Band VII.
II. Abschnitt: Sekundäre traumatische Lähmung.
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Durchtritt durch den grossen Hüftbeinausschnitt entspricht.Schmerzpunkte im weiteren Verlauf des Nerven bis zur Knie-kehle.
Muskulatur der linken Hinterbacke schlaffer als rechts,linke Gesässfalte weniger markirt als rechts. Umfang desOberschenkels unter der Gesässfalte links 48, rechts 50 cm.Die Differenz nach unten abnehmend, in der Mitte des Ober-schenkels ganz verschwindend. Tastempfindung an der Innen-seite des linken Oberschenkels merklich herabgesetzt, leichteBerührung gar nicht empfunden. Nadelstiche ungenau lokalisirt.Yl Gang etwas schwerfällig. Nach längerem Stehen und Gehenft ! leichtes Nachschleppen des linken Fusses. Parese des linken''- Armes und Schmerzhaftigkeit bei Druck auf den plexus.un¡5
XVII. Granatverlctzung des linken Unterschenkels.6 Jahre später Parese des linken Annes, Atrophie desDeltamuskels und der Muskeln des Thenar undoph Hypothenar.
Jacob Hämmerle, geb. den 14. April 1845 zu Güstrau,Rh erhielt als Musketier des 3. Württembergischen Infanterie-' 1k' Regiments in der Schlacht bei Villiers am 2. Dezemberladiv 1870 eine Granatschuss - Verletzung am linken Unter-welt Schenkel, an welcher er bis zum April 1871 theils im Feld-Letz lazareth, theils im Vereinsspital Tübingen ärztlich behandeltid wurde. Ueber den Verlauf der Wundheilung fehlen nähere
'M Notizen, desgleichen sind die Angaben des H. nicht so genau,dass auf dieselben ein bestimmter ärztlicher Ausspruch überdie näheren Verhältnisse der Verletzung gegründet werdenkönnte. Nur behauptet er bestimmt, dass er unmittelbar nachder Verwundung Schmerzen im linken Bein bis ins Kreuz hinaufverspürt habe, dass er auch nach der Rückkehr zur Truppenoch nicht wieder habe gut gehen können, dass die Schmerzensich bei Anstrengung gesteigert haben und dass er wegenseines Leidens beim Rückmarsch meistens auf Wagen demBataillon nachgeführt worden sei. So sei sein Zustand auchnach der Entlassung zur Reserve geblieben, daher er wegenseiner Verletzung alsbald nach seiner Beurlaubung nicht mehrso anstrengend habe arbeiten können wie zuvor. Nach Verflussvon 2 Jahren sei die alte Narbe wieder aufgebrochen und habewochenlang geeitert. Seit Ende des Jahres 1876 soll nocheine weitere Verschlimmerung hinzugetreten sein. Einerseitserschien am h. Umfang des linken Oberschenkels eine Eiter-geschwulst, aus welcher sich ein seither fliessendes, empfind-liches Geschwür entwickelte, andererseits machte sich im linkenArm eine mehr und mehr überhandnehmende Schwäche undGefühllosigkeit bemerklich, welche ihn um den Rest seinerErwerbsfähigkeit vollends brachte. Zeitweise sind bei ihmkrampfhafte Zustände eingetreten, wie sie weiter unten ge-schildert werden.
Status vom 12. April 1877 (Oberstabsarzt Stoll undStabsarzt Fetz er): Der Invalide ist schlecht genährt undsieht kränklich aus. Organe der Brust, des Bauches und desBeckens intakt. Sprache etwas stockend, besonders beimEinsetzen einer Periode. Zeichen von Syphilis fehlen. Gegen-wärtig eine Ueberempfindlichkeit einzelner Wirbel nicht nach-weisbar. Sehschärfe rechts normal, links = 12 /60; linke Papilleabnorm geröthet. Am inneren Umfange des Oberschenkels5 cm unter der Leistenbeuge ein etwa apfelgrosses buchtigesGeschwür mit strangförmig vernarbter Mitte, theils speckigem,theils lebhaft geröthetem Grunde und wallartig erhabenenverdickten Rändern. Die Berührung dieses Geschwürs empfindlich.Am äusseren Umfange des linken Unterschenkels eine hand-tellergrosse, an zwei Stellen besonders verdickte Narbe. Auf
Druck auf dieselbe lebhafte Schrnerzäusserung. — Die linkeOberextremität in toto etwas abgemagert, Schulter abgeflachtdurch Schwund des Deltoideus, desgleichen Daumen- und Klein-fingerballen. Arbeitsschwielen fehlen. Im Uebrigen ist amArm keine Herabsetzung der Temperatur oder eine sonstigeAbnormität nachweisbar. Die Kraft im linken Arme merklichgesunken, so zwar, dass der Druck der linken Hand nur alsschwache Berührung erscheint, während der Druck der rechtenHand mit grosser Energie ausgeführt wird. Die Empfindungfür Tast- und Temperatureindrücke ist an der linken Handvollkommen erloschen, am Vorderarm undeutlich und verlang-samt, am Oberarm annähernd normal. Desgleichen ist dasMuskelgefühl an der linken Oberextremität in der Weise alterirt,dass der H. Druckdifferenzen nur sehr unvollkommen wahr-nimmt und im Vergleiche zu der rechten Oberextremität beigleicher Belastung beider Hände das Gewicht in der linkenHand viel schwerer empfindet, als rechts. In der linken Unter-extremität sind die Motilität und Sensibilität, so wie dasMuskelgefühl nicht so herabgesetzt, wie in der linken Ober-extremität, doch ist die Kraft der Extremität gegenüber dergleichnamigen rechten immerhin abgeschwächt. Die Prüfungder Muskeln der Extremitäten mit dem induzirten Strome er-giebt keine auffallenden Besonderheiten.
Während des Lazarethaufenthaltes wurde einer der Anfällebeobachtet, die H. als Krampfanfälle bezeichnet. Derselbe tratohne besondere Veranlassung ein und bestand in einem eigen-thümlichen Zittern, welches sich über die linke Ober- undUnterextremität verbreitete, wobei die ganze Extremität inihren verschiedenen Abschnitten in leicht vibrirende Be-wegung gerieth. Die Finger waren krallenartig in die Hohl-hand eingebogen, konnten angeblich spontan nicht gestrecktwerden, waren aber ohne besonderen Widerstand passivausstreckbar. Die Muskeln waren etwas angespannt undzeigten fibrilläre Kontraktionen. Dieselbe zitternde Be-wegung befiel, wiewohl in geringerem Grade, die linke Unter-extremität , die Gliedmaassen der rechten Seite blieben frei.Das Bewusstsein war während des Anfalls ungetrübt. An denPupillen war nichts Abnormes zu finden. Der Anfall dauerteetwa 5 Minuten und hörte von selbst auf. H. gab dabei an,dass demselben ein kurzes allgemeines Uebelbefinden undSchaudern vorausgegangen sei. Während des Anfalls verspürteer lebhafte Schmerzen in den beiden Extremitäten, besondersim Arm, nachher war das Gefühl abgestumpft und pelzig.
XVIII. Sehuss durch die Muskeln der Hüfte. Zwölf
Jahre nachher neuritische Erscheinungen im n. cruralis:
Schmerz, Kontraktur, Atrophie. Guter Erfolg einer
elektrischen Behandlung.
Ludwig Herbert, Kanonier im Grossherzoglich Hessi-schen Feld-Artillerie-Regiment, wurde bei Gravelotte durcheine Kugel verwundet, welche in der Höhe des Hüftbeinkammes2V2 cm von der Wirbelsäule ein- und 18 cm von der Wirbelsäulenach rechts, 5 cm über dem rechten Hüftbeinkamm, austrat.Die Wundheilung erfolgte im Lazarethe zu Darmstadt ziemlichrasch, so dass H. Ende November 1870 zur Batterie zurück-kehren und bei derselben bis zu dem Tage seiner Entlassungam 30. Juni 1871 verbleiben konnte. Er war aber von Be-schwerden nicht frei und hatte namentlich über Schwäche imRücken zu klagen. Dieserhalb wurde er auch am 15. Juli1875 für nur garnisondienstfähig erklärt. Im Jahre 1877musste er zweimal wegen Schmerzen in der linken Hüfte undSchwerbeweglichkeit des linken Beines ärztliche Hilfe inAnspruch nehmen. Späterhin mehrten sich seine Klagen.