter kann entweder von der Natur, oder von der Kunst, vorzüglich aber von Vereinigung beider Stücke herkommen. Die Vom hohen Alter. 173 Die Kennzeichen, welche uns die Natur gewährt, woraus wir schließen können, daß ein Mensch An« spruch auf ein hohes Alter machen darf, sind fol» gende. Für's Erste muß ein solcher Mensch wenig» siens von einer Seite von Aeltern abstammen, die ein hohes Alter erreicht haben. Für's Andre muß derjenige, welcher seine ie« benstage bis zum höchsten Ziele bringen will, sich eines gelassenen, zufriedenen und vergnügten Charakters befleißigen. Drittens, muß der Körperbau in allen seinen Theilen ein gehöriges Verhältniß haben ; die Brust» hole muß hinlänglich weit, und die Bildung der Gelenke und Gliedmaßen gehörig beschaffen, der HalS lieber kurz, und der Kopseher groß, als nach Verhältniß der Größe des ganzen Körpers zu klein, und der Hals zu lang seyn. Viertens, der Körper muß fest und derb, und das Gefaßesystem nebst den Nerven und allen Fibern von gehöriger Dichtheit und Spannkraft, und nicht Anlage zum Fettwerden vorhanden, und endlich müs» sen die Blutgefäße weit und hervorragend seyn; hierzu kann noch eine etw^s liefe Stimme, und eine Haut, die nicht zu weiß und glatt ist, gerechnet werden. Fünf« «74 '.Abschnitt. 4. Hauptstück. Fünftens, muß mich der, welcher aufein ho« hes Alter Anspruch machen will, einen langen und gesunden Schlaf haben. Der größte Beitrag, den die Kunst zn einem hohen Alter leisten kann, besieht in reiner iuft und gutem Wasstr; in einfacher mäßiger Kost; in vernünftiger Bezähmung unsrer Neigungen und ieiden- schaften; und, mit einem Wort, in einer klugen u>H gehörigen Anwendung aller zum ieben erforderlichen Dinge, und besonders in der Ausübung der in folgenden Blattern aufgestellten Gesundheitsrcgeln. Von der Luft. '75 :-AT--- -w Zweiter Abschnitt. Von den sechs sogenannten nichtnatürlichen Dingen, oder besondern Bcdmsl.l„en mn Lcbni und Gesundheit zu erhalten : nämlich von der Luft, Nahrung, Bewegung und Ruhe, vom Schlaf und Wachen, von der Anfüllung und Ausleerung, den Leidenschaften und Gemüthsbewegungen u.s.w. Erstes Kapitel. Von der Luft. ^enn eine Krankheit sich allgemein verbreitet, und Personen von jedem Alter und jeder kör« perlichen Beschaffenheit, bei ihrer ganz vcrschiednen Diät und iebensart dennoch, ohn? alle Ausnahme überfällt; so ist die Ursache eines solchen Uebels ganz unfehlbar in der lult, dk> die Menschen gemeinschaftlich athmm, befindlich; und in solchem Fall würd' es auch ganz vergeblich seyn, die bisher gewohnte und zuträgliche iebensart deßhalb zu verändern : denn in dergleichen Umstanden ist kein anderes Mittel übrig, als sich aus der,, verderbten ansteckenden tust in eine solche ^ ,76 2. Abschnitt. I.Kapitel. solche Gegend zu begeben, wo sie noch rein und unverdorben ist *). Wir müssen vorzüglich die Beschaffenheiten der iuft in Betrachtung ziehen, und sehen, ob sie heiß oder kalt, oder wie sie sonst beschaffen ist, und, um eine glückliche Hcilart zu erlangen, muß man auch die Iahrszeiten wohl bemerken. Hip'pokrates sagt, der lang anhaltende Nord, oder Mitternachtswind giebt dem menschlichen Körper Dichtheit, Starke, Behendigkeit, und eine mun, tere Farbe; denn dieser,Wind befreiet den Dunst» kreis von groben Dünsten, und verschast der iust ih. re Reinigkeit und Durchsichtigkeit, und ist daher unter allen übrigen, wenn man überhaupt davon spre> chen will, der gesündeste. Jedoch ist er zärtlichen Constitutionen gleichwohl beschwerlich: denn er ver» msacht ihnen leichtlich Husten, Halsentzündung, Seiten« ") Glücklicher aber ist man, wo weise, einsichtsvolle und wohlwollende Obrigkeiten für die Einwohner so besorgt sind, daß sie die morastigen, meist nm stillste« henden Wasser angefüllten Festungsgraben der in einer ziemlichen weiten Ebene gelegenen Stadt, ausfüllen, mit allerhand Bäumen bepflanzen, und dem noch beizubehaltenden Gewässer Bewegung und Reinigkeit geben, und also start stintende Sümpfein die ange« nehmsten Spatziergänge verwandeln lassen. Daß dieß der Fall mit unserm Leipzig ist, wird man soglcich.mer- ken, und der Einheimische und Fremde muß den Stift lern solcher bleibenden heilsamen Verbesserungen der ganzen Atmosphäre einer so volkreichen Stadt danken. Anm. des Uebers. Von der Luft- '77 Seltensiechen, Verstopfung, Fieber und auch wohl Harnstrenge. Der Süd - oder Mittagswind hingegen, sagt unser großer Beobachter, befeuchtet das Gehirn zu sehr, schwächt und erschlafft den Körper, und ist sehr geschickt, Schnupfen und Flüsse zu erzeugen. Ueberhaupt aber genommen, ist eine sehr trockne Witterung immer gesünder, als eine feuchte. Im Winter der Kalte zu widerstehen, muß man sich an trockne und erwärmende Kost halten. Im Frühling, wenn die iust milde zu werden anfängt, muß auch die Diät dieser Jahreszeit angemessen seyn, und von leichterer und kühlenderer Eigenschaft, als bis« her, gewählt werden. Im Sommer, wo die lust warm und trocken ist, muß Speise und Trank küh. lend und verdünnend seyn; so bald aber der Herbst eingetreten ist, hat man auch die Diät wieder zu andern ; Kost und Getränke dürfen nun nicht mehr abkühlende Wirkung thun, und die Kleidung muß bei dem herankommenden Winter, allmählig mit wärm, rer und dickrer verwechselt werden. Unter den Jahreszeiten ist der Herbst immer die ungesundeste, weil dann die Theilchen der Ausdün- siung nicht nur zurück gehalten, sondern auch gemei- niglich zur FäuIniß geneigt gemacht werden *); jedoch *) Bekanntermaßen pflegt im angehenden, auch bisweil len spätern Herbste die Ruhr auszubrechen, und M manch, > M 2. Abschnitt. ».Kapitel. doch kann dieß dem, der sich bereits mit gehöriger Kleidung versehen und die rechte Diät gewählt hat, keinen Schaden thun. Wir müssen aber in dieser Iahrszeit nur nicht zu leicht bekleidet und in zu dünnen Schuhen ausgehen. Der Frühling ist überhaupt die sicherste und ge> fundest« Iahrszeit, so wie der Herbst die gefährlichste und ungesundeste unter den übrigen ist; vorzüglich ist der Frühling und angehende Sommer Kindern und jungen Personen am allerzuträglichstcn; so wie der Sommer und Anfang des Herbstes alten Personen am besten zusagt; und das Ende des Herbstes, und der darauf folgende Winter in Rücksicht auf die Gesundheit dem Mittelalter am besten behaget. Der manchmal heftig zu wüthen, und weit um sich zu greift«, und man schiebt (wiewohl ganz irrig) ge» meiniglich die Schuld auf den zu häusigen Genuß der um diese Zeit reifenden Früchte. Dem Arzte aber ist mehr als zu bekannt, daß die Anlage zu dieser gejähr« lichen und in der Folge ansteckenden Krankheit schon im vorhergehenden Sommer, durch unmaßige Cr< hitzung des Vlutes und scharf aewordne Galle gemacht, und daß die im Herbste öfters sehr kalten Nächte und daher zurückgetriebnen Ansdünstuügm zum villigen Ausbruch gebracht werden. Den Nichtarzt will man hierdurch erinnern, sich in sehr heißen Sommerlager« vor aller Bewegung in den Mittagsstunden, und vor aller zu leichten Kleidung in angehenden Herbsttagen, besonders aber vor aller Erkältung in den Heibstnach« ten, auf das sorgfaltigste zu hüten, wenn er der Ruhr Entgehen will. Anm. des Uebels. Von der Luft. '79 Der Frühling erzeugt Blut, der SomMcr Gasse, und die andern Iahrszciten solche Säfte, wie sie ihre Beschaffenheiten mit sich bringen. Der Frühling ist auch zum Blutlajsen und Gebrauch abführen» der Mittel, wenn ja dergleichen nöthig sind, und bis dahin ihr Gebrauch verschoben werden könnte, am anwendbarsten. Da in der Frühjahrszeit die iust mit Düften aus den! sich öfnenden Blumen reichlich angefüllt ist; se) giebt sie auch mehr Stärkung als die Herbsilust, welche nun mit Dünsien von verdorbnen und faulenden Gewachsen überladen, und um so viel gefährlicher wird, als die sonst um diese Iahrszeit gewöhnlichen häufigen Winde die iuft weniger bewegen, und von ihrer Schädlichkeit befreien. Kömmt die Temperatur der iuft mit der sonst natürlichen Beschaffenheit der Iahrszeit überein, so kann man auch ein gesundes Jahr erwarten, und die etwannigen Krankheiten sind gewiß nur von leichter Art; wenn aber die Witterung in Ansehung der Jahrs« zeit ganz widersprechend ist; so folgen auch sehr wich» tige hartnäckige Krankheiten. Plötzliche Veränderungen aus großer Hiße in heftige Kälte,'smd allezeit von gefährlichen Folgen, und bringen schlimme Krankheiten hervor, und wenn solche Abwechselungen an einem und eben demselben Tage lange Zeit hinter einander vorgehen; so können wir wichtige Herbstkrankheiten erwarten. M « Dli ff I8o 2. Abschnitt. I.Kapitel. Die iuft durchdringt vermöge ihrer Feinheit alle Theile des menschlichen Körpers, und giebt selbst zu der innern Blutbewegung (inotuz inrelrinuz) der Säfte Anlaß, und unterstützt die natürliche Schnell» kraft der Fibern, welche dann zum lebhaften Umtrieb oder Kreislauf des Blutes das Ihrige beitragen. Da nun die iuft die vornehmste bewegende Ursache aller fiüßigcn und festen Theile im menschlichen Körper ist; so sollte billig jedermann gesunde iuft zu erlangen seine größte Sorge seyn lasten. Diejenige iuftart ^) ist für die beste zu halten, welche rein, trocken und temperirt ist; hierunter ver» steht *) In einer Diätetik für jeden aufgeklärten Menschen, wie diese seyn soll, wird es schon genug, zumal in ei.' ner Anmerkung, gesagt seyn, daß man sich nur in einer reinen, frischen, ungekünstelten Luft, wie sie die liebe Natur in einer angenehmen Gegend entwickelt und in der Atmosphäre liefert, wo möglich immer aufhat: ten müsse. Will der Nichtarzt noch eine andre Luftart kennen lernen : so qiebt es noch eine Art, die in allen Körpern eingeschlossen und mit ihren Bestand« theilen genau verbunden ist, daher eben der schärfst»« nig« und mühsame Chemiker, seit mehr als zehn Jahren s, vielerlei Gattungen von fixer Luft entwickelt hat; und endlich kann man sich noch die verderbliche Luft merken, in welcher das Athmen bis zur Lebens« gefahr erschwert wird : diese heißt die mephitische. Diese Gattung ist gerade der Feuerluft, die man auch devhlogisticirte nennt, entgegenzusetzen, weil diese letztre die allerreinste, und gleichsam der Grund« stoff ist, welchem alle andre Arten beigemischt werden, welche die atmosphärische Lust bilden. Nur dieß wird dem unmedicinilchen Leser noch hiebet nöthig zu wissen seyn, daß er sich nicht täusche, wenn er glaubt unreine oder Von der Luft. lZi sieht man eine solche, die nicht mit schädlichen Däm« pfcn oder faulen Ausdünstungen überladen ist; denn eine ganz reine und mit gar keinen fremden Theil' chen vermischte iuft möchte wohl schwerlich zu erlan» gen seyn. Das sicherste Kennzeichen gesunder iuft in einer gewissen Gegend, kann man daraus abnehmen, wenn die benachbarten Einwohner insgemein zu einem ho« hen Alter gelangen. Dasjenige Haus, welches auf einem etwas er« habenen und sandigen Boden steht, hat eine gesunde iage, so, daß auch der Morgen» oder Mitternacht« wind es im erforderlichen Falle durchstreichen kann. Dieß sollte man, wo möglich, taglich einmal gesche« hen lassen, um alle thierische und andre schädliche Dünste zu verjagen; besonders aber lüfte man nur das Schlafzimmer gut, und erwähle dieses ja nicht im ganz untern Theile des Hauses, sondern an einem M 3 sol« oder nnt Dünsten im Schlaf- oder Speisezimmer überladene Luft durch Näucherwcrk oder Blumcndüfte gebessert oder gereinigt zu haben, wenn die vorige Lust nicht durch frische ersetzt wird, denn dieß heißt »ur übelriechende Dünste mit gut riechenden gleichsam über« ziehen; der Nase kann das vielleicht behagen, den Lun< gen aber wird nur noch mehr geschaht. Die alte mit Dünsten erfüllte Luft muß heraus, und frische ins Zimmer gelassen werden. Die beste Lust muß wie das Wasser gar keinen Geruch haben. Anm. des ttcbers. ,82 2. Abschnitt, l. Kapitel. solchen Ort, wo die luft rein und von allen Dünsten frei bleiben kann ^). Die gewissesten Kennzeichen verdorbner oder feucl'ter iuft geben die Wände oder das Täfelwerk in den Stuben durch ihre veränderte Farbe zu erkennen, wie auch das in Köchen oder Schränken schimmelnde Brod, die Feuchtigkeit des Schwamms, das Weich« werden des Zuckers, das Rosten oder Grünwerden des Eisens, Messings oder Kupfers, und das Ve,r- siocken des hölzernen Hausraths. Es giebt nichts, was, die iuft zu vergiften, mit den schädlichsten Dünsten zu erfüllen, und Krank. heiten ') Dieser Fehler wird oft gemacht, und man findet Bei» spiele genug, daß viele, so die Stadt mit einem Gar« tew oder Landhause im Sommer verwechseln, sich dann, um ein recht kühles Schlafzimmer zu bekommen, solches vielmals Parterre oder gegen Mitternacht in ei< nem niedern Stocke wählen, ohne zu bedenken, daß sowohl früh, als auch Abends, die Luft in einem sott chcn Zimmer feucht und ungesund ist. Den frühen Einfiuß der Sonne muß das Schlafzimmer bekommen, denn dieser erweckt den gesunden Menschen znr rechten Zeit, belebt und stärkt ihn nach genossenem ruhigen Scblaf, und reizt ihn an, das dunstige Vette zu verlassen, welches für viele, und besonders für manch« junge Studierende zu ihrem mannichfaltigen Nachtheile am Körper und Geiste so anziehend ist, Lieber muß man etwaF Warme, die man doch nach Wlls> kühr durch allerlei Mittel ziemlich mäßigen kann, ertragen : nicht aber hat man es im Sommer in seiner Gewalt, die Feuchtigkeit aus niedrig gelegeneu Ziin,< wer« zn vertreiben, Anm. des Uebers. Von der Luft. '8.? heiten zu erzeugen, so sehr geneigt ist, als, wenn in volkreichen Städten Begräbnißpläße angelegt, und auch wirklich ieichen dahin begraben werden; eine sol» chc Atmosphäre ist vorzüglich den Kindern höchst nachteilig *). Die äußersten Grade von plötzlicher Erhitzung und Abkühlung müssen nach aller Möglichkeit vermie. den werden. Es ist höchst unvorsichtig gehandelt, wenn man in Winternachten aus sehr heißen Zimmern ohne Oberrock oder Mantel sich in die freie inst begiebt. Diejenigen, welche ihre Winterkleider zu M 4 zeitig *) Der unbefangene, aufaetlärte, wahre Philosoph und einigermaßen mit physischen Grundsätzen bekannte Menschenfreund wird gewiß mit allem Eifer sich be» streben, Regenten und übrigreiten dahin zu bewegen, die Begräb^ißplätze. zumal in volkreichen Städten, aus oen Kirchen und außerhalb den Ringmauern, so weit als es nur immer thunlich ist, zu entfernen. Das Vernunftmäßige und Wohlthätige einer solchen Anordnung für die Menschheit, vorzüglich in großen Städten, die in niedrigen Ebenen liegen, wo kein« starten Fluss«! durchströmen, und die Volksmenge doch groß ist, haben längst, und zu wiederholten malen viele lechtfchafne einsichtsvolle Männer aus physischen Gründen gezeigt, und neuerlichst noch hat unser gelehrter und scharfsinniger Dokior Ernst Platner diesen wichtigen Gegenstand in einer schönen lateini» fchen Rede »äverln« se^nltulnn, in Leäiduz lacri« ('788.) auf das bündigste, auch von der Seite des Rechts dargethan, und die Nothwendigkeit der Abschaft fung dieses üblen Gebrauchs mit starten Gründen er.' wiesm. Anm. des Uebers. ^ 5. ,84 2. Abschnitt. 2. Kapitel. zeitig bei ankommenden Frühling ablegen, und bei herannahenden Herbst zu spät wieder anlegen, erlei' den öfters im Sommer Fieber, und im Winter Katarrhen und Flüsse. Diese Bemerkung, die sowohl alte als neue Aerzte häufig gemacht haben, muß man ja nicht gering schätzen, sondern sie der größten Aufmerksamkeit würdigen, um hernach die aus einer solchen Nachlaßigkeit oder Thorheit entspringenden Uebel nicht öfters auf Kosten der Gesundheit theuer bezahlen zu müssen. Sydenham sagt: „ Dieses unbesonnene Ver» fahren, unsern unmäßig erhitzten Körper plötzlich der Kälte auszusetzen, hat mehr Menschen getödtet, als Pestilenz, Hunger und Schwert." Jedermann, dessen Schicksal es mit sich bringt, und der es seiner Consiitution nach vertragen kann, muß sich zur freien iuft in verschiedner Witterung ge« wohnen *). Bei 5) Es giebt solcher empfindlichen Personen'genug, die das Wetterglas erst zu Rathe ziehn, und im Sommer erst die Kleider wiegen, welches das leichteste ist, ehe sie aus dem Hause gehn: allein man muß diese Leute wegen ihres allzuempfindlichen Nervensystems gleich« sam selbst wie einen Schwer- und Wärmemesser ans« hen, und sie befinden sich auch wirtlich bald wohl, bald übel, so wie die Luft bald schwer bald leicht, bald warm oder kalt, trocken «der feucht ist: ihnen ists zu vergeben, wenn sie bedenklich sind, ehe sie sich der ungestümen Witterung aussetzen, ja es ist ihnen vielmehr zu rathen, sich in diesem Stücke behutsam zu verhalten, weil die Fähigkeit, alle Art der Witte, rung Von der Luft. '85 Bei der Wahl unsrer Wohnungen'muß man sein vornehmstes Augenmerk auf gesunde iust richten, und bei dem Ankauf eines iandsches sollte dieser Umstand billig eben sowohl in Betrachtung kommen, als die Güte des Bodens. Die örtlichen Beschaffenheiten der iuft hangen von den Ausdünstungen des dasigen Bodens, und auch von den aus der Nachbarschaft durch die Winde dahin geführten Dünsten her; so können wir in einer trocknen sandigen Gegend, welche für die gesundeste gehalten wird, ungesunde iust haben, wenn sich in der Nachbarschaft ein Sumpf befindet. Die Eigenschaften der Quellen dienen auch zu Kennzeichen der iust: denn iust und Wasser nehmen die salzigen und mineralischen Ausdünstungen des Bo» dens in sich; daher kann man gemeiniglich an einem Orte, wo das Wasser von gehöriger Güte ist, auch auf gesunde luft einen sichern Schluß machen. M 5 Die rung zu vertragen, eine frühe Gewohnheit und Ab< Härtung erfordert, die man ichon in jünger« Fahre« erlange» muß. Solche Leute können sich kal< ter Bäder aus bloßem Wasser, als des besten Stär« tungsmictels, bedienen, worin sie aber wenigstens ci< nen Tag um den andern früh nüchtern Eine oder an« derthalb Stunden zubringen, und worauf sie nach gu< ter Abtrockuung und Bekleidung eine sanfte Bew« gung durch Billiard oder Federballspiel vornehmen müssen, bevor sie ihr Frühstück zu sich nehmen, wol« cheS in solchem Fall in ein paar Tassen Bouillon mit ein wenig Weizenbrod, oder lieber in etwas altern, Rheinwein mit ein paar Bissen Brod bestehen sollte. Anm. des Uevtl's, ltz6 2. Abschnitt. I.Kapitel. Die iuft in einer volkreichen Stadt ist gemeinig, lich schlimmer, als die auf dem lande, indem jene von den häufigen Ausdünstungen zahlreicher Einwoh» ncr, dicker, und besonders die Eßlust mehr zu schwa» chen fähig ist. Eine solch»« luft ist Kindern von beiderlei Ge» schlecht nachtheilig : denn da jedes Thier von Natur so eingerichtet ist, daß es in der freien, reinen und frischen luft leben soll; so ist es nur eine Wirkung der Gewohnheit, wenn ein Mensch oder Thier in ei» «er mit schwefelichten Dampfen von allerlei brennbaren Substanzen und mit Ausdünstungen thierischer Körper beschwerten iuft sich dennoch wohl befindet; die» se Gewohnheit aber haben doch junge Geschöpfe noch nicht ertragen gelernt. Kalte iuft und kaltes Bad erwärmen den Körper starker Personen, und diese fühlen sich davon leich» ter; allein mit schwächlichen verhält es sich umge« kehrt, indem diese hinterher mehr Kälte und Schwere des Körpers davon empfinden; und je plötzlicher sich diese der Kälte der iuft sowohl, als des Bades aus« ' setzen, desto mehr ziehen sie sich Ungemächlichkeit zu. Ein kühles und angenehmes iüftchen bringt ei» nem sehr erhitzten Körper mehr Nachtheil, als die al« lerkältcste iuft oder das kälteste Wasser; denn ersteres verstopft und erschlafft, und dadurch wird der Körper schwer; dahingegen das letztere, ob es gleich auf ei- plge Zeit verstopft, doch auch zu gleicher Zeit stärkt, Und Von der Spetse und dem Getränke. 187 und macht, daß man sich bald hinterher viel leichter fühlt. Mach heftiger leibesübung giebt dirs Schwimmen im kalten Wasser zwar eine angenehme Empfindung, die Folgen aber, sind sehr gefährlich. Zweites Kapitel. Von der Nahrung, oder der Speise, und dem Getränke. Die Gattungen von Speisen und Getränken, welche dem Menschen am angenehmsten, und seiner Gesundheit und Kräften am zuträglichsten sind, sind Brod, Fleisch, Fisch und Wein *): allein wenn irgend eines ») Der ehemalige Berliner 5 Arzt Doktor Zuckert, dem wir verschiedne sehr gute Schriften, besonders im diätetischen Fache, zu danken haben, thnlt die Nah' rungsmittel in drei Hauptklassen ein, und begreift darunter, Speisen, Getränke und Gewürze, Allein im Grunde bleiben doch wohl nur die Speisen die ei> gentlichen Nahrungsmittel, obgleich mancherlei Ge< tränte ebenfalls nährende Theile, sowohl aus dem Thier -als Pflanzenreiche, enthalten und deßwegen un< ter die Nahrungsmittel gezählt werden; wär' es nicht, widcr d^'n Sprachgebrauch, so müßte Bouillon, Cho« tolaoe, und Bier fiüßige Nahrung heißen. Geträn» te aber soll blos de-> Verlust der wasserigen Theile im Blute «chtzm, nicht nähren. Was das Gewürz« nebst ,88 2. Abschnitt. 2. Kapitel. iincs von diesen Substanzen im Uebermaße genossen wird, so erzengen sie auch weit eher, krankhafte Um» stände, nebst dem Salze betrift, so sind dieß blos reizende, durckaus aber nichl nährende Substanzen; es würde der i!I;m',agere und ausgedörrte Mensch seinen End« zweck, zu einem fieischigten Körper zu gelangen, sehr verfehlen, wenn er sich reckt vieler Würze bedienen wollte. Allein den Honig und Zucker muß man aus« nehmen; diese kann man zwar ebenfalls al? Würze be< trachten, aber man darf sie auch als nährende Substanzen ansehen: denn die Negern werden in den Zu« ckerpfianzungen fett, wenn sie die Freiheit haben, ober sich dieselbe nehmen, nach Belieben Zuckerrohr zu es« sen. Daß der Zucker in gesundem Zustande nichts schade, hat Doktor William Stark mit seinen be< sondern diätetischen, an sich selbst gemachten Versuchen bewiesen : deon er aß auf einmal gemeinigüch ein halbes Pfund, und an einem gewissen Tage binnen Auf« stehenszeit und Mittags Ei» Uhr, sogar vierzig Loth Zucker ohne Nachtheil, und hatte dabei nicht im min« besten seine Eßlust verloren: denn er tonnte in zwei Stunden darauf zwanzig Unzen Brod mit größtem Vergnügen essen, nnd drittehalb Pinten Wasser trinken, (Man sehe Doktor Will, Start's tlinischeund anatomische Bemerkungen nebst diätetischen Ver« suchen, herausgegeben von Smyth. Breßlau und Hirschberg >?8y..S, 14z.) Neuerlichst hat auch Herr John Hunter in seinem Werte über die veneri« sche Krankheit, (in der Verteutschung Leipzig 624. ff,) den Zucker sogar in der auf die Saliuation folgenden Schwäche als ein sehr gutes nährendes Stör« tungsmittel cmpfolen: und er versichert, daß diese Wirkung auch vom Honige zu erwarten stünde. Ueber« Haupt aber ist der zuckerartige Theil in den Speisen aus dem Pflanzenreiche nur allein der nahrhafte, wie es in der thierischen Kost, der gallertartige ist. Was aber die Classisicirung der Nahrungsmittel Vetrist, so scheint die des Herrn Gosse, weil sie aus lauter Resultaten seiner Versuche besteht, die beste zu seyn. Von der Speise und dem Getränke. 189 stände, als andre Nahrungsmittel, die eine weit weniger nährende Eigenschaft besitzen. Bittre Sub» stanzen halten an und trocknen den Korper; saure Dinge aber verzehren die Fettigkeit, und greifen gern den Magen an; die salzigen Nahrungsmittel befördern Stuhl und Urin; Fett und süße Eubsian. zen erzeugen Feuchtigkeit und Schleim ^). Grobes seyn. Er hat drei Classen gemacht, in die Erste die unverdaulichen, in die Zweite die nur zum Theil verdaulichen, und in die Dritte die leichtverdaulichen gesetzt, und sie wieder in solche abgetheilt, die entweder aus dem lhieriscken, oder dem vegetabilischen Reiche genommen werden. Senebier hat diese Tabelle verkürzt aufgestellt, («,'. s, S. 4>21 ff. Versuche über das Verdauungs- geschäfte des Menschen und verschiedner Thierarten vom Äbte Spallanzani. Leipzig ,7 »5.) Eine noch anschaulichere Tabelle über die ver« hältnißmäßige Verdauung der Nahrungsmittel und die Wirkung der Gewürze, wie auck der Getränke, finden wir in Dr. lVIgKittricK^llgir'« tvlecli- cl»l Oavition« cnieNy tc»r tke Ou null er 2- tion of Invüliä«, L2tn. »78?, S. »65 Anm. des Uebers. ") Anbelangend die süßen Substanzen, so stehen viele mit den Bestandtheilen und eigentlichen Wirkungen derselben Unbekannte in dem irrigen Wahne: alle Süs« sigkeiten erzeugten Schleim: besonders haben sie den Zucker und Honig in diesem Verdacht, weil gewiss« Personen, die von dickem Schleime im Schlunde und in den hier gelegenen Drüsen > wie auch in der Luftröhre, beschwert werden, nach dem Gebrauche des Zuckers viel Schleim auswerfen; «llein Ne kennen die Schleim» auflösende Kraft dieses balsamischen Salzes, des Zucker«, nicht, sonst würden sie bei der Anwendung desselben in katarrhalischen Verschleimungen weniger be.' deutlich seyn. Anm. des Uebers. «95 2. Abschnitt. 2. Kapitel. Grobes und schwarzes Brod hält den icib offen, es nährt aber wenig; weißes Brod hingegen giebt mehr Nahrung : allein der Stuhl geht schwerer von Statten. Brod, das nur zwölf Stunden alt ist, ist dem vier und zwanzigsiündigen vorzuziehen. Das Fleisch von Wildpret ist von lrocknercr Beschaffenheit, als das der zahmen Thiere; diese sind in ihrem mittlern Alter am besten, und das Fleisch solcher Thiere, die nicht zu schweren Arbeiten gebraucht worden smd, ist das saftreichste und weichste. Hammel- oder Schöpsenfleisch *) bekömmt dem Zärtlichen und Robusten gleichmäßig gut; Rindfleisch '^) aber ist schwe» ') Was das Hammel« oder Schöpsenfleisch betrist, so muß das Thier für's eiste geschnitten, und dann verschiedne Jahre, (nach Tullens Meiuung fünf Jahr) alt seyn: weil es dann seiner Natur nach mehr Alcalescenz bekäme: wäre das Thier jünger, so wäre sein Fleisch weder sonderlich schmackhaft, noch leicht zu verdauen, besonders wenn es noch unter dem zweiten Jahre geschlachtet würde. Cullen in der mehrmals angezogenen Klgteim m«l1ic2 Vol. f>. 37«. Ueberhaupt giebt das Fleisch von geschnitte» nen Thieren die delikatesten und nahrhaftesten Spei« sen. Ferner muß man einen solchen Braten nur durchaus nicht an eben demselben oder gleich darauf folgenden Tage braten, sondern ihn zuvor nach Be< schaffenheit der Witterung oder Iahrszeit verschiedne Tage in freier Luft hängen lassen; dann aber wird diese Fleischart ein schmackhaftes, nicht schwer zu ver» bauendes und für jede Constitution gut nährendes Gericht abgeben. Anm. des Uebers. <"l) Der KoZttecl. Keefi oder Rinderbraten der C'ngläm der gehl freilich in Ansehung seiner Nahrhaftigkeit gedach. Von der Speise und dem Getränke. 19, schwerer zu verdauen: Schweinefleisch ist blos für den kraftvollen und starken Mann *). , Fische, gedachtem Schivsbraten noch vor, theils wegen der ganz besonnn Güte des englischen Rindviehes, und weil sie ihre Ochsen zum Speisen gemeiniglich tastriren, theils auch wegen der den Engländern ganz eignen Zurichtung, da es bei derselben seinen völligen Saft behält: und die Menge, in welcher diese vi»l Blm gebende, nahrhafte Speise der Engländer täglich genießt, trägt auch ohnfehlbar zu ihrer Stär« te des Körpers und zu ihrem besondern Charakter sehr viel bei: zumal, da sich diese ganze Natw>> sehr starker Viere, feuriaer Weine und der bekanmen geistige» Getränke des Arraks, Rums und der wohle habend? Engelander des Negus, (rother mit Wasser geschwächter, und mit Mustatennuß angemachter Wein,'! täglich, ja wohl des letztern schon vor dem Mitlagsessen, beoient. Anm.desUebers. *) Das Schweinefleisch ist bekanntermaßen schon von den ältern Aerzten für das beste und nahrhafteste gehal« ten worden, und wir können auch dieser Meinung des Hippotrares und Galen heut zu Tage nicht widersprechen, wenn nur die Verdauungssäste desje« „iqen, der es genießt, dieser Speise anoemessm sind. Zärtliche Personen tonnen diese Delikatesse, die eil» Schweinsbraten für Viele ist, ebenfalls genießen, wenn sie nur diePortion nicht zu start auf sich nehmen. Eines Irrthums muß ich hier erwähnen, daß man nämlich glaubt, Schweinefleisch ei-fordre einen Trunk Liqueur, um es recht gut zu verdauen, da es doch weit besser gethan wäre, gar nichts auf dieses gemeü nigltch fette Fleisch zu trinken, sondern die rechte Verdauung (die nach neuern Versuchen nichts anders, als eine Colution ist,) der Kraft der Magen und Wert dauungsjäfte zu überlassen. Wenn es eii'geftl^en und geräuchert ist, so erfordert es noch stärkere Ver< dauungskröfte. Und, eben dieß gilt auch vom oeräm cherten 192 2, Abschnitt. 2. Kapitel. Fische, die in stillstehenden Wassern sich ihrer Natur nach aufhalten oder sehr fett sind, erfordern starke Verdauungskräfte; die ober in der See nahen Gewässern leben, lassen sich weit leichter verdauen. Gesottncr Fisch ist immer noch leichter, als gebacke» ner oder gebratener, mit unsern Verdauungssäftcn zu bezwingen. Wenn der Wein ganz für sich und ungemischt zu häufig getrunken wird, so schwächt er den Men. schen; milde süße Weine greisen den Kopf wem» ger an, und befördern den Stuhl mehr, als starke oder hitzige Weine (6ry VVi»?«) ; jedoch treiben sie den ieib auf, erzeugen Winde und vermehren den Durst. Herbe, ganz dunkelrothe Weine kann man mit gutem Erfolge trinken, wenn der Stuhl zu fiüßig ist, in so fern nur der Kopf frei, und im Urinlassm keine Beschwerlichkeit vorhanden ist. Wird der Wein niit Wasser vermischt, so bekommter in Ansehung des Kopfs, der Brust und der Urinwege, besser, als wenn man ihn blos und ungemischt trinkt; dem Magen und den übrigen Verdauungsorganen sagt der bloße Wein am besten zu. Ausschweifung im trii,' ken cherten Rindfleische; so delikates auch für manche Gau« men ist, so schwer ist es doch für Personen, die solcher Speisen ungewohnt sind, zu verdauen. Dank sei es aber der Erfindung das Fleisch zu Pickeln und zu räuchern; der Seemann würde oft gar kein Fleisch zu essen ha. ben, wenn man diese Zubereitung nicht erfunden hätte. Anm. des Uebers. 'v Von der Speise und dem Getränke. 19z ken ist nicht völlig von^ so schlimmen Folgen *), als sich im Essen zu übernehmen. Sehr üble Folgen aber hat es für die Gesundheit gewisser Personen, wenn sie mehr Nahrung zu sich nehmen, als ihre Constitution vertragen kann, wenn man nicht unmittelbar, diesen Exceß wieder unschad» lich zu machen, kräftiger leibesübung sich bedienet; und dieser Fehler ist allzeit schlimmer in seinen Fol. gen, als wenn man sich von Speisen ganzlich enthalt. Alles, was der Magen verdauen kann, schlagt auch zur guten Nahrung; was aber schon der guten Ver- *) Indessen pflegen doch die Folgen von Ausschweifungen im Trunke, wenn sie anhaltend fortgesetzt werden, zu» mal mir rohen, sauren, jungen teutschen ober gFchwe» selten Weinen, nicht außen zu bleiben, und sich in Gicht und Stein zeitig genug einzufmden. Liebhaber der ganz geistigen Getränke, der Ligueurs oder des gemeinen Brandteweins, bekommen ein blassei', sieches, aufgedunseueö Ansetzn, und sterben öfters noch in ih» ren besten Jahren an Geschwulst, oder einer Art «on Wassersucht, Man kann nicht wohl zugeben. daß die Folgen vom Uebermaß in Essen gefähilicher, als die im Trinken wären: denn, wenn der Magen über seine Kräfte »on Ueberladung ausgedehnt wird, so ent» steht gemeiniglich aus diesem Reize Brechen, und die noch im Magen liegenden, halbverdauten Nahrungsmittel werben herausgeworfen, und das Uebel ist auf einmal gehoben: allein nach dem Uebennaße im Trinken verhält es sich ganz anders: dc-m die Süßigkeiten gehn größtentheil« vermittelst der Ein- saugung?gesäße, so bald sie nur genossen werde», in di« Blutmasse über, und vermischen sich mit derselben. Anm- d. Ulms. N ^ i94 ». Abschnitt. 2. Kapttel. Verdauung widersteht, zehrt den Körper mehr ab, als daß es ihn nähren sollte. Es ist unklug gehandelt, sichdurch eine wider« sprechende Verschiedenheit von Gerichten bei einer und eben derselben Mahlzeit verjähren zu lassen. Ein guter Magen kann zwar Fleisch, Fisch, Wein und Bier auf eine Mahlzeit, ohne alle Beschwerlichkeit vertragen; indessen aber, wenn wir Sallat, Sänne und Frückte noch oben drein essen, so muß von einer solchen Mischung der leib von erzeugten Winden auf. schwellen, und die Verdauung gehindert werden. Einige vermögen entweder aus Stärke ihrer gu. ten Natur, oder auch aus Gewohnheit täglich ihre drei gute volle Mahlzeiten "') ; ja wenn dergleichen Per. *) Bei vielen, ja bei den allermeisten, Personen von gutem Stande, Gelehrten, Geschäftsmännern, Kauft leuten und andern mehr, in aroßen Städten, werden gemeiniglich nur zwei Mahlzeiten, nämlich die eine des Mittags, und die andre dei Abends gehalten: denn unser gewöhnliches Frühstück besteht bei den Mei> sien nur in einigen Tassen Kaffee, wobei selten sonst etwas genossen wird. Die Zeit der beiden Haupt» Mahlzeiten aber ist immer unterschieden, »nd j,der, Stand hat fast seine eigne Stunde, besonders für die Mittagsmahlzeit, bestimmt, obgleich allermeist die eigentliche Mittagsstunde zwischen zwölf und ein Uhr die gewöhnlichst: ist, und mit Recht für die schicklichste gehalten wird. Abends aber wirb bei den meisten ,n der achten Stunde die zweite Wahlzeit gehalten, und wenn Frugalitüt immer dabei herrscht«, so wäre auch diese Zeit zum Abendessen ganz zuträglich. In Cng. landaber, wo man alle Zeiten verkehrt, um acht Uhr Von der Speise und dem Getränke. 195 Personen um eine gebracht werden, (wir wollen nur dos Mittagsmahl nehmen,) so werden sie mott und unlnsiig, und haben weder zur Bewegung, noch Ar» beit die geringste Neigung, und beklagen sich über einen gewissen Schmerz in der Herzgrube: sie fühlen eine iecre in ihren Därmen, bekommen eingefallene matte Augen, Bitterkeit im Munde, und spüren Kälte in den äußern Gliedmaßen, und in solchem Fall muß ja nicht, in der Absicht, diesen Beschwer, den abzuhelfen, oder den Verlust das Mittagsessen zu ersetzen, eine stärkere Abendmahlzeit genossen wer« den : denn dadurch würde der Magen zuverläßig beschwert, und durch eine unruhige Nacht der Schlaf gehindert werden: daher wird derjenige, welcher über N 2 seine Uhr aufsteht, weil! man erst nach Mitternacht zu Bet« te geht, hält man schon zum Frühstück eine Mahlzeit, die in reichlich genossenen sehr starken Milchthee und in ziemlichen Portionen Toast besteht: man nimmt auch wohl noch Vormittags etwas Schokolade oder Negu«, eine Art von qlühenden. mit Zucker und Würze ange, machten Wein zu sich, und hält sodann erst um drei oder vier Uhr die Mittagsmahlzeit, und schr spät Abends, nickt selten erst um zehn Uhr, die dritte, wel» che die Abendmahlzeit vorstellt. Wer steht aber nicht von selbst ein, was für Kräfte der Verdanungsorgane dazu erfordert werden, aus so vielen genossenen Nahrungsmitteln den gehörigen Cpei« se.'imd Milchsaft zu bereiten, welches, außer den dar, an gewohnten Engländern, wohl Wenigen bekomme» möchte, daher unsern meisten teutschen Landsleuten von gutem Stande die hergebrachte Gewohnheit im« mer am zuträglichsten bleiben wird. Anm. des Uebers. »96 2. Abschnitt. 2 Kapitel. seine gewöhnliche Zeit gefastet hat, wohlthun, wofern es ihm seine Umstände erlauben, alle Erkältung, Erhitzung, wie auch alle Arbeit an diesem Tage zu »niden, und lieber eine leichtere Abendmahlzeit, als ihm sonst gewöhnlich ist, und zwar nur aus einer leichten iöffelkost, einem Muß oder einer Suppe sich gefallen zu lassen, als feste, derbe Speisen zu genießen. Der beste Rath wird immer in solchem Füll, wo jemand eine allzustarke Mahlzeit gethan hat, und davon Beschwerde im Magen verspürt, dieser seyn, sich ohne Anstand durch Erbrechen von seiner Ueber' füllung wieter zu befreien *). Sollten die genossenen ») Die auf eine solche, durch Brechen erfolgte, Aus!«« rung sogleich verspürte Erleichterung und das sehr merkliche Wohlbefinden sind gleichsam Naturwmke, die vhnem» in solchen Umständen sich ereignende Uebelkeit und Neigung zum Brechen zu unterstützen, aber ja nicht bei bereits überfüllten Blutgefäßen Brechmittel anzuwenden, daß nicht dadurch dieselben im Gehirn noch mehr ausgespannt und irgend« tsdtliche Folgen erregt werden. Man hat oft nichts weiter nöthig, als blos einige Tassen warmen, gut versüßten, und mit etwas Citronsaft vermischten Thee sogleich hinter« «inander zu trinken, und das Brechen erfolgt mit vieler Leichtigkeit; ein hierauf, wenn das Brechen villig vorüber ist, nach und nach getrunkenes Glas frisches Wasser spüll vollends den Magen aus, giebt ihm seinen verlernen Ton wieder, und bewahrt für die sonst auf eine Ueberladung mit Speisen und Ge< tränten folgenden unangenehmen Wirkungen aufs Beste, wenn man zumal die folgende Mahlzeit sehr mäßig einrichtet.und dabei, einige Stück Sardellen genießt, Von der Speise und dem Getränke. 197 nen Speisen nach heutiger Mode in starkem Haut« gout bereitet, oder sehr fett und gewürzt gewesen seyn ; so wird ein guter Trunk kaltes Wasser mit ein wenig Citronsaft vermischt, der Verdauung gut zu Statten kommen. Dieß kann als eins allgemeine Regel in her Diät gelten, daß das beste Nahrungsmittel dasjenige ist, welches, wenn man es in mäßiger Menge, oder auch in einigem Uebermaß zu sich nimmt, doch eben weder Anfügung des Magens, noch ieibesschmerz, noch Winde verursacht, sondern ohne Beschwerlichkeit ver» dauet, und nach gehöriger Zeit durch den natürlichen Weg des Stuhls wieder leichtlich ausgeleert wird. Die Erfahrung muß einen Menschen überzeu» gen, was für Arten der Nahrungsmittel seinem Ma« gen beschwerlich und nachteilig sind, oder nicht; daher muß jedermann auf sich selbst Achtung geben, sei» ne Consiitution zu Rathe ziehen, und nur essen^ was ihm vollkommen wohl bekömmt. Wenn man fragen wollte: wie soll der größte Haufen im Stande seyn, die gesunde Nahrung von der ungesunden zu unterscheiden? und wie soll er die N 3 erfor- genießt, und ein gutes Glas Franken, oder Mein« wein trinkt. Falls kein Brechen erfolgte, würde doch das Theetrinken der zu sehr angehäuften Masse durch seine Verdünnung desto mehr den Weg in oen Darm< kanal erleichtern. Anrn. d> Uebers. ,98 2. Abschnitt. 2. Kapitel. erforderliche und zuträgliche Menge derselben zu be» stimmen wissen? so ist die Antwort nicht schwer: die meisten gewöhnlichen Nahrungsmittel hat man für die Gesundheit aus Erfahrung von ältesten Zei« ten zuträglich gefunden, und ein an Mäßigkeit ge. wöhnter, und gesunder Mensch hat bei deren Genuß nichts zu fürchten *); was die gehörige Menge be. trist. ") Man kann al« ausgemacht annehmen, daß das Fleisch von jungen Thieren und ein guter Scköpsbraten «or< züglich^ mit genugsam gesäuertem rockenen oder mit «iner gehörigen Menge Hefen und Salz vermischten und vollkommen ausgebackenen Weizeubrode, vortref« > liche Nahrungsmittel abgeben, die leicht und gut zu verdauen sind Jedoch muß man nicht glauben, daH auf die Säurung dcs Brodes alles in Rücksicht auf seine Verdaulichkeit ankomme. Neunzehncheile des ge< meinen Volts in Schottland lebt von ungesäuerten Brod und Mehlspeisen, und sind die gesundesten Men« schen So lebt auch in dem ganzen Welttheil, Asien, jedermann von ungegohrncn Reiß sekr gesund S. "l'reÄtile on Ivlatcri» mcclics. b^ (lullen 178U. 4t». Vul. I. z, 286. Makittrick Adair sagt (in dem, in der sie« ben und zwanzigsten Anmerkung, angezogenen Werte S. 198.) „Es liegt im Schiplenfi lsch etwas, das den Nerven des Magens so angenehm ist, daß es sel« ten, auck bei wiederholtem Genuß, den Appetit nie« verschlägt« Liebhaber von Fleischspeisen werben unzufrieden seyn, daß ihnen kein Gericht Fische zur Abwechselung vorgeschlagen wird: allein da es der Arten so« gar unendlich viele giebt, und auch das Fleisch des be« sten Fisches, zumal aus der See, doch immer dem, dem jungen Landthiere nicht beitimmt, und auch nur bei dem geringsten Uebermaß eher Schleim, als gu« ten Speisesaft gewährt, so ist es sichrer, sich dieser Speise zu enthalten, al» sich Unverdaulichleit zuzu« ziehen. Von der Speise und dem Getränke. 199 trist, so kann er füglich diese Regel anüchmen, so viel zu essen, als ihn erhalten und nähren kann, ohne dabei den Magen zu überladen, und noch mit einiger Neigung nach etwas mehrcrn seine Mahlzeit zu en« digen. De G 0 rter sagt: wenn der gesunde Mensch so viel isset und .trinkt, als seinen Hunger und Durst zu stillen vermag, und dann vom Tisch aufsieht, wenn der Magen noch nicht gänzlich angefüllt oder alle Eß» lust völlig vergangen ist; so wird er auch täglich sei» nen gethanen Mahlzeiten angemessene iechcsöffnung haben; oder mit andern Worten, er wird sich über seine gute Gesundheit freuen können, weil von einem solchen gleichen Verhältniß unsre Gesundheit vorzüg. lich abhängt. Gedachter Schriftsteller - fährt weiter fort und sagt: um seine Gesundheit zu sichern, sollte man im. mer auf solche körperliche Bewegung bedacht seyn, und auch die andern zum iebcn nothwendigen äußer» lichen Dinge, die die Aerzte die sechs Nichtnatürli. chen zu nennen pstegen, so anwenden, daß dadurch täglich ein natürlicher Hang nach Speisen und Ge. N 4 tränke ziehen. Der berühmte Doktor Falconer setzt, (in seinem Werte vom Einfluß des Hinimelesinch«) den Fisch in Ansehung seiner Nahrhaftigkeit zwischen das Fleisch und die Speisen aus dem Pflanzenreiche: doch möchte dieß nicht immer eintreffen. Anm. des Uebers. 2oa 2. Abschnitt. 2. Kapitel. tränke entstehen könnte; und dann müßte man den» selben mit gesunderKost und Getränke auf die mäßige oben empfohlne Art befriedigen. Keil nimmt für jedermann den unverdorbnen natürlichen Appetit als die wahre diätetische Regel an: denn er glaubt, die Natur sordre nie mehr, und sin auch nie mit wenigerm befriedigt, als was eben für sie dienlich ist ^). Denen, welche viel Bewegung ^ haben, ist «ine starke oder volle Mahlzeit ganz unumgänglich noth« 5) Die Zeit, wenn wir unsre Mahlzeiten halten sollen, ist nicht immer in unsrer Gewalt, weil Viele nicht von »ich adyänqen, sondern sich nach ihren Aemtern, Geschäfte und Verhältnissen, worein sie gesetzt sind, lichten müssen: allein wie viel wir speisen sollen, das steht in unsrer Willtühr, wenn wir über die von all lerlei appetitlichen Gerichten erregten Reizungen siegen gelernt haben. Anm. des Uebers. **) Der Geschäftsmann, Gelehrte oder Kaufmann können vielleicht bei ihren ordentlichen Geschäften mitunter eben so wenig Bewegung, als eine Dame am Nährahmen oder der Kupferstecher an seinem Ar» beilstische, haben. Gesetzt aber, alle diese Perfol nen hielten sich unter einem kalten Himmelsstriche oder auch unter einem gemäßigten auf dem Lande auf, oder befänden sich auf Reisen überhaupt in freier Lust, und verspürten daher ganz natürlicher Weise, wegen stärkerer Ausdünstung, einen unwiderstehlichen Hang, «ine recht starke, volle Mahlzeit zu thun : sollte un< ter solchen Umständen nicht jedermann, weß Standes er noch wäre, seine Neigung befriedigen dürfe»? Nur die eigentliche Menge, oder wie u i e l jeder essen soll, läßt sich nichr genau bestimmen, aber das zu viel muß Von der Speise und dem Getränke. 201 nothwendig; jedoch muß man darauf sehen, daß die Menge der Speisen auch nicht größer sey, als daß der Körper so thätig und behende bleibt, als wenn man gar nicht gegessen hätte. Wer die Größe seiner Mahlzeit seinen Bewe» Zungen recht anzumessen versteht, wird sich auch bis ins hohe Alter gesund erhalten. Das gewöhnliche verdünnende Gelranke soll bei den Mahlzeiten doppelt so viel betragen, als die Menge der festen Nahrungsmittel: denn sonst wird dickes Blut erzeugt *). N 5 Guter muß allzeit vermieden und immer die goldne Negel: „Höre auf, wenns am besten schmeckt," beobachtet werden. Anm, des Uebers. *) Obgleich die allermeisten Diätetiker noch bis auf den heutigen Tag ein bestimmtes Verhältniß unter Speis« und Trank bei den Mahlzeiten «erlangen, und gerade noch einmal so viel als die festen Speisen am Gewichte betragen, kaltes Wasser oder gut auegegohrnes, und gut verwahrtes dünnes Bier getrunken wissen wollen; so kann man doch nicht in Abrede seyn, daß diese Lebene« regel für sehr scrupulis zu halten ist. Denn wer wird wohl leicbt im Stande oder geneigt seyn, alle die bei einer Mahlzeit vorkommenden festen Substanzen genau nach dem Gewichte zu bestimmen, und Suppe und Brühe wieder davon abzuziehen, ob sich gleich das Getränke sehr leicht nach seinem Maaße beurtheilen läßt. Sodann kann auch der Nichtarzt leicht einsehen, daß jenes Verhältniß des Getränks zu den Speisen, in kalter feuchter Herbst, und Winterezeit öfters z,l groß, in sehr warmer trockner Sommerözeit hingegen, wo wir weit weniger feste Speisen genießen, zu klein seyn »ird^ 202 2. Abschnitt. 2. Kapitel. wird, da wir unvermeidlicher Weise durch Ausdünstung und Schweiß so beträchtlich viel von unsern Säften und Kräften verlieren. Wir wollen hierbei nicht einmal die hautige Struktur des Magens und die bestimmte nothwendige Stärke seiner Verdauungssäfte in Am schlag bringen, welchen beiden durch Ucbermaaß des Ge< tränks noch weit mehr, als durch zu weniges Trinken, offenbar geschadet würde: denn jedermann wird leicht / bei einiger physiologischen Kenntniß des Vcrdauungs: geschäftes, welches doch durch eine völlige Auflösung, und nicht durch mechanische Bewegung vorgeht, die gewaltsame Ausdehnung dieses hautigen Sacks, und die höchstnachtheili^e Schwächung des zu den Speisen bestimmten Auftösungsmittcls einsehen, und wird auch gewiß in der >o genau nach Gewicht und Maaß eingerichteten Diät das wahre Mittel, gesund zu leben, und m voller Munterkeit des Geistes, und nur bei allmäligem Abnehmen der körperlichen Kräfte «in ho< hes Alter zu erlangen, am wenigsten finden. Cornaro kann nicht für alle Menschen ein Muster abgeben, denn er hatte seine eigne Constitu» »ion, und darum bekam ihm auch seine eigne Diät so gut, daß er ein ganzes Jahrhundert durchlebte: und einen Sanctorius auf seiner Wage, um alles, was er zu sich nahm, und was wieder von ihm gieng, genau zu bestimmen, möchten wohl auch nicht viele von unsern Lesern nachzuahmen Lust haben. Ich glaube, daß Gauvius in seinem Werke von der. medi« ci nischen Krantheitslehre vollkommen recht hat, wenn er sagt, (man sehe des Hofrach Gruner's Neneutschung dieses Werts. Berlin »?84. §- 456.): „Zum Gesundseyn ist eben nicht ein so „strenges Verhältniß zwischen Speise „und Tränt erforderlich; denn bei der „größten Verschiedenheit bleiben die Menschen „doch gesund. Auch lehrt die Erfahrung, daß „sich dergleichen unmöglich für jedes Alter, Ge< „schlecht, Temperament, Lebensart, Iahrszeit, „Himmelsgeaend u. s. w. schickt. Indessen muß „jedes merklicheUebermaas in dem einen oder andern „nachtheilig werden, wenn es den Umständen des „ein, Von der Speise und dem Getränke, aoz „einzelnen Menscken nicht angemessen ist. Zu „vieles Trinken muß eine wässerig« „Verdünnung in den Säften erzeu« „ge>ll chen der Nahrungsmittel unaufgelißt bleiben, woraus in den ersten Wegen sowohl, als in der Blutn,'>ss> vie» le nachtheilige Folgen erstehen würden. Sehr viele Beispiele haben mich seit mehr als dreißig Iabren vil< lig überzeugt, daß die Personen, welche gerade am seltensten getrunken, diese« am allerwenigsten bei ihren Mahlzeiten, und vielmehr nur nach Durste gethan haben, allzeit die dauerhafteste Gesundheit und das höchste muntre Alter erreichten; dahingegen diejenigen, so sich ihr Getränke tagtäglich i» reichlichen Portionen in ihrem bestimmten Mittags« und reichlichen Abend- nunte zuzumessen gewohnt waren, immer über man« cherley Beschwerden Klage führten, und, meisten« theils noch weit entfernt vom Ziele der möglichen Le« bensjahre, als stumpfsinnige unthätige Leute vor der Zeit die Welt verließen. Wer also auch nur vomunschuldigsten Getränke, vom Wasser, mehr und öfter trinkt, als es der Durst und da« Bedürfniß der Natur heischt, schwächt seinen Körper und seine Gesundheit, und verkürzt sich das Leben: wer gegen« »Heils blos trinkt, wenn ihn dürstet, entgeht den fru- he» > 204 2. Abschnitt. 2. Kapitel. Guter Wein *), ist ein schätzbares Getränks, wenn er maßig genossen wird, und entspricht vielen Ab- hen niannichfältigen Mühseligkeiten des Lebens, und kann ein Holle« Mer erreichen: „Corpora licc» r zu alter seyn; oder sollie jemand mehr um seines Gaumens als schwachenMagens willen lieber ein paar Gläser ältern Wein zu seinem Tischtrunt wählen; so kann man beim Beschluß der Mahlzeit ein mäßiges Glas Wasser, nach Beschaffenheit der mehr oder weniger festen, trockn nen, gesalznen, oder sonst Durst erregender Speisen, allmälig nachtrinken, oder lieber sogleich ein paar 3as, sen guten Kaffee ohne Saane, mit, oder ohne Zucker, er muß aber durchaus nicht Taback dabey rauchen. Eine umstä dliche und richtige Beurtheilung sowohl unsrer vaterländischen teutschen, als auch der meisten fremden Von der Speise und dem Getränke. 225 Absichten, bei guter Gesundheit zu bleiben, er un» terstützt die Verdauung und befördert die Aubdün- siung. Gut gebrauetes Vier "), das leicht u..d klar fremden Weine, wird'man in Nichters diätetischem Werte («2 20; — 2,7. der Vertemschung unter dem Titel: Lebensordnung für Gesunde und Kranke, übersetzt von Dr. Friedr, August We> ber, Heidelberg i?uü.) mit Vergnügen lesen. Anm. des Uebers. 5) Trinken muß man doch bei Tische, werden sehr Viele sagen: soll es nun nicht Wasser, weil das den Mc>ge>, erkältet und schwächt, und auch nicht Wein seyn, weil dieser den Magen und die Nerven zu sehr reizt und da» Blut erhitzt, so müßte man Bier zum Tischtrunt bestimmen. Ee ist artig bei einer zahlreichen Tasel eine so mannichfaltige Verschiedenheit in diesem Stück wahrzunehmen; und wie da jeder glaubt, nach diäte« tischen Grundsätzen zu handeln. Indem der Eine Was» ser, der Andre Wein, der Dritte Bier zwischen den Spesen trinkt: ja mancher kann kaum die Suppe vorbeilassen, bevor er nicht schon ein gutes Glas von dem vcr ihm stehenden Getränke zu sich nimmt. Man muß öfters nur lächeln, wenn jeder seine Diät rühmt, aber im Grunde Mitleiden haben, daß sich die Meisten in ihrer Meinung betrügen: denn weil unsre weidlich ein« gerichtete Natur sich an alles, ja wohl an Gifte, gel wohnen kann, ohne sogleich von jedem Versehn in der Lebensordnung zerrüttet zu werden, so glauben oder scheinen diese Laien in der Medicin zu glauben, ein tag- licher diätetischer Fehler tonne, (und werde er gleichviel tausendmal begangen,) dem gesunden L-ben doch teil nen Eintrag thun, und dass lbe nickt im AUermindesten verkürzen. Viele Leser werden Freund»' kennen, von denen der eine die Erhaltung seiner Gesundheit seiner Gewohnheit, früh nüchtern ein reichliches Glas srnches Brunnenwasser zu trinken zuschreibt der andre sei» Wohlbefinden größtentheils auf seinen Krug reines Wassers 2Q6 2. Abschnitt. 2. Kapitel. klar ist, lind gehörige Starke hat, ist ebenfalls dem Körper ungemein! zuträglich, jedoch wird bei der Mahlzeit das schwächere Bier immer am besten bekommen. Der Wassers rechnet, den er regelmäßig vor dem Schlafen, gehen ausleert! beide aber bedenken nicht, daß sie von Aeltern abstammen, die ^vermöge ihrer festen Natur fast ein ganzes Jahrhundert durchlebt, keine gelün» sielte, sondern eine ganz natürliche Erziehung genossen, «no ein sehr thätiges Leben von Jugend auf geführt hatten. Die>'cm Vorzuge, und ihrer eignen zum gesunden leben eingerichteten Constitution haben es solche Son» derlinge in der Diät zuzuschreiben, daß sie ihren oft seltsamen Gewohnheiten mancherlei diätetischer Fehler nicht unterliegen, obgleich über lang oder kurz die dar» aus entstehenden Folgen nicht außcnbleiben. Und eben so ilrig urtheilen andre von gewissen Gattungen^ des Getränkes und besonders der Viere; denn weil mancher dreißig bis vierzig Jahre ungestraft sehr reichlich Weißbier trinkt, so schreibt er seine Gesundheit dem Gebrauch« dieser Bierart zu, dahim gegen ein Andrer sein Wohlbefinden lediglich von dem täglichen Tränke seines bittern Gerstenbiers herleitet, und beide würden vielleicht gesünder in alten Tagen bleiben, wenn sie ihren Durst blos mit Wasse, und etwas Wein gestillt hätten: denn beide Biertrinker bekommen aufgedunsene Körper und gehen öfters mit ihrer Korpulenz der Geschwulst und Wassersucht allmä. lig entgegen. Kurz, man trinke rie ohne Durst, und hüte sich das Trinken eines Getränkes, von welcher Art es immer seyn mag, zur Gewohnheit, oder, nebst dem Tabackrauchen, zum Zeitvertreibe zu ma, chen, wenn man bis ins spätste Alter munter und gesund bleiben will. Anm. des Uebers. Von der Speise und dem Getränke. 227 Der Thee *) ist manchen Personen nach gehab» ten Strapazen ein erfrischendes Erhohlungsmittel, andern hingegen verursacht dieß Getränke Schwäche und *) Dieses Getränke wird ohne Zweifel in England am allerhäufigsten getrunken, weil es dort seit Anfang die^s Iahrhun^rts so allgemein eingeführt wmde, daß es nun auch bei der niedern Volksklasse im Schwange geht. Die Reichen und Vornehmen aber trinken tüg, lich zweimal Tbee, den sie, wie wir anderwärts gesagt haben, vorzüglich zum Frühstück von einer leb" !nvken Dosis des besten Thee«, zu einer wahren tonischen ho, -. ,, Tinktur m,,cben die dann wieder durch Beimis^ung der guten Milch von den englischen Kühen, und durch viel Zucker schmackhaft, und von Seiten der zusamt menzichenden Wukung unschädlich gemacht wird. Vei der Art des englischen Frühstücks kann freilich von Sei? ten des Theetrankes wegen des dabei genossenen aerö« steten Butterbrode« kein solcher Nachtheil für den Magen erfolgen, als diejenigen bei unserer Methode des Theetrinkens erleiden, wo meistentheils nur eine ge< ringe Theessrte gebraucht, sehr wenig auf einmal ge< nommen. und dennoch von diesem schlechten Thee eine M'üge, ohne etwas dabei zu essen, getrunken wird. Nachmittags muß man den Thee gänzlich meiden: denn der Magen und die Verdauung würde immer darunter leiden müssen. Auf einem Rausch aber, und nach großer Erhitzung sder unmäßiger Anstrengung aller töl verlichen Kräfte, kann auch nach dem Sinn unsers Verfassers eine Tass? Thee die zu sehr gespannten Fibern zu ihrer Nachlassung bringen, und das allzuerhitzte Blut wieder abkühlen; nur wende man dieses Getränk» nebst dem Tabackrauchen nicht an, den Schlaf zu verjagen, um Nächte hindurch mit Arbeiten des Kopses zuzubringen. Dieser letzte ver< kebrte Gebrauch des Thees und das unabläßige Ta< backraucken hat schon manchen frischen Jüngling im wahren Sinne des Wortes verzehrt. Anm.,HHUeberf. 1 22g 2. Abschnitt. 2. Kapitel. und Zittern. Erfahrung muß daher auch hierin leh» ren, in wiesern es zuträgliche oder nachtheilige Wirkungen hervorbringen kann. Der Kaffee *) ist feuriger und wirksamer, als der Thee; folglich wird dessen öfterer Gebrauch, wo man *) Allerdings hatte sonst der ehemals nach Tcutschland gebrachte gute Kaffee, der leu an tische sowohl, als der wahre Marlinitische, mancherlei gute Wirkung. Vermöge des ihm beiwohnenden ätherischen Oe!s ward er von den besten Aerzten, denen die über Schwäche des Magens, schlechte und langsame Verdauung, Bläl hung und Ausstößen, oder über Kopfweh, in den er« stcn Stunden nach genossener Mahlzeit klagten, auch wider Engbrüstigkeit und mancherlei Nervenzusälle aus» drücklich als ein Nervenstärkendes Getränke, und zwar mit gutem Erfolge, empfohlen; da man denn sogleich noch am Tische ein paar Tassen tränt, und dadurch öfters alle üble Disposition hob, wie wir dies andere wärts bereits angezeigt haben. Daß er aber nun seine Heiltraft nicht mehr, wie ehemals, äußert, muß offenbar daran liegen, daß wir itzt nicht mehr die kräftigen Sorten Kaffee für die täglich immer höher steigenden Geldsummen in unsern Erdlheil bekommen, oder daß wir ihn schwächer bereiten, und u»sr«^Matu< ren sich mehr daran gewöhnt haben mögen : denn die kräftigste Arznei vertiert, wenn sie zur Gewohnheit wird, ihre Wirkung. Kaffee ist, wie man ihn heut zu Taae an den meisten Qncn Teutschlands trinket, mehr Getränke des Wohlgeschmacks: sonst müßte man ihm weniger Milchrahm und Zucker beimischen; und itzt dient er dem andern Geschlechte allermeist zur nachmit, täglichen Unterhaltung und zumZeiivcrneibc, demTa? backraucher aber Früh und Nachmittags zu einigem Trost, und, wie er irrig glaubet, zum Ersatz für die durch den Taback erregte Art der Saliuation. Hier wird man vielleicht'die Frage beantwort« wissen wollen, ob Von der Speise und dem Getränke. 209 man findet, daß er der Constitution nicht zusagt, all» zeit gefährlich, zu achten seyn. ob das Tabackrauche» (denn das Käuen dieses Krautes erwähnen wir nickt, weil es nur auf der See oder in den ihr nahe gelegenen Ländern üblich ist,) ohne Schaden der Gesundheit und Abkürzung des ^e, den« von jedermann geschehen könne. Die Tabacks/ blätter mö^en seyn, von was für einer Gattung, aus welchem Lande, oder von welcher Insel sie wollen, so ent, hallen sie doch allcsammt narkotische oder betäubende, Ge< Hirn und Nerven mehr oder weniger angreifende Tbeilchen in sich, und werden daher, so lange nicht di Gewohnheit das Gefühl der Nerven im Munde. Gmmen, Schlunde, Hasse, nnd in den benachbarten Tbeilen Abgestumpft hat, Uebelkeit, Ekel, Würgen, Brechen und Schwindel, vielleicht auch bei sehr empfindlichem Gehirn und reizbaren Nerven wohlg^r den Schla.fiuß verursachen. Je jünger nun also der Mensch, und je reizbarer dessen Constitution ist : desto nacdchM.'.er und gefährlicher kann das TaKackraucken ablaufen: denn ohne Erbrechen «eht es ohnehin as erstemal bei sehr wenigen Personen vorüber. Sollte eine solche unangenehme, beschwerliche, und oftmals höch^lnachlheilige Wirkung, als das Erbrechen ist, nicht jedermann ein Wmk seyn, von dieser Unternehmung abzustehen ? W'nn wir nun den in den Speichel» drinen erregten Reiz, und daher häufigen Ausfluß der köstlichsten, zur guten Verdauung unentbehrlichen Feuckrihkeit zugleich in Betrachtung ziehen, so möcht' es einem, als theilnehmenden Arzt sehr empfin lich seyn, nicht nur Jünglinge, ja öfters wohl noch un. ter diesem Alter stehende junge Personen, zuirnl au« der ganz niedrigen Voltsklasse, sondern auch sogar Greise den nanzen Tag Taback rauchen zu sehen. Der In >gling befördert dadurch sein Alter, und der G.iß läßt sich's recht angelegen seyn, die ihm bevorstehende na< türliche Art des Todes. die Unfähiqkeit der sich in die« ser Lebenoperiode verdickenden Blulmasse, zum länger« O Um- 2io 2. Abschnitt. 2. Kapitel. Umlauf der des feinsten Theils beraubten Säfte, durch die nun vertrocknenden, allermeist allmälig zusammen« fallenden zartesten Gefüßchen vollends zu beschlcunigen. Man sieht leicht ein, daß nur der entweder von Na« tur, oder durch die Macht der fortgesetzten Gewöhn» hcii am feinen Gefühl Abgestumpfte, oder mit einer großen Uebermenge wässerigter und zum Cchleim ge< neigter Säfte Ueberhäufte vor denen, die zärtlich, ye« fühlvoll, sehr Blutreich oder ganz arm an Säften, hager und zu verzehrenden Krankheiten geneigt smd, noch übel und böse dann und wann, doch nur erst, wenn der Körper seinen völligen Wachsthum «leicht hat, Früh oder gegen Abend, oder zu beiden Zeiten, eine Pfeife Taback rauchen tonne. Die Venhcidi« ger dieses Zeitvertreibes, oder dieses Zrleichtrungomit» lels in schweren, Nachdenken erfordernden Arbeiten» wofür sie's wenigstens oft ausgeben wollen, finden darin kein Argument für ihre Sacke, daß sie sa« zen, sie spuckten bei ihrem Naucben nicht aus; son» dem dieß beweißt vielmehr, daß ihre Nerven schon widernatürlich abgestumpft sind, aber nicht, daß die flüchtigen, höchstscharfen, aufgelößten, giftartigen The lcken nicht durch die gerade im Munde am häusigsten befindlichen Saugäderchen in die Blmm^sse geführt, und dieselbe allmälig verderben sollten. Auch diese« kann die Zuläßigkeit und Unschädlichkeit des Ta« backrauchens nicht beweisen, daß andre sagen, sie trän« ken sehr fleißig wahrend des Rauchens; das heißt, sie mögen trinken, was sie wollen, rohe, heterogene Feuchtigkeiten, die sie zu sich nehme», mit dm milde: sten und ausgearbeitesien vertauschen, und sich di.' Eß- lust oder gute Verdauung, oder beides auf eine mühsa» me und vorsehliche Art verderben, zumal, wem: der Taback kurz vor oder nach der Mahlzeit, oder auch turz vor Schlafengehen geraucht wird. Der frühe Verlust eines natürlichen, muntern Ansehns, und die an Statt dessen sich zeitig einnndende gelbe erd.- fahle Farbe des Gesichts und Wertrocknung des gan« zen Körpers bei den meisten Tabacksrauchern sollte dillig jeden blühenden Jüngling davon abschrecken. Man führe nicht Beispiele von dicken, korpulenten oder sehr altcn Tabackrauchern zur Vertheidigung dieses Leben» kürzenden oder doch die Gesundheit auf gewisse Art verderbet» —^v Von der Speise und dem Getränke. 211 derbeuden Zeitvertreibes an: denn Erstere haben ohn» fehll'ar recht brav bei ihrem Tabackrauchen getrunken Uüd sick u> Candidaten der künftigen Wassersucht ge» mackl, und Lchtere ibr hohes Alter dem täglich genoft senen Gifte, dem Tabacksrauche, gewiß nickt zu ven danken. D« Sckw'chheit Vieler, welche glauben» oh»e eine Pfeiffe gleich ftüh beim Aufstellen zu rau« chen, könnten sie keinen Stuhl haben, nickt erst zu erwähnen: denn diese vergessen, daß so viele Tausend ohne dieses vermeintliche Hülfsmittel in gesunden ?a« gen alle Morgen Leibesöfnung haben weil dieß der Natur gemäß ist: verhält es sich aber anders so ist es Krankheit der Verdauungsorgane und diese hebt nicht oft der Taback, darüber muß der Arzt urtheilen. Und blieben diese sich klugdünfenden Nickcarzt? nur mehrere Tage ohne Taback, sie würden zu ibrer Verwund! unq auch ohne denselben ihren Stuhl ftüh oder Nachmit« tags bekommen. Mit wahrem Vedamen sieht man öfters zum Vlutspeien geneigte, ja gar schwindsüchtig« «Personen, uno mit Gicht und Podagra behaftete Kan< ke Taback rauchen, weil sie sich von dieser tyrannischen Mode nicht losreissen können; w«s aber dieses einen» solcken Körper taglich mitgetheilte feine Gift für Wir» tunoen in der Folge hervorbringen müsse, wiro Hof« fentlich aus dem Obengesaaten jeder Nicktarzt einsehen. Kurz, wer ein blühendes Anseben, seine Munterkeit und seine Kräfte dec Geistes sowohl, als des M Vers, mit ins hohe Alter hinübernehmen will, enthalte sich vom Tabackrauchen. Wollte man wissen, ob das Tabackschnupfen nicht zuläßlger. als das Rauchen, wäre; so rmssz man darauf antworten, daß, da die narkotischen Theile nickt durchs Verbrennen, wie beim Rauchen, so auigelößc, und asso eben nicht leicht in die Blutmasse geführt werden tonnen, und da auch dasselbe mehr und öfter als Ga» lanrerie, denn als stetes Geschäfte getrieben wird, der Schade für die Gesundheit daher nicht groß ftun tön. ne. Indessen, da ebenfalls fast jedermann, der noch nickt den Reiz dieses Tabackpulvers in seiner Na» se gewohnt ist, ein heftiges Niese», und nicht selten merklichen Schwindel, erleiden muß; so ist hieraus 0» °jM,l 212 2. Abschnitt. 2. Kapitel. Schokolade *) ist nährend und balsamisch, wenn sie anders nur frisch und gut ist; allein sie kann auch dein offenbar, daß seine Wirkung ebenfall« Gehirn und Nerve» angreift. Und wem sollten wohl aus dem Gebrauch des häufigen Schnupftabacks, wenn er mit schaifen Substanzen vermocht ist, entsprungene Na< senpolupen unbekannt seyn? Gewiß kein Umstand zu seiner Empfehlung! Ich komme wieder zurück auf den Kaffee, und hierbei muß man billig beklagen, daß sich itzt auch durch dieses Getränt«, °bs gleich bei ihm kaum den Nahmen des Kaffees verdient, der gemeinste Mann und Tagelöhner sammt seiner Familie in der Stadt und auf dem Lande entnervet. Auch viele sich klug- dünkende suchen eine Ersparnis) bei diesem Getränke durch allerlei Surrogate zu machen, und rösten daher allerlei mehlichte Saamentörncr, auch Eicheln, Möh, ren und Zichorienwurzeln und setzen es dem Kaffee bei oder völlig an die Seite. Allein allen diesen Srch< stanzen fehlt es an ätherischem Oele und sie sind in inchts mit dem Kaffee, als in der braunen Farbe, zu ver< gleichen. Doch möchte die Zichorienwm-zel, wenn sie gehörig geröstet ist, noch am ersten verdienen, dem Kaffee an die Seite gesetzt zu werden. Anm. des Uebers. *) Die Schokolade ist mehr als ein nährendes, und den Geschmack überaus befriedigendes Getraute anzuw hen. Den Hauplbestandcheil machen die Tacaob°I>' nen aus, wozu eine beliebige Menge Zucker gesetzt, und mitunter, besonders in Spanien und Italien etwas von Vanille beigemischt wird. Unsre teutsche Scho< kolade wird sehr häufig, nur aus sehr gemeiner Cacao, oft auch aus ganz gemeinen Zucker, und, um ihr einen angenehmen Geschmack zu geben, aus etwas Zimmt, Kardamomen, bisweilen auch etwa« wenigen Würznelken bereitet und dann vom Nichikenner und Schweiger mehr zur Wollust, als irgend einer andern guten Absicht, Von der Speise und dem Getränke. 21z dem Magen sehr beschwerlich werden, wenn die Ca- caonüsse zu scharf geröstet sind. lauteres Wasser ^), wie es'aus der Quelle kömmc, ist, nach Hofmanns Beistimmung, das O 3 beste Absicht, mit Milche oder Wein gelocht, und von Manchen zum Frühstück, auch wohl den Geschlechts« trieb zu erwecken und zu stillen, getrunken. Wie nachtheilig aber dem Jüngling oder sonst einer Blut, reichen feurigen Constilulion dieses seyn muß, wenn es öfters geschieht, sieht jeder von selbst ein. Indessen kann man au« dem besten Cacao und feinsten Zu- cker ohne alle Würze eine Schokolade bereiten, welche mit Recht den Nahmen Gesunoheits-Scholo« lade verdient, und den Schwächlichen überhaupt, oder den der von scharfer Lymphe auf der Brust ang« griffen ist. oder den Reconvaleftenten, als ein vor, trefflich nährendes und stärkendes Frühstück, wenn sie mit Wasser oder Wilch bereitet, und zu ein paar Tassen früh täglich genossen wird, erwünschte Dienste thut. Ich habe gesehen, daß dieß Getränke, nur ganz verdünnt und aus Wasser gelocht, bei Personen von schwacher Brust nach habituellem Blutspeien, wenn man es Jahre lang. Frühmorgens an Staat Thee oder Kaffee fortsetzte, der guten Erwartu»g entsprach, und sie wider alle künftige Anfälle ihre« Uebels sicherte. Anm.desUebers. ') Das reine Wasser scheint überhaupt der ganzen thierischen Schöpfung aanz unentbehrlich, und am allerzuträglichsten zu seyn. Philosophen, Natur, forscher, Dichter und Aerzte haben dasselbe von den ältesten Zeiten her, als das beste Getränt« zur Er« Haltung der Gesundheit gerühmt; und wohl dem, welcher sich von Jugend auf daran gewöhnt hat: denn dieses natürliche Getränte wird gewiß dem, der es nach Durste trinlt, zu keiner Zeit schaden, «s müßte denn mit dem höchsten Grad von Kälte, oder 2l4 2. Abschnitt. 2. Kapitel. beste Getränke für jedes Alter und Temperament, welches jeoermann in solcher Menge trinken kann, als »der Wärme, wie mit dem Mißbrauch des Thees oder Kaffees, oder unmittelbar nach einer großen Erhitzung geschehen. Mit herannahenden Jahren, w?,'n das natürliche Feuer uns verläßt, wird ftei< lich ein mit unier gesetzter Trunk alten teutschen, «der ungarischen Weins der nun sich vermindernden Leben'tVafc gut zu Statten kommen, obwohl das W'sser immer die scklcklichste Feuchtigkeit ist, welch? dem allmäligen Steifwerden der animalischen Fi^ bern, und der V»rdickung des Blutes, als'dem n<« tüi>chen Sterben au längsten vorbeugen kann. Daher das alre verjährte Sprichmort: Vinurn lac serum wegen der Geisti',keit des Weins nicht ganz wahr ist. Auf den Ur'p-unq des Wassers kömmt nicNs an, wenn es nur vollkommen rein, und frei von allen fremden Theilchen, leicht, hell und durchsichtig, und ohne allen Geschmack ist. Ein jeder Geschmack des Brunnenwassers läßt befürcht ten, daß es irgends durch bleieine Röhren geleitet sein möchte, und so würd' es mit der Zeit zu aller» lei Nervenübeln, besonder« zu krampfhaften Koliken, Anlaß geben, wie man besonders in England davon hin und wieder Beispiele hat. Wasser unmittek bar aus der Quelle «der dem Flusse geschöpft, wenn auch die letztr» Art, wie etwa das Wasser der S und Schneewasser in der Nachbar« schast der Alpen, ist längst als unrichtig verworfen worden. Indessen will doch mancher Arzt und man» cher Schriftsteller (so z. B. der Verfasser der Vorle« sungen für die mittlere Jugend, Lübeck 1785. ;. Th. S. 159) kein Wasser, das aus Schnee oberEiß entsteht, für gesund gelten lassen; ja mancher glaubt dieß ebenfalls vom Meerwasser, falls es auch sein zähes und salziges Harz durchs Frieren verloren hätte. All lein dieß widerspricht aleichwohl den neuesten Erfahl ' rungen de>5 berühmten Weltumseeglers Cool, der das gesror,,e Seewasser ganz unschuldig, und der Gesund/ heit nicht nachteilig fand. Anm. des Uebers. 2'8 2.Abschnitt. 3. Kapitel. denn die leichten und feixen Theilchen des Wassers stiegen durchs Frieren davon, und lassen die grobem und schwerern zurück. Daher ist auch kein Wasser für gut achten, das nicht leicht, rein und weich ist. Drittes Kapitel. Von Bewegung und Rnhe. Da der menschliche Körper ein solches Gebäude ist, das aus lauter Röhren zusammengesetzt ist, durch welche die Flüßigkeiten sich bewegen, so besteht auch das ieben durch diesen Umlauf der Säfte, und es ist also natürlich, daß zur Gesundheit körperliche Bewegung erfordert wird, weil sie diesen Kreislauf un< tcrsiüßt. Wir sehen ja täglich, daß der thätige Mann stärker und gesünder ist, als der, welcher eine sitzende iebensart führt. Die durch unmäßige Arbeit und Bewegung ver, anlaßten Zufalle werden durch Ruhe gehoben, und die, welche von Unthätigkeit und zu vieler Ruhe entstehen, hebt körperliche Bewegung. Wenn der ganze Körper nicht länger, als gewöhnlich, ausruht; so wird er stärker: eben diese Bemer- ^ Von Bewegung und Ruhe. 219 Bemerkung findet auch in Ansehung eines jeden Gliedmaßes des Körpers, Statt. Hingegen, wenn ein Mann nach lange gewohnter Ruhe unmittelbar harte Arbeit verrichten will, so wird er sich ganz sicher schaden. Die Füße werden nach allzulanger Ruhe zu vielem Gehen unfähig; und die andern Gliedmaßen werden durch lange unterlassene Uebung größtentheils zu ihrer, Bestimmung untüchtig. Wer auf einmal aus einer beständig angreifenden lc^ensart in einen völlig ruhigen Zustand sich begiebt, muß eine spärliche Diät halten; sonst verfällt er bald in ''chmerzhafre Umstände, und er leidet von angehäuf» ter iast oer Lüste, mancherlei Zufälle. Das Reiben giebt dem Körper Warme und Festigkeit, und erhält ihn bei Flelsche und gutem Anfthn. icmtes lesen und Singen kann erwärmen und ei» Nen zu feuchten Körper trockner machen und stärken. Unter allen ieibesübungen ist das Gehen die be» sie, indem sie dem ganz gesunden Menschen, am natürlichsten ist. Alle Bewegungen des Körpers sind vor der Mahlzeit *) am besten, und der Gesundheit am zu. träg« *) Hier ist es nöthig , dem Nichtarzte beareifiich zu irm« chen, daß das aus der 3clio>2 äalcrnitün, hergenommen« Spnchwort,welche2 nach dem Essen zu stehn oder tausend Schritt« V U 22I 2. Abschnitt. 3. Kapitel. fraglichsten, und am allerbesten bekommt zu dieser Zeit das Reiten. Reiten Schritte zu gehn anräth, pott p^Num NM« ant p«s. lu« müle meM«,) einen Commentai braucht, indem man nämlich das Wort nach ja nicht falsch erklären und an Statt so gleich nach, oder unmitl telbar auf die Mahlzeit, verstehen darf, weil erst dann, wenn die Verdauung, oder besser und mit den neuesten Physiologen zu reden, die Auflösung der Nahrungsmittel, größtentheils im Magen vorüber ist, mit Nutzen eine den Umständen gemäße Bewegung des Körpers vorgenommen werden kann. Wedel, ein ehemals sehr berühmter Ienaischer Arzt, sagt ohne alle Einschränkung; Pott coermrn pM>« miüe mcare p e <1i m l, m. Weit ricl'tiger würd? man jenes Sprich« wort auf die Zeit vor dem Essen anwenden. In den Vormittagsstunden und bei noch nickt angefülltem Ma« gen wird die Bewegung durch Gehn oder Reiten je< dcrmann leicht, und Erhitzung weit eher, als nach Tiscke, vermieden; auch wird die Vlutmasse, so wie die Wsondrung aller Safte, besonders der zur Ver. daoung gehörigen Feuchtigkeiten, sehr vortheilhaft un» terstützt, und alle Fibern und die daraus gebildeten Organe erlangen eine kräftige Stärkung. Der Ve< weiß, daß man die Bewegung nicht übertrieben hat, äußert sick in einem gucen Appetit, und in einer auf die Mahlzeit folgenden leichten Verdauung. Nach der Mahlzeit, zumal wenn sie start gewesenist, ins< besondere in warmen Sommertagen, setze man sich ruhig hin, und warte einen Viertelstündigen oder längern Scklummer ab; die darauf folgende Munterkeit und Erholuig erweist mehr, als alle physiologische Erklärung , daß nach Tische Ruhe, und vor Tische Be» wegung zuträglich ist. Nur muß letztre nicht etwa bis zum Erhitzen »nd Schweiße gehen, und bis ganz nahe an die Tischzeit fortgesetzt, sondern eine gute Z.'ic zuvor wieder nachgelassen werden. Nicht selten thun sich Personen von vornehmen Stande, und der türpetticbcu Bewegung Ungewohnte auf dem Lande mit Spazierengehen in den Morgen« und Vormittags, stunden Von Bewegung und Ruhe. 221 Reiten ist überhaupt nach überstandner Krank« heit, und im reconvalescirenden Zustande ein sehr gutes Hülfsmittel, die Gesundheit wieder Herzusiel» len, und die Bewegung zu Fuße von vortresiicher Wirkung, dieselbe ununterbrochen zu erhalten. Ein sehr grosies Mittel, Munterkeit des Geistes und Kräfte des Körpers recht lange unverändert zu erhalten, ist unter vielen andern dieses, daß man zu gewissen Dingen oder Verrichtungen auch richtige Stunden halte. Zeitig zu Bette gehn, und recht früh wieder aufstehn *) hat einen ganz vortrefiichen Ein« fiuß stunden bei warmer Luft den größten Schaden, wen» die Spatziergänge zu weit gemacht werden, besonders wenn die Liet Haber solcher weiten Promenaden mit erhitztem Blute und start ausdünstendem Körper det zurück komruen, und sich zu bald in frischen Spei» sesäle» in ihren Landhäusern zur Tafel s'tzen, und dann mit kalten Schalen den Anfang ihrer Mahlzeiten machen. Kurz, die Bewegung unsers Körpers muß immer den Zeiten und vielerlei Umständen gemäß, und nach eines jeden Constitution eingerichtet werden. Der fette, schwerfällige, große Mann muß sich nicht einen leichtfüßigen, hagern Geführten zu seinen Spa< ziergängen wühlen: sonst wird er immer zurückblei« ben, und dock noch äußerst erhitzt und entkräftet wer« den müssen, wenn er es je^em gleich thun will. Auf dem Lande braucht man eben nicht stets auf den Beil nen zu styn, denn die freie Luft und der heitere Sinn in guter Gesellschaft, giebt uns da schon Stärke und Erholung. Anm. des Uebers. *) Wir sind fest durch sehr »iele Beispiele überzeugt, daß das frühe Aufstehen die geistige und körperlicht Mun« 222 2. Abschnitt. 3. Kapitel. fiuß auf Munterkeit, Kräfte und Grflülds'cit. Um zehn Uhr Scklafen gehn, und um sechs Uhr aussiehn ist die beste Gewohnheit. Mäßige Munterkeit am längsten erhält: denn man hält immer den Mann, der bestandig früh aufst^t, auch in dem Alter des Greises, fü< zehn Jahr jünger, als °r wirk,' lich schläft, wird schwerlich ein hohes Alter bei guter Ge> sundheit und Munterkeit erlangen- Anm. des Ueber,'. Von Bewegung u nd Ruhe. 223 Mäßige ielbesübung giebt dem Körper Starke und erhöhet die Empfindungen. Diese Arten der Bewegungen sind für jedermann die besten, an die der Körper gewöhnt ist, wobei man aber immer dar, auf zu sehen hat, daß man sie nach Verhältniß der Stärke oder Schwäche des Körpers einrichte, und weder der Sache zu viel, noch zu wenig thue. Auch des Geistes Bewegung ist zur Erhaltung der Gesundheit erforderlich *). Nach beträchtlicher Bewegung des Körpers, zss» mal wenn man in Schweiß gerathen ist, muß man sich sorgfältig hüten, sich nicht zu erkälten, und die» ses kann verhütet werden, wenn man sich mit ciuely trocknen Tuche recht reiben läßt, und die feuchte Wä« sche mit gut vorher durchlüfteter frischer verwechselt. Unter vielen diätetischen Fehlern ist keiner für größer und nachtheiliger zu achten, als, wenn ieute nach starker Bewegung schwache Getränke, sie mögen seyn, welche sie wollen, ganz kalt trinken, und doch eine ») Der Mann von phlegmatischem Temperamente sollt« dem danken, der ihm bitweilen eine Gemüthsbewe« «ung, ein übechinqchendei Aergerniß macht, denn da« durch wird seine Galle ein wenig in ihrer Kraft er« hlht, und in Bewegung gesetzt, der Kreislauf der ganzen Blutmasse überhaupt mehr erregt, und der kaltblütige Mensch aus seiner stets schläfrigen Unthä« tigteit gerissen. Anm. des Uebels. 224 2. Abschnitt. 3. Kapitel. eine große Erhitzung im Körper verspüren -"). Wenn das Getränke nur Blutwarm wäre, so würde es den Durst besser loschen und keinen Schaden thun. Magere Personen werden bald durch allzuviel« Bewegung geschwächt und abgezehrt. Jedermann, der sich stark bewegt hat, muß sich ja nicht sogleich zu Tische setzen, um seine Mahlzeit einzunehmen, sondern zuvor eine Weile ruhen, eh'er zu Mittage, oder Abends speiset. Die Bewegung hat schon Vieles und insonderheit dieses zu ihrer Empfehlung vor sich, daß man ,,c,ch der *) Neck größer und gefährlicher kann der Nachtheil eine« kalten Trunkee werden, wenn man bei stark erhitztem Körper sich plötzlich aus der Bewegung in einen t^h« len Saal ober in den Luftzug setzt, und dabei sich mit einem kühlenden Trunk gütlich thun will. Ein solches Verfahren kann leicht einen Seitenstich und Ohnmachten und andre gefährliche Folgen nach sich ziehen. Ein paar Bissen Brod mit Salz, die man vor dem Trinken isset, sind immer in dergleichen Um< ständen ein der Gefahr vorbeugendes Mittel, da indessen das Getränke einigermaßen verschlagen un? sich das erhitzte Blut etwas abkühlen kann. Wie oft mag nicht schon durch dieses Versehn auf Bällen nach den durchdringendsten Erhitzungen, bei jungen unbe< hutsamen Personen beiderlei Geschlecht« der Grund zu unheilbaren Brusttrantheiten und Schwindsuchten gelegt worden sevn, wenn sie Eis und Limonade »hne Einschränkung häufig zu sich nahmen? Anm. d. Uebers. Von Bewegung und Ruhe. 225 der allgemeinen Bemerkung wahrnimmt, wie dasje« „ige Glied, welches am stärksten bewegt und angestrengt wird, auch an Größe und Starke vor allen den übrigen, die nicht so hausig bewegt werden, gar merklich zunimmt. Daher haben die Sänftenträger so dicke, starke und muskulöse Schenkel, See« leute und Matrosen besonders starke Aerme und Hände, Träger außerordentlich starke Schultern und Rücken, weil alle diese Theile häusig und anhaltend angestrengt werden. Eine mäßige Bewegung verschaff dem ganzen Körper eine mehrere ieichtigkeit und Munterkeit; Muskeln und Bänder werden von aller Unreinigkeit befreiet, und der abgenützte und zur Ausdünstung be. stimmte Stoff wird dadurch am besten zu dieser Be» siimmung vorbereitet. Allein heftige und anhaltende Bewegung, so« wohl des Körpers als des Gemüths, macht vor der Zeit alt und bringt einen frühen Tod zuwege. Die Bewegung ist dann am zuträglichsten, wenn in einem Tage, nach einer zweimaligen Verdauung unsrer genossenen Nahrungsmittel, unser Körper vor den nächsten Mahlzeiten beinähe sein gewöhnliches Gewicht wieder bekommen hat. Reiten befördert die Ausdünstung mehr an dem obern Theile des Körpers, und oberhalb den ienden, als an den untern Gliedmaßen, und ein sanfter Schritt ist weit zuträglicher, «ls der heftige Trap. P Indessen ___ 226 2. Abschnitt. 3. Kapitel. Indessen kann solchen schwindsüchtigen oder schwach« lichen Personen, die durch das Reiten mehr als durch das Fahren in einem bequemen Wagen ange» griffen werden, die erstere Art der Motion nicht so wohl bekommen, als die letztere, weil ihre Kräfte gesammelt und vermehrt, nicht aber durch die Be> wegung geschwächt und vermindert werden sollen. Das geschwinde Fahren auf einer holperichten oder schlecht gepflasterten Straße giebt dem Körper unter allen Arten der Bewegungen die stärkste Erschütte» rung, wodurch nicht allein die Ausdünstung, ehe der Stoff dazu noch gehörig bereitet ist, zu übereilt vor sich geht, sondern auch den festen Theilen und vor» züglich den Nieren, Gewalt angethan wird. Sprin> gen oder Voltigiren ist ebenfalls aus den nämlichen Gründen eine nachtheilige leibeSübung. In einem Tragsessel, oder einer Sänste von Maulthieren sich tragen oder in einer Barke ein wenig fahren zu lassen, vermehrt die Ausdünstung minder, als das Gehen zu Fuße; jedoch sind dergleichen Arsen von Bewegung gleichwohl von sehr gutem Nutzen, wenn sie nur gehörig fortgesetzt werden, denn sie ma» chen doch den Körper zu einer ungehinderten Autzdün» siung geneigt. Das mäßige Tanzen ist eine sehr zuträgliche Bewegung für den Körper *). Die ») Nur sollte nicht das heftige, anhaltende, englische Tan, zen im Sommer, noch weniger aber das sogenannte Walzen Von Bewegung und Ruhe. 227 Die vornehmsten und nützlichsten Arten der körperlichen Bewegungen, die man in Sälen oder ge» ruumigen Zimmern vornehmen kann, sind das Bil> liard, das Ballspiel, der Federbxll, das Tanzen, Fechten, und noch andre dergleichen mehr oder weniger körperliche Bewegung verursachende Unterhaltungen; und wenn es an guter Verdauung fehlen will, kann auch eine Art von Erschütterung verursachende Maschine, welche das Reiten nachahmt, gebraucht werden (clie cliambre Korle ur rremuulloir.) Die besten Arten der Bewegung unter sreien Himmel sind Spazierengehen, Kegelschieben *), Reiten auf Maschinen, welche durch Rader im Kreise herum bewegt werden **), worunter aber P 2 doch Walzen Statt finden, weil durch diese Are Tänze die Erhitzung des Blut's auf den äußersten Gn,d «edracht, und der Körper in strömenden Sckweiß gesetzt wird. Anm. des Uebers. *) Zu gutem Glück ist diele Unterhaltung und Art der körperlichen Bewegung unter beuten von Stunde Heu, tiges Tage? meistentheils abgekommen : denn das Ke< gelschieben greift den Körper so sehr an, daß manche Personen den folgenden Tag nock davon Ermüdung verspüren. Und zur Erhaltung der Gesundheit müssen die Kräfte nickt über die Gebühr angestrengt, son« dem nur mäßig geübt werben. Anm. des Uebers. **) Von dieser Art der Bewegung können bisweilen traun e folgen entstehen, und »um Schwindel geneig« te Personen müssen diesem Zeitvertreibe entsagen. Mir 22g 2. Abschnitt. 3. Kapitel. doch das wirkliche Reiten auf einem sichern Pferde da« beste ist. H», W Es kommen drei Umstände vor, die nothwendig bei der Bewegung des Körpers wohl erwogen werden müssen. Erst. Mir sind Füll« vorgekommen, die übel abliefen, indem einer schwindlich ward, von der Maschine herabfiel und den Arm zerbrach, und bei einer andern Gelegenheit 'aus der nämlichen Ursache ein andrer durch einen Fall sich ziemlich beschädigte. Weit sichrer würd« zu dieftr Absicht der vor einigen Jahren vom Herrn Gennete, einem berühmten Mechanitus in Paris, «rfundne Reitstuhl (l^bo»«! on den wenigen, dieser Sache Wider« sprechenden irre machen lassen; so sagt z. B, M a< kenzie ausdrücklich: „der M«"fch soll n>,ck dem Mit» tagsessen nicht schlafen." Anm. des Uevers. Vom Schlafe und Wachen. 231 Viertes Kapitel. Vom Schlafe und Wachen. Wenn man in einem von diesen beiden Stücken die gehörigen Grenzen überschreitet, so thut man der Gesundheit Schaden. Unmaßiges Wachen verhin» dert die Verdauung der genossenen Nahrungsmittel, und verursacht auch rohe Safte, Entlastung und Fieber. Zu viel Schlaf erschlafft den Körper, macht ihn phlegmatisch und unthätig, nimmt den Kopf ein, schwächt das Gedächtniß und den Verstand, und verursacht ein solches Ansehn, als wenn ein Mensch äußerst von Strapazen mitgenommen wäre *). P 4 Im ») Von dem Nachtheile, die Frühstunden im Bette, und wenn auch wachend, zuzubringen, ist bereits in der Anmerkung S. 211. gehandelt worden. Unten in ei» ner Anmerkung haben wir ein auffallendes Beispiel dieser Art angeführt. Weit größer würde der Schade seyn, wenn der Schlaf, als eine ganzliche Ruhe für Geist und Körper, und alle Muskeln (bis aufs Herz, Lungen, Ge» fähesystem, und die peristaltische Bewegung der eigent, lichen Verdaunngsorgane) über die gebührende Zeit tagtäglich fortgesetzt würde. Der Phlegmatische würde vor allen Andern in einen takochymischcn Zu« stand, und der Sanguinische in eine noch größr« Vollblütigteit verfallen; nur dem Cholerischen würde der allzulange Schlaf noch am längsten ungestraft hin« gehen; bei dem Melancholischen aber müßten sich nothwendig, bei seinem trägen Vlutumlauf, alle Ab< sondrungen sehr vermindern, und die Ausführungen, besonders die keibesifnung. sehr erschwert werden. Und findet man denn nicht häufig, daß alle Langschlä« fer über Hartleibigteit und Verstopfung klagen? Bei ^ 232 2. Abschnitt. 4. Kapitel. Im Schlafe muß der Körper allzeit gut mit einer Bettrecke bedeckt, das Schlafgemach aber gcräu. mig und luftig seyn. Hat Bei dieser Gelegenheit wird es schicklich seyn, die Art üb Beschaffenheil des Lagers der Betten zu zei< gen, welche zur Hermeiduog des der Gesundheit so sehr nachihciligen Fehlers, de» zu langen Schlafens und A'«s»nchaltS! im Bette, nebst verscklednen andern N>ve"umständen, den mößten Anlaß qiebt. Vor« züglich rünrc die Gewohnheit des zu langen Schlafens, oder luch nur des bis über den der Gesundheit zulräg« licken Termin forlgel tzlen Hufenthaltes im Bette da« her, daß «lstlich manche Personen gleich von der Kind< helt an auf zu vielen Betten von der allerweichcsten Art, von Pflaumfedern odec,E>derdunen, zu lieaen, und dani au« an ein viel zu schweres, und fehl wä»< mendes Deckbeite gewshnt werden. Diese Einrichtung trögt schon viel dazu bei, baß Kinder in d^n ganz ersten Lebensjahren zu keiner Fe< sti teit ,hrertlich zunimmt, und selbige ihrer Vollkommenheit täglich näher bringt. Der noch m den frühen Jahren stehende Knabe sin« det. ohne darüber nachzudenken, sein Berte wohlthat tig, die angenehme Wärme behagt ihm ,o, daß er bei dem e> sie" Erwachen nack einem achtstündigen gesun< den Schlafe sein warme« Veite nicht gern verlaßt. Der Jüngling fühlt das Wohlbehagen seines angeneh« men Dunstvades, da? ihm sein weiches Bette giebt, nun schon mit reckt gutem Bewußtsein, und mag sich nickt gern aus demselben herauereisse», ob er gleich sieben reichliche Stunden geschlafen und seine Kräfte völlig wieder gesammelt hat; hieraus entsteht allmälig ein Vom Schlafe und Wachen. »33 Hat man Traume des Nachts, welche nur ein« Beziehung oder erneuerte Vorstellung der am Tag« P 5 vor« «in Hang, sich alle Morgen dies« behaaliche Mut« zu thun, und uch nach geendiat«m Schlafe noch einig« Zeit im warmen weicken Bettt zuzubringen, und auf diese Art muß endlich, wenn nickt Aufseher oder Er< zicher aue Uebeneug ng und gutem Herzen dagegen arbeiten, tue größte Anlage zur' Weichlichkeit, (man würde in der gemeinen Voltsprache sagen Faul« h,»,s,) entstehen. Es würde zu weit führen, wenn man h,e darchun wollt«, wie unter diesen Umständen ge^ memigllch die erste und häusigste Veranlassung zur Ona« nie zu entstehen pflegt, derallerdmgs ourch frühes Auf« stehen nach vollendetem Schlaf« gewiß gar kräftig vor« gebeugt wird. Diese nun allmölig sich einwurzelnd« Gewohnheit des langen Schlafens gehl mit demIüng« lingealter in die männlichen Jahre über, und scheint zur andern Natur zu werden, jedoch immer mit dem merklichen Unterschied«, daß dergleichen Personen nicht leicht eine feste oder starke Constitution erlangen, son» dern gewiß meistentheils ein phlegmatisches, schlaffes, und kaltes Temperament, bekommen, das sie zu allen wichtigen Unternehmungen unentMl'ssen und unfähig macht. Denn mit der Zeit wird ihr Geist gegen alles so gleichgültig, als ihr Körper zu allen gewisse Ansiren« gnng erfordernden Arbeiten untüchtig w«rd. Wer also sein Leben recht mit Vergnügen, für sich und andre nützlich anwenden will, sehedel guter Zeit dar« auf, daß sein Schlafiager nicht von oben veschriebner Art sey, sondern so bald er's nur irgend» erlangen kann, muß er es auf folgende Art sich bereiten lassen. Zum eigentlichen Lager lege man blos eine von Roßhaaren be< reime, wemgstens «ine Viertelelle dicke Matratze,(odep mehrere derselben aus Wolle, eben nicht so starte,) übereinander, und im Wi uer, (im Som ner ists un< nöthig,) auf diese ein oerbgestopftes Federbette, und schlage dieselbe zu beiden Seiten der Länge nach in «in ^um Kopfe, «in paar Ell«n längeres Betttuch recht glatt «in» 234 2. Abschnitt. 4. Kapitel. vorgegangenen Handlungen enthalten; so zeigen sie pichts schlimmes, sondern vielmehr einen guten Ge« sund» ein: ferner muß in den über dem obern Stücke des Bettes freien Theil des Betttuchs eine mit Pferdehaar im Sommer, (im Winter mit Federn,) derb ausge» stopfte Wulst, welche die Breite des Bettes und die Stärke von ohngesähr «in« halben Elle hat, einge« wickelt, und das auf beiden Seiten zum Kopfe noch übrige Betttuch ebenfalls unter das Deckbett» fest um tergestopft werden. Will man aber ein mit Stahl« federn bereitetes Ruhebette zum Schlastager bestimmen, so darf man nur auf dasselbe ein Unterbette und eine Wulst zum Kopfe auf beschrieb«, Art legen; so ist das Bette zum Frühaufstehen und gesunden Lager am schicklichsten eingerichtet. Zum Bedecken wählt man im Sommer eine mit Baum-oder Schafwolle durch» nähere kattunene oder seidene Decke, die allezeit eine halbe Elle über die Füße herab gehen muß, um sie darein zu schlagen, und welche in ein feines leichtes Betttuch eingenähet wird. Im Winter oder in sehr kalten Frühlinqs . oder Herbstnächte» kann die Be« deckung auch wohl aus einem höchst leichten Pflaum- federn, oder Eiderdunem Bette bestehen. Dieß Lager darf auch nicht sehr abhangig gegen die Füße, son« dern muß fast ganz gerad' aus, wie ein Sopha oder Ruhebette gemacht seyn, und die Lage so darauf ge» nommen werden, daß man sich auf eine Seite, (am besten auf die rechte,) meist gerade mit etwas ge< trümmten Schenkeln und über einander geschlagenen Armen und mit dem Kopf auf die Wulst legt, und die Füße in die Bettdecke einschlägt. Auf dem Nü» cken einzuschlafen, muß man sich nie gewöhnen, weil vielerlei Unbequemlichkeiten und leichtlich schwere Trau, me daraus zu erfolgen pflegen. Die Erfahrung lehrt täglich, daß Gelehrte in diesem Kapit»! der Diät am meisten sündigen. Auf einem solchen Lager, nebst den gehörigen Eigenschaften eines Schlafgemachs,wir des der Gesunde gewiß nie verschlafen, sondern gemei? niglich nach Verlaus von sechs Stunden, selten spä< ter, "H Vom Schlaft und Wacken. 215 sundheitszustand an ^), und es erweiset sich hier, aus, daß weder eine zu grüße Ueberladung, welche eine Ausleerung erfordre, noch eine bedeutende ieere in den Gesäßen vorhanden sey, so daß eine V,rmeh» rung des Blutes und aller Säfte nöthig wäre. Allein Traume, die mit den Tages zuvor unternommenen Handlungen im Widerspruch stehen, zeigen eine gewisse körperliche Unordnung an, welche nun wichli. ger oder unbedeutender seyn kann, je nachdem die Träume dem Naturell eines Menschen mehr oder weniger entgegen sind. In einem solchen Fall ist es nöthig, die versteckte Unpäßlichkeit zu heben, um einer ter, gestärkt erwachen, und auch sogleich in voller Munterkeit aufzustehen geneigt, und zu aller Arbeit des Geistes und Körpers geschickt seyn. Anm. des Uebers. *) In diesem Stücke wird unser Verfasser von wenig Phyliologen Beifall erhalten, und obgleich ein anqe, nehm er Traum, wo der Schlafende, in eine anmu< thige Gegend oder vergnügte Unterhaltung mit lie» den Freunden, versetzt zu seyn, sehr lebhaft empfindet, (wenn nur die Unterhaltung nicht von solcher verlieb, ten Art ist, daß dabei eine Saamenentschüttung von geht, welches auch im männlichen Alter bei guter Kost, feurigem Genante und langer Enthaltsamkeit nicht sogar selten geschieht, woraus freilich offenbare Ent, krästunq erfolgen müßte,) eben nicht ein Zeichen gestir.- ter Gesundheit ist; so hat man doch Ursache, den nächtlichen Schlaf, ohne die mindeste Störung durch irgend einen Traum, für den gesündesten anzusehen, und da seinen Gesundheitszustand als den vollkommen, sten zu betrachten. Anm. des Uebers. tz 23s '2. Abschnitt. 4. Kapitel. einer währen Krankheit zuvor zu kommen. Wenn uns z. B< von Ausleerungen träumt; so ist dieß eine Anzeige von z» großer Anhäufung im Körper, und der Erforderniß schicklicher Ausleerungen durch Brechen, Enthaltsamkeit von Nahrungsmitteln, ode« körpe» lichrr Bewegung. Oder wenn im andern Fall je» manden träumt, er äße eine gemeine Kost mit gutem Appetit, so laßt sich daraus schließen, daß eine zu große ieere im Körper vorhanden ist, welche Nah» rung bedarf. Schreckhafte Träume zeigen Stockun« gen im Blute an, welche durch die gehörigen Mittel aus dem Wege geräumt werden müssen. Wer auf diese Winke genau Achtung geben will, wird immer sich einer guten Gesundheit zu erfreuen haben» Die dem Schlaf bestimmte ia'nge der Zeit wird gemeiniglich für den Jüngling und Mann aus sechs bis sieben Stunden gesetzt, für das Kind aber und den Greiß bei vorausgesetzter Gesundheit, Munter« keic und völliger lebenskraft, müssen acht oder neun Stunden bestimmt werden. Dem Schwächlichen läßt sich keine gewisse jän, ge der Zeit zu seinem Schlafe festsetzen *), und dieß könnte ») Stunden, od« ganz genau abgemessene Zeiträume zu dem Schlaft bestimmen wollen, würde eben so viel medicinische Pedanterie der Kunst bei einem gesunden Menschen anzeigen, al«, wenn der heilende Arzt die Stückchen Brod, die in die Suppe des Kranken ge« schnitten werden sollen, nach einer genauen Anzahl sngeben, oder, wie viel Schritt« der Reconvalestent auf Vom Schlaft und Wachen. 257 tsnnte Regel seyn, daß, je schwächet sich jemand be» findet, desiomehr er dem Schlafe nachgeben muß, je nachdem er durch denselben gestärkt wird» Ein mäßiger Schlaf vermehrt die Ausdünstung, befordert die Verdauung, belebt den Körper und macht guten Humeur. Diejenigen, deren Schlaf durch ganz leichte Ur« fachen unterbrochen wird, müssen sich warm und ganz ruhig im Bette halten, die Augen schließen, rmd sich nicht hin und her werfen, oder sich bald aufdicse, bald auf die andre Seite legen, so werden solche Per» sonen desto gewisser zu einem gesunden und ruhiger« Schlafe gelangen. lange in den Tag hinein schlafen, und die ange- nehmen Morgenstunden im Bette zubringen, und dagegen späte in die Nacht aufbleiben, ist doch im« mer wider die natürliche Ordnung und für den Kör. per und die Gesundheit nachtheilig gehandelt. Diejenigen, welche dieß blos, um die Mode mitzuma» chen, thun, mögen sich auch nicht beklagen, wenn sie nach auf einmal zu thun hätte, bestimmen wollte. Der« jenige gesunde Mensch, der beim ersten Erwachen ein« völlige Munterkeit des Geistes und Körper« verspürt , der hat gerade die rechte Zeit des Schlafes ge> troffen, und die Gewohnheit, dann aufzustehn, wird ihn alle Morgen um die nämliche Zeit erwecken, ihm wohl bekommen, und ihn bis ins höh» Alter munter und gesund erhalten. Anm. des Uebers. 8 2ZF 2. Abschnitt. 4. Kapitel. nach der Mode krank sind, und ihre Consiitution dadurch verderben. Der Schlaf nach dem Mittagsessen kann nur in warmen iändern gebilligt werden, oder denen gut zu» sagen, die eine solche Gewohnheit mit der iänge der Zeit sich gleichsam zur andern Natur gemacht haben; oder wo außerordentliche Strappazen, oder eine vor» hergegcmgene schlaflose Nacht den Schlaf nach der Mitt gen blos reinigen will, und wenn auch einige Stühle bewirkt werben sollen, allerdings eine qanz schwache Auflösung des Brechweinsteins, zum Beispiel, zwei bis drei Gran, in Verbindung mit fünf oder sechs Gran Salmiak o^er Salpeter, in einem halben Pfunde Brunnenwasser aufgelößt,halbeTassenwe»sealleStunden, Q, bis A H 242 2. Abschnitt. 6. Kapitel. Denen, die mit kaltem Schleim überladen sind, kann eine mäßige Pflege der iiebe und ein bisweili, ger Beischlaf gute Dienste thun, gemeiniglich aber erfolgt Hartleibigkeit darauf. Sechstes Kapitel. Von den Leidenschaften und Gemüthsbewegungen "). Wer recht fest entschlossen ist, seine Gesundheit zu bewahren, muß sich äußerst angelegen seyn lassen, seine ieidenschaften zu bezwingen und der Vernunft zu unterwerfen. lebt ein Mensch noch so ordentlich nach bis Brechen erfolgt, gute Dienste thun, ohne den Körper viel guter Feuchtigkeiten zu berauben. Hingegen würde »ine Purganz aus Ialappenharz und eiuem Quecksilberpraparat, mancher Constitution im Som« nier großen Nachtheil verursachen'. wie denn über« Haupt in gesunden Tagen alle« Vomiren und Laxieren, nebst allen übrigen Arten durch Kunst erregter Auslee» rungen, gänzlich unterbleiben muß. Am besten aber thut man. einen vernünftigen Arzt darüber zu Nach« zu ziehen; denn '.niemand muß ohne Noth Arznei brauchen. Anm. d< Uebers. 5) Vov ihrem Einfluß auf die Krankheiten des mensch« lichen Körpers hat der berühmte philosophische Arzt, Doktor Falconer ganz neuerlichst in der Schrift: vn tne Intluence of tne kMon« up on llilurllcr« «f r»«>a> gehandelt. Diese Abhandlung ist auch in diesem Jahre zu Leipzig vmeucscht herausgekommen. Anm. des Uebers. Von den Leidenschaften und Gemüthsbew. 24) nach allen Regeln der Diät, und überlaßt er sich doch seinen ieidenschaften ganz unbeschrankt, so wird er sehr bald die guten Wirkungen seines guten Verhallens in andern Kapiteln der iebensordnung, vernichten. Heutiger Zorn, (der nur der Dauer nach von der Raserei unterschieden ist,) zieht Herz und iungen zusammen, und erfüllt den Kopf mit erh-ßtcn Satten; er erzeugt gallichte, entzündliche, falisuchtähnliche, und bisweilen dem Schlagfiuß nicht ungleiche Krankheiten, wenn zumal dieser Gemüthsassekt hitziger Temperamente sich bemeistert. Unmaßige Freude verjagt den Schlaf *), jg man hat sogar tödtliche Folgen aus dieser ieidenschaft entstehen sehen. Gemüthsruhe vermindert die all» zu lebhaste Bewegung des Herzens und die zu große Spannung aller Fibern. Furcht lundi Betrübniß, wenn sie lange dauern, verkündigen Melancholie. Schrecken, Sckaam, Freude und Zorn verlei» ten zu solchen Handlungen, die mit dieser Gemüths- O. 2 bewe» *) Vielmehr aber kann dieß heftiger Zorn und Verdruß thun, wenn man m solchem Affekle fick zu Bei« leqt. Auch angenehme Plane zu vorhab nden Geschäften setzen di> Seele in eine solche Bewegung, daß uns der Schlaf fliehen muß. , Anm,desUeb«rs. 244 2. Abschnitt. 6. Kapitel. bewegung übereinstimmen. So wird z. B. der Mensch von dem plötzlichen Anblick einer Schlange todten- blaß, und so fangen dem, der auf dem Rande eines tiefen Grabens oder einer beträchtlichen Anhöhe steht, oder daselbst gehen will, die Schenkel an zu zittern. Gemüthsansirengung und Nachdenken sind Ue» bungen für den Geist. Vergnügen vermehrt die Kräfte des Körpers und Geistes; Betrübniß aber erzeugt gerade entgegen» gesetzte Wirkungen. Zorn und Freude vermehren die Ausdünstung; aus Furcht und Betrübniß aber erfolgt Vermindrung derselben; und die andern leidenschaften haben die nämlichen Wirkungen, so wie sie verhältnißmäßig ihrer Beschaffenheit nach, den eben angezogenen mehr oder weniger ähnlich sind. Zur Melancholie geneigte und furchtsame Perso. nen sind daher Verstopfungen des leibes und hypo» chondrischen Zufällen unterworfen, und es überfallen sie öfters kalte Schweiße : denn nichts stört die freie Ausdünstung mehr, als Furcht und Betrübniß, und nichts kann sie so seht befördern, als Heiterkeit des Geistes und froher Muth. Diejenigen Zufälle, die aus Gemüchsbewegun» gen ihren Ursprung nehmen, sind nicht mit eigentlichen Arzneimitteln zu heben, sondern entgegengesetzte ieidenschasten können sie heilen; ob man zwar schick» liche ^ Bonden Leidenschaften und Gemüthsbew. 245 liche Mittel, die Ausdünstung zu befördern, oder die« selbe zu mäßigen, nicht für ganz undieulich halten muß. Jede heftige Gemüthsbewegung ist immer der Gesundheit nachtheiliger, als eine eben so starke Be» nxgung des Körpers seyn kann; wiewohl alle und jede Ausschweifung der Natur zuwider und als ihr Feind zu betrachten ist. Wenn wir eine Abwechselung unserer ieidenschaf« ten erleiden, z.B. bisweilen zornig oder vergnügt, bisweilen furchtsam oder betrübt sind, so entsteht daraus überhaupt eine freiere und gesündere Art der Ausdünstung, als wenn man immer von einerlei iei» denschast, wenn sie auch an sich noch so heilsam ist, beherrscht wird. Eine stete Heiterkeit des Geistes, die aus einem guten Gewissen entspringt, und durch Bewußtsein oder Freudigkeit, allzeit rechtschassen gehandelt zu ha» ben, unterstützt wird, ist für die Erhaltung der Ge» sundheit unter allen Gemüthsverfassungen die beste. Aufgeräumter froher Sinn ist vorzüglich von guter Wirkung, wenn wir ihn zu Tische mitbringen, und von gewünschtem Erfolg, wenn wir uns auch in solcher Verfassung schlafen legen : denn Angst und Traurigkeit hindern bekanntermaßen das Gute, wel« cheS wir natürlicher Weife durch jene beide Erho» lungen erlangen sollten. Q 3 Nach. H 246 2. Abschnitt. 6. Kapitel. Nachdem wir nun die sechs nicht natürlichen oder besser, die zum ieben nothwendigen Dinge nebst den für jedermann nöthigen, vorzüglichsten Ge- sunoheitsreqeln erwogen haben; so halten wir doch nicht für unnöthig, noch eine wichtige beizufügen »rvl- che zwei von den sechs Regeln überhaupt betrist, und zugleich den Emfiuß zeigt, welchen sie auseinan» der in Rücksicht auf die Gesundheit haben. Diese Regel ist folgenden Inhalts: Unsre ieibesbewegung muß immer mit unsrer Diät in einem genauen Ver- Haltnisse stehen, und so wieder umgekehrt muß unsre Diät sich wie unsre lei« besübung verhalten *). Personen, welche maßige und beständige Bewegung haben, können große Mahlzeiten thun und eine Menge Speisen verdauen, ohne ihrer Gesundheit zu schaden, weil durch ihre Bewegung das, was sich auch Ueberfiüßiges anHausen wollte,, wieder fortge- schaft wird; schwächliche Personen aber, die nur leicbte und wenige oder gar keine Bewegung Haben, können auch nicht ohne den größten Schaden ihrer Gesundheit so große Mahlzeiten thun, weil sie eine solche ') Wer reichliche und gut nährende MMzeiten thut, und viel trinkt, muß sich auch kräftige Motion mru che», und umgekehrt, wer nicht viel Bewegung ha» ben k,mn, muß. um der Gesundheit willen, seinEs» sen und Trinken sparsamer einrichten, Anm. des Utbers. VondenkeidenschaftenundGemüthsbew.247 solche Menge Speisen nicht verdauen und aus dem Körper vermöge ihrer schwachen Naturkräftch wieder fortschaffen können; daraus entspringen sodann, wie aus einer Quelle, stets allerlei Unpäßlichkeiten. Die Alten sahen diese Regel, nämlich die Diät nach Verhältniß der Bewegung einzurichten, in Rücksicht auf die Erhaltung der Gesundheit, als die vornehmste der ganzen Heilkunst an. Indessen halt' ich doch noch eine Warnung für nöthig. Wenn jemand entweder wegen einer siar« ken Tagereise oder sonst heftigen ieibesbewegung einer unmittelbaren Erholung bedarf; so lasse man ihn nur leichte Kost, die gut zu verdauen ist, und etwas schwaches, warmes Getränke zu sich nehmen : denn harte und schwere Kost und starkes Getränke würden das durch Bewegung erregte Fieber'nur, noch vermehren, und dadurch eher den Körper und dieiebens« traft schwächen, als stärken. Ueberdieß muß ich auch noch anmerken', daß es allzeit gefährlich ist, eine lange sortgesetzte und ge> wohnte iebensart plötzlich zu ändern, oder von einem Extrem aufs andre zu fallen; vorzüglich wenn es die sechs nothwendigen und zum ieben erforderlichen Din« g« betrist, von denen nm bisher gehandelt haben. Q 4 Dritter H 243 Z. Abschnitt. «- -OH---- Dritter Abschnitt. Von den versckiednen Temperamenten *): nämlich vom cholerischen, melan» cholisckeNf phlegmatischen und sanguinischen; nebst den für jedes schicklichen Gesundheitsregeln. HX r menschliche Körper enthalt viererlei Säfte, ^^ welche in Rücksicht auf Hitze, Kälte, Feuch- tigteli und Trockenheit sehr von einander unterschieden 5) Die Temperamente sind ein viel zu reickhaltiaer und schwne. Etoff, als daß davon in so engen G en< zen gehont geh mdelt werden tonnte; zumal da nicht mehr der Arzt allein, sondern auch der Philosoph die« se Materie in sew Gebiete zieht; indessen wird » »Vn! Ll!mb>n-zn I78<). 4.)im Vul,I p3ß. lil. sein« Meinung dahin geäußert, daß e« bei der Lehre von den Von den verschiednenTemperamenten. 249 den sind; nämlich Blut, Schleim ('elenwirkung in Betrachtung: denn dieß geHirt eher für den Philo'üphen und nicht mehr eigentlich für den Physiologen, und dann sollt' «s Charakter heißen. Ueber diese wichtige und verwickelte Lcbre giebt uns unter andern Doktor Ernst Platner in seiner neuen Amhropologie den befriedigendsten Ausschluß, worin sehr gründliche und scharfsinnige Uutersuchuw gen angestellt werden. Hofrath Wrisberq nimmt acht Temperamente an (S «ÄÜer, l>rim. I^m. PKvliol, Z ci.1. in der A">nertung.) Man tön«« diesen noch das dem zart, licken und vornehmen Frauenzimmer eigne, das neunte, als das reizbare, C^eüiperalnentum nervo. lum) beifügen. Doktor Aoair behauptet fünferlei Temperamente: ») Das starte, »der eine fest« Natur; «) Das 250 3- Abschnitt. leiten werden öfters durch Brechen ausgeworfen und auch durch den Stuhl abgeführt. Die Gesundheit besteht in einer gehörigen Mischung dieser viererlei Feuchtigkeiten, und das Uebermaß von irgend «iner dieser Art Feuchtigkeiten erzeugt Krankheit. Auf diese Bemerkung hat man hernach die iehre von vier Haupt» «) Da« zärtliche oder empfindliche; z) Das blutreiche; 4) Das schlaffe oder phlegmatische, und 5) Das trockne Temperament. Die weitere Aus< führung, sehe man in Dr. Ioh. Jacob Matit, lrik Adairs philosophisch»medicinischem Abriß der Naturgeschichte des Meiychen. (Leipzig i?8». S. '62.I Ein noch neuerer beliebter englischer Schriftsteller will dreierlei Temperamente behaupten: ,) Das starte, welches Kraft, Festigkeit und Stärke in den Mustelfibern anzeigt; -) Das schwache', wo sich Schwäche, E, schlaf« fung und Unthätigteit in den Muskelfibern äußert. z) Das reizbare, wo eine Anlage zu lebhaften, geschwinde» und heftigen Bewegungen vorhanden ist. (Man sehe lill'izy 011 tne K,ecc>ver^ of tne gppilrent- ly llcgl!. by d Kar! e«Kite. I.nnli. 1788 p. 8«) Im Grunde wirb doch wohl das physische Tem« perament am schicklichsten auf zweierlei Arten gebracht, nämlich auf das schlaffe, kalte und wässerige, mit dem wir gebohren werden, und das straffe, blutreiche und hitzige, das viele Menschen im Mittelalter erlangen, und welches auch viele, die nach den Vorschriften der Natur leben, in's hohe Alter mit hinüber bringen, und womit, sie endlich, (nur mit dem Unterschied, daß sich das> Blut und Feuer ziemlich verliert,) ganz späte aus der Welt gehen, und, wie es immer geschehen tonnte und, sollte, »viel der zu leben aufhören. Unm. d. Uebers. Von den verschiednen Temperamenten. 251 Haupttemperamenten, nämlich von dem choleri« scheu, melancholischen, phlegmatischen und sangui« nischen, gegründet. Im cholerischen Temperamente, oder'in demjenigen Körper, wo eine überfiüßige gelbe Galle ange« troffen wir>, findet man ein hitziges und dünnes Blut, welches mit großer Schnelligkeit durch seine Kanäle, bewegt wird, wobei zugleich eine große Anlage zu Entzündungen und hitzigen Krankheiten vorhanden, und das Gemüthe zu einer Schnelligkeit undEntschlos, senheit in allen seinen Entwürfen und Handlungen aufgelegt ist» Personen von diesem Temperamente müssen alle Gelegenheiten zu Disputen, starke Getränke, heftige Bewegungen, und mit eimmWort, alle Dinge vcr» meiden, wodurch sie unmäßig erhitzt werden können. Im melancholischen Temperamente finden wir, daß eine grobe, erdige, zusammenziehende Feuchtigkeit, welche man schwarze Galle nennt, die Oberhand hat; das Blut ist schwer und dick, und wird ganz langsam ^urch seine Gesäße bewegt, daher der Körper zn Verstopfungen der Drü schlechte müssen weder mit zu vieler Ausgelassen« heit gepflogen, noch auch mit allzugroßer Bedenklichkeit vermieden werden. Nichts desto weniger aber muß gleichwohl die oftmalige iiebespfiege nach Ver, hältniß der Kräfte und Jahre des Menschen beurtheilt wer» ») Es ^ »H oder schwer zu verdauende Speisen genössen, oder nur im geringsten mehr Wein tranken, als so viel zu ihrer Stärkung und Erholung nöthig ist. Achter Abschnitt. Vom Baden. Man muß sich nicht zu rasch, und ohne gute Belehrung und erforderliche Vorsicht des Badens bedienen; ob gleich die alte Gewohnheit der Juden und Römer dasselbe nicht nur zur Kur wider verschied, ne Zufalle, sondern auch zur Reinlichkeit und zum Vergnügen eingeführt hatte. Das Baden ist auch in unsern Tagen bei ver« schiednen Nationen üblich, vorzüglich beiden Aegy.l ptiern, wo sich das Frauenzimmer mit vielem Auf» wände und vielen Kosten der Bader bedient, um sich fett und dicke, und eine glatte weiche Haut zu machen, und die Mannspersonen suchen sich dadurch Abkühlung und Gesundheit zu verschaffen. Jeder Arzt muß wissen, was für Schaden durch das zu unrechter Zeit angewendete Baden verursacht wird. Ein Vom Baden. 271 Ein Bad von frischem Wasser *) giebt dem Kör» per Feuchtigkeit und Abkühlung : allein wenn man Salzwasser zum Bade nimmt; so verursacht es Hitze und Trockenheit. Ein heißes Bad zehrt ab, und erkältet, wenn es nüchtern gebraucht wird; es wärmt ober und befeuchtet, wenn man es nach den Mahlzeiten anwendet. Ein laues Bad ist in vielen krankhaften Fallen zuträglich: es schaft Erleichterung im Seilen» Brust, und Rückensckmerz, es vermindert das scliwe« re Athmen, befördert den Auswurf und den Urin, erleichtert auch die Schwere im Kopfe, und hebt die Müdigkeit; allein ein Bad in allen Stücken gut ein» zurichten und gehörigen Gebrauch davon zu machen, erfordert viel Geschicklichkeit und eme genaue Sorgsalt. Der Weg in das B id muß ja nicht von dem Orte des Aufenthaltes entfernt, und die Stufen in dasselbe hinab, und heraus zu steigen, müssen immer ganz stach und höchst bequem feyn. ' Im *) Man muß sich wundern, daß bei alle den modti reichen Erfindungen unsrer Zeit nicht auch die Modi des kalten Badens starker in l'wng kommt! denn die« se würde manches blasse schwächliche Mädchen, das bereits im jugendlichen Alter zu Krämpfen gemeint ist, so wie viele unsrer empfindliche» und sckoväcklichen jungen Gelehrten, kräftig in ihrem Neivensyst,'"' stär< tcn. Glück genug, daß doch die zrutüchen Mütter iht so viel Muth h.iben, die schwächlichen Kinder im kalte« Wasser zu !»d?n, und sie »och dadurch öfters dem Zweiwuchse zu emreissen, Anm.de« Uevers. 272 9. Abschnitt. Im Bade muß man sich ganz ruhig und siill halten , und sich von dazu bestellten Personen reiben lind abwaschen lassen. Es ist zu bedauern, daß man in wenig Häusern die zum rechten nützlichen Baden gehörigen Einrichtungen antrist, und wo diese fehlen, thut das Ba5m mehr Schaden, als es Nutzen stiftet. Ueberhaupt müssen alle die, welche leicht aus der Nase bluten, oder sehr schwach, oder mit Uebel» kciten behaftet sind, sich des Badens enthalten; auch die, welche zu häufige Stühle oder Hartleibigkeit erleiden, woftrn die letzter» nicht vorher Abführungs. mittet genommen haben. Neunter Abschnitt. Vom Veischlafe. Nichts erschöpft und entkräftet den menschlichen Körper mehr, oder beschleinigt das hinfallige hohe Alter geschwinder, als der allzusrühe Beischlaf ^); und 5) Aus eben diesem Grunde kann nicht Aufmerksamkeit genug angewendet werde», bei jungen Mannspersi» »en, die noch kaum in die Iünglingsjahre getreten sind, das so verderbliche und Geist und Körper anc greifende Lasier, die Selbstbesieckung, auf das sorg« faltigste zu verhüten. Ob die in unsern Tagen so hänsig über diese jugendliche geheime Vergehunq der Welt mitgetheilten Schriften das Uebel vermindern werden. Vom Beischlaf?. 273 und eben daher werden die Teutschen vom Tacitus so sehr gerühmt, daß sie nicht eher, als bis sie zu völligen Kräften oder einer recht mannlichen Starke gelangt waren, geheirathet hätten. Allein Mannspersonen von'betrachtlich hohem Alter verlieren durch die iiebespsiege vollends ihr noch übriges Feuer, ihre Munterkeit und ihre Kräfte. Die Ausschweifung in dieser Art ist im Sommer noch weit nachthejliger, als im Winter, weil in jener Iahrszeit die Verdauung schwächer ist, und folglich die Erholung nicht so bald wieder zu erfolgen pflegt, und da die Ausdünstung im Sommer reichlicher von Statten geht, so wird auch jede Unterdrückung der» selben sehr merklich und bald gefühlt. licbeserceß schwächt den Magen, vermindert das natürliche Feuer und hemmt die Ausdünstung; woraus sodann Unverdaulichkeit, Blähungen, Herz» klopfen, Nierengrieß, Katarrh' und Gedächtniß« schwäche entstehen. Außer der Schwäche, welche hierbei der Magen leidet, verdirbt auch diese Ausschweifung die Augen am werden, scheint einigermaßen zweifelhaft zu seyn: denn es wäre noch zu untersuchen, ob dieses Laster in vorigen Zeiten, da wir noch nicht so viel davon g« schrieben hatten, oder itzt, da wir immer weitläufige Abbandlungen von Zeit zu Zeit über diesen Gegml stand bekommen, häufiger bedangen wordm seyn mag.< Frühzeitige Lektüre zur Wolluft reizender Romane, lM vhnfehlbar großen Antheil daran. Anm. des Uebers, S 274 iO. Abschnitt. am meisten, so daß solche alte Venusbrüder gar leicht den schwarzen Staar bekommen. Beide Arten der Uebertreibung in diesem Stücke, sowohl die allzugroße Enthaltsamkeit von de^ reellen iiebespflege, als auch ihre zu hausige Ausübung, sind der Gesundheit nachtheilig, indem die Ausdünstung dadurch verhindert wird; jedoch erfolgt dieses noch mehr auf den Exceß. Es kann eine Mannsperson am besten daraus schließen, daß ihr die verliebten Umarmungen nichts gesch«det haben, wenn nach dem darauf genossenen Schlafe weder Müdigkeit, noch Entkraftung verspürt wird, und das Athmen frei und leicht von Statten geht, und der Urin auch seine gesunde Farbe und Consistenz zeigt, und überhaupt der Manrl an seiner Munterkeit und seinen Kräften sonst gar nichts ver« loren hat. Zehnter Abschnitt. Von der körperlichen Constitution. Bei Ertheilung diätetischer Vorschriften ist es der Absicht sehr gemäß, vor allen Dingen die besondre Natur und Beschaffenheit eines jeden genau zu erwägen, wenn die gegebnen Gesundheitsregeln befolgt Von der körperlichen Constitniion. 275 folgt werden sollen : denn bei Einigen findet man die ConstiNttio-, des Korpers zu fett, bei Andern zu mager; bei Einigen zu feucht, bei Andern zu trocken, bei Einigen zu dicht und fest, bei Andern zu locker und schlaff. Allen diesen widernatürlichen Abweichungen nun soll, so viel es immer möglich ist, abgeholfen, und jedem aus einer solchen fehlerhaften ieibesbeschas, fenheit herkommenden krankhaften Zufalle, der die Gesundheit in Gefahr setzt, auf eine sanfte Art all, malig' abgeholfen werden. Der von Natur allzu Magere, muß sich durch sehr sanfte Bewegung und lange dazwischen gepfloge. ne Ruhe, durch ein weiches Bette, langen Schlaf, Gemüthsruhe, fette Fleischspeisen, und oftmalige so reichliche Mahlzeiten, als er nur verdauen kann, wo. bei der ieib nicht zu häufig, sondern lieber etwas spar« sanier offen seyn darf, korpulent zu machen suchen. Der al!;ufette Mensch aber mag darauf bedacht seyn, sich fleißig eines warmen Bades, starker Be, wegung, eines harten Bettes, wenigen Schlafs, schicklicher Ausleerungen, saure? Speisen und Getran« ke, und taglich nur Einer Mahlzeit zu bedienen *). S , Die ») Galen erzählt einen Fall, wo er eine überaus fette Mannsp«soü von ihrer Ungestaleheit und Beschwerde dadurch befreit,, daß er derselben verordnete, alle Morgen so lange zu lause», bis ein strömender Scdweiß über denKölper durchgebrochen war; sodann war dieser Mensch st.,rt frottirt und in ein warmes Bad gesetzt worden: nach diesem Bade ließ er ihn ein kleine« ' 276 ,0. Abschnitt. Die zu warme ieibesconstitution wird am vor- cheilhastesten durch Wasser und andre saure Getränke abgekühlt; und die zu kalte durch den fleißigen Gebrauch der Fleischbürste, gesalzenes Fleisch und guten Wein am besten erwärmt. Was den Hang zu allzugroßer Trockenheit des Körpers betrist so müssen die ieibesbenxgungrn sehr gemäßigt, und die Mahlzeiten nahrhafter eingerichtet, und muß auch mehr, als gewöhnlich, aettunkm werden; ebenfalls wird dazu das kalte Bad, und die, nach derVcrmittags unternommenen ieibeZübung noch vor der Mahlzeit gepflogene Ruhe sehr viel beitragen. Ein kleines Frühstück nehmen, und sich nochmals ins warme Bad setzen. Einige Stunden hernach hatte er ihm zwar «ine volle Mahlzeit, aber nur von Dingen, die wenig nährend waren, zugestanden; und irm endlich vollende den Tag über einige ihm gewohnte Arbeiten zu verrichten aufgegeben. Einen gar zu magern Mm« sehen aber fett zu machen, giebt Galen folgende drei diätetische Regeln: >) Er muß lauter solche Kost genießen, die mit, de Safte und gute Nahrung giebt. «) Er muß sich nur gelinde Bewegung machen, die den nahrhaften Theilchen ein« gewisse Festigkeit giebt. ^ Er muß Hitze, Strappaze und alle Anstrengung seiner .Kräfte vermeiden, wodurch die angeleg« ten nahrhaften Theilcken wieder aus dem Körper fortgejagt weiden tonnten? Fettes Fleisch wird im« mer zum Fcttwerden das Eeinige beitragen, wenn «s nur gehörig verdauet wird; sollt' aber die Ver,' dauung nicht gut bestellt seyn, s° wird es zuverläßig nichts helfen. Anm. d. Uebcrs. Von der körperlichen Consiitution. 277 Ein zu schlaffer und lockerer Körper kam, mehr dicht und fest gemacht werden, wenn die gewöhnliche leibesübmig vermehrt oder verstärkt; ferner, wenn an Statt sonst zweimal gethaner Mahlzeiten täglich nur Eine genossen wird, und wenn ein solcher Mensch weniger, als bisher, und nicht zwischen, sondern erst nach dem Essen trinket, und sich unmittelbar nach der Mahlzeit einige Zeit ruhig hinsehet. Mer aber über eine allzusiraffe Consiitution zu klagen Ursache hat, muß mehr, als er sonst gewohnt war, und reichlich bei den Mahlzeiten trinken, und sich bald nach dem Essen Bewegung machen *). S 3 Eilfte r ») Wider diese beiden widernatürlichen körperlichen Be< schaffenheiten, woraus doch endlich so mancherlei un« vermeidliche Krankheiten fließen, ist es dennoch schwer, solche Mittel zu finden, die villig dem Wunsche ent- , sprächen; jedoch ist so viel gewiß, daß kräftige und ei« nigermaßer angreifende körperliche Bewegung, beson« ders in den Morgenstunden, damit die 'Ausdünstung dadurch recht kräftig vermehrt werde', und spärliche Kost nebst sauren Getränke, dem Fettwerden am kräftig« sten widerstehen, weil von einer stärkern oder schwül chern Ausdünstung die fette und magere Constituiion meistentheils nbhöngt. Sollt' es sich ereignen, daß ein ällzukorpulemerMann so unglücklich wäre, inSor« gen der Nahrung zu gerathen, so könnt' er leicht das Glück haben, seine beschwerliche Fettigkeit zu verlieren, ohne das geringste,W,ttel dagegen anzuwenden. Der von Natur Magere aber, wird immer seltl ner zu einer beliebigen Fettigkeit gelangen, wenn er gleich noch so glücklich, ruhig, und sorgenfrei bei der besten T^fcl lebt, und ar.f dem weichsten Laaer von Eiterdune!! schläft, weil die Gnmdanlage seines Nör.' per« in einer zu straffen Fiber besteht, welche ohn« Zweifel 278 n. Abschnitt. Eilfter Abschnitt. Von den, der natürlichen Constitution eignen Zufällen versckiedner Theile des Körpers. Diejenigen, welche wegen ihrer Constitution zu häufige Stühle haben, müssen sich des Ballspiels mit dem Raquet bedienen ^), und sich solche Bewegungen machen, die den Stamm des Krrpers vor« nehmlich erschüttern. " Sie müssen die Mannigfaltigkeit der Speisen bei einer und eben derselben Mahlzeit vermeiden, und sich gar nicht viel mit Suppen und grünen Gemüsen abgeben, noch schwache süße Weine trinken; dergleichen Personen thun auch wohl, wenn Zweifel die meiste Hinderniß zum Fettwerden in den Weg leqt; man sient daher mitunter Leute aus der niedrigsten Menschentlasse, >a wolil Bettler, die bei der elendesten Kost und auf dem härtesten Lager, aber ohne Sorge, sanft ruhen, und ganz wol)! bei Leibe sind. Die natürliche Anlage thut hier dae Meiste und die Kunst vermag diese nicht immer aufzuheben. Anm. des Uebers. *) Zu dieser Absicht möchte auch wohl der zärtlichsten Person das Ballspiel mit dem Naquet zu wenig Bewegung für den Stamm des Körpers neben; der große Ball, der mit Lust aufgeblasene Ballon, eine Uebung im F»ckten, und (wo es nicht ein Bruch oder eine allzu- schwacheBrust vesbietet,)se!bst imVoltigiren müßte noth« wendig dem ganzen Körper und auch vorzüglich den Därmen eine heilsame Erschütterung verursachen, unl> die tonische Kraft derselben vermehren. Anm. des Uebers. Von eignen Zufallen des Körpers. 279 wenn sie nach genossenem Mahl eine gute Zeit ruhig zubringen. Der Kolik unterworfene Personen müssen nichts esse» oder trinken, was kalt, oder was ihnen irgend nach ihrer Erfahrung Blähung zu machen ge« neigt ist. Ein schwacher Magen verrath sich durch ein blasses Ansehn, durch Magerkeit, Drücken in der Herzgrube, öfteres Brechen,, und einen gewissen Kopsschmerz, der sich nur äussert, wenn der Magen noch nüchtern ist. Dergleichen schwächliche Personen müssen stets leicht zu verdauende Speisen essen, und wenn sie es vertragen können, die herbern Arten von Weine kalt trinken; und insonderheit sich solcher Bewegungen bedienen, die dem Stamme des Körpers eine Erschütterung geben. Welche an Handen und Füßen von der Gicht Anfälle erleiden, müssen in den Zwischenzeiten dersel. den sich so viel Bewegungen, als ihnen immer möglich ist, machen, um diese von der Krankheit angegriffenen Theile zu stärken, und ihnen eine gewisse Festigkeit zu geben; während der Anfalle aber ist ihnen die Ruhe sehr nöthig. Gicbtischen Personen ist der Beischlaf sehr nach» theilig und ihr großer Feind. Bei jeder habituellen Unpäßlichkeit oder kränklichen Beschaffenheit ist auf Beförderung der guten S 4 Ver> 2Zo II. Abschnitt. Verdauung zu sehen: allein bei gichtischen Umstanden ist dieselbe unumgänglich nothwendig gut zu er« halten. Wer zu vielen Kopsschmerzen aus Schwache geneigt ist, muß den Kopf alle Morgen mit kaltem Wasser recht reichlich waschen und ganz damit begies, sen, seinen Magen schonen, nur leicht verdauliche Speisen essen, und mit Wasser vermischten Wein zu seinen, gewöhnlichen Getränke machen, und, im Fall sich der Zustand des Kopfes irgends einmal ver« schlimmcrte, sich blos zum Wasser halten, und auch von dem allein tan» er Erleichterung erlangen. Ein schwacher Kopf kann nicht viel Schreiben, ie« sen, heftiges Sprechen, oder tiefes Nachdenken, zu irgend einer Zeit vertragen, am allerwenigsten aber nach den Mahlzeiten. Man kann noch beilaustg dieß als ein Zeichen guter Gesundheit bei einer Person ansehen, wenn dieselbe eine Anhöhe mit aller ieichtigkeit und Vergnügen steigen kann. Zwölfter 28l Zwölfter Abschnitt. Von unversehenen Zufällen. Wenn jemand seinen Ausenthalt verandern, und sich in eine ungesunde Gegend begeben muß, so wird dieß immer am besten zu Anfang des Winters ge« schehen. Es ist allzeit unklug gehandelt, sich je an ein ganz Muffiges ieben zu gewöhnen, weil der Mensch doch wohl in die Nothwendigkeit versetzt werden könn» te zu arbeiten. Nichts kann dem schwitzenden Arbeiter gefährli chcr seyn, als kaltes Wasser zu trinken; und so ist» dieß Getränke dem von einer Reise ermüdeten Menschen ebenfalls undienlich, wenn er gleich zu schwitzen aufgehört hat. Ermüdung wird öfters durch Veränderung der Arbeit gehoben; und derjenige, welcher durch eine ungewohnte Arbeit angegriffen oder ermüdet wird, er» holt sich',durch die, an welche er gewohnt ist. Diejenigen, welche sehr ermüdet sind, sollten, wo möglich, in ihrem eignen Bette schlafen: denn in einem fremden erholen sie sich nicht allzeit so gut. Drei- 282 13- Abschnitt. Dreizehnter Abschnitt. Regeln für Personen, die nicht Herren von ihrer Zeit sind. Galen giebt den Staatsmännern und Gelehrten, welchen die Geschäfte ihre Zeit zu sehr wegneh- men, folgende drei Regeln: Die Erste: dergleichen Personen sollen nach einem außerordentlichen Geschäfte, oder nach angestrengtem Nachdenken, spärlicher leben, als sie sonst gewohnt waren, und er beweißt dieß mit seinereignen Erfahrung, indem er, wenn er jemals mit Geschäf» ten sehr überhaust oder sehr ermüdet gewesen wäre, sich der einfachsten Kost, die er nur gekannt, und gemeiniglich blos des eitlen Brods bedient hätte; und ob dieser große Arzt seine sirenge Enthaltsamkeit gleich nicht jedermann als eine unfehlbare Regel vor- schreibt; so besteht er doch darauf, daß Personen, die sich sehr ermüdet oder durch Arbeit entkräftet hätten, sich einer einfachen und ganz leicht zu verdauenden Kost bedienen sollten. Die zweite Regel besieht blos darin: Geschäfts, männcr und Gelehrte sollten ihre Kost ganz schlecht und einfach einrichten. und nur solche Speisen wäh, len, die leicht zu verdauen sind. Und die dritte Regel enthält den wohlmeinenden Räch, ,czs sch selche Männer, die unablässig mit Geschäfte!', oder gelehrten Arbeiten überhäuft sind, Regeln für Personen, die nickt Herren :c. 233 sind, gleichwohl taglich eine gewisse Zeit zur körpe - lichc» Bewegung, (ihr Amt möchte seyn, was sür eines es wollte,) auesehen, oder, wenn dieß ganz unmöglich wäre, bisweilcn, um einer Volil'lmiqk.'it vorzubeugen, ein wenig Blut lassen, und dann und wann ein gelindes Abführungsmittel nchmen so'lten, damit der Darmkanal von den envanigen, ans Unver' daulichkeit angesammelten Unrcinigkeiten befreiet würde, weil sonst ohne diese Vorsicht nothwendig schlimme Zufälle entstehen müßten. Nächte mit Studieren zu durchwachen heißt der Natur widelstreben, und durch ihr entgegengesetzte Bewegungen, wird der Körper sowohl, als die See< le, um Kräfte und Munterkeit gebracht. Allen, die ihr Geschick an eine sitzende oder un> thätige iebensart gebunden hat, ist es zuträglich, ge» legenheitlich gewisse Feiertage oder andre Zeiten der Muße darzu zu bestimmen, an welchen sie ihren Unter» leib von verdorbnen Feuchtigkeiten und versetzten Unreinigkeiten durch ein sanftes Purgiermittel . be, freien. Allein ob nun dieß zwar eine unschätzbare iektion ist, so trift man doch nicht selten unter dieser Gattung von Mannern eine so große Unenthaltsamkeit an, daß sie gerade das Gegentheil thun, und, an Statt ihre von Geschäften freien Tage, ihrem schwachen GesundheitS« zustande aufzuhelfen, anzuwenden, dieselben vielmehr dazu bestimmen, ihren Appetit zum größten Ueber. maß 284 h. Abschnitt. maß zu stillen, und sich dann, wenn' sie recht regelmäßig und spärlich leben sollten, dem ungewohnte-' sien Schmaußen überlassen. Und müssen dann bei solchem widrigen Verhalten sich nicht schlimme Safte häufen, welche über lang oder kurz in Rheumatismen, Nieren- oder Blasenstein, und vielerlei andere, das ganze leben hindurch dauernde Krankheiten, auäbre» chen? *) Vierzehn« ») Hierbei kann ich« ein lsehr nachahmenswürdiqes Beispiel anzuführen nicht unterlassen. Ein korpulenter vornehmer Mann, der einen sehr wichtigen Posten bekleidet, und in vorigen Jahren bisweilen von anhal« tendem katarrhalischen Husten ziemlich geplant, und mancherlei andern Unpäßlichkeiten öfters ausgesetzt war, ist itzt bei seiner so wichtigen, als häufigen Arbeit weit gesünder und murtrer, als sonst; höchst wahrscheinlich aus 'iesem Gnmoe, weil er die erste beste Gelegen? ' heit e> greift, wo seine Amtsgeschäste nur irgends ihm verstatten«, sich eine reckt t,äfi>ge und heilsame erschütt lernde Veweaung in freier ?uft, und seinem Geiste eine angenehme Erholung zu verschaffen, indem er ctt ne Reise nach Maaßgave seiner Zeit, von zwanzig, dreißig und mehr M-nen in angenehmer Gesellschaft ohne alle Nücksi!'t auf Iahieszeit oder Witterung um ternimmt Und könnte wohl je ein Geschäftsmann seine Muße besser anwenden, und seiner Gesundheit auch bei den häufigste', Geschäften und Nachdenken for, dern^el! A.b.'U-n desser, als auf diese Art ps»a?n? Ein eben so auffallendes Beispiel vom Oegentbeil sah ich bei einem aude n Gelehrten, de., vermöge sei« nes Amtes, auch seine täglichen Arbeiten naiie, die vo-kL.,'.!N<'n!)>n freien !age, und auck die wohl zu er< lan^»!dcn läi ^'7» Inleiualleu seiner Muße aber gar nicht auf die T'-es.-^ung senior schwachen Gesundheit verwe^deze, s.>:,^e>n entweder immerfortarbeilete, oder meistenchlilö regelüiüLig wöchentlich einmal, ja biswei« len 285 Vierzehnter Abschnitt. Von den Mitteln, annähernde Krankheiten abzuhalten. Wenn wir merken, daß sich Krankheiten anmel« den wollen, so müssen wir dieselben abzuhalten, so bald len auch zweimal, einer Gesellschaft zum Spiele und einem Abendschmause beiwohnte, wo er wieder fünf bis sech? Snmden zu sitzen genöthigt, uud weit mehr, als ihm, der ohnehin schwache Verdauungstrüste hatte, zn essen dienlich war, veranlaßt wurde. Darüber freut? sich dieser halb kachektische Mann, und glaubte recht g.mnd zu seyn, und weisüch zu handeln, wenn er sich wöchentlich solche Arten des Vergnügens machte, und wollte nicht glauben, daß dqdurch dem Körper noch mehr geschadet würde,, als wenn er ebenfalls diese Tat ge bei seiner gewöhnlichen, leichten, emfachen Kost immerfort gearbeitet, und nur seine Verdauungiorgane mehr geschont Hütte. FreiKch darf ich nicht anzuführen unterlassen, daß dieser sonst würdige Gelehrte, auch ichon in seinen frül Hern Jahren sich das zu viele Schlafen, und das zu lange Verweilen im Bette in den Morgenftui« den, und den zu reichlichen Genutz warmer sowohl, als kalter, ob zwar nicht geistiger Getränke, und hau« figesTobackrauchen angewöhnt hatte. Er hatte dabei die irrige Meinung so Mancher, daß, weil einige fünfzig Jahre so übel und böse bei dieser so fehlerhaften Lebensart hinaenangen wären, sie auch völlig die ihm angemessen ne seu. Allein die Hindanfctzung der freundschaftlichen und diätetischen Rathschläge mußte er endlich, als ei« halb Wind- und Wassersüchtiger, mit einem vierteljäh« rigen Lager, ohne Rettung, eh' er noch ein Greis ward, mit dem Leben bezahlen. Gewiß hätte er, wie sich höchst ^wahrscheinlich schließen läßt, wenn er, wie der vorher erwähnte, ebenso beschäftigte Mann, diemei« scen 14- Abschnitt. bald es uns nur immer möglich ist, ihre Ursachen fortzuschaffen suchen *). Der Mensch scheint sich zwischen sie» möglichen freien Zeiten auf einer Reise zugebracht und dabei scnst keine besondern diätetischen Fehler begangen hätte, auch noch manches Jahr gelebt. Anm. des Uebers. *) Hier ist der rechte Ort, demjenigen Fehler zur ügen, weiter von sehr vielen Vornehmen und nach dem Tone der Welt lebenden, oder a«ch manchen mehr in der Einbildung kranken Herrn und Damen begangen wird, mii lich der Gebrauch einer Hiühlmgs- oder Herbst« oder wie viele medicinischen Klüglinge es weidlich zu nennen pflegen, einer Verdauung stur. Wei« stentheils findet man, daß stcl, die Liebhaber solcher Kuren erlc eine Krankheit vorstellen, in welche sie ver« fallen möcl'ien, und gewisse Ursachen in ihren Körper zu oen künftigen Uebeln (denn öfters ist noch keines vorbanden, annehmen, die sie mit einer Brunnenkur oder mit ausgepreßten Kräutersäften, oder mit Mol« ken und dergleichen fortschaffen wollen. Zur Vorbereitung läßt der am Blute vielleicht arme Mann oder die schwächliche Dame Hder, und purgirt bei oh« nehin schlaffen und geschwächten Verdauungsorganen mit einer Flasche Bitterwasser oder dergleichen Salze, um vollends die wenige noch rückständige Kraft zu vernichten. Wenn die vermeintlichen dringende!» Amtsgeschäfte vorüber sind, oder die Dame mit allen Hausgeschästen zu Stande ist, bezieht man, ohne Rücksicht des Wetters, öfters eine feucht und kalt gelegene Gartenwohnnng, und fängt die Kur an, geht dabei, wie man,glaubt, daß es sich gehöre, in feuchter Thauluft, öder bei lügenhafter Witterung auf dem kalt , Erdboden spatzieren, bis Katarrh, Schnupfen, Fieber, Durchfall oder Nhevmatlsmen die Kur unterbrechen, und man nun wirklich krank ist, da man es vorher nur in der Einbildung war. Und so geht es mit vielen Frühlings.' oder Vorbau« ungsturm, di» ohne Beistand eines erfahrnen und wohl Mittel,annahernde Krankheiten abzuhalten.287 scheu Krankheit und Gesundheit mitten inue zu befin« den, wenn er nur eine leichte Unpäßlichkeit fühlt, die ihn, weder sich zu Bette zu legen, noch das Ammer zu hüten, zwingt; z. B. einen unbedeutenden Kopfschmerz, Mangel an Eßlust, ungewohnte Mü. digkeit, Schwere im Körper oder Verdrossenheit: in« dessen ists Pflicht für den klugen Mann, auch diese Kleinigkeiten von Verschlimmerung abzuhalten, in. dem er die Neigung im Körper zu denselben ohne Verzug hebt. Wenn z. B. eine solche Unpäßlichkeit von einer zu großen Ansüllung entstünde, so müßte dieselbe durch wohlmeinenden Arztes unternommen werden. Wie oft sieht man nicht eine Person Molken trinken, die ein Stahlwasser brauchen sollt«, und umgekehrt »inen feurigen Mann, der in allen seinen Organen, Gcfäs< sen und Nerven die größte Spannung und auck in seinem Magen zu viel tonische Kraft hat, Pl'rmonter trinken, dem schlechtes Brunnenwasser oder Molken, um seine zu große Sp mnkraft und sein Feuer zu mindern, am dienlichsten zur Voibauungekur wären. Ohne Ursa< che mediciniren, hecht sich das Leben verkürzen, und je öfter dieses geschieht, desto großer ist die moralische Sünde. Alle wahre Arzneimittel sind um- frer Natur fremd; sie schaft sie aus dem Körper wieder fort; haben sie nun keinen Krantheitsstoff, oder solche Nerändrung < n demselben gefunden, in die sie wirken konnten; so haben sie der Natur Gewalt gethan, und dieGesundheit entweder um mittelbar, oder für die Zukunft eher ge, stört, als gesichert. Wer gesund ist, muß durchaus nicht mediciniren. Anm. des Uebers. 2Z8 l4. Abschnitt. durch Enthaltung von Nahrungsmitteln gemindert werden, oder wenn die Enthaltsamkeit nicht hinrei- chend wäre, müßte man durch Blutlassen, Purgieren oder Schwitzen seinen Endzweck zu erreichen suchen. Entstünde die Unpäßlichkeit aus angesammelten Unrcinigkeiten im Darmkanalc, oder aus gestörter Verdauung, so wird dieselbe von der Verschlimmerung dadurch abgehalten, daß man sich warm, enthaltsam und einige Tage ruhig hält, und den Magen zu stärken ei» wenig guten Wein trinket ^); und über« Hauptmassen wirdieausgebrochne leichte Unpäßlichkeit durch diejenige Methode zu heben suchen, durch welche wir den Wirkungen abhelfen, indem wir der Ursache, woraus sie entstand, entgegenarbeiten: oder mit andern Worten: dicke Säfte müssen verdünnet, scharfe und überftüßige verbessert, und aus dem Körper sortgeschaft, und rohe Säfte gekocht werden. Zusammenziehimgen muß man nachlassen, und Verstopfungen ösnen. Wenn ein angehender Schnupfen oder Husten mit einem ausbrechenden Fieber drohet; so muß man den ») Und hierbei würde um so viel zuträglicher seyn, wenn man einiqe Sardellen mit etwas wenigem gerösteten WeNenbrods an Statt der gewöhnlichen AKchlzeil essen und daneben das bestimmte Gläschen allen gut ten Rheinwein trinken wollte; die Verdauungesäfte würden dadurch in ihrer auftosenden Kraft wie der Magen selbst gestärkt werden. Anm. des Uebers. Mittel,annahernde Krankheiten abzuhalten.289 den Husten stillen, und dem Fieber zuvorkommen, indem man sich des Gebrauchs der freien iust und der Bewegung bedient, und eine kühlende Tisane zum ordinairen Getränke wählt, (die man aus abgekochter Gerste mit Korinthen und etwas Süßholzwurzel bereitet) und sich der Fleischkost und starker geistiger Gelranke enthalt. Boerhave empfiehlt zur Verhütung annähern» der Krankheiten die hier beigesetzten drei diätetische Regeln: Erstlich, so bald wir aus gewissen Zufällen eine sich annähernde Krankheit besorgen, müssen wir derselben dadurch zuvorkommen, daß wir der Ursache, welche sie leicht hervorbringen könnte, uns wi« Versetzen, und diese Methode besteht in der Anwen. düng folgender Mittel: nämlich zuvorderst müssen wir uns der gewöhnlichen Kost enthalten, ruhig bleiben und verschiednemal etwas warmes Wasser trinken. Hernach sollen wir uns eine gelinde Bewegung machen, und sie so lange fortsetzen, bis ein gelinder Schweiß ausbrechen will; hierauf ab?r sollte man sich sogleich in ein ausgewärmtes Bette legen, darln eine starke Ausdünstung abwarten, und so lange als man für gut fände, schlafen: denn so viel ist wohl bekannt, daß auf solche Art die Gesäße erschlafft, dicke Säfte verdünnt, und die schädlichen aus dem Körper fort« geschaft werden. Nach dieser Methode wird der bevorstehenden Krankheit vorgebeugt, indem wir ihre Ursachen heben. T Zwei- 290 54. Abschnitt. Zweitens: überhaupt gegen drohende Krank« heitszufälle sich zu verwahren kann man keine bessere und sichrere Methode wählen, als die Unterhaltung einer freien und reichlichen Ausdünstung, welche man; dadurch erlangt, daß man die Winterklei>ung nicht vor dem Eintritt eines warmen MayS ablegt, und noch vor einem kalten November sich derselben wieder bedient. Zum Dritten: soll im Sommer unsre Kost aus Speisen von leichter, weicher, versüßender und kühlender Art bestehen, das Getränke kühlend, und unsre Bewegung nur ganz von sanfter Art seyn. Im Winter hingegen müssen wir festere Speisen, die mehr trocken, schmackhaft, gesalzen und ge- würzt sind, genießen, ein wenig guten Wein zur Er« wärmung trinken, und uns stärkere Bewegung machen. Im Frühling und Herbste müssen Speisen und Getränke nebst der körperlichen Bewegung gleichsam das Mittel zwischen denen halten, deren wir uns im Sommer und Winter bedienen, doch aber mehr oder weniger stark seyn, je nachdem eine von gedachten Iahrszeiten mehr Warme oder Kalte mit sich führt. Wir können uns nicht enthalten, hier noch eins ganz leichte und einfache Methode vorzuschlagen, bevorstehende Unpäßlichkeiten abzuhalten, welche wir öfters mit gutem Erfolge angewendet haben; nämlich , wenn sich jemand übel befindet, soll er sich gleich zu Bette legen, und zwei bis drei Tage liegen bleiben. Plutarchs scharfsinnige Bemerkungen. 291 ben, bis sich die Unpäßlichkeit wieder verloren hat, und wahrend der Zeit sich blos zu seiner Nahrung mit Habergrüßschleim oder Panada, und zum Getränk mit Wasser oder schwachen warmen Negus, oder weißen Weinmolken unterhalten; der Habergrüß- schleim oder die Panade kann auch nach Bedürfniß starker oder schwacher bereitet werden. Wo diese Methode sich mit dem Magen ver, tragt) und nur die Zeit dazu angewendet werden kann, wird man sie wohlthätiger finden, als man sich nur immer vorstellen mag. Fünfzehnter Abschnitt. Versclnedne aus dem Plutarch entlehnte scharfsinnige Bemerkungen: oder Lebensregeln -). In Rücksicht auf die Gesundheit, ist dieß eine Bemerkung von gewisser Wichtigkeit, (ob sie gleich bisweilen von den Aerzten vernachlaßigt wird,) daß die Kalte der äußern Gliedmaßen, welche die natür« T 2 liche *) Diese Plutarchische Lebensordnung ist in der Form eines Briefs in der beliebten Wochenschrift des scharfsinnigen Doktor Unzers: der Arzt (im 5t«n Th. S. 127.) überaus artig vorgetragen. Anm, des Uebels. 292 ,5- Abschnitt. liche Hitze einwärts treibt, Hang zu einem Fieber zeigt, und daß wir daher unsr? äußern Gliedmaßen gegen die Kalte, zu der Zeit wo wir uns keine Be< wegung Macken, gut verwahren müssen, um die Warme wieder herauszulocken ^). Eine 5) Wenn nun diese vom Plutarch gemachte Nemer« tung in Griechenland in der Anwendung nützlich war: um wie vielmehr muß sie es nicht in unserm weil täl« lern Klima seyn? und man könnte mit Grunde be« Häupten, datz Personen, deien Schenkel und Füße meistentheils kalt sind, keine recht gute Gesundheit ge< nießen. Wenn aber Personen von empfindlicher Constitution auf der bloßen Haut wollene Snümpfe und Unterhosen trügen, so würden sie oui ch die beisam« mengehaltene Wäime einen lebhaften Kreielauf des Bluies in den äußern Theilen erhalten, und dadurch manchen Schmerz, manche Unpäßlichkeit und manche Hinfälligkeit vermeiden, welcher sie ohne diese Vorsicht nicht entgehen können. Gemeiniglich verachten die meisten kränklichen Personen den guten Nath, «uf der bloßen Haut wol« lene Unterkleider zu tragen, indem sie sich ei,', unaus. stehliches Reiben davon vorstellen, welches aber über« Haupt nicht so groß ist, als sie glauben und nicht über einen oder den andern Tag empfunden wird. Und sollte wohl der dadurch erlangte Vortheil, in Absicht auf die guten Folgen für eine dauerhaftere Gesund« heit, mit der überhingehenden Beschwerlichkeit, ein wollenes Kamisol, dergleichen Beinkleider oderStrüin« pfe auf bloßer Haut zu tragen, in Vergleicbung kom« men? Alte, jsehr hartnäckige Gichtflüsse sind durch dieses Mittel bisweilen, wenn man es ununterbrochen und lange genug fortsetzt, gehoben und mancher vielleicht wichtigen Krankheit durck stelige, gute, reichliche Ausdünstung, welche die wollene Kleidung auf der bloßen Haut nefiich unterhält, vorgebeugt worden. Wer schwitzend in seine kühle Wohnung tritt, wird, wenn Plutarchs scharfsinnige Bemerkungen. 293 Eine andre gute Bemerkung ist diese, daß wir in gesunden T.'gen bisweilen auch eine ganz einfache, unschmackhafte Krankenkost uns sollen gefallen lassen, an die wir uns dann in kranken Umständen ganz allein halten müssen, damit wir nicht, wenn die Nothwendigkeit erfordert, uns derselben zu bedienen, gleich unartigen Kindern uns vor dem Anblicke solcher Din- ge entsetzen, und ihrem Gebrauche widerstehen; und aus eben diesem Grunde müssen wir bisweilen Wasser trinken, wenn wir gleich Wein haben könnten, weil es in gewissen Krankheiten zuträglich ist, blos Was. ser zu trinken; kurz, uns so gewöhnen, nur immer das allein hoch zu schätzen, was sich mit der Gesundheit verträgt und ihr zu Statten kömmt; wir sollen nicht glauben, daß es nun um uns geschehen sey, wenn uns eine simple und rohe Kost vorgesetzt wird. Jener Weise unter den Alten sagte ganz recht: erwäh» le nur die iebensart, welche die vernünftigste ist, die Gewohnheit wird sie Nut der Zeit dir auch geläufig machen. Tz Eine wenn 5 294 ,5.' Abschnitt. Eine dritte'Bemerkung ist folgende: Hagere Personen sind gemeiniglich die gesundesten; daher sollen wir eben nicht unsern Appetit mit Delikatessen, oder den nahrhaftesten Speisen stillen, wenn wir sie uns auch gleich leicht erzeugen können, weil wir dick und fett zu werden fürchten müssen. Ferner sollen wir uns auch vor solchen Speisen in Acht nehmen, die uns ohne Hunger zum Essen reizen, und vor solchen Getränken hüten, die ohne Durst zum Trinken i einladen. Es ist zwar wohl wahr, daß wir im nöthigen Fall zu unsrer Nahrung oder Gesundheit dergleichen Nahrungsmittel genießen dürfen: allein wir müssen uns nur recht sorgfältig vorsehen, daß wir uns nicht von den Delikatessen so weit hinrcisscn lassen, den Magen damit zu über« laden. Diejenigen begehen eine überaus große Thorheit, welche aus bloßer Eitelkeit sich bei der Tafel reicher ieute.mit ieckerbißchen überschütten, um nur vorzüglich bei ihren Bekannten rühmen zu können, daß sie mit sehr vielen seltnen Dingen wären bewirthet worden; da es doch hingegen ihnen mehr zur Ehre gereichte, wenn sie sagen könnten, sie wären so viel Herr über sich, alle die genannten Delikatessen und Seltenheiten unangerührt zu lassen. Wer ein wahres Gefühl für's Vergnügen hat, sollte eben um des Vergnügens willen mäßig leben, weil ohne Mäßigkeit keine Gesundheit Statt finden, und Plutarchs scharfsinnige Bemerkungen. 295 und ohne diese auch gar kein Vergnügen genossen werden kann. Wie hoch sind wohl die größten Delikatessen gegen einen kranken Magen anzuschla. gen ? ist nicht eine unverdorbne Eßlust so gut, als die allervortrestichste Zurichtung einer Speise selbst zu achten? Sind gleich große Ermüdung, Hitze und Kalte für Fieber erweckende Dinge zu halten, so i können wir doch so viel wahrnehmen, daß diese äußerliche Ursachen selten solche Krankheiten verursachen, wenn sie Personen anfallen, die frei von jeder Anhäufung der Säfte sind. Es ist hier diejenige Ueberladung zu verstehen, welche den Körper in hartnackige Krank, heiten stürzt; eben wie ein stinkender Sumpf, der, wenn er durch äußerliche Ursachen bewegt wird, die liist und alles, was ihm nahe kömmt, zu verderben pflegt. Hippokrates sagt: „Eine von freien Stücken sich einsindende Schwere und Müdigkeit des Körpers, verkündigt eine annähernde Krankheit." Und wo soll diese Schwere anders herkommen, als von einer Anhäufung der Safte, welche aufdieNer« ven drückt? Es ist daher ganz widersinnig, wenn einige, um diese Müdigkeit zu Heden, nun destomehr essen und trinken wollen, da doch im Gegentheil die eigentliche Kur dieses Zustandes auf Enthaltsamkeit und Bewe« gung ankömmt. T4 Ob. 296 '5. Abschnitt. 3s U Obgleich die Wollust als eine Zerstörerinn des wahren Vergnügens angesehen werden könnte; so ist deshalb gleichwohl nicht eine ganz übermäßig skrupulöse lind äußerst strenge Enthaltsamkeit von die« ser Verrichtung zu empfehlen; denn dadurch würde der Körper vielen Gefahren von Krankheiten ausge, setzt, der Geist niedergeschlagen, und der Mensch überhaupt zur Arbeit sowohl als zum Vergnügen unaulgelegt; er wird furchtsam, argwöhnisch, und alle Welt eines bösen Anschlages wider ihn in Ver< dachte haben, wodurch er verhindert wird, irgendeine Handlung mit rechter Entschlossenheit und dem ge« hörigen Muthe zu unternehmen ''). Wir müssen auch' in diesem Stücke die Mittel- siraße zwischen den zwei Auswegen zu nehmen suchen, und, gleich klugen Schiffern, weder unsre Segel bei gutem Wetter zu sehr einziehen, noch bei einem Sturme zu weit ausspannen. Und ») Hierunter will der Verfasser eine Art von trauri« yem Wahnsinn verstanden wissen, der aus Ueber. Häufung der Saamenfeuchtigteiten entstehen sell: allein die Natur nimmt gemeiniglich den Ausweg, durch nächtlich? Pollutionen sich von dem Ue> berfiuß des Saamens zu entschütten, und also mich« te wohl schwerlich dal)er eine solche Schwermuth erfolgen. Indessen tonnen wohl sehr wollüstige Personen, wenn sie wirklich großen Ueberfiuß an Saamen haben, und ihre Begierden zu stillen nicht Gelegenheit hatten, in eine verliebte Wulh gera< then Bei dem andern Geschlechte pflegt dieser Zufall eben nicht selten sich zu ereignen. Anm. des Uebers. Plutarchs scharfsinnige Bemerkungen. 297 Und gleich wie wir eine Mäßigung in Speise und Trank in Bewegung und Vergnügen beobachten müssen : so müssen wir auch in unserm Schlafe das Mittel halten, und ihn weder zu lang ausdehnen, noch zu sehr abkürzen ; und sogar unsre Traume müssen natürlich und nur fiüchtig seyn, denn wenn sie ganz mit unserm Temperament streiten und fürchterlich sind, so müssen wir auf eine Ueberladung, oder auf eine üble Mischung der Safte unsers Körpers schließen. Und eben so ist es beschaffen, wenn sich eine ganz von freien Stücken entstandne Furcht, Traurigkeit, oder ein Verdruß unsrer bemeisiert: dann ist es mehr, als wahrscheinlich, daß sich ein gewisser böser Dunst aus unserm kranken Körper mit unsern iebensgeistern ver« mischt, und sie in Unordnung bringt *). Es würde in Rücksicht auf die Erhaltung unsrer Gesundheit immer ein wichtiger Umstand seyn, wenn wir unsre Freunde in irgend einer Krankheit besuch, ten, daß wir, ohne den Schein von Neugier oder Af» sectation einer medicinischen Gelehrsamkeit, theilneh« mend nachforschten: ob Ermüdung, Enthaltsamkeit, oder Ueberfüllung ihre Krankheit veranlaßt hätte; damit wir selbst auf solche Art die Nothwendigkeit T 5 der *) Niedergeschlagenheit', Traurigkeit mit Beanstiqung und Mattigkeit verbunden, sind sichre Kennzeichen, daß eine gefährliche Krankheit auf dem Wege und der gute Rath eines Arztes höchstnichig ist. Anm. des Ueb»rs. ltl Z l '^ 298 15. Abschnitt. der Enthaltsamkeit von Andern lernen, und um so hiel mehr uns hüten möchten, diejenigen Ausschwei» sungen zu begehen, welche die Ursache von den krankhaften Umständen unsrer Freunde waren. Man hat drei Dinge als solche, die vorzüglich der Gesundheit zuträglich zu seyn scheinen, anzusehen; nämlich: die Bewegung'des Körpers, die Mäßigkeit und eine vollkommne Bekanntschaft mit unsrer Natur. Was die Bewegung des Körpers solcher Perso» «en, die vom Studieren Profession machen, betriff, so muß man sich wundern, was für Vortheil sie aus dem täglich unternommenen lauten lesen ziehen kön» nen; wir müssen uns daher diese Art der Bewegung oder so zu nennende leibesübung recht geläufig und eigen machen. Was das Fahren in einer bequemen Chaise ist, wenn man es mit andern leibesübungen vergleicht, ist das laute lesen, verglichen mit demGe, spräche, oder der Unterhaltung mit guten Freunden. Die Stimme bewegt sich ganz sanft bei den Gedanken des Andern, und gleitet unvermerkt dahin, ohne die Heftigkeit, welche gemeiniglich mit Streitigkei» ten vergesellschaftet ist. Indessen, obgleich das laute lesen für« eine sehr gesunde Bewegung zu halten ist; so kann doch eine dabei gebrauchte' heftige Ansircn» gung, die bis zum Schräm geht, sich gefährlich er» weise», wie dieß oftmals durch Beispiele, wo gewisse Blutgefäße zersprungen waren, bemerkt wo» den ist. Man muß aber dabei sorgfältig darauf sehen. Plutarchs scharfsinnige Bemerkungen. 299 ehe», daß diese Bewegung des lauten iesens, oder eine jede andre Art der ieibesbeweguug, nicht un-> mittelbar nach einer Ansüllung oder Ermüdlmg vor- genommen werde: denn ein solcher Fehler ist manch« mal für viele unglücklich abgelaufen. Müßiggang und Faulheit sind zu allen Zeiten als eine reiche Quelle von Krankheiten angeseyen worden; und derjenige, welcher sich durch unthätig- kcit Gesundheit zu verschaffen sucht, gleicht dem, der immer schweigt, und dadurch seine Stimm.' zu verbessern Host. Ueberdieß wird das wahre Ziel der Gesundheit, welches die Thätigkeit ist, ganz durch die Faulheit verfehlt: zu was dient dem seine Ge> sundheit, der nie etwas thut, was ihm, oder seinen Freunden Nutzen schuft? Einige haben nach dem Abendessen das Spazie« rengehen empfohlen; Andre aber, die sich einbildeten, die Bewegung störe die Verdauung, hielten die Ruhe für zuträglicher. Die vernünftigen Absichten von Beiden können erlangt werden, wenn man zwar dem Körper Ruhe giebt, unsern Geist aber mit ausgeräumter Unterhaltung beschäftigt, welche weder durch allzugenaue Aufmerksamkeit die lebensgeister ermüdet, noch sonst Unannehmlichkeiten von irgend einer Art verursacht. Wenn man nämlich z. B. aus der Naturlehre, Geschichte, Dichtkunst, oder andern angenehmen Theilen der Wissenschaften, allerlei Fragen aufwirst, und sich darüber bespricht, wel- ches H 300 15. Abschnitt. ches Einige für das rechte Desert der Gelehrten hallen. Das andre der Gesundheit so höchst zuträgliche Stück ist die Mäßigkeit im Essen und Trinken, wie auch in allen andern Befriedigungen unsrer sinnlichen Neigungen. Es wäre besser, daß wir uns gleich von Jugend auf weniger an Fleischkost gewöhnten*): denn sie ist schwer, und nickt immer so ganz leicht zu verdauen. Die Natur selbst scheint die Absicht gehabt zu haben, daß wir uns derselben nur mäßig bedienen sollen, indem sie einen solchen Ueb^rstuß von mannichfaltigen Nahrungsmitteln des Pflanzenreichs zu unsrer Erhaltung aus der Erde hat hervorwachsen lassen; wovon viele genossen werden, wie sie uns die Natur liefert, ohne alle Bereitung, andre aber auf tausenderlei Art zugerichtet und noch schmackhafter gemacht werden können. Die edelste unter allen Feuchtigkeiten ist der Wein: er ist das nützlickste Getränke und die wohl« schmeckendste Arznei, und von allen Delikatessen die ange» *) Indessen muß doch das Fleisch den meisten Stoff zu unsrer Ernährung und Stärkung hergeben. Eine Verbindung der Fleischkost mii arünen oder manchen lei trockne» Gemüse», und Früchten, wird freilich im,' mer für die gesündeste zu webten seyn. Denn das Erstere gewährt Gallert, die wahren zur Ernährung erforderliche!', Thcilchen, und aus den andern kommen zuckerarnge Th ilcken, und in den ietztern liegt die t3,i,iÄ ^!il>i!i>, die Hall er mit allem R^vle ange» nommen hat. Anm. dei Ueders. Plutarcks scharfsinnige Bemerkungen. zc>l angenehmste für unsern Magen; indessen, wenn wir schmachtenden Durst erleiden, von Geschäften ganzer« müdet, oder von angestrengtem Nachdenken an Kräf» ten erschöpft, oder mit einer Fieberhitze geplagt sind,wirt> blos ein Glas warmes Wasser allein, oder nur mic ein wenig Wein vermischt, uns mehr starken, als der ungemischte Wein für sich thun kann, welcher, vermöge seiner natürlichen Wirksamkeit und Hitze machenden Eigenschaft, unsre krankhaste Verfassung noch mehr erregen würde, da wir sie doch im Gegentheil durch die lindernde und kühlende Wirkung des Wassers vielmehr besänftigen sollten *). Der dritte zur Erhaltung der Gesundheit so sehr nöthige Umstand ist dieser, daß wir doch eine solche Kenntniß von unsrer Constitution haben, genau zu wissen, was uns vollkommen zuträglich oder unsrer Natur zuwider ist. Es wird erzahlt, daß der Kai« ser Tiberius gesagt habe, es sey für jeden Menschen, der über sechzig Jahre alt wäre, beschämend, wenn er sich vom Arzte den Puls fühlen ließe; diesen Ausdruck könnte man für wunderlich und spöttisch hat« ») Hierin wird man aber gewiß keinen Fehler begehn, wenn man an Statt des bloßen warmen Wasser«, «in paar Tassen recht feinen Thee, mit etwas Citron« fast und hinlänqlicher Menge von Zucker und ein wel nig guten säuerlichen Wein vermischt, trinken will. Dieß Getränke ist angenehm, lischt den Durst, be< fördert die Ausdünstung, lindert die trockne Hitze, und hebt zugleich die Anlüge zur Stockung der Säfte, welche insgemein den ersten Anl«ß zu wichtigen Fieber« krantheiten macht. Anm. des Uebers. ZQ2 15. Abschnitt. halten; aber so viel möchte man immer von jeder« wann verlangen, daß er einige Kenntniß von seinem Pulse haben sollte, weil sich darin öfters eine große Abweichung findet; es sollte auch jedermann mit sei« nem Temperamente, wenigstens in Rücksicht auf Hitze oder Kälte, genau bekannt seyn, und aus Erfahrung gelernt haben, was ihm gut zusagte, oder nicht. Viele wissen nur ihrem Koche die Anweisung zu geben, wie er ihre Speisen bereiten soll, aber darum bekümmern sie sich wenig , ob ihnen dieses oder jenes Gericht bekommen möchte, oder nicht; und wenn nur ihr Geschmack befriedigt ist, so ist von den Folgen in Rücksicht auf die Gesundheit weiter gar keine Frage. Allein dieß sind nicht Vorschriften, die uns eine gesunde Vernunft an die Hand giebt, vorzüglich wenn wir auf die Wichtigkeit der Gesundheit unser Augenmerk richten, und dabei nur bedenken wollen, wie leicht wir zur Kenntniß unsrer Constitution durch eine geringe Aufmerksamkeit und Sorgfalt gelangen können. Nützliche Nützliche Bemerkungen über die Diät vom Dr. John Fothergill (in dem sechsten Bande seiner medicinischen Bemerk kungen und Untersuchungen befindlich.) « Nützliche Bemerkungen über die Diät, bei dem ideopatischen fixen Kopfschmerz. ^ l) will nicht blos in Absicht auf die Kur desjem- ^) gen Kopsschmerzes, der an sich selbst eine Krank« heit ist (5>clcl,e36.icl<), gewisse allgemeine Betrach« tungen über den diätetischen Theil der Medicin anstellen, und hierbei die nöthigsten Cautelen, gedachtes Uebel zu heilen, anführen^); sondern ich werde auch auf ») Ganz neuerlichst wurde im IsniversHl.^zgTliie April i?«y folgendes Recept als em Präservacivmittel wi« der diesen besondern Kopfschmerz (8icK l-Ieml gcK) empfohlen, das wir dem Leser hier mittheilen wolle». H IV!,!'i!.k!,6.5j l>u!v. !. zti. 0. 8. drei bis vier Stück alle Abende bei Schlasengehn zu nehmen. Im Anfall des Uebels sollte eine Unze bitter Purgier« salz in einer Pime starken Mümenthee aufgelößt und davon alle Stunden eine Tasse voll, bie ein oder zwei Stühle erfolgten, genommen, und wenn auch Vre< chen erfolgte, fortqe>eht, hernach aber, den Magen wieder zu stärken, etwas rothen Wein mit Muskai« nuß oder etwas mit Wasser verdünnter Branntewein getrunken werden. In Constituiionen, wo das Uebel aus Erkältung des Magens und angehäuften Schleime entsteht, kinnte diese Kurart Statt finden, nicht aber wo eine besondre Nervenschwäche im Körper überhaupt, oder auch besonders im Magen zum Grunde läge. Anin. des Ucbers. ^ u ^c>6 Nützliche Bemerkungen auf diese, weil sie in vielen andern langwierigen Krankheiten, und zur Erhaltung der Gesundheit über» Haupt sehr wichtig sind, mein Augenmerk richten. Nichts kann für krankliche und zärtliche Personen beiderlei Geschlechtes von so bedeutender Folge seyn, als die Aufmerksamkeit auf die Menge der Speisen. Es gk>bt Viele, die so starke Ver- dauungokräste zu haben glauben, daß sie in diesem Punkt gar keine Einschränkung machen zu dür» fcn vermeinen, und sich auch wirklich nie über irgend etwas, weder wegen zu starker, noch zu sehr ge« mischter Mahlzeiten zu beklagen Ursache haben. Dergleichen Personen stehn von der reichlichsten und am stärksten besetzten Tafel auf, ohne die mindeste Angelegenheit zu fühlen. Allein so verhält es sich nicht mit allen Andern. Man findet Personen, von welchen einige auf diese, andre auf andre Art über eine unnatürliche Schwere ihres Körpers klagen: und wie oft hören wir nicht über eben so üble Wirkungen, Klagen führen, wovon bald diese bald jene besondre Art von Speisen der Grund seyn soll, da doch vielleicht das Uebelbefinden nur überhaupt mehr von der allzugroßen Menge, als von der widersinnigen Mischung der Mahlzeit entsprungen ist. Die rechte Mittelstraßs in diesem Fall erfordert Aufmerksamkeit, und bei derselben zu bleiben, kostet Standhaftigkeit, da uns denn der Magen selbst, in Ansehung der zuträglichen Menge, eine unverander- liche über die Diät. )O7 liche und sichere Anzeige giebt. Wie viel aber ein jeder bei Tische zu sich nehmen kann, muß jedermann für sich selbst bestimmen, und derjenige, der glücklich genug ist, bei dem ersten Gefühl der Sättigung mit Essen aufzuhören, hat schon einen großen Schritt, in der Kunst der Enthaltsamkeit gethan, indem er sich einem solchen Befehle des Appetites widersetzt; und eben dieser Umstand wird bei den meisten langwieri» gen Krankheiten als eines der kräftigsten Heilungs- mittel zur Wiederherstellung gefunden: so wie er auch in gesunden Tagen als eines der sichersten Vermaß» rungsmittel wider dieselben anzusehen ist. Ob dieses nun gleich eine ganz allgemein bekannte iehre ist; so kann sie dennoch nicht oft genug ein« geschärst werden: da das Versehn in dieser Aufmerksamkeit auf die nach Nothdurfc für jede Person gehörige Menge der Nahrung, früher oder spater, mit den übelsten Folgen begleitet wird. Den starken und dauerhaften Naturen, wiederfahren daher aus diesem Grunde Entzündungskrankheiten, und alle dergleichen Zufälle, die von zu vielen und scharfen Säften zu entstehen pflegen: als Podagra und andre langwierige Uebel mehr. Den schwachen Körpern werden obige diäteti« sche Fehler zur fruchtbaren Mutter einer zahlreichen Nachkommenschaft von allerlei Beschwerden, die Geist und Körper angreifen; ja es giebt fast keinen nennbaren Zufall, der nicht von diesem Diätfeh. U 2 ler H -»^»W ZQ8 Nützliche Bemerkungen ler seinen Ursprung, oder ihm doch seine Verstärkung zu danken hätte, bis endlich die Krankheit auch so. gar der Enthaltsamkeit selbst und allen Vorschriften des Arztes Trotz bietet. Was aber die Aufmerksamkeit bei dieser Art kränklicher Personen *) in ihrer Diät noch mehr nothwendig macht, ist ihr unregelmäßiger Appetit und Hunger selbst: welcher aber nicht sür ein Zeichen der Gesundheit, sondern vielmehr nur sür. einen Beweis von Schärfe der Magensäfte zu halten ist, die sie nöthigen, mehr und öfterer zu essm, als die Na. tur ihren Bedürfnissen nach eigentlich verlangt. Daher es denn auch kömmt, daß dergleichen Personen oftmals geneigt sind, viel mehr zu essen, als sie verdauen können, und daß sie ihre Speisen mehr verschlingen, als essen; wodurch sich aber ihre Zufälle vermehren, das Uebel einwurzelt, und jeder gute Rath des Arztes unwirksam gemacht wird, so daß sie sich auf diese Weise immerwährende und unheilbare Krankheiten zuziehen. Und wofern diese Kranke irgend gar v)n der verkehrten Meinung eingenommen seyn sollten, (welches man nur zu oft findet,) oaß ihr Uebel gehoben werden würde, wenn sie nur noch mehr essen könnten, so sind sie ohne Rettung verlo« ren. ') Die nämlich mit dem besondern hartnäckigen Kopf-: schmerz (3icKlie2ä-2c!l) geplagt sind. Anm. des Uebers. über die Diät. ?o9 ren. Dieses alles sind nicht Errichtungen in der Krankengeschichte, sondern nach der Beistimmung eines jeden aufmerksamen Arztes lautere Wahrheiten; und man kann dieselben, auch denen nicht öfters genug vorhalten, welche immer bereit sind, sich ihrem Ap> petite, oder ihrer Unachtsamkeit bei ihrer Eßlust aufzuopfern. Frühe Gewöhnung an Selbstbeherrschung, gereicht 'allen Mischen zum größten Vortheile: und auch sogar diejenigen, welche nach äußerster Ueberla» düng ohne unmittelbares Gefühl von Beschwerlichkeit oder Uebelbefindcn bleiben, werden gewahr werden, daß es zu ihrem Besten gereicht, wenn sie sich vorsichtig und maßig bei ihren Mahlzeiten verhalten. Die Gebrauche in Ansehung der Mahlzeiten sind in vielen iandern ganz unterschieden: in unserm (England) iande, sind dreierlei Mahlzeiten, (wenn ich so sagen darf,) nämlich : Frühstück, Mittagsessen, und Abendmahlzeit zur Gewohnheit worden. Die Abendmahlzeiten hat man iht meistentheils abge- schast, und die außerordentlich großenTrakramente, wie sie bei unsern Vorfahren im Gebrauche waren, ebenfalls mit allem Rechte aufgehoben. Doch giebt es gewisse Personen, die von solcher ieibesbeschassen« heit sind, daß ihnen jene Vercmdrung nicht eben zuträglich ist. U 3 Indessen ^1 Nützliche Bemerkungen Indessen können doch zwei sehr mäßige Mahlzeiten in einem gehörigen Zeiträume, weit leichter und mit bcsserm Wohlbefinden verdauet werden,! als eine doppelt so starke, und jene können auch besser mit den Geschäften und Pflichten, in der verschiednen Ver> fassung unsers lebens, bestehen. Ich habe aus Erfahrung bemerkt, wenn Personen gesagt haben, sie hielten keine Abendmahlzeit mehr, daß es besser für diese seyn würde, wenn sie Abends etwas essen wollten, als daß sie die Natur mit einer zu schweren iast auf einmal überladen, wel, chcs doch allzeit schädlich seyn muß. Unser hier zu iande bei Hohen und Niedern all« gemein übliches Frühstück besteht in Thee, Kaffee oder Schokolade: über ich rede hier vom Allgemei» nen, weil es doch mancherlei Ausnahmen giebt; denn Einige erwählen sich aus diesen, Andre aus an» dem Gründen andre Dinge an die Stelle der gedachten Getränke, nachdem sie ihre Neigung und Meinung verleitet. Bei den verschiednen Getränken, die man zum Frühstück zu nehmen gewohnt ist, wird auch gemei» niglich, eine gewisse Art Brod '"), mit mehnoder wem« *) Dieß ist feines Weizenbrod, über dem Kohlfeuer g« listet und mit frischer Butter zu wiederholten malen bestrichen, welche uon dem warmen Brode eingesogen Wird; so ißt man es zum Thee. Anm. des Uebers. über die Diät. ?n weniger Butter, um das Frühstück recht vollständig zu machen, gegessen. Wir sind öfters ausdrücklich gefragt worden, was wir von allen nur gedachten Frühsiücksgetränken hielten, vornehmlich wegen ihrer mehrern oder we« nigern Zuträglichkeit. Ich glaube die passendeste Antwort würde hierauf diejenige seyn, welche von den: ehemals sehr berühmten Arzte Doktor Mandevil- le erzählt wird, der, wo ich nicht irre, ein oftmaliger Gast des vorigen Grafen Maklessield war, und öfters über den Punkt der Diät von diesem Herrn gefragt wurde: „Doktor, ist dieß gesund?" «Beliebt es Eure Herrlichkeit?" fragte der Doktor wieder; »ja," war die Antwort desGra» fen, und der Doktor fragte nochmals : «bekömmt es Eurer Herrlichkeit?" „ja," hieß es: «und warum sollte es Eurer Herrlichkeit also nicht gesund seyn?" versetzte der Doktor endlich zur Belehrung. Vielleicht ist diese Abfertigung auch der beste Unterricht, den mangeben kann, um den Ungewissen und iehrbegierigen dadurch von dem Zu vielen, (cke roo lVlucn) oder der Ueberschreitung des gchö, rigen Maaßes, abzuhalten. Da ' nun aus verschleimen unumstößlichen Beweisen erhellt, daß die in beträchtlicher Menge genossene Butter der Gesundheit ganz nachteilig U 4 ist ?I2 Nützliche Bemerkungen ist *), so hat man sie in vielen Familien abgeschast: denn so viel ist gewiß, daß sie vielen Personen schwer zu verdauen ist, vornehmlich wenn sie geprä» gelt, oder auch in Brühen genossen wird. Viele dem Ansetzn nach starke und mit guten Verdauungskrästen begabte Personen sinden sich öfters durch eine zu starke Portion Butter beschwert: und es ist merkwürdig, daß außer derselben nichts den oberwähnten Kopfschmerz geschwinderund ;uverläßiger erweckt; ja bis« weilen stellt er sich schon in wenig Stunden nach deren Genusse ein. Wenn bei dem Frühstück viel geröste» tes Brod und Butter gegessen wird, fangt er sich mit einer besondern Art aufwallender Hitze im Gesichte und Flimmern vor den Augen an : die Gegenstände andern plötzlich ihre scheinbare Gestalt, sind mit er» leuchteten Spitzen und Ecken gleich den Figuren der Festungswerke umgeben: es meldet sich Schwindel, Kopsschmerz, und die Krankheit selbst bricht völlig aus. Ein angewandtes Brechmittel aber, nebst warmen Wasser, kann den Krankheitsstoff am besten aus den Magen herausschaffen, ihn gleichsam aus» spülm, und die Zufälle heben. Diese Umstände begegnen denjenigen häufig, wel, che auf die Menge der Butter, die sie beim Frühstück ge, *) Ga>H natürlicher Weise wird den Verdauungssäften auf alle Weise ihre zurAiifiisul'q der 3p 3i4 Nützliche Bemerkungen hauptet: sein ihm durch's Kochen mitgetheiltes Feuer, seine Stärke *) und Menge machen dieses Getränke nur ungesund : sonst verhält es sich, gedachte Um» stände ausgenommen, gerade umgekehrt **), und er kann eben auch als ein unschuldiges Getränke an» gesehn werden. Es giebt ganze Nationen ^^), die allermeist von diesem Tränke, wie andre vom Thee, leben, aber weder bei dieser, noch bei jener Art ieuten trift man solche Krankheiten an, die man mit sicherm Rechte gedachten Getränken zuschreiben könnte. Die Schokolade scheint mehr Aufmerksamkeit zu verdienen ; sie ist, wie man weiß, das Produkt ei« nes westindischen Baumes 5'^*), die man mit an- 5) Nir klnnen uns von dem Theetrinken der Engländer keinen ^e,riff machen, wenn wir nicht wissen, daß sie .!Mi, oess'N Frückte zuerst g« risiet, und dann in eisernen erwaünl.n Mo lern ge« stampft werden. Anm. des Uebers. über die Diät. 315 andern Ingredienzen, durch Mahlen oder Stampfen in einen Teig verwandelt, welche sodann von beuten jeder Classe als Getränke zur Frühstücksunterhaltung genossen wird. Man Hai, wie ich glar.be, eben auch nicht bemerkt, daß diejenigen, welche die Schoko» lade als einen Theil ihrer Nahrung ausehn, gewissen besondern Krankheiten unterworfen wären. Sie kann daher ebenfalls »als ein gesundes Frühstück für dieje» nigen,. denen sie gefällt und bekömmt, betrachtet werden. Da sie aber schon an sich selbst von fetter Beschaffenheit ist, so muß wenig oder gar kein But« terbrod dabey gegessen werden; würde sie aber dünner, als gemeiniglich geschieht, und mit einer größern Menge Milch bereitet, so wäre dieß Getränke auch zum allgemeinen Gebrauche weit schicklicher, als es, auf die bisherige Art zugerichtet, seyn kann. Alle diese Getränke müssen nothwendig oder mei- sientheils mit Zucker versüßt werden, und vielleicht hangt viel von der Menge desselben ab, daß sie ent« weder gesund oder ungesund genannt zu werden ver« dienen. Es ist was gewöhnliches, ieute nach dem Frühstück über Herzdrücken klagen z» hören, welches sie dem Thee oder anderm zum Frühstück genossenen Getränke zuschreiben. Allein die Getränke haben vielleicht keinen, oder nur einen sehr geringen Antheil an diesen Klagen, und an den dazu gegebnen Ursa< chen: vielmehr entspringen sie von allen gedachten Dingen des Frühstücks, nämlich von dem Brode, der Butter und dem Zucker zusammen genommen, und ^ Ii6 Nützliche Bemerkungen und es ist ein Beweis, daß von einem dieser erwähn» ten Dinge oder von allen zusammen mehr ist genossen worden, als der Magen verdauen konnte. Diese Umstände, können aucl) zur wohlgemeinten Warnung vor dem Ucbcrmaaß, auch-sogar in unschuldigen Dingen, dienen. Der Kaffee könnte vielleicht eine Ausnahm« von dem, was wir nur ißt eben gesagt haben, machen, nämlich, daß d^e Getränke an sich selbst wenig oder gar keinen Antheil an Erzeugung der Beängstigung des Herzens hälten: denn nur der süßgcmachte Kaffee veranlaßt meistentheils gedachten Zus.ill, und man thäte also wohl, den Kaffee so wenig, als möglich, zu versüßen "). Die von unrechtem Verhalten gegen die Dinge unsers Frühstücks entstehenden Wirkungen, kommen in Ansehung unsrer starken Mittagstnahlzeiten in keine sonderliche Betrachtung. Unsre Nachsicht beim Frühstück richtet nur wenig Sch.idt'n an; allein die oftmalige Ueberscdreitung des rechten Maaßes beim Mit« 5) Dann würde aber ließ Getränke nur eine Arznei, aber nicht mehr für den angenehmen Geschmack seyn : denn der Zucker und die bei uns übliche Ve1imsch>,mg dee bestemMäck^h"!L machen den Kuffee erst z,m, an» genehmen T>" k, ^e!c!>e^ w unsern Tagen dem schö< nen l^eschllcht üb.'r ullce acht, obgleich gerade für dessen C. nssilulioN der g, sßic N .chtdeil daraus entsteht, wenn täglich zu viel davon ^»»ss.n wird. Anm.dceUebers. »» » ^ über die Diät. 317 « Mittagsessen ^ ist von weit ernstlichem lind üblem Folqen. Man hat insgemein angenommen, daß vielmehr ieute ihre Gesundheit durch starkes Trinken, als unmäßiges Essen zu Grunde richteten. Allein meine Beobachtungen bringen mich auf die Gedanken, das Gegentheil zu glauben. Es ist aber auch heut zu Tage erst erwähnter Fehler überhaupt nur noch dem Pöbel eigen. Indessen, obgleich dieses noch immer von den meisten behauptet wird, so kömmt es mir doch vo.', als litten mehrere an ihrer Gesundheit von zu vielem Essen, als von zu starkem Trinken. Doch dieses wollen wir bei andrer Gelegenheit unter- suchen, und vielmehr nur ißt einige Betrachtungen über einen die ganze Menschheit interessirendcn Gegenstand anstellen. Ob ich gleich glaube, daß die Stärke unsrer Mahlzeiten ein wichtiger und höchstbetrachtungswür- diger Gegenstand sey, so bin ich doch der Meinung, daß deren Eigenschaft und Einrichtung nicht weniger unsre Aufmerksamkeit verdiene. Ich für meine Person kann mich selbst nicht unter 'diejenigen zählen, welche von fester und starker Natur sind, vielmehr glaub' ich weit unter die Mittlern von gewöhnlicher Starke zu gehören. Es war mir also um meiner eigenen Gesundheit willen nöthig, eine gewisse Regelmäßigkeit in der Diät zu beobachten, und auf die Dinge, welche zuträglich oder schädlich wären, Achtung zu geben; doch machte ich mir das zum Gesetze, Andre solche Diät führen zu lassen, wie es ihnen ihre Kräfte und Gewohnheit gestatteten. Da 3>8 Nützliche Bemerkungen Da ich aber den größten Theil meines iebens un« ter Schwächlichen und Kranklichen zugebracht habe, so ist es mir leicht, ja nothwendig gewesen, dergleichen Bemerkungen zumachen, welche mich lehrten, was für eine Diät und iebensart dem größten Theile der Menschen zuträglich sey. Aus dieser Quelle hab ich mich bemüht, Folgen zu ziehn, und dergleichen Personen zum Besten nachstehende Betrachtungen aufzusitzen. Wenn wir die Geschichte der Menschen vor uns nehmen, die so unterschiedne Gegenden der Erde, so weit wir dieselbe kennen, bewohnen; so werden wir auch finden, daß verschiedne Völker von solchen Arten der Nahrungsmittel leben, die ihrer Beschaffen» heit nach gänzlich von einander unterschieden sind, und dennoch genießen sie alle einen gewissen Grad der Gesundheit, welcher ihrem Beruf oder ihrer iebensart, in den von ihnen bewohnten iändern angemessen ist. In den Morgenländern und dasigsn Gegenden lebt man vorzüglich von Reiß und andern Gewächsen. In vielen iändern geben blos Fische die allgemeine Nahrung ab: in noch andern hingegen sind gemischte Speisen, theils aus dem Thierreiche, theils aus dem Gewächsreiche gewöhnlich. Einige iänder haben gar keine gegohrnen Getränke, in andern trinkt man blos gegohrne. Der weise Schöpser der Natur hat uns so gebauet, und unsre VerlauungswcrkMge so eingerichtet, daß wir uns nach und nach zu jeder Art von Nahrung gewöhnen tön- über die Diät. 3i9 können. Es kann auch ohne Nachtheil geschehen, daß Menschen sich lediglich mit lauter Reiß,, lauter Gewachsen, lauter Fleische, oder auch mit Dingen aus dem Pflanzenreiche vermischt, unterhalten. Kei« ne Nahrung ist schädlich; der Mensch kann an alle Kosi gewöhnt werden, nur in Ansehung der Menge verhält es sich anders. Die Natur kann allmählig dahin gebracht werden, alles zu bezwingen, und in einen Nahrungssaft zu verwandeln, aber der Menge der Speisen muß sie weichen, und wofern sie nicht hinreichende Kräfte besitzt, folgt Entkräftung, und, wenn sie zu sehr angestrengt wird, der Tod. Eines der vornehmsten unsrer iebensmittel ist das Brod, wovon ich hier etwas bemerken muß. Ich will aber nur den einzigen Umstand dabey anzeigen, daß sehr starke Verdauungskräfte erfordert werden, dassel« be gehörig aufzulösen: doch trift dieses nicht bei allen Personen ein; dem schwachen Magen ist eine star, ke Portion Brod unverdaulich; es entsteht davon Säure 5), Beängstigung und Blähung, und es verhindert zugleich die vollkommne Verdauung jeder andern Speise. Diesen Umstand aber muß man nicht einer Verfälschung des Brods, wie man bis. weilen ohne Grund annimmt, zuschreiben, ja ich glaube ») Dazu aber giebt doch nur meistencheils das rockene, zu sehr gesäuerte oder zu wenig aufgebackene Brod Anlaß; das Weizne hingegen verursacht mehr dicken Schleim, wenn e^,/ über die Diät. 327 Kaffee nicht mit Zucker versüßen, und dabei so wenig, als möglich, essen: denn alles süße Hackwerß> Kon« fett und Kuchen von jeder Art, (besonders, der mit einer gewissen Menge Butter gebacken ist,) hindert die Verdauung mehr, als daß sie dadurch befördert werden sollte. Die einzige rechte Zeit, Thee oder Kaffee, oder ander dergleichen Getränke mit Sicherheit und Nutzen für die Gesundheit zu trinken, ist unmittelbar nach dem Mittagsessen; es wird wenigstens weit besser gethan seyn, als bei der Bouteille schen zu bleiben "). Dieje'Gewohnheit ist eben auch eine von der Art, die vielleicht mit größerm Vortheile von uns könnte angenommen werden, als viele andre Moden, die wir von unsern Nachbarn ^) bekommen. Da nun von einer gehörig vollendeten Verdauung unsre Gesundheit, und die Hoffnung eines langen tebens abhängt, so sollten wir auch mit größter Sorgfalt dahin sehn, alles, was dieselbe stören kann, zn vermeiden. Ich habe in diesen Bemerkungen aus gutem Grunde Abendmahlzeiten empfohlen : weil ich glaube, daß die Natur dasjenige auf zweimal leichter ausrichten kann, was ihr auf einmal zu thun, lästig werden, und wobei sie eine nicht geringe Beschwerlichkeit empfinden würde. Ich habe oft Gelegenheit gehabt, zu bemerken, daß selbst die starken Naturen, von allen gefährlichen Wirkungen großer Mahlzeiten nicht ganz frei sind. Es entspringen auch vielleicht mehr Schlag' siüsse aus dieser einzigen Ursache, als aus allen andern zusammen genommen. Wenn Personen von zwei mäßigen Mahlzeiten an Einem Tage keine Beschwer« lichkeit fühlen, noch auch von einer doppelt so starken, die *) Der Engländer hat darin die besondre Gewolmhelt, erst dann, wenn er seine Mohl;ee Speisen sind diesenSchwach- lichen selten zuträglich, und scheinen ihnen vielmehr übel zu bekommen, weil sie Blähungen und Magendrücken verursachen. (^ « lMwM?! ^, ^'j ^i