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IV. Kapitel: Erkrankungen des Central-Nervensystems und nervöse Störungen nach Verletzungen.
Band T;
I. Wilhelm Jacob, Gefreiter bei der 3. Garde-Proviant-Kolonne, bekam Anfang September 1870 einen Hufschlaggegen die linke Hüfte. Am 15. September 1870 ging er demFeldlazareth zu Neuilly zu. Er klagte über Schmerzen inbeiden Beinen und im Kreuz, welche periodisch insonderheitNachts wiederkehrten, einen bohrenden Charakter und haupt-sächlich in den Gelenken ihren Sitz hatten und erst seit derVerletzung aufgetreten sein sollten. Diese Schmerzen bliebenbestehen. Patient suchte ihretwegen auch gleich nach demFeldzuge ärztliche Hilfe. Schon im Anfang 1871 machte sichauch eine Unsicherheit des Gehens, namentlich im Dunkeln, be-merklich. Ein Civilarzt konstatirte eine Sensibilitätsabstumpfungan den unteren Gliedmaassen. 1875: Von dem Hufschlagekeine Spuren. Der hochgewachsene, scheinbar gesunde J.vermag ohne Unterstützung weder zu stehen, noch zu gehen.Er setzt bei Gehversuchen die Füsse schleudernd und stampfendauf, hat kein sicheres Gefühl beim Betreten des Bodens (Pelzig-sein der Fusssohlen) und schwankt beim Stehen mit geschlos-senen Augen beträchtlich. Dabei klagt er über reissendeSchmerzen in den Unterextremitäten, an denen übrigens Läh-mungserscheinungen im Bereiche der Empfindungsnerven undAbmagerung nicht deutlich ausgesprochen sind. Schmerz-haftigkeit der Wirbelsäule ist nicht vorhanden; ebensowenigLähmungserscheinungen von Seiten der Blase und des Mast-darms. Die Verdauungsorgane sind in bester Thätigkeit,ebenso funktioniren die Sinnesorgane, namentlich die Augen,normal. J. starb am 7. März 1879.
II. Hauptmann J. v. F., vom Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment No. 1, wurde am 18. August 1870 beiSt. Privat am linken Schienbein dicht unterhalb des Knie-gelenks verwundet. Die Richtung des Schusskanals bewies,dass neben der Zerschmetterung des Schienbeins auch dernerv, peroneus getroffen war. Im März' 1871 waren die Wundengeheilt, v. F. klagte aber über Schmerzen im ganzen Beinund machte einer beginnenden Lähmung wegen, welche beideUnterextremitäten ergriff, im Sommer 1871 in Warmbrunn eineKur durch. Aus demselben Grunde suchte er ebenda im Jahre1873, später 1876 und 1877 in Gastein und Oeynhausen Hilfe.Lange gebrauchte er während dieser Jahre ausserdem elektrischeund Kaltwasserkuren. Sein Leiden entwickelte sich unauf-haltsam weiter.
Im Juni 1878 schreibt Oberstabsarzt Hahn: „Dicht unter dertuberositas tibiae linkerseits befinden sich nach aussen undinnen vom Schienbein zwei tief eingezogene mit dem Knochenverwachsene Narben. Die innere ist 4 cm lang und 3 cm breit,die äussere 4 cm lang ifnd 2 cm breit. Unter den Narben fühltman einen ungefähr 1 cm tiefen Knochendefekt. " Die äussereNarbe liegt dicht bei dem Köpfchen des Wadenbeins,also bei der Stelle, wo der nerv, peroneus verläuft. In dervorderen und äusseren Fläche des Unterschenkels hat Patientein taubes Gefühl und kann Stiche mit der Nadelspitze vonBerührungen mit dem Nadelknopfe nicht unterscheiden. BeimStehen mit geschlossenen Augen schwankt er derartig, dass erumfällt, wenn er nicht gehalten wird oder schnell die Augenöffnet. Sein Gang auf ebenem Boden wie im Zimmer oder aufdem Trottoir ist unsicher, und man bemerkt, dass die Bewe-gungen seiner Beine theilweis seinem Willen entzogen sind.Auf unebenem Boden, wie auf dem Pflaster und beim Treppen-steigen muss er sich führen lassen, um nicht zu fallen. Auchkann er nur mit fremder Hilfe einen Wagen besteigen oderdenselben verlassen. — Die aktiven Bewegungen in den Zehen-,Fuss- und Kniegelenken werden nur mit geringer Kraft aus-geführt. Die Muskulatur beider Beine ist abgemagert undwelk, das Gefühl in den Fusssohlen taub und pelzig."
Am 12. Dezember 1879 konstatirte eine erneute Untesuchung: „Beim Stehen mit geschlossenen Augen bezw. ¡Dunkeln tritt ein so erhebliches Schwanken ein, dass Patinohne gehalten zu werden, sofort umfallen würde.
Der Gang ist äusserst unsicher, und gehorchen die Must,nur unvollkommen dem Willen. Aus diesem Grunde muss,sich jetzt auf ebener Erde wie im Zimmer führen lassen, kjdiese Vorsicht ausser Acht gelassen, so stürzt Patient hin nkann sich ohne fremde Hilfe nicht wieder erheben. Die aktiir'Bewegungen in den Knie-, Fuss- und Zehengelenken beiiBeine werden ohne Energie ausgeführt.
Dementsprechend ist die Muskulatur an beiden Beinschlaff und abgemagert.
Die Tastempfindung und das Muskelgefühl sind ab;stumpft; das Gefühl ist an einzelnen Stellen nicht vorhandrund werden Nadelstiche nicht überall genau der betreffen!.Stelle entsprechend empfunden.
Die subjektiven Erscheinungen bestehen in Kältegefiunterhalb der Kniee, ohne dass die Unterschenkel in der Tkkalt sind, in taubem, pelzigem Gefühl in den Fusssohlen itzeitweise stärkeren, sich aber auch wieder vermindernden astrahlenden Schmerzen in beiden Beinen."
1881: Sehnervenatrophie auf dem linken Auge mit lblindung. August 1882: Tod.
III. J., Hauptmann, 40 Jahr, ohne erbliche Anlage, ikräftigem Körperbau und solidem Lebenswandel, hatteStrapazen des Krieges gegen Frankreich erfahren, viele Ikältungen und Durchnässungen auf Märschen und in Biwizu bestehen gehabt und im Gefecht bei Nuits am 18.Dezenl1870 eine schwere Verwundung im linken Ellenbogengelenklitten. Während des nun folgenden Krankenlagers trat quäleiSchlaflosigkeit und hartnäckige Stuhlverstopfung auf. AlsMitte März 1871 das Bett verlassen konnte, bemerkte erpekGefühle in den unteren Extremitäten und der rechten HaiAmeisenkriechen, Unsicherheit beim Gehen und fluchtzuckende Bewegungen in einzelnen Muskelgruppen der Beibei gleichzeitig erheblich gesteigerter spinaler Reflexerregbkeit, so dass Pat. bei geringem Anlass oft heftig zusammenfiiNach einigen Wochen gesellte sich Parese des Detrusor uriiauf zeitweise lästigen Harndrang hinzu. Vor zwei Monaiwurden die Bewegungen der Hände unsicher und zitterig, i14 Tagen stellte sich Amblyopie und zeitweises Doppelsehen t
Stat. praes. am 16. Mai 1871: Linksseitige Abductpárese ; beide Optikusscheiben stark geröthet, der innere Eider linken etwas verwischt. Das rechte Auge in geringeredas linke in bedeutendem Grade amblyopisch. Schon kSehen in die Ferne tritt ab und zu Doppelsehen ein, dasAkkommodation für die Nähe beständig vorhanden ist. 1Doppelbilder entfernen sich in dem Maasse, als die Objektender Seite des kranken Auges verschoben werden, jenseits (Mittellinie sieht Pat. einfach. Geringer Grad von Ataxie in iHänden nebst lästigem Gefühl von Pelzigsein in denselben, olwirklich nachweisbare Sensibilitätsstörungen. In den unterExtremitäten, bei erhaltener Muskelkraft, ausgesprockKoordinationsstörungen, breitspuriger, unsicherer Gang iHahnentritt, starkes Schwanken beim Umdrehen. Der E«berg'sche Versuch fällt negativ aus, Anomalien der Sensibiltsind nicht nachweisbar. Pat. steigt nur mühsam und intstarkem Schwanken frei auf einen Stuhl, ermüdet rasch kGehen. Auf seit einigen Tagen genommene Thermalbäder!29° R. fühlte ersieh jedesmal sehr ermattet und viel unsicherweshalb diese ausgesetzt wurden. Ich behandelte nun Pat imöglichst starken galvanischen Strömen, stabil, ohne Rucks