— 229 —23. Avignon. 1 )
(Au denselben.)
Was Flaccus einst zur Weltstadt sprach: Ein UntierMit vielen Köpfen bist du, 2 ) — das natürlichBezieht auf sich das kleinste Dörfchen heut!Aus rauchgeschwärzten Mauern schritten einst5 Im Zottelfell der Pfltiger und der Hirt, —Doch jetzt der Schelm, der überall zu Hause,Der ruhelose Kaufmann, dessen KielDie Meere all durchfurchte, der das Ruder,Gefertigt aus des Heimatswaldes Holz,10 In fernen Meeren schwingt; der Astrolog,Der düstre Sterne nächtelang bewachtUnd was sie dröhn, der Welt zuvor verkündet,Der in prophet'schen Sternen Unheil liest,(Doch oft nur scheinbar); auch der Wunderdoktor,15 Der selbst vom Tod mit Zauberwurzeln heilt;Der Alchimist, der frech aus Kraut und PulvernEin künstlich Gold zu schaffen sich vermifst; •Der Charlatan, der Wunden durch BesprechenZu heilen und des Volkes guten Glauben20 Durch tausend Kniffe zu betrügen weifs;Der Rabulist, der aus Gesetzes BandenUnd Stricken Lösung erst verheilst und dannDie Menschen anführt, doch an seinem PulteVon hochentzückten Kunden stets umdrängt!
') Seine zunehmende Abneigung gegen Avignon und den Aufenthaltdaselbst drückt P. seinein Freunde Francesco de' Rinucci aus, indem erschildert, was aus den einfachen Bürgern, die in alten Zeiten in demkleinen Orte wohnten, geworden, welche Leute sich ihnen zugesellt undwelchen Einflufs sie ausgeübt hatten. Trost kann nur die Poesie geben.J ü dieser Hinsicht ist unser Brief eine Ergänzung zu Ep. II, 3, v. 10ff. —Gewiß ist, dals bald nach diesem Liede P. Avignon verliefe, um nie dahinaurüekzukehren. Zu beachten ist, dals auch hier v. 55 und 59 das Bildy on Dädalus und vom Labyrinth sich wiederholt.
2 ) So nennt Horaz, Ep. 1, 1, v. 7(1 das Volk von Rom wegen derunendlichen Verschiedenheit seiner Gedanken und Wünsche.