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Band VII.
III. Abschnitt: Drucklähmung.
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Dritter Abschnitt.Drucklähmung.
Unter denjenigen Lähmungsformen, welche mit denReflexlähmungen bei den von dem Schlachtfelde kommendenVerwundeten am leichtesten zu verwechseln sind, nehmendie Drucklähmungen unstreitig den ersten Platz ein.Der Verletzte, im Shok bewusstlos niedergesunken, liegteine Zeit lang mit dem Gewichte dos ganzen Oberkörpersoder auch nur des Kopfes auf dem unverwundeten Arme,wird von den Krankenträgern gefunden, aufgehoben unddem Verbandplatz, dem Lazareth zugetragen. Die erste Sorgewendet sich der Wunde zu. Kopf und Hände des Helfendensind vollauf beschäftigt, den nächsten Anforderungen ge-recht zu werden. Ist nach den während einer Schlachtsich häufenden Obliegenheiten die ruhigere Krankenbeob-achtung wieder in ihre Rechte getreten, dann beschäftigtden untersuchenden Arzt, welchem nun auch die mehr oderweniger vollkommene Bewegungsunfähigkeit der Hand, desArmes etc. jenes am Rumpfe oder einer andern Extremitätobenein Leichtverwundeten nicht entgeht, die Frage nachder Herkunft der Lähmung. Der Kranke selbst vermagihm häufig keine Auskunft zu geben, ob das jetzt gelähmteGlied vorher bei einem Sturz auf die Erde gequetscht oderdurch den aufliegenden Kopf einem längeren Druck aus-gesetzt war. Diejenigen, welche den getroffenen Kameradenvon dem Schlachtfelde getragen, sind mit den kämpfendenTruppen weiter marschü-t. Ohne Anamnese geräth so dieDiagnose ins Schwanken und verirrt sich schliesslich lieberin das dunkle Gebiet der Reflexlähmungen als auf be-tretenen Wegen Halt zu machen.
Die auf die vorbezeichnete Art auf dem Schlachtfeldeentstandenen Lähmungen waren im Feldzuge 1870/71 unterden Deutschen überaus selten. Durch die schnelle Arbeitder Sanitätsdetachements wurde das lange Verweilen desbesinnungslosen Verwundeten in einer unveränderten Körper-lage auf der Wahlstätte meist vermieden. Hauptsächlichwohl aus diesem Grunde konnten von ausgesprochenenLähmungen, welche gemeinhin erst nach anhaltenderemund stärkerem Drucke zu Stande kommen, in den militär-ärztlichen Feldzugsberichten nur 4 Fälle aufgefunden werden,deren Aetiologie bis auf den Kampfplatz zurückführte. Zweiderselben (I und II) zeichnen sich durch die rasche undvollständige Entwicklung der Paralyse aus.
Häufiger kamen den Feldärzten schnell vorübergehendemotorische Schwächezustände und leichte Störungen imGebiete der Sensibilität als Folgen eines kurzen, un-bedeutenden, gleich nach der Verwundung erlittenen me-chanischen Insultes, z. P>. durch Sturz vom Pferde, Fallgegen harte und kantige Gegenstände, zu Gesichte.
I. August Han dl ass, Füsilier im Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment No. 1, laut Dienstbeschädigungs-Attest am18. August 1870 bei Gravelotte durch einen Gewehrschuss amUnterkiefer verwundet, fiel im Augenblicke der Verletzung be-wusstlos um und bemerkte beim Erwachen nach zwei Stunden,dass sein linker Arm total gelähmt und gefühllos war. Er warauf den Arm gefallen und hatte auf diesem gelegen. In demReservelazarethe Breslau ist am 17. Oktober 1870 in das Journal-blatt eingetragen: „Grosse Schwäche des linken Armes, so dassauch die Hand mit den Fingern nur halb geschlossen werdenkann." Die Muskulatur des Armes atrophirte rasch. Patientwurde im November 1870 vier Wochen lang in Berlin elektri-sirt, ohne dass Besserung eintrat. Später stellte sich dieselbeohne ärztliches Zuthun von selbst ein. Juli 1873 waren Um-fangsunterschiede an den Armen nicht und als Residuum desalten Uebels nur ein Gefühl von Taubsein an der Ulnarseitedes linken Vorderarms nachweisbar.
II. Paul Jüch, Musketier der 1. Kompagnie Branden-burgischen Infanterie-Regiments No. 48, wurde am 16. August1870 bei Mars la Tour im Liegen von einer Flintenkugel ge-troffen, welche das rechte Schlüsselbein in seinem äusserenDritttheil am oberen Rande streifte, in die fossa supraclavicu-laris eindrang und im Körper stecken blieb. Der Verwundetelag angeblich mehrere Stunden bewusstlos am Platze und er-innert sich, beim Erwachen mit dem Kopfe auf dem linkenArm gelegen zu haben. Er verspürte ein taubes kribbelndesGefühl in den Fingerspitzen der linken Hand und vermochtebald nach seiner Ankunft im Lazareth zu Gorze die Hand unddie Finger, welche sich in Beugestellung befanden, aktiv nichtmehr auszustrecken. Die Lähmung — der Beschreibung nachKompressionslähmung des radialis — hielt nur einige Tage inihrer Vollständigkeit an und verlor sich später ganz.
Bei der Invalidisirung des Mannes am 9. Juli 1871fand sich an der Brust, dem Bauch und den Unterextremi-täten eine sehr bedeutende varicose Ausdehnung der Haut-venen. Die Venenstränge hatten an einzelnen Stellen dieDicke eines kleinen Fingers und nahmen am Bauch dieForm des Caput Medusae an. Jüch führte diese Venen-ektasie auf die Verwundung zurück und glaubte um somehr dazu berechtigt zu sein, als er bereits im Lazarethzu Pont à Mousson beim Vornüberbeugen des Oberkörpersdie Kugel in der rechten Unterbauchgegend deutlich ge-fühlt haben wollte. Auch sollte sich eine 9- bis lOtägigeLähmung des rechten Beines unmittelbar an die Verletzungangeschlossen haben.
Der Invalide, durch wiederholte militärärztliche Unter-suchungen auf die Rarität der aussergewöhnlichen Erweite-rung der Blutadern aufmerksam gemacht, war bemüht, inden letzten Jahren als wandelndes Demonstrationsobjekt