ein Schwiichegefühl zurück, so dass das Bein beim Gehen nach-geschleppt wurde und er nicht aBbeiten konnte. Seitdem (Juli1873J ist der Zustand ziemlich unverändert geblieben.
Status praesens vom 21. Januar 1874:
Patient, von mittlerer Statur, kräftigem Knochenbau, guterMuskulatur, gesunder Gesichtsfarbe, klagt über eine Schwächeder linksseitigen Extremität, welche ihn am Gehen und Arbeitenbehindere. Schmerzen will er keine haben, nur ein Gefühl vonSchwere in der linken Seite, auch dieses bei Weitem nicht mehrso intensiv als früher. Ferner giebt er an, dass die gelähmteSeite immer kälter ist und sich in kalter Luft viel schnellerabkühlt, als die rechte. Dabei ist die Temperaturempfindungnormal. Nur bei starker Anstrengung stellen sich im linkenBeine, welches viel schneller ermüdet, als das rechte, Schmerzenein, die Patient als stechende und reissende bezeichnet. Endlichgiebt Patient an. dass das linke Bein gegen leisen Druck oderleichte Nadelstiche sehr empfindlich ist, als ob man ihm miteinem Messer ins Fleisch stäche. Die objektive Untersuchungergiebt die linken Extremitäten von normalem Aussehen, dochsind sie entschieden dünner als die rechten. Am linken Beinbefindet sich etwa in der Mitte des Oberschenkels eine ver-tiefte Narbe, etwa dem inneren Rand des Sartorius entsprechend,mit derselben korrespondirt eine andere an der hinteren äusserenSeite unterhalb der Glutaeen. An der ganzen oberen wie unterenExtremität ist die Temperatur für die zufühlende Hand merk-lich niedriger als an der rechten Seite. Die Bewegungen derlinken Extremitäten sind im Wesentlichen nach allen Richtungenfrei, nur kann das Ellenbogengelenk nicht völlig gestreckt wer-den und auch die Bewegungen der Finger sind ungelenk undsteif. Am linken Fuss geringe Pes-varus-Stellung. Das Beugender Zehen ist schwerfällig, sonst alle Bewegungen frei.
Die Muskeln des Armes sind dünner und schlaffer alsrechts, am Bein ist die Abmagerung der Muskeln noch stärker,der muse, gastrocnemius fühlt sich auch in der Ruhelage ab-norm hart und gespannt an, so dass er sich in einem Zustandeleichter Kontraktur zu befinden scheint. Die Kraft der Muskelnist linkerseits erheblich herabgesetzt, doch immerhin eine ziem-lich bedeutende. Die Sensibilität ist nur am linken Vorderarmetwas gegen rechts vermindert, sonst überall normal. Reflex-erregbarkeit nicht erhöht. Sinne im Allgemeinen intakt, dochgiebt Patient an, dass sowohl das linke Auge, wie das linkeOhr schwächer wären als das rechte. Der Gang ist etwasschwerfällig, das linke Bein schleppt nach, doch geht Patientnicht nur allein, sondern auch schnell. Die elektrische Erregbar-keit in den Muskeln der gelähmten Seite ist vollkommen er-halten, doch werden etwas stärkere Ströme erfordert als rechts,überdies charakterisiren sich die Zuckungen dadurch, dass diekontrahirten Muskeln eine kurze Zeit in tonischer Halbkon-traktion verweilen, ehe sie wieder erschlaffen.
Die Behandlung bestand in Soolbädern, fleissiger Muskel-thätigkeit und Galvanisation (Rm.-M,- und Rm.-N.-Ströme). DieBesserung machte noch weitere nicht unerhebliche Fortschritte,doch wurde die Heilung nicht erreicht.
XI. Schuss ins Kniegelenk, nach einem Jahr ziemlich
plötzlich eintretende inyelitische Lähmung. Ziemlich
günstiger Verlauf. 1 )
Herr N. erhielt am 14. August 1870 einen Schuss mittendurch das rechte Kniegelenk; nach Verlauf von etwa 8 Wochenwar die Wunde, mit zurückbleibender Steifigkeit und unvoll-ständiger Ankylose des Kniegelenks, verheilt. Zur Nachkur
') Aus Ley den, Klinik der Rückenmarkskrankheiten.
wurde Teplitz und Wildbad besucht. Patient hatte sich voll-kommen gut erholt. Am rechten Beine bestand eine massigeAbmagerung der Muskeln, aber weder Schmerz noch Formi-kationen oder dergleichen. Erst im August 1871 stellte sichziemlich plötzlich und wie es scheint ohne Vorboten eine leichteSensibilitätsstörung in beiden Beinen gleichzeitig ein, welchesich in kurzer Zeit bis zu den unteren Rippen verbreitete. Umdiese Zeit bestanden einige Tage lang in der Herzgegendreissende und bohrende Schmerzen. Fast gleichzeitig mit derSensibilitätsstörung stellte sich eine Schwäche beider Beine ein,zuerst im linken, welche sich im Gebiet des n. peronaeus zurvölligen Lähmung steigerte. Einige Wochen später geselltesich eine massige Affektion der Sphinkteren hinzu. Die Lähmungerreichte dann einen solchen Grad, dass Patient nur mit Unter-stützung gehen konnte. Die Muskeln im Gebiete des Peronaeussind rechterseits vollkommen gelähmt, die elektrische Erregbar-keit herabgesetzt. Links massige motorische Parese des ganzenBeines. An beiden unteren Extremitäten besteht ein massigerGrad von Anästhesie. Die Reflexerregbarkeit ist rechterseitsgesteigert, linkerseits in viel geringerem Grade. — Die Wirbel-säule zeigt keine Deviation, ist normal beweglich, die Process,spin, der mittleren Brustgegend sind auf Druck empfindlich;eine Schwäche des Rückens macht sich bemerklich, sofernlängeres Aufsitzen leicht ermüdet. Die oberen Extremitätensind ganz frei. Die galvanische Behandlung hatte eine erfreu-liche, langsam fortschreitende Besserung zur Folge.
XII. Ischias traumatica. Sekundäre Lähmung der gleich-seitigen Oherextremität durch aufsteigende Neuritis.
Peter Tischleder, Musketier der 3. Kompagnie 4. In-fanterie-Regiments, erhielt am 18. August 1870 bei Gravelotte eineKugel, welche unterhalb des linken Hüftbeinkammes ein- undin fast gleicher Höhe in der Nähe der Afterfalte ausdrang.Gleich nach der Verwundung verspürte der Getroffene ein taubesGefühl von der Hüfte bis zum äusseren Knöchel des linkenFusses. Später stellten sich heftige Schmerzen und seit AnfangDezember 1870 klonische Krämpfe ein, welche letztere etwaalle zwei Tage in den Beugemuskeln der linken Unterextremitäteintraten, oft eine Stunde anhielten und sich zuweilen anderenKörpertheilen mittheilten. Das ganze Bein war empfindlich,das Gehen schmerzhaft, beschwerlich und schleppend. Im Er-nährungszustand des Gliedes bestand aber kein Unterschiedzwischen rechts und links. Die Schmerzempfindungen folgtenimmer dem Verlaufe des Hüftnerven. T. gebrauchte im Sommer1871 4 Wochen lang die Bäder zu Nauheim. Statt der er-hofften Besserung verschlimmerte sich der Zustand durch Atrophiedes Beines. Dazu kam, dass das Gehen immer beschwerlicherwurde und im September 1871 nur mit vielen Unterbrechungenund auf kurze Strecken und nur an Krücken möglich war. Dieklonischen Krampfanfälle hatten an Dauer, Häufigkeit undHeftigkeit einen so hohen Grad erreicht, dass nicht nur dasBein, sondern der ganze Körper in einer Weise erschüttert wurde,dass der Kranke sich nicht auf einem Stuhle zu halten ver-mochte, sondern ohne Hilfe zu Boden geschleudert wurde.Endlich klagte T. über Kältegefühl und Taubheit der ganzenlinken Körperseite, über heftige Schmerzen, welche vom Halsein den linken Arm bis in die Fingerspitzen ausstrahlten. Dielinke Oberextremität hing abgemagert, kalt und schlaff an derSeite herab. Sie war zwar in allen Theilen bewegungsfähigaber kraftlos. Dass bis zum 1. September 1874 in diesemBefinden keine Wendung zum Guten eingetreten war, geht auseinem kurzen Aktenvermerk hervor.