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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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III. Kapitel: Traumatische Reflexneuroseii, sekundäre traumatische und Drucklähmung.

Band VII.

Medizinalrath 0. Hesse fand am 25. Juli 1882: LeidenderGesichtsausdruck, mühsames Gehen an zwei Stöcken. Krampf-hafte Spannung der Streckmuskeln auf der Vorderseite deslinken Oberschenkels, welche die Beugung des Knies völligunmöglich macht. Linkes Bein magerer als das rechte undzwar:

20 cm über der Mitte der Kniescheibe rechts 49, links 46 cm25 cm 50,5, 48 cm

15 cm unter 34, 32 cm

Eine elektrische Behandlung beseitigte fast augenblicklichdie Schmerzen und den Krampf. Auch die Atrophie bessertesich schnell, so dass bei einer 4 Wochen später vorgenommenenmilitärärztlichen Untersuchung die Umfangsdifferenz nur noch1 1 /a cm zu Ungunsten des linken Beines betrug. H. klagteüber schnelle Ermüdung und schwerfälliges Gehen.

XIX. Schuss durch den linken Oberschenkel. Kniegelenk-entzündung. Nach 15 Jahren Neuritis ascendens. Paresedes linken Armes. Trigeminusneuralgie und Facialis-

Krämpfe.

Friedrich Jacob, geboren am 18. Juli 1840, erhielt inder Schlacht von Königgrätz am 3. Juli 1866 einen Gewehr-schuss in den linken Oberschenkel. Kugeleintritt vorne eineHand breit über der Patella, Streifung des Knochens. Austritthinten gegenüber der Eingangsöffnung. Es entwickelte sichder Beschreibung nach eine phlegmonöse Entzündung, welchemehrere tiefe Inzisionen veranlasste. Die hiervon rührendenfingerlangen Narben sind mit dem Knochen verwachsen. Nacherfolgter Wundheilung blieb eine Steifheit des Kniegelenks inStreckstellung zurück.

Nachdem der Invalide bis zum Jahre 1881 von stärkeren,von dem verwundeten Theile ausgehenden Beschwerden frei-geblieben war, stellten sich im Herbst des genannten Jahresohne besondere neue Veranlassung lebhafte Schmerzen an derverletzten Stelle und von hier ausstrahlend bis in die Leisten-gegend ein. Sie nahmen stetig zu, verbreiteten sich in derFolge auch auf den Unterschenkel und Fuss, dann die Wirbel-säule entlang sogar auf die linke Oberextremität und endlichauch auf die 1-inke Kopf- und Gesichtshälfte. Dabei wuchsen sieallmälig zu einer solchen Intensität an, dass die Verdauung undder Schlaf gestört und der Allgemeinzustand in hohem Gradeverschlechtert wurde.

J. sieht bei der Untersuchung am 20. Dezember 1883 an-gegriffen und leidend aus, hat eine schlaffe, welke Muskulaturund ein dünnes Fettpolster. Er geht mühsam an zwei Stöckenund unter Schmerzen, welche paroxysinenweise so bedeutend

werden, dass er jammert und weint. Umfang der rechtenWade 36, der linken 36, des rechten Oberschenkels in derMitte 48, des linken 45 cm. Klonische Zuckungen in denWadenmuskeln und Oberschenkelbeugern der verwundetenSeite. Sensibilität für Tasteindrücke am Unterschenkel undFuss herabgesetzt, die Schmerzempfindung gesteigert, dieZehen stehen durch Muskelkontraktur in Beugestellung, dasKniegelenk ist in Streckstellung unbeweglich. Links Fuss-phänomen. Rechts Fussphänomen und heftiger Patellarsehnen-reflex. Sensibilität und Motilität rechts intakt. Wirbelsäulespontan und bei Druck äusserst schmerzhaft, namentlich imunteren Hals- und obersten Brusttheil. Der ausgestrecktelinke Arm zittert. Druck der linken Hand schwach. ImGebiete des Speichennerven besteht an den Fingern vollkom-mene Empfindungslosigkeit. Umfang des linken Oberarms27'/2, des rechten 27'/2 cm. Der Kranke vermag den Arm nurmit Mühe und unter Schmerzen und Tremor bis zur Senk-rechten zu erheben. Das linke Auge thränt, die linke Gesichts-hälfte ist röther als die rechte und periodisch der Sitz heftigerSchmerzen. Zuweilen treten lebhafte Zuckungen im Gebietedes linken Facialis auf. Sensibilität im Gesichte intakt.

Unter den aufgeführten 19 Fällen folgte die sekundäreAffektion 15 mal auf Verletzungen der unteren, 4 mal aufWunden der oberen Extremitäten. Die grösseren Gelenkewaren 4 mal Sitz der primären Verwundung. In demB umke'sehen Falle trat die Reflexkontraktur in der höhergelegenen entsprechenden Extremität während der entzünd-lichen Gelenkaffektion auf. Dörfert (V), welcher eineSchussfraktur des rechten Unterschenkels erlitten hatte,bekam eine Lähmung und Atrophie des linken Armes;ist indess möglich, dass diese die Folge einer während desKrankenlagers durch Druck entstandenen Neuritis n. ulnaiiwar und nichts mit der Unterschenkelläsion zu thun hatte.Der Beck'sehe Patient, bei welchem sekundär die korrespon-dirende Oberextremität ergriffen wurde, war pyämisch unidie Extremitäten Plambeck's (II) und Münscher's (111) zeigtensich alternirend gelähmt. Dreimal nahmen sämintlicheExtremitäten an der sekundären Affektion Theil, einmalBlase und Mastdarm, in allen anderen Fällen breiteten sieldie nervösen Folgeerscheinungen nur über die verwundeteKörperhälfte aus. Nur 8 mal gingen sie in Heilung bezw.Besserung über.